WW: 1996 wurde der Texter Frank Bodin als CD zu McCann-Erickson nach Genf berufen. Drei Jahre später war die Agentur eine der kreativsten und erfolgreichsten. Was war das Erfolgsrezept?
Frank Bodin: Erstens eine Idee, wie sich die Agentur von anderen Agenturen im Markt zu unterscheiden hat, zweitens harte Arbeit, drittens Glück, für das man dankbar sein muss, viertens ein hervorragendes Team. Der Erfolg der Agentur war nicht nur mein Verdienst, sondern der Verdienst einer damals ausserordentlichen Führungs-Crew, die unterschiedlichste Stärken zu vereinen wusste. Solange alle am gleichen Strick zogen, war die Agentur unschlagbar.
War McCann Ihr erster Kaderjob?
Mein Einstieg als hauptberuflicher Werber erfolgte 1992 bei der GGK. Dort war ich sieben Monate Texter, bevor ich für dreieinhalb Jahre zu Jean-Etienne Aebi wechselte. McCann-Erickson war dann meine erste Chance in eigener Verantwortung. Ich erinnere mich noch genau, wie mich einige Kollegen belächelten und mir einen raschen Untergang in der kreativen Wüste Genfs prophezeiten. Entscheidend für mein Ja, in die Westschweiz zu gehen, waren die gesunde wirtschaftliche Basis der Agentur und der internationale Standort Genfs, fernab vom Werbe-Mekka Zürich. Ich rechnete mir aus, dass sich da etwas Neues, anderes aufbauen liess. Ich bin mit einer klaren Strategie angetreten, nämlich aus einer gesunden amerikanischen Opel-Adaptationsagentur eine Schweizer Weltklasseagentur zu machen. Mein Glücksfaktor war, dass wir gleich bei Beginn zum Pitch um eine der Schweizer Symbolmarken, nämlich das SBB-Gesamtbudget, eingeladen wurden, das wir dann auch gewannen.
Der schnelle Erfolg wiederholte sich bei Euro RSCG Schweiz, wo Sie 2001 Chairman und CEO wurden. Wie haben Sie dort den Turnaround geschafft?
Ein Turnaround bedeutet rasche Veränderung und rasche Veränderung bedeutet Radikalität, allerdings mit dem notwendigen Respekt vor der Vergangenheit. Ich hatte eine glasklare Vision, wie die Marke Euro RSCG erneuert werden musste, um erfolgreich zu sein: Creating Results mit Intelligenz und Innovation. Ich war gezwungen, die gesamte Führungscrew in Zürich und Basel auszuwechseln. Die Markenstrategie war auch Grundlage für die Geschäftsstrategie, ein Fünfjahresplan mit klaren Vorgaben: Top-5 kreativ, Top-5 quantitativ und eine Profitabilität, die auch dem Shareholder Freude macht. Zur Erreichung der Ziele galt es eine neue Ideen-Agentur-Kultur zu schaffen. Hierfür konzentrierte ich mich zu Beginn weniger auf die Kreation, sondern auf anderes. Zum Beispiel habe ich erst mal eine strategische Planung eingeführt mit Tools wie beispielsweise die StarEssence. Und dann habe ich bis zum Umfallen gearbeitet.
Sie haben Musik studiert und sind dann quasi über Nacht als Texter eingestiegen. Woher kommt Ihr Wissen für strategisches Arbeiten?
Ich habe ja auch das Wirtschaftsgymnasium besucht und Jura studiert, ohne abzuschliessen. Zudem sind die meisten klassischen Musiker den Mathematikern sehr wesensverwandt.
Die Regeln in der Kompositionslehre …
Johann Sebastian Bach bezeichnete das Komponieren als 10 Prozent Inspiration und 90 Prozent Transkription, also 10 Idee und 90 Handwerk. Kommt in der Werbung hinzu, dass sie ja einem Zweck dient und daher oft ein enges Vorgabenkorsett besteht. Wer die kreativen Mechanismen in der Werbung etwas genauer analysiert, erkennt sehr schnell Muster. Mir wurde es als Nur-Werbekreativer irgendwann langweilig. Vieles, was sich kreativ nennt, ist nicht wirklich kreativ, sondern eher die Neuordnung bekannter Mechanismen. Wirklich kreativ ist beispielsweise eine Erfindung. Oder die These eines Wissenschafters.
Sie haben es demnach nie als Spagat empfunden, das Wirken zwischen dem Kreativen und dem Unternehmerischen?
