Werbung ist nicht immer alles. Sie kann auch mächtig nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn Banner und Slogans in einem Umfeld auftauchen, das die werbende Firma in ein falsches (in diesem Fall rötliches) Licht taucht. So mehrfach geschehen in den vergangenen Wochen: Coop zum Beispiel fiel mit seinem Werbebanner auf der Internetsite des Schweizer Webhosters
Wuala.com auf. Wuala bietet seinen Usern virtuelle Festplatten an, über die diese mit anderen Nutzern der Website Daten austauschen können.
Coop und die blonden NacktenEigentlich ein super Service. Der Haken: Da es sich um von Usern erstellte Inhalte handelt, kann es passieren, dass über die Plattform auch illegal kopierte Filme und Musikfiles oder Nacktfotos und Pornos den Eigentümer wechseln. So prangte Coop in schönstem Orange neben Filmchen von Brit, Babe und Scarlett, Nackten in Blond, Braun und Rot. Coop Porno statt Coop pronto? Peinlich. Der irritierte Detailhändler reagierte prompt: Man sei davon ausgegangen, dass die beauftragte Werbeagentur die Coop-Werbung «nur in rechtlich einwandfreien und seriösen Umfeldern» einblendet, hiess es. Gesagt und rasch gelöscht, das abtrünnige Banner.
Die Werbeagentur, von der Coop spricht, ist Initiative Media, die wiederum AdLink Internet Media mit der Vermarktung der Coop-Banner beauftragt hat. Der ausgestreckte Zeigefinger richtet sich also auch auf AdLink. «Wir schliessen Websites generell erst nach einem ausführlichen Check in unser Netzwerk ein und garantieren unseren Werbekunden, dass keine religiösen, sexuellen und politischen Umfelder oder Themen belegt werden», erklärt Stephan Suter, Geschäftsführer von AdLink Internet Media. «Die Verantwortung für den Inhalt der betreffenden Website liegt aber beim Betreiber – er hat AdLink Media gegenüber auch sämtliche möglichen Inhaltskontrollen zu gewährleisten. Erhalten wir selber Kenntnis davon, dass eine Website rechts- oder sittenwidrigen Content enthält, machen wir den Betreiber sofort darauf aufmerksam, stoppen Kampagnen und schliessen die betreffende Website umgehend aus dem AdLink-
Media-Netzwerk aus.»
Auch bei Wuala handelte AdLink entsprechend. «Einen Tag bevor diese Sache bekannt wurde, hätte ich für Wuala meine Hand ins Feuer gelegt», sagt Suter. «Wuala befindet sich noch in der Betaphase und wird von der ETH Zürich unterstützt. Aber es handelt sich eben um ein Angebot mit User-Generated-Content. Auf solchen Seiten kann jedermann binnen Sekunden Inhalte einstellen, die dort nicht hingehören.»
Natürlich wird Wuala.com permanent auf unerwünschten Content wie zum Beispiel Kinderpornografie gecheckt. Der Webhoster wird dabei sogar von der Internetpolizei Kobik (Schweizerische Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität) unterstützt. Ausserdem können User verdächtige Inhalte melden, die dann sofort geprüft und gegebenenfalls gelöscht werden. Dennoch: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte nicht auf Websites werben, deren Inhalte User erstellen, rät Suter. Unternehmen aber schalten gerne Werbung auf Sites mit User-Generated-Content, am liebsten bei den Branchengrössen Youtube oder Facebook. Denn so können sie schnell und kostengünstig Zielgruppen ansprechen, die sie sonst nicht erreichen.
Banner im StrafraumWie Coop fühlte sich kürzlich auch das Schweizer Internetversandhaus Ackermann peinlich entblösst: Seine Werbung tauchte auf der Website Celeblounge.net auf, die unter anderem Nacktvideos von Stars feilbietet. «Diese Schaltung ist ohne Kenntnis von Ackermann geschehen», betont Karin Müller, Pressesprecherin des Ackermann-Versands. «Wir haben sofort unsere Media¬agenturen in der Schweiz und in Deutschland kontaktiert und die Schaltung untersagt. Werbung auf solchen Seiten wünschen wir nicht.» Die Namen der mit der Mediavermarktung beauftragten Agenturen will Müller nicht nennen. Aber sie verrät, wie die Fehlschaltung der Anzeige passieren konnte: Offenbar hatte ein Zwischenhändler ohne Erlaubnis das Pop-up des Versandhauses neben die Pornos geschaltet.
