Am 1. September 2009 trat Ueli Eckstein, bisher Leiter Printmedien der AZ Medien Gruppe, seinen Posten als CEO der Espace Media an, heute, zwei Tage später, kommuniziert Tamedia das Aus für das Solothurner Tagblatt (ST). Besteht da ein Zusammenhang? Eckstein selbst will sich nicht äussern, an seiner Statt nimmt Chrisopher Wehrli, Sprecher von Espace Media, Stellung: «Nein», sagt er, «das Zusammenfallen der Daten ist Zufall.» Tatsächlich hatte Tamedia schon im Mai die Einstellung der ST-Grossauflage (knapp 50’000 Exemplare) verfügt. Aber hatte sich Eckstein vielleicht beim Bewerben um den neuen Posten den ST-Stopp ausbedungen, um nicht in einen Konflikt mit seinem bisherigen Arbeitgeber AZ Medien zu geraten? Auch das stellt Wehrli in Abrede.
Klar ist: Wesentlichen Anteil am neusten Einstellungsentscheid hat BZ/Bund-Verlagsleiterin Uli Rubner, die seit Anfang Jahr im Auftrag von Tamedia die beiden Espace-Media-Flaggschiffe auf Herz und Nieren überprüfte. Sie muss sich die Haare gerauft haben angesichts der Kosten, die sie allein beim Solothurner Tagblatt errechnete. «In den letzten rund acht Jahren investierte die Espace Media rund 38 Millionen Franken in das Solothurner Tagblatt– und dieser Betrag entspricht auch etwa unserem Verlust aus diesem Projekt, denn weder über den Leser- noch über den Werbemarkt kam viel herein», bilanziert Wehrli. Sein Verlagshaus habe aber von Anfang an gewusst, dass das Engagement in Solothurn «hart» werden würde, das habe der frühere CEO Polo Stäheli (heute CEO der NZZ) auch immer so kommuniziert. Mit den Gratiszeitungen oder auch mit der Sonntagsausgabe der MittellandZeitung habe sich der Markt aber stark verändert. Positiv zu werten sei die Leistung der Redaktion, die «einen hervorragenden Job» gemacht und ein profiliertes Publikum angesprochen habe. Wehrli: «Wir trennen uns vom ST mit Tränen in den Augen.»
Die Bilanz des ST sieht – nicht nur finanziell – mager aus. Als die Espace Media im Oktober 2001 das Solothurner Tagblatt (ST) startete, hatte die Berner Zeitung im Raum Solothurn (WG 32) bereits 24’000 Leserinnen und Leser. Sieben Jahre später wies die Wemf (Mach Basic 2009-1) 40 000 Leser aus, also nicht einmal eine