Einerseits habe ich eine sehr kreative, intuitive Seite, gleichzeitig aber auch eine sehr analytische, rationale. Das ist wie Schach spielen und gleichzeitig Schachfiguren schnitzen – eine Gabe, aber auch manchmal halt eine Schwierigkeit für meine Mitmenschen und mich selbst. Da kann es schon auch mal vorkommen, dass mich Kreativkollegen dann plötzlich nicht mehr als kreativ anschauen, oder umgekehrt, dass ich nicht ganz ins Klischee einer CEO-Karriere passe.
Was macht Euro RSCG heute so erfolgreich?
In erster Linie die Mitarbeitenden von Euro RSCG und der Erfolg unserer Kunden. Ich betrachte die Auszeichnung als Werber des Jahres darum auch als Auszeichnung unserer Leute in Zürich und Genf und unserer Auftraggeber. Hinzu kommen spezifische Stärken unserer Agentur wie unsere kreative Leistung. Oder unsere strategische Power mit einem grossen Wissen zu Markenführung und Marktverständnis. Oder unser Power-of-one-Modell mit den integrierten Units für Direkt- und Onlinemarketing. Oder unser crossmediales Denken: Zum Beispiel waren wir die erste Agentur, die den Crossmedia-Award gewonnen hat. Oder dass wir als eine der ganz wenigen Agenturen über zwei wirklich starke Standorte in der Schweiz verfügen und den Röstigraben überbrücken. Ich mache allerdings kein Geheimnis daraus, dass das letzte Jahr für mich trotz überdurchschnittlichem Neugeschäftserfolg auch ein schwieriges Jahr war. Das Jahr hat mit einem Unfall begonnen. Bänderabriss. Dann sind wir von einer Pechsträhne verfolgt worden, bei der die Agentur nichts dafür konnte: Kaum hatten wir zum Beispiel Tele2 gewonnen und waren mit einer spektakulären Kampagne on air, wurde der Kunde mit Sunrise fusioniert. Dasselbe ist uns nur einige Monate zuvor mit 1818 passiert. Dies und einige andere Enttäuschungen drückten auch auf meine Moral. Allerdings gabs und gibts auch unzählige Lichtblicke, allen voran glückliche Kunden und die derzeit wirklich beste Crew, die Euro RSCG Zürich und Genf je hatte. Diese Leute verdienen Chancen, ihr Können und Herzblut unter Beweis zu stellen. Das war nun schamlose Eigenwerbung.
Sie haben über 500 Preise gewonnen. Welcher bedeutet Ihnen am meisten?
Kundengewinne sind der schönste Preis. Kreativpreise können eine schöne Bestätigung für die geleistete Arbeit sein und eine Motivation. Da gibt es einige. Natürlich bleibt mein erster Preis am Jecklin-Musik-Wettbewerb unvergessen, aus dem ein Auftritt in der Tonhalle und eine Schallplatteneinspielung resultierte. Stolz war ich auch auf die mehrfachen Aargauer Meistertitel im Fechten und sogar eine Medaille an der Schweizer Meisterschaft. Den ersten ADC-Würfel habe ich gleich für meinen allerersten Werbetext für das Grand Hotel Victoria-Jungfrau gewonnen. Unvergessen ist mein erster Löwe, der auf der Bühne in Cannes als einziger stehen blieb, weil ich nicht hin durfte. Eine Anzeige mit zwei kopulierenden Hirnen wurde von Readers Digest als weltbeste Anzeige mit dem Global Gold Pegasus ausgezeichnet. Der Gold-EFFIE letztes Jahr und der Grand Prix an den AME Awards in New York vor einem Monat sind jüngste Beweise für Kampagnen, bei denen Kreativität massgeblich zur Erreichung der Zielsetzungen beigetragen hat. Und natürlich freut mich besonders die Wahl zum Werber des Jahres.
War es manchmal ein Frust, neun Mal nominiert zu sein?
Über die letzten Jahre so oft nominiert zu sein, ist ein Zeichen für Beständigkeit. Ich hatte nie ein Problem damit, dass ich nicht Werber des Jahres wurde, sondern nur, wenn meine Nichtwahl derart thematisiert wurde.
Mainstream wäre einfacher?
Profilierung ist einer unserer Jobs. Ich hatte das Glück, rasch Karriere zu machen. Ich hatte keine Angst, auch heilige Kühe unserer Branche zu hinterfragen und zur Schlachtbank zu führen. Und ich habe noch anderes gemacht als nur Werbung, zum Beispiel Bücher geschrieben und komponiert, was nicht nur Interesse an meiner Person weckte, sondern auch Neid und Missgunst von Leuten, die mich überhaupt nicht kannten. Das hat mir in gewissen Momenten wehgetan und machte mir zu schaffen. Zum Glück bin ich von wunderbaren Menschen umgeben, gleichermassen zu Hause wie im Geschäft.
