Victorinox und Fleurop machens in der Einflugschneise des Flughafens Kloten, die SVP bei Dagmersellen, Greenpeace in Mellingen. Und das mitten auf dem Feld: Werbung. Seit rund 25 Jahren vertrauen Unternehmen und Organisationen ihre Logos und Claims Feldern und Wiesen an, um Aufmerksamkeit zu erregen, Emotionen zu wecken und ihre Marke ins Gespräch zu bringen. Zeitungen und Zeitschriften berichten gern über die grossformatigen Werbeflächen im Grünen, denn sie sind echte Hingucker. In der Schweiz bieten mehrere Gartenbaubetriebe und Bauern an, Logos oder Werbesprüche ins Grün zu fräsen. Ein Profi im Grüntrimmen ist Thomas Stutz, Inhaber von Greenworks.
Stutz stammt aus einer Bauernfamilie und ist gelernter Landwirt. Weil er aber schon früh wusste, dass es ihm langweilig werden würde, sein Leben lang ausschliesslich auf dem Feld zu arbeiten und Kühe zu melken, machte er die Matura und sattelte eine kaufmännische Ausbildung obendrauf, die auch Marketingwissen vermittelte. Seit 1999 bietet Stutz Feldwerbung an, 2004 gründete er Fima-Trend, die er jetzt in Greenworks umfirmiert hat. «Felder sind die perfekte Plattform für Branding und Imagewerbung», sagt Stutz. «Erfolgreiche Werbung ist neu, speziell, einzigartig und hebt sich gegen den Einheitsbrei ab. Mit Feldwerbung kann ich den wertvollen Hast-du-das-schon-gesehen-Effekt erzeugen.» Logos und Werbeslogans bringt Stutz mithilfe von CAD-Geräten auf die Wiese. Das vom Unternehmen gewünschte Sujet wird so vergrössert, dass es auf die zur Verfügung stehende Fläche passt. Ein Grafiker und eine Vermessungsfirma helfen dem Landwirt dabei, das Motiv per GPS-Positionsbestimmung präzise aufs Feld zu übertragen. Meist fassen auch die Bauern, denen das Land gehört, mit an. Mit Bambusstäben werden die Konturen der Werbebotschaft fein säuberlich abgesteckt. Dann besät, bepflanzt, mäht oder färbt Stutz die Flächen.
Werbung im Wachstum
Angefangen hat Stutz auf einem Feld des elterlichen Betriebs, das in einer Senke zwischen der S9-Verbindungsstrecke Zürich–Zug–Luzern und der Strasse von Birmensdorf nach Affoltern liegt. «Hier kommen pro Tag bis zu 35‘000 Autos vorbei, ausserdem der Zug mit rund 13'000 Menschen», sagt Stutz. «Das Feld war immer voller Abfall und mit dem Traktor kam ich nach der Arbeit wegen des Verkehrs kaum wieder auf die Strasse. Ich habe überlegt, wie man diese hohe Verkehrsfrequenz positiv nutzen könnte.» Sein Ideenpflänzchen «Feldwerbung» ist inzwischen zum stattlichen Geschäft gediehen.
Stutz ist Feldwerber par excellence. Er kennt sich mit Pflanzen und Landmaschinen aus und spricht sowohl die Sprache der Bauern als auch die der Werber. Und er ist kreativ. «Bald kamen Unternehmen auf mich zu, die sich für Feldwerbung interessierten. Aber sie wollten Werbung in ihren Corporate-Farben.» Auch wenn Mutter Natur uns eine bunte Farbpalette geschenkt hat – mit Sonnenblumen, Zynien oder Weizen Pantone 3015C oder Pantone 286, Post-Gelb oder Victorinox-Rot zu treffen, ist schwierig. Ausserdem wird die Farbe erst sichtbar, wenn die Pflanzen blühen. Also suchte Stutz nach einer Möglichkeit, Wunschfarben aufs Feld zu bringen. Und fand sie. «Ich habe gemeinsam mit einer Farbenfirma eine Farbe auf Milchkaseinbasis entwickelt», erklärt Stutz. «Sie ist zwar nicht billig, ermöglicht aber die Wiedergabe vieler Farben und ist zudem völlig natürlich. Man könnte sie sogar trinken.» Mit einer Hydraulikpumpe sprüht Stutz die Farbe aufs Feld. Zuvor steckt er mit seinem Team die Umrisse des Sujets genau ab und streut die Fläche dünn mit Stroh aus. «Wir besprühen weder Pflanzen noch den Boden mit Farbe», sagt Stutz. «Wir färben das ausgestreute Stroh ein. Es darf nicht zu dünn ausgelegt werden und nicht zu dick. Wind und Wild tragen Strohbündel nämlich gerne fort und dann gibts Löcher im Logo.» Das Auslegen des Strohs ist Handarbeit, wie ohnehin bei der Feldwerbung vieles Handarbeit ist. Zwar arbeitet Stutz auch mit Maschinen – für einige hat er sogar selbst Ansätze massgeschneidert. Aber Abstecken, Säen und Jäten erfordern neben Leidenschaft für Natur und Werbung präzise menschliche Hände.
