«Die Themen sind keine Antworten auf die Konkurrenz, sondern organisch gewachsene Kernwerte»
Alexander Jaggy, CD der neuen Migros-Werbung, über das M mehr hinter den Ideen bei Jung von Matt/Limmat.
Alexander Jaggy: Ich muss vielleicht mit dem Bild aufräumen, dass wir am 24. Dezember geschlossen unter dem Weihnachtsbaum sassen und Blockflöte spielten. Wir haben den Einsatz an den Feiertagen im Vorfeld sehr sorgfältig geplant, so dass niemand mehr als drei Tage arbeiten musste. Auch am Ostermontag gab es noch das eine oder andere zu tun. Doch der Grossteil des Migros-Teams konnte die Ostertage unbeschwert geniessen. Die Zeit zwischen dem Agenturentscheid und dem Kampagnenstart war dennoch äusserst knapp. Es half, dass wir viele Ideen aus dem Pitchpaket direkt umsetzen konnten. Oft ist es ja so, dass man nach dem Gewinn einer Konkurrenzpräsentation wieder ganz von vorn anfangen muss. Hier war das nicht der Fall.
Das prestigeträchtige Budget ruft Neider auf den Plan. Was hat Jung von Matt diesbezüglich in den letzten Wochen erleben müssen?
Neider lassen mich kalt, genau wie zweifelhafte Online-Kommentare mit so fantasievollen Decknamen wie Trudi Fudi Eiernudi. Ernst dagegen nehme ich sachliche Kritik. Das Umfeld ist sehr gespannt und die Kampagne steht unter dem «Stern der kritischen Würdigung», wie die Werbewoche bereits in einem Kommentar vor Kampagnenbeginn geschrieben hat. Wir sind überzeugt, dass wir mit dieser Kampagne eine Idee in den Markt bringen konnten, die schnell erkennbar ist, immer wieder von Neuem überrascht und die Ziele der Migros erreicht. Der neue Slogan ist jedenfalls schon wenige Wochen nach der Einführung in den Köpfen drin.
Die bisherigen Kampagnen für die Migros stellten vor allem die Kunden in den Mittelpunkt. Jetzt sind es die Lieferanten, zumindest in der ersten Phase. Wird das jetzt ein Jahr lang so bleiben?
Die Protagonisten in den Filmen ergeben sich aus den Themen Frische und Regionalität. Da steckt kein spezifisches Konzept dahinter. Man wird in Zukunft sicherlich auch Migros-Kunden in der Werbung zu sehen bekommen. Ich bin aber grundsätzlich der Meinung, eine Firma sollte ihre Leistung anpreisen und nicht den Kunden sagen, was sie von der Leistung zu halten haben.
Ein kritischer Beobachter meinte, dass die Bauern im Kartoffel-Spot ein bisschen tölpelhaft dargestellt werden – was sich zum Beispiel in der Knollennase zeigt, die beim Kartoffelbauer einer Kartoffel nachgebildet wurde, oder mit Hasenzähnen beim Lieferanten der Rüebli. Was ist die Absicht hinter dieser Karikatur?
Die Dramatisierung mit den Kartoffelnasen und den Hasenzähnen soll die Leidenschaft der Bauern für ihr Produkt zeigen. So wie Hundehalter und Hund über die Jahre ebenfalls eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen. Ich denke, diese Überzeichnung ist vertretbar.
In der Eröffnungskampagne ist Frische bis jetzt das einzige Argument. Versteckt sich dahinter ein Kontern gegen die naturnahe Werbung von Coop oder die mangelnde Frische gewisser Discounter?
Das ist so nicht ganz korrekt. Der Huhnfilm steht für Frische, der Spot mit der Kartoffelfamilie steht für Regionalität. Die Themen sind keine Antworten auf die Konkurrenz, sondern organisch gewachsene Kernwerte, für die die Migros schon seit Jahrzehnten steht.