Aufbauend war sicher auch die Arbeit in zahlreichen Jurys wie Cannes, Clio oder auch Präsident bei den Golden Drums. Was hat Ihnen das bedeutet?
Erstens kommt man mit den besten und interessantesten Leuten aus der ganzen Welt zusammen. Und zweitens finden diese Jurys rund um den Globus statt. In der Wüste von New Texas aus Tausenden von Einsendungen die Clios zu bestimmen oder in London mitten in der Stadt mit guten Leuten gute Werbung anzuschauen ist Inspiration und Freude.
Wie erleben Sie das Ansehen des Berufsstandes der Werbung?
Gemessen an den Bewerbungen, die Euro RSCG täglich erhält, ist das Ansehen unseres Berufsstandes höher, als einige vermuten. Auch ein gutes Zeichen ist, dass viele unserer Kunden uns als Partner anschauen und nicht einfach als Lieferanten. Aber es ist kein Geheimnis, dass es in der Medien- und Werbewelt schon eine gefährliche Tendenz der Verrohung und Stillosigkeit gibt. Werbung ist keine Ware und auch nicht einfach nur eine Dienstleistung. Zwischen einem Consultant und einem Werber gibts einen grossen Unterschied: Mit Werbung kann plötzlich etwas Magisches entstehen, das ein Unternehmen fundamental ändern kann. Die Magie unserer Branche müssen wir unbedingt hochhalten.
Auf der anderen Seite sieht man die Tendenz, dass Coop und Migros über den Abverkauf Werbung machen. Suchmaschinenmarketing hat auch eine ganz andere Kreativität. Wird die klassische Werbung langsam zum Luxusprodukt?
Überhaupt nicht. Mit neuen Medien haben wir zusätzliche und fantastische Verbreitungsmöglichkeiten. Hinzu kommen die crossmedialen Chancen durch die intelligente Verknüpfung der unterschiedlichsten Kanäle. Das darf aber nicht zu zwei Irrtümern führen. Irrtum Nummer 1 ist, dass diese neuen Möglichkeiten alles berechenbar machen: Das Unberechenbarste ist nämlich das, um was es geht: der Mensch. Und Irrtum Nummer 2 ist, dass neue Medienkanäle die Ideen und Inhalte ersetzen.
Einige wollen Werbung, die man gar nicht mehr als Werbung wahrnimmt. Ist das erstrebenswert?
Schleichwerbung, Guerilla- und Viral-Marketing tönt irgendwie ungesund. Mit der Digitalisierung und damit der Demokratisierung der Medien können wir den Menschen nicht mehr unser Werbeprogramm aufzwingen, weil sie uns nämlich jederzeit wegfiltern können. Das heisst doch für uns nichts anderes, als dass unsere Werbung so gut gemacht sein muss, dass sie gerne von den Menschen angeschaut, gelesen, gehört, gefühlt wird. Egal in welchem Medium auch immer. Der Inhalt, die Idee werden künftig also noch viel wichtiger und müssen unser oberstes Anliegen sein und nicht in welchen neuen Kanälen wir die Leute neu belästigen können.
Es gibt im Moment die Tendenz zu grossen Agenturen und die Fragmentierung mit Spezialisten. Wo sehen Sie die Chancen?
Eine aussergewöhnliche Idee braucht im Grunde nur einen Kopf. Allerdings benötigen deren crossmediale Umsetzung, Handling und Time to Market bei komplexeren Aufgabenstellungen eine gewisse Grundgrösse. Und mehrere Menschen können sich auch gegenseitig inspirieren. Acht der Top-10-Agenturen im BSW-Ranking sind auch in den Top 10 des Kreativ-Rankings. Allerdings ist Grösse relativ: Wenn Sie die zehn grössten Agenturen der Schweiz nehmen, so sind diese im Verhältnis zu den Agenturen in den grossen Märkten wie Deutschland, Frankreich, UK Davids gegen Goliaths im internationalen Konkurrenzkampf. Das bereitet uns Sorgen.
Sie sind aktuell BSW-Präsident. Was ist Ihre Motivation?