Farbe bringt Freude
Victorinox wirbt seit 2006 in Einflugschneisen von Flughäfen mit seinem Sackmesser in leuchtendem Rot. Bereits 2003 brachte Thomas Stutz das Unternehmen auf die Idee, das Messer auf ein Feld zu übertragen. Drei Jahre später fruchtete sein Vorschlag. «Wir haben unser Messer zur Fussballweltmeisterschaft in Deutschland aufs Feld gebracht, auf 190 Meter mal 177 Meter in der Einflugschneise des Münchner Flughafens», sagt Hans Schorno, Medienverantwortlicher bei Victorinox. «Das Echo in den Medien und bei unseren Kunden war umwerfend.» Derzeit arbeitet Stutz an der dritten Victorinox-Werbung. Diesmal macht er in der Einflugschneise des Flughafens Kloten auf das 125-jährige Jubiläum des Unternehmens aufmerksam. Mit rund 1‘000 Fixpunkten hat er die Umrisse von Logo, Taschenmesser und Claim fixiert. «Für uns ist es wichtig, immer wieder überraschend zu sein und dabei mit der Natur im Einklang zu bleiben», erklärt Schorno. «Für 2010 haben wir schon einige Ideen, wie wir uns im Grünen präsentieren wollen.»
Werbung der IP-Suisse ist seit 2000 auf Feldern zu sehen. Für die Bauernvereinigung gibt es kaum eine geeignetere Möglichkeit, ihre Konsumenten und Produzenten anzusprechen. «2000 gab es in der Schweiz noch kaum Feldwerbung. Das Neue wurde von den Medien sehr stark aufgenommen», erinnert sich IP-Suisse-Geschäftsführer Fritz Rothen. «Natürlich wurden alle unsere Feldwerbungen auf IP-Suisse-Feldern angelegt. Nach unseren Erfahrungen erhöht Feldwerbung die Attraktivität des zu bewerbenden Produkts beim Konsumenten deutlich.» Besonders wichtig war der IP-Suisse ihr Markenzeichen, der Marienkäfer. Denn mit diesem sind auch alle Produkte gekennzeichnet, die die Vereinigung verkauft. Kein Problem für Thomas Stutz. Er hat das rot-schwarze Krabbeltier schon fünf Mal im Feld freigelassen.
Bauer sucht Raum
Die Werbeflächen, die Stutz beackert, mietet er von Bauern. Doch nicht jedes Feld eignet sich für Feldwerbung. Es muss eine Senke oder eine Schräge sein, oder eine Fläche, die man von oben sieht. Zum Beispiel Einflugschneisen von Flughäfen oder Felder am Fusse eines Berges. «Ich habe auch Felder am Fuss des Uetlibergs und des Rigi im Auge, die ich Unternehmen anbieten kann», sagt Stutz. «Die Flächen unterhalb von gut besuchten Ausflugszielen sind eine sehr exponierte Werbefläche.» Auf Stutz’ Website (www.feldwerbung.ch) können interessierte Unternehmen schauen, welche Standorte Greenworks anbietet.
Die Hauptsaison für Feldwerbung ist Mai bis Oktober, doch wirken tut sie das ganze Jahr über. Feldwerbung verändert sich mit den Jahreszeiten und bleibt dadurch spannend. Der Fantasie sind nur wenig Grenzen gesetzt: Ein Unternehmen kann sein Sujet mit verschiedenen Gräsern, Weizen, Gerste, Raps oder Blumen bepflanzen oder mit farbigem Stroh gestalten lassen. Nur Stutz muss dabei einiges bedenken: «Wünscht mein Kunde Gras, setze ich eine Spezialmischung von englischen Raigräsern ein. Denn die keimen schnell, wachsen langsam und nicht so hoch und haben intensives Grün.» Möbel Märki entschied sich 2003 für rote und weisse Sommerblumen, die Kunden dann bei einem Anlass sogar pflücken und mit nach Hause nehmen durften. Auch aus einem Stoppelfeld macht Thomas Stutz noch eine Werbefläche: «Man kann mit Farben arbeiten oder zwischen den Stoppeln noch einmal etwas säen, das schnell gedeiht, Sonnenblumen zum Beispiel. Feldwerbung ist sogar im Winter möglich. Einige Felder vom letzten Jahr haben wir bis in den Februar weitergepflegt, mit Frost, Schnee und dunkler Erde oder Gras kann man fantastische Sachen machen.»
Die Kosten für Feldwerbung hängen sehr von den eingesetzten Pflanzen und Farben, der Dauer der Bewirtschaftung und der Grösse der Fläche ab. «Die Spannweite ist gross», sagt Stutz. «Von 5'000 Franken für ein kleines Feld, das ich nur kurze Zeit pflege, bis zu 60‘000 Franken.» Doch die Sache rechnet sich für Kunden. «Die Kosten für unsere Feldwerbung liegen deutlich unter denen für konventio¬nelle Werbung», betont Hans Schorno von Victorinox. «Und das bei hoher Awareness und einem sehr guten TKP.» Auch Fritz Rothen von der IP-Suisse ist mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis zufrieden: «Eine zirka einen Hektar grosse Feldwerbung kostet im ersten Jahr etwa 60‘000 Franken. Ein ganzseitiges Inserat in einer Tageszeitung kostet einmalig rund 30 000 Franken.»
