Es ist eine kleine Revolution: Die Konzessionserteilung an Vaud Fribourg TV bedeutet für den Kanton Fribourg, erstmals ein eigenes Regionalfernsehen zu haben. Das Projekt ist auch in anderer Hinsicht aussergewöhnlich: Am Aktienkapital sind öffentliche Partner beteiligt.
Als die Bakom-Weisen bei der Aufteilung der Versorgungsgebiete den französischsprachigen Teil des Kantons Freiburg kurzerhand zum Kanton Waadt schlugen, war der Schock gross. Das Gebiet – immerhin rund 920’000 Einwohner in den Kantonen Waadt, Freiburg und im Unterwalliser Distrikt Monthey – sei zu gross und zu uneinheitlich, war die vorherrschende Meinung. Nie könnten zwei so unterschiedliche Kulturen, so viele verschiedene Akteure und dazu noch zwei als Konkurrenten auftretende Medienhäuser unter den Hut einer gemeinsamen Konzession gebracht werden. Nun ist das Unmögliche möglich geworden.
Am zukünftigen Fernsehen beteiligen sich fünf «his¬torische» Lokalfernsehen im Kanton Waadt, die Stadt Lausanne und weitere siebzehn Waadtländer Gemeinden, das Westschweizer Medienhaus Edipresse, die Freiburger Gruppe Saint Paul mit der Regionalzeitung La Liberté und das unabhängige Freiburger Lokalradio Radio Fribourg. Die privaten Akteure sollen gemäss den Vorstellungen der Pilotgruppe von Vaud Fribourg TV etwas mehr als 62 Prozent, die öffentlichen Partner etwas mehr als 37 Prozent der Aktien innehaben.
Auch die organisatorische Struktur ist ein Paradebeispiel für helvetische Kompromissfähigkeit. Zwar sind der Sitz des Senders und die Chefredaktion in Lausanne bei Edipresse angesiedelt, daneben werden jedoch zwei stellvertretende Chefredaktoren, von denen einer in Lausanne, der andere in Freiburg arbeitet, für die gebührende Vertretung «ihrer» Region sorgen. Man spürt die Hand des Freiburger Verlegers Albert Noth: Er trug Sorge, dass das Schwergewicht Edipresse nicht allein das Sagen hat.Die ungewöhnliche Architektur des neues Senders macht aber noch kein Fernsehen aus. «Wir müssen einiges von Grund auf neu erfinden», sagt Philippe Sordet, Sekretär der Pilotgruppe. Dazu gehört vor allem das Fernsehmachen im bisherigen weissen Fleck auf der Regionalfernsehkarte, dem Kanton Freiburg. Als ersten Schritt müsse man eine Aktiengesellschaft gründen und die Führungscrew zusammenstellen, kündigt Sordet an. Man kann sich vorstellen, dass die Nomination von Direktion und Chefredaktion nochmals zu einem subtilen Austarieren von Einfluss und Bedeutung der verschiedenen Akteure wird – Sordet will denn auch à tout prix nicht ausplaudern, wer als Direktor oder als Direktorin in Frage kommen könnte: «Wir werden die Nominierung demnächst in aller Form bekannt geben.» Bis das neue Fernsehen auf Sendung gehen kann, müssen auch die Teams zusammengestellt und die Zusammenarbeit mit den betreffenden Regionalzeitungen, La Liberté und 24 Heures, aufgegleist werden. «Einen Printredaktor mit einer Fernsehkamera loszuschicken», sei nicht vorgesehen, so Sordet. Hingegen werde man eine Zusammenarbeit bei der Auswahl der Themen und beim gegenseitigen Zugriff aufs Material aufbauen müssen. Die Fernsehredaktionen sollen zudem bei oder in nächster Nähe der Printredaktionen domiziliert werden.
Die zweite grosse Herausforderung ist die Umgestaltung der Werberegie Ecran Pub & Prod, die für den Sender arbeiten wird. Sie ist bisher zu 90 Prozent in den Händen von Edipresse, erhält jetzt jedoch eine Besitzstruktur, die die Besitzverhältnisse des neuen Senders widerspiegeln soll. Die Regie besorgt heute das Werbegeschäft der fünf kleinen Waadtländer Sender, für die es den Pool VD News Combi gibt. Für das überregionale Geschäft arbeitet sie mit den andern Regionalfernsehen, das heisst mit dem Genfer Léman bleu, dem Neuenburger Canal Alpha und dem Walliser Sender Canal 9 im Pool Télé Romandie Combi TRC zusammen. Diesen Pool gilt es den Realitäten der grösseren Konzessionsgebiete anzupassen.
Doch allein schon die über 900’000 potenziellen Zuschauer von Vaud Fribourg TV dürften ein attraktives Zielpublikum ausmachen, vor allem in Verbindung mit den crossmedialen Möglichkeiten, welche die Nähe zu den Regionalzeitungen gestattet. Eine weitere grosse Herausforderung wird es sein, einen nationalen Partner zu finden. Laut Bertrand Froidevaux, Direktor von Ecran Pub, habe man mit Publisuisse, Radiotele und IP Multimedia Gespräche geführt. Für einen Entscheid sei es jedoch zu früh.
Helen Brügger
Nicht konzessioniert wurde das Radio Rouge FM, hinter dem Hugues de Montfalcon steht. De Montfalcon hatte ein «hundertprozent privates» TV-Projekt zur Konzessionierung eingereicht und polemisierte gegen das «staatlich unterstützte» Projekt der Konkurrenz. Doch nicht einmal er scheint an seine Chancen geglaubt zu haben, bereitete er doch die Lancierung von Rouge TV vor, ein digitales Musik- und Unterhaltungsfernsehen für ein Publikum zwischen 15 und 25 Jahren. Wenn das Bakom es bewilligt, will Rouge TV im Februar starten. Vaud Fribourg TV startet laut Philippe Sordet «spätestens nächsten Sommer». (hb)