Das Banner des Telekommunikationsdienstleisters Cablecom landete auf einer nicht minder zwielichtigen Site: Trotz Verbot stellen viele Internetportale urheberrechtlich geschützte Inhalte zum Download bereit, zum Beispiel Filme, Bücher oder Zeitschriften. Wer sich in den vergangenen Wochen auf einer dieser Seiten eine Ausgabe von Psychologie heute herunterladen wollte, erblickte am unteren Bildschirmrand ein Cablecom-Banner – zudem in Klickweite zum Link «Tipp: gratis Vibrator & Kondome». Na sowas. Wie Coop zieht sich Cablecom auf die Insel der Ahnungslosen zurück: Man habe von all dem nichts gewusst, beteuerte ein Unternehmenssprecher vergangene Woche gegenüber der Gratiszeitung 20 Minuten: «Die Anmeldung erfolgte von einem Partner, der selbst ein Affiliate-Programm aufgebaut hat. In unseren Bestimmungen ist vermerkt, dass es untersagt ist, Werbung von Cablecom auf Seiten zu schalten, welche pornografischen oder rassistischen Content zeigen. Dieser Partner arbeitet wiederum mit einer Agentur zusammen, welche auch Werbung auf solchen Seiten schaltet. Wir haben das per sofort unterbunden.»
Wissen schützt vor Fehlern nichtAlle von den Fehlschaltungen betroffenen Unternehmen haben ihren Mediaagenturen das Werben auf dubiosen Internetseiten nun noch einmal mit Nachdruck untersagt. Dabei sind es Coop, Cablecom und Ackermann selbst, die bei ihrer Agentur Werbeschaltungen in dieser Form gebucht haben – mit der Entscheidung, auf Seiten mit User-Generated-Content zu werben. Offenbar wussten die Firmen aber nicht über die potenziellen Probleme Bescheid, die dieser Werbekanal mit sich bringen kann. Für Inhalte auf einer User-Generated-Content-Website kann nicht einmal der Betreiber permanent hundertprozentig garantieren, auch wenn er sein Angebot ständig kontrolliert und unerwünschten Content sofort löscht. Das sollten Unternehmen bei ihrer Werbeplanung im Hinterkopf haben.
Bei Coop wird das werbliche Ärgernis wahrscheinlich schon vergessen sein. Wuala.com aber ist mit 6000 Usern ein kleiner Fisch – verglichen mit anderen usergemachten Internetsites wie Youtube oder Facebook. Die winzige Panne könnte für den Webhoster zum grossen Happen werden, an dem er schliesslich erstickt.
Ein Gedanke sei am Schluss noch erlaubt: Wie dramatisch ist die Fehlschaltung der Werbebanner wirklich? Natürlich kommt es dem Image von Unternehmen nicht zugute, wenn bekannt wird, dass deren Werbung auf dubiosen Websites auftaucht. Entsprechend empfindlich reagieren die Konzerne auf die geschilderten Fälle. Ausserdem bezahlen sie ihre Mediavermarkter ja dafür, dass diese via Werbung auf den richtigen Kanälen die gewünschten Zielgruppen erreichen. Aber der durchschnittliche Coop-Einkäufer, Cablecom-Telefonierer und Ackermann-Besteller hat von den Fehlschaltungen vermutlich nicht viel mitbekommen. Und Personen, die gerade dabei sind, sich verbotenerweise Zeitungen, Zeitschriften oder Pornofilme aus dem Internet herunterzuladen, interessieren sich wohl auch herzlich wenig für die im gleichen Moment aufpoppenden Banner von Coop, Cablecom und Co. Der einzig haltbare Vorwurf, den man den betroffenen Mediaagenturen also machen könnte, wäre deshalb: Zielgruppe verfehlt.
Anne-Friederike Wilhelm
Coops mittlerweile gelöschtes Werbebanner auf Wuala.com.
Die Zeit, Spiegel, Stern und Fibratoren in schönstem Einvernehmen mit Cablecom.