Fans und Feinde
Feldwerbung ist ökologisch. Feldwerbung fällt auf. «Es gibt Leute, die regelmässig unsere Felder besuchen, um den Fortschritt des wachsenden Logos zu verfolgen», erzählt Stutz. Doch Feldwerbung hat nicht nur Freunde. Der Bundesrat findet Feldwerbung «attraktiv, innovativ, sympathisch». Dennoch hat er Bedenken gegen gewachsene oder gestreute Botschaften entlang von Autobahnen und Schnellstrassen. Das Risiko, dass Autofahrer durch die Schriftzüge abgelenkt würden, sei zu gross. Mit dieser Begründung verurteilte das Verwaltungsgericht den Brennstofflieferanten Agrola 2005, eine Feldwerbung für Heizöl an der Autobahn A1 beim Grauholz nicht weiterzuführen. Nach einer Atempause warb Agrola 2007 und 2008 trotzdem wieder mit der gleichen in Grün. Eine Reihe von Bauern, die ihre Verdienstmöglichkeiten schwinden sehen, argumentieren gegen die Einwände des Bundesrats: Werbung von Unternehmen an deren Gebäuden entlang von Autobahnen sei auch erlaubt. Der Bundesrat will Feldwerbung grundsätzlich zulassen, über die Einschränkungen hat er aber noch nicht endgültig entschieden. Manch einer treibt mit den grünen Plakatwänden auch Schabernack: 2007 entfernten Unbekannte bei einem SVP-Logo in Mellingen das über 25 Meter hohe V – und veränderten so kurzerhand die politische Botschaft (Bild rechts unten). Thomas Stutz war sofort zur Stelle. «Wir haben das V rasch wieder mit Stroh nachgestreut. Ein Einzelfall. Die meisten Menschen freuen sich über die Botschaften auf dem Feld.»
Besser als Leuchtreklame
Etwa ein bis zwei Monate brauchen Stutz und sein Team, bis eine Feldwerbung fertig ist. Die Vorbereitungsarbeiten beginnen bis zu drei Monate vorher. In dieser Zeit ist auf dem Feld noch nichts zu erkennen. «Wichtig ist, dass das Motiv plakativ und nicht zu kleinteilig ist, damit es auch auf grosse Entfernung wirkt», sagt Stutz. Die Firmen liefern Stutz das Sujet und wählen den Standort, an dem sie es platziert haben möchten. Den Rest macht Stutz: Er findet das richtige Feld, verhandelt mit den Landbesitzern, plant und erledigt alle Arbeitsschritte einschliesslich der Pflege und organisiert auf Wunsch auch einen Anlass rund um die grüne Werbefläche. «Feldwerbung ist wie der Bau eines Hauses», sagt Stutz. «Ich muss verschiedene Versatzstücke zusammenfügen, zum Beispiel erst das Korn sähen, dann den Rasen, erst das Stroh verteilen, später die Farbe spritzen. Und trotzdem muss alles gleichzeitig fertig sein.» Die Flächen, die Stutz beackert, sind zwischen 1‘000 und 100‘000 Quadratmeter gross. Mit einer Feldwerbung für Nokia landete Stutz 2000 sogar im «Guinnessbuch der Rekorde»: Auf 15'000 Quadratmetern säte er 300'000 Kornblumen und erstellte damit in Bonstetten das grösste organische Logo der Welt. Flächenmässig hat Stutz diesen Rekord mit dem Münchner Victorinox-Logo aber schon längst getoppt: Das rote Messer klappte er auf rund 34‘000 Quadratmetern aus.
Entscheidend für die Wirkung des Logos im Grünen ist seine Pflege. Wächst und gedeiht die Werbung, schaut Stutz mindestens einmal in der Woche nach dem Rechten. Nachgeschnitten wird alle zwei Wochen, nachgefärbt bei Bedarf, im Schnitt alle anderthalb bis zwei Monate. Schnecken oder sintflutartige Regenfälle bereiten dem Landwirt schlaflose Nächte. Dabei sorgt er vor: Die Fleurop-Werbung in Höri zum Beispiel rahmt Stutz bis Ende April mit niedrigwachsenden, vielköpfigen Sonnenblumen ein. Niedrigwachsend, falls es stürmt und stark regnet. Die dicken Stiele der speziellen Art kann selbst Sturm kaum knicken. Vielköpfig, damit die gelben Gesichter der Pflanze auch vom Flieger aus zu sehen sind. Denn klassische Sonnenblumen scheren sich nicht um Werbung. Sie schauen einfach in die Sonne. Sonst nirgendwohin. Und Stutz weiss das.
Anne-Friederike Wilhelm