Zum Start der Kampagne ist die Schweiz auch mit einer Guerilla-Aktion überrascht worden. Ihr habt in 57 Schweizer Gemeinden die Ortstafeln mit dem Migros-M abgeändert. Hat das viel Überzeugungskraft gebraucht für diese freche Idee?
Gar nicht. Das Potenzial wurde gleich erkannt und die Idee sehr positiv aufgenommen. So wie beim Grossteil der Bevölkerung. Ziel der Aktion war ja nicht nur, frech zu sein, sondern den Kunden für ihre Treue zu danken. Im Rahmen der Guerilla-Aktion wurden 1,2 Millionen Gratis-Äpfel verteilt.
Migros und Schmunzeln: Ist es eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Werbung rund um das berühmte M immer mit einem M mehr Humor präsentiert werden muss?
Auch in Humor steckt ein M. Und vermutlich nicht ganz zufällig. Der Einsatz von Humor ist nicht nur ein ungeschriebenes Gesetz, sondern auch eine Differenzierungsmöglichkeit gegenüber der Werbung der Konkurrenz.
In gewisser Hinsicht sind die beiden Anbieter Coop und Migros für die Konsumenten austauschbar. Viele Leute kaufen auch abwechselnd in beiden ein. Wie ist man bei der Gestaltung der Werbung mit einer solchen Austauschbarkeit umgegangen?
Ich finde nicht, dass Migros und Coop austauschbar sind. Klar, wenn Sie Kochbutter brauchen, kaufen Sie Kochbutter. Egal wo. Aber das Profil der beiden Firmen ist elementar anders. Genau dies gilt es in der Kommunikation herauszuheben. Bezüglich Werte, Haltung und Tonalität grenzt sich die Migros wesentlich von Coop ab.
Interview: Andreas Panzeri
Passantenlob und -tadel
Ort des Plakates: Limmatplatz, Zürich
«Ich finde die Werbung witzig, besonders die Paprika als Form eines Mundes. Dennoch scheint mir dieses Plakat zu wenig dynamisch. Mir ist der Werbewechsel der Migros nicht besonders aufgefallen, weshalb es mich nicht sehr stark anspricht. Im Allgemeinen sehe ich mir Werbungen selten an.»
Pascal Blaser (41), Lagerist
«Wir wussten noch nichts von der neuen Werbung der Migros. Ausserdem finden wir ihre Aktion, in der sie jedem Kunden einen Apfel verteilen, nicht besonders originell. Bei genaueren Hinschauen fragt man sich, inwiefern ‹ein M besser›? Bezieht sich diese Aussage auf die Qualität der Produkte oder vielleicht auf das Personal? Das Plakat lässt also viele Fragen offen. Wir würden die Waren der Migros nicht wegen des neuen Slogans kaufen, wir wählen sie nach anderen Kriterien aus. Wahrscheinlich werden die Waren wegen der neuen Werbekampagne ohnehin teurer.»
Klara und Rosa, beide Rentnerinnen
«Die neue Migros-Werbung finde ich lässig. Was mir besonders gut gefällt, ist, dass sie so konsequent durchgezogen wurde. Den Wiedererkennungswert empfinde ich als sehr hoch, typisch Migros halt! Sie ist zwar ziemlich unauffällig und diskret, was wiederum passend ist, wenn man ein breites Publikum erreichen möchte. Werbung, besonders die der Migros, muss nicht zwingend aggressiv gestaltet werden. Geschickt finde ich, dass man bei genauerem Betrachten viele versteckte Dinge entdeckt. Auch die neuen TV-Spots gefallen mir sehr. Sie faszinieren den Zuschauer und bringen ihn dadurch dazu, die Spots bis zum Ende zu verfolgen. Ich frage mich, braucht denn ein Unternehmen wie die Migros überhaupt Werbung?»
Claudio Zuccolini (39), Moderator und Comedian
«Die neue Werbung finden wir alles andere als originell. Zwar ästhetisch gestaltet, aber nicht spannend. Schön, aber bieder. Leider ziemlich klassisch, weshalb sie langweilig wirkt. Das sieht der sonst so lustigen Migros-Werbung gar nicht ähnlich. Früher fanden wir sie sogar witziger als die Coop-Werbung. Zudem kommt das M in der Mitte des Slogansatzes ziemlich abgeklatscht rüber. Man könnte meinen, es wäre von irgendwo abgeschaut. Den Slogan selber finden wir hingegen gut. Der passt zur Migros.»
Anna (27), Studentin, und Simone (27), Lehrerin
«Dass man bei einigen Ortschaften die Schilder überklebt und gewöhnliche Ms durch das typische Migros-M überklebt hatte, fand ich äusserst einfallsreich und eine gelungene Aktion. Es ist mal was anderes, auch die Plakate machen optisch aufmerksam auf die Produkte. Als ich die Anzeigen erstmals in der Zeitung sah, bekam ich sofort Lust auf die frischen Früchte und das Gemüse. Ich sehe die Plakate auch als Werbegag, welcher der Migros geglückt ist! Ausserdem habe ich einen Wechsel in der Werbegestaltung erwartet, zumal jedes grosse Unternehmen von Zeit zu Zeit einen Tapetenwechsel vornimmt.»
Anita B. (60), war in der Medizinbranche tätig
«Auf mich wirken die Anzeigen irgendwie sexistisch und obszön, besonders wenn man sich die Paprika als Mund ansieht. Die neue Migros-Werbung habe ich nun zum ersten Mal gesehen. Womöglich ist sie mir erst jetzt richtig aufgefallen, was daran liegt, dass sie auf mich eher unbewusst wirkt. Meiner Meinung nach hat die Werbung zu wenig auffallende Merkmale, mit welchen sie sich von der bisherigen unterscheiden könnte. Ich weiss nicht, ob der Konsument nun dadurch zum Kauf von Migros-Bio-Produkten angeregt wird.»
Martina S. (37), Hausfrau
«Auf mich wirkt das Layout misslungen, die abgehackten Karotten sehen komisch aus. Ausserdem wurde die Werbung nicht im Stil der Migros gestaltet. Bekanntlich spricht die Migros ein breites Publikum an, dies ist ihr in der bisherigen Werbung vortrefflich gelungen. Die fand ich übrigens um einiges besser. Ich wundere mich über die Aussage des Slogans – ein M besser – was möchte er uns übermitteln? Es ist mir schleierhaft. Das M hätte man visuell stärker hervorheben können. Gesamthaft betrachtet, scheint mir die Werbung nicht genug aussagekräftig. Haben die grösstenteils unter Stress stehenden Passanten und Kunden überhaupt noch Zeit, sich Gedanken über Werbung zu machen? Meiner Meinung nach sollte Werbung einleuchtend und pfiffig sein!»
Teresa (33), Kantonsschullehrerin
«Mir gefällt die neue Migros-Werbung, da sie humorvoll aufgebaut ist. Toll, dass die Migros wieder etwas Neues gebracht hat. Die Plakate finde ich interessant, genauso wie die gelungenen TV-Spots. Ein M besser finde ich einen passenden Slogan für die Migros.»
Philipp Pfeifer (50), Biochemiker
«Dass sich etwas in der Werbung der Migros geändert hat, haben wir bemerkt. Der neue Slogan hingegen ist uns noch gar nicht aufgefallen. Er passt zwar zur Migros, bloss sagt er nicht so viel aus. Ausserdem fällt sie durch die gesamte Gestaltung nicht besonders auf. Den bisherigen Slogan fanden wir eindeutig besser. Ein M besser ist nicht besonders einfallsreich, man gab sich bei der Suche eines neuen Slogans keine Mühe. Die neue Migros-Werbung ist uns zu wenig mutig. Nun haben Migros und Coop beinahe dieselbe Werbung.»
Martina Binz (26) und Dana Reber (22), beide Studentinnen




















