Auflagendumping bei der Berner Zeitung – so titelte die Werbewoche in der letzten Ausgabe. Ausgangspunkt war die Tatsache, dass die Berner Zeitung (BZ) in der Stadt Bern pro Ausgabe fast 18’000 stark vergünstigte Exemplare verteilt, während der Bund bloss 2’424 Exemplare auf dieselbe Art vertreibt. Die hohe BZ-Zusatzauflage ist an sich nicht anrüchig, ist sie doch im Auflagenbulletin 2008 der Wemf offen unter der Rubrik «Sonstiger Verkauf» ausgewiesen. Vor der Diskussion um die Zukunft des Bundes muten die unterschiedlichen Vertriebsstrategien desselben Verlagshauses aber seltsam an, gewinnt man doch den Eindruck, Espace Media habe ihr Baby BZ marketingmässig mehr gefördert als das Adoptivkind Bund.
Wie dem auch sei, die BZ-Auflage wird derzeit analysiert. Die Werbewoche wirft nun das Augenmerk auf weitere Titel mit hohem Auflagenanteil «Sonstiger Verkauf» (SV). Unter diese Kategorie fällt jener Teil der Auflage, für den gemäss Wemf-Definition «weniger als 50 Prozent des vollen Abonnement- bzw. Einzelverkaufspreises gelöst werden». Oft handelt es sich um Exemplare, die an Restaurants, Schulen und Bibliotheken abgegeben werden. Aber auch gewisse Schnupperabos, Zielversände und Promoexemplare zählen dazu.
Interessanterweise nutzen die Verlage die Möglichkeit, ihre verkaufte Auflage mit günstigst abgegebenen Exemplaren aufzumöbeln, sehr unterschiedlich. So weist etwa die Neue Luzerner Zeitung 2008 unter der Rubrik «Sonstiger Verkauf» bloss ein einziges Exemplar aus, während der Matin Dimanche 50 820 SV-Exemplare hat, ein Viertel seiner Auflage. Der Sonntagstitel belegt damit den Spitzenplatz unter den Schweizer Tageszeitungen. Mit einer Ausnahme: Der BZ-Split Solothurner Tagblatt weist mit 40,5 Prozent einen noch höheren SV-Anteil aus, die BZ als Ganzes hingegen kommt auf 16,5 Prozent. Damit rangiert sie nach Matin Dimanche und Matin Semaine immerhin auf Platz drei. Vor allem aber ist der Abstand auf den nächstfolgenden Titel riesig: Es ist der Tages-Anzeiger mit bloss 4,3 Prozent SV-Anteil. Doch das Gros der Tageszeitungen liegt unter einem Prozent.
Bei den Publikums-, Frauen- und Wirtschaftstiteln sind einige SV-Anteile wesentlich höher – beim Business Guide zum Beispiel macht dieser Auflagenteil ganze 63,9 Prozent aus. Mit einigem Abstand folgt Bolero (44,7 Prozent) und TV8 (28,9 Prozent) sowie – zwischen 20 und 25 Prozent – Fémina, Télé Top Matin, SI Style und L’Hebdo. Was auffällt: Unter den ersten zwölf figurieren fünf Frauen- und vier Programmtitel.
Doch weshalb verteilen diese Titel so hohe Anteile ihrer Auflage stark vergünstigt oder fast umsonst? Und auf welchen Kanälen – neben den oben erwähnten?
Beim englischsprachigen Business Guide bietet der Basler Verleger Dominique Hiltbrunner international tätigen Firmen Jahresabos im Multipack und zu Vorzugskonditionen an – für deren Mitarbeiter. Im ersten Jahr bezahlt die Firma die Abos, für die Aboerneuerung werden die Empfänger persönlich angeschrieben. «Wir pushen diesen Kanal, weil von den Abonnenten doch ein minimales Committment verlangt wird – eines, das grösser ist, als wenn wir den Titel gratis abgeben würden», sagt Hiltbrunner. Die spätere Umwandlungsquote in Vollabos betrage rund 60 Prozent.
