Einzigartiges erschaffen
Wunderman knetet für die Technical-Audience-Abteilung von Microsoft eine umfangreiche internationale Kampagne.
Ein Film empfängt die Besucher auf der Website Microsoft.com/youshapeit. «Your ideas transform the digital world», sagt ein Sprecher, nachdem der Betrachter von einem Cursor durch eine eben entstehende Plastilinwelt geführt worden ist. Am Ende des kurzen Introstreifens landet der Benutzer auf einem Textfeld, und kann dort gleich selber loslegen: Seine Texteingaben erscheinen in Knetschrift, der kreative Prozess hat begonnen. Angesprochen werden sollen mit diesem Webauftritt IT-Spezialisten, Entwickler und Designer – Fachleute, die mit der Software von Microsoft täglich die digitale Welt verändern.
Die Website bildet das Dach verschiedener Themenseiten, auf denen die Fachkräfte neue Produkthinweise, redaktionelle Inhalte und Informationen zu Fachveranstaltungen finden. «Microsoft ging es darum, drei wichtige Zielgruppen zusammenzufassen und ihnen zu erklären, dass sie mit ihren Tools die Welt verändern. Sie haben jeden Tag wieder ein leeres Blatt Papier oder eben eine neue Kugel Plastilin vor sich», erklärt Christian Erni, Creative Director von Wunderman. «Wir wollten eine Kampagne machen, die mit spielerischen Elementen arbeitet und Freude vermittelt.» Eine Idee, die von den 15 beteiligten Wunderman-Mitarbeiter viel Flexibilität verlangte.«Es gab viele Herausforderungen, bei denen man nicht auf bestehende Erfahrungen zurückgreifen konnte. Immer wieder mussten neue Lösungen gefunden werden», sagt Samuel Textor, der das Projekt als Texter gemeinsam mit Art Director Daniel Schranz bis am Schluss begleitete. Doch neben ihnen musste noch ein Künstler her: «Wir haben keinen Reinzeichner gebraucht, sondern einen Reinkneter!» sagt Erni lachend. Diesen fand man in Gestalt des Freelancers Marco Wyss. Neben der Website und dem Film half Wyss auch mit, zusätzliche Werbebanner, wunderschöne Bildschirmhintergründe und Bildschirmschoner zu gestalten. Werbemassnahmen, die nun schon auf Software-Blogs in der ganzen Welt besprochen werden und von Microsoft in über 60 Ländern eingesetzt werden. «Es war ein schöner, grosser, intensiver Auftrag», sagt Christian Erni zum Schluss. Dann müssen alle wieder los. Neue Ideen wollen geformt werden.
«Was wir hier an der Hardtturmstrasse machen, wird in die ganze Welt exportiert.»
Claus Bornholt, Head of Consulting bei Wunderman, über die Knet-Kampagne und die Zusammenarbeit mit einem der wichtigsten Kunden seiner Agentur.
Herr Bornholt, sie haben mit Microsoft einen sehr prominenten und spannenden Kunden. Wann hat die Zusammenarbeit begonnen?
Claus Bornholt: Das war vor vier Jahren. Microsoft hat damals sein gesamtes Marketing neu ausgerichtet.
Kann man den Kunden ein bisschen charakterisieren?
Microsoft braucht als sehr technisch orientierter Kunde viel Marketing- und Kommunikations-Knowhow. Typischerweise sind bei einem solchen Kunden oft Produktentwickler, die aus dem technischen Bereich kommen, mit viel Verantwortung ausgestattet. Diese wissen dann zwar viel über ihr Produkt, kennen sich aber in punkto Marketing nicht gross aus. Deshalb hat Microsoft vor einer Weile so genannte Audience-Marketing-Abteilungen geschaffen. Das sind dann wirklich Fachleute, welche die Bedürfnisse der Zielgruppen betrachten. Wir arbeiten für die in Zürich stationierte Technical Audience-Abteilung. Sie kümmert sich speziell um IT-Fachleute, Entwickler und Designer.
Das gibt ihnen auch die Möglichkeit weltweit tätig zu sein.
Genau, ein weiterer Punkt ist die Internationalität. Unsere Entwicklungen werden später zum Teil in über 100 Länder exportiert und auf über 50 Sprachen adaptiert. Das führt zum Teil zu lustigen Problemen: Die hebräischen Browser haben beispielsweise den Scrollbar auf der anderen Seite. Das macht einen rasend, wenn man so eine Seite testet.
Was sind weitere Knacknüsse?
Nun, Microsoft ist ein grosser amerikanischer Konzern mit vielen besonderen Regeln. Die Bestimmungen zu Political Correctness und Datensicherheit sind sehr streng.
Was bedeutet das für ihre Agentur?
Man muss sich im firmeninternen Regelwerk sehr gut auskennen. Im Jahr 2004 waren wir noch an einem anderen Punkt als heute. Heute wissen wir zum Teil besser Bescheid als unsere Kontaktpersonen bei Microsoft.
Wie hat sich diese spezielle Kampagne entwickelt?
Erste Gespräche mit Microsoft haben wir bereits im Februar geführt. Der allererste Workshop mit ihnen zusammen fand im März statt. Dort ist der Grundgedanke der Kampagne formuliert worden. Es ging schlicht darum, zu kommunizieren, dass Microsoft seiner Technical Audience mit den richtigen Programmen beiseite steht. Das war gar nicht so einfach umzusetzen. Man hängt da ein bisschen in luftleeren Raum. Schliesslich wurde folgende Ausgangsperspektive entwickelt: Ohne die Anwender ist die Software, die Microsoft macht, eigentlich nur Rohware.
Rohware, die durch Knetmasse symbolisiert wird.
Genau. Diese Idee wurde dann von unserer Kreativabteilung weiterentwickelt. Seit August sind wir nun an der Umsetzung, und seit kurzem ist die «You shape it»-Website nun auch live geschaltet. Wir hatten einen sehr ambitionierten Zeitplan, den wir dann wegen einiger technischer Probleme etwas nach hinten haben korrigieren müssen. Jetzt beschäftigen wir uns mit der Internationalisierung. Das ist schon toll, wenn der deutsche Markt auf die Schweiz zukommt und sagt: Wir brauchen was von euch.
Das Resultat ist eine Freude fürs Auge. Man bekommt richtig Lust gleich selber zur Knetmasse oder Software zu greifen. Hat die Arbeit an dem Projekt auch so viel Spass gemacht?
(schmunzelt) Der Spassfaktor war natürlich unterschiedlich. Es gibt wie bei jedem Projekt Hochs und Tiefs. Aber grundsätzlich ist das natürlich sehr, sehr spannend, wenn man ein Projekt auf so breiter Ebene gestalten kann. Es ist auch so ein bisschen seltsam: Man entwickelt sehr lange, und schlussendlich sieht man «nur» eine Website und einen kurzen Film. Im ersten Moment fragt man sich dann: Wie, ist das schon alles? Aber so langsam beginnt man die Grösse des Projekts zu spüren. Jetzt kommen auch weitere Massnahmen wie Mailings, Banners und Giveaways hinzu.
Gab es konkrete Probleme bei dieser Kampagne?
Ja, klar, die gab es. Die Haupthürden waren diesmal vor allem technischer Natur. Mit der neusten Version des Microsoft Animationsprogramms Silverlight haben wir Pionierarbeit geleistet. Das war nicht immer ganz einfach.
Wie ist das eigentlich wenn jetzt Apple anklopft und demnächst ein ganzes Universum aus Lehm bestellt?
Keine Chance. In dieser Beziehung sind wir hochloyal.
Wie wichtig ist denn der Kunde Microsoft für Wunderman?
Microsoft ist für uns ein sehr spannender und substantieller Kunde. Mit den Hauptverantwortlichen für das Projekt – Urs Müller und Christian Frei von Microsoft existiert zudem seit Jahren eine hervorragende Zusammenarbeit. Insgesamt haben bis zu 15 Mitarbeiter an dem Projekt gearbeitet. Für uns ist vor allem auch die Internationalität interessant. Was wir hier an der Hardtturmstrasse machen, wird in die ganze Welt exportiert. Kürzlich war ich am Mircosoft Hauptsitz in Seattle und habe beim Herumlaufen in den Gängen zufällig einige Poster entdeckt, die wir hier in Zürich kreiert haben. Ein schönes Gefühl.
Weiss man schon, wie die Zusammenarbeit weitergeführt wird?
Der nächste Schritt ist wie gesagt die Internationalisierung der «You shape it»-Kampagne. Da sind wir schon dran. Wir haben eine Liste von 25 Sprachen in etwa 60 Ländern. Ausserdem stellen wir eine «Communication Toolbox» mit sämtlichem Basismaterial für die Länder zusammen und betreuen den Inhalt der einzelnen Websites.
Interview: Adrian Schräder
Verantwortlich bei Microsoft Schweiz: Christian Frei (Sen. Marketing Director), Urs Müller (Developer Marketing Manager). Verantwortlich bei Wunderman, Y&R Gruppe Schweiz: Christian Erni (CD), Claus Bornholt (Head of Consulting), Daniel Schranz (AD), Samuel Textor (Texter), Simon Gerber (Beratung), Isabelle Bischoff (Screen Design), Philippe Gassmann, Patrick Schwegler (Programming).


