Es gibt kaum ein Gremium, in dem man sich mit derart vielen Branchen-Leadern regelmässig austauschen kann. Das finde ich ein Privileg. Die 55 Werbeagenturen und 10 Mediaagenturen des BSW leading swiss agencies machen nur etwa 7 Prozent aller Agenturen der Schweiz aus, jedoch betreuen sie ca. 2/3 aller Werbegelder: die BSW-Agenturen verantworteten im Jahr 2007 Werbegelder im Betrag von über 2 Milliarden Franken und erwirtschafteten 363 Millionen Franken Bruttobetriebserträge. Das zeigt die Bedeutung der Branche. BSW leading swiss agencies ist nicht nur der Verband der Top-Agenturen, sondern versteht sich wie «the leading hotels of the world» auch als Qualitäts¬label, das für die Auftraggeber Investitionssicherheit bedeutet und für die Agenturen einen Status, auf den sie zu Recht stolz sein dürfen. Der BSW tut darum auch viel für die Qualitätsförderung. Zum Beispiel mit Aus- und Weiterbildungsprogrammen. Oder mit der Durchführung des Swiss EFFIE, der einen besonders hohen Stellenwert bei den Auftraggebern hat. Oder mit Engagements wie die englischsprachige Publikation «Creativity swiss made», um den Werbestandort Schweiz gegenüber den international tätigen Schweizer Konzernen und auch gegenüber international tätigen Unternehmen im Ausland zu stärken. Das ist eine Form von Standort-Marketing für Schweizer Marketing. Wir brauchen einen gesunden Protektionismus.
Heimatschutz?
Wenn ein grosses französisches Unternehmen statt in Frankreich eine Agentur in der Schweiz berücksichtigen würde, dann gäbe dies eine Revolution. In der Schweiz ist das anders. Gegen einen gesunden Protektionismus ist bei aller Globalisierung nichts einzuwenden. Wenn hiesige Agenturen nicht mithalten, sollen sie auch nicht geschützt werden. Aber das ist ein Teufelskreis: Je mehr ins Ausland abwandert, umso mehr Arbeitsplätze werden hier vernichtet und um so weniger international erfahrene Leute gibt es in der Schweiz. Ich finde es darum ein wirklich berechtigtes Anliegen unserer Branche, dass in der Schweiz ansässige Unternehmen in erster Linie Schweizer Agenturen berücksichtigen sollten, bevor sie nach London, Paris oder Frankfurt reisen. Wenn nun ein Ur-Schweizer Detailhandelsriese eine deutsche Agentur zum Pitch lädt, dann ist dies nicht nur ein Problem unserer Branche, sondern ein Problem für die ganze Schweiz. Es geht um Arbeitsplätze. Übrigens: Auf die Kreation guter Arbeitsplätze bin ich am meisten stolz.
Und sonst? Was macht Sie glücklich, in der Werbung zu arbeiten?
Glückliche Kunden. Glückliche Mitarbeitende. Und wenn meine Kinder zu mir kommen und fragen, ob die geilen Tele2-Spots von unserer Agentur seien und ich dies mit Ja beantworten kann.
Denken Sie noch manchmal an Ihre damals auch mögliche Karriere als Musiker?
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte einstmals das Glück, unter Yehudi Menuhin spielen zu dürfen. Jahre später fragte ich ihn für eine Testimonial-Kampagne an und erklärte ihm bei dieser Gelegenheit, dass ich nicht mehr Musiker, sondern nun Werber war. Menuhins Reaktion: Erstens, dass er bei der Kampagne gerne mitmache, und zweitens, dass die besten Leute, die er kennen gelernt hätte, diejenigen seien, die gewusst hätten, «wann mit dem Geigen aufzuhören sei». Ich wollte nie als Musiklehrer enden und der Entscheid geschah bewusst. Ich habe dann andere Sachen versucht, Komposition, Jura, Opernregie … Irgendwann habe ich in dieser Phase die Werbung nicht nur ausprobiert, sondern für mich entdeckt. Bis heute, wobei ich mir durchaus vorstellen kann, irgendwann wieder was völlig Neues anzufangen. Auch Kunst ist nach wie vor wichtig für mich. Im Moment realisiere ich Roboter-Skulpturen, zusammen mit Johannes Hedinger. Die Premiere mit der ersten Skulptur war im Oktober in Berlin an der Kunstmesse. Ziel ist eine Installation mit 50 humanoiden Robotern in einem Raum, die den Menschen, das Menschliche imitieren. Es ist unglaublich skuril, wenn sich ein Roboter in einem Spiegel betrachtet oder selber in die Luft sprengt.
Kunst und Werbung als gegenseitige Befruchtung?
Nein, das trenne ich konsequent. Ich brauche einen Kontrapunkt zu meinem Job.
Interview: Andreas Panzeri