Ganz anders die Situation bei den Edipresse-Bezahltiteln Matin Dimanche und Matin Semaine. Diese werden in offenen Boxen vertrieben, weshalb einige Exemplare gestohlen und andere nur teilweise bezahlt werden, erklärt Théo Bouchat, CEO von Edipresse Schweiz. Die Folge: «Jedes ganz oder teilweise gestohlene Exemplar fällt in der Wemf-Statistik unter die undifferenzierte Kategorie ‹mehr als 50 Prozent Rabatt›», sagt Bouchat. Dies gelte natürlich auch für die Matin-Beilagen Fémina und Télé Top Matin. «Wobei gestohlene Exemplare ja auch gelesen würden», fügt er noch rasch hinzu. Trotzdem prüft Edipresse derzeit, bei Bezahlzeitungen auf offene Boxen zu verzichten. Bouchat: «Der Entscheid fällt noch dieses Jahr.» Warum aber ist der SV-Anteil beim TV Guide so viel tiefer? Weil er 24 Heures und Tribune de Genève beiliege, die primär über Abo und Kiosk vertrieben würden, sagt der CEO.
Ganz anders die Situation bei Blick, NZZ, NZZ am Sonntag (NZZaS) und Annabelle: Hier bilden die Exemplare den Hauptharst des SV-Anteils, die zu Vorzugspreisen von Airlines bezogen und gratis an Passagiere abgegeben werden. Bei NZZ und NZZaS stammt ein Teil der SV-Exemplare auch noch von Kombiabo-Aktionen der beiden Titel. Die Annabelle hingegen beliefert auch private Kliniken und Lesezirkel. Wobei Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer betont, dass der SV-Anteil bei der Annabelle «deutlich unter den Anteilen anderer Schweizer Frauenzeitschriften» liege.
Den erstaunlich hohen SV-Anteil bei Bolero schreibt Ringier-Sprecher Stefan Hackh primär der Belieferung «vieler Boutiquen» zu, dasselbe gilt für SI Style, das aus der Startphase 2006 auch noch Einführungs- und Kombiabos (mit der Schweizer Illustrierten) mitführt. Gar «historische» Wurzeln hat der SV-Anteil beim TVStar. Denn der Titel, der auch im «Partnervertriebssystem» zusammen mit Tagezeitungen vertrieben wird, gehörte früher der Basler Zeitung Medien. «Die BaZ nimmt uns nach wie vor viele Exemplare zu Vorzugskonditionen ab und setzt diese zur Werbung von Abonnenten ein», schreibt Jörg Tobuschat, Verlagsgeschäftsführer TV-Zeitschriften bei Axel Springer Schweiz. Ähnliches scheint bei Ringiers TV8 der Fall zu sein, das gemäss Stefan Hackh samstags mit Le Temps und La Liberté vertrieben wird. Bei Illustré und L’Hebdo sowie bei Tamedias Tages-Anzeiger werden die SV-Anteile hauptsächlich mit Schnupperabos begründet. Christoph Zimmer: «In einem wettbewerbsintensiven Markt wie Zürich mit einem grossen Medienangebot ist die Nachfrage nach Schnupperabonnements hoch. Der Tages-Anzeiger entspricht mit seinem Angebot dieser Nachfrage.» Womit er wohl Tamedias Hoffnung umschreibt, dass die Regionalsplit-Offensive endlich greifen möge. Pikant: Die Zürcher LandZeitung kommt mit einen 14-mal geringeren SV-Anteil aus (nur 0,3 Prozent).
Markus Knöpfli
Tabelle1: Tageszeitungen mit besonders hohem Auflagenteil «sonstiger Verkauf» 2008
Tabelle2: Tageszeitungen mit besonders hohem Auflagenteil «sonstiger Verkauf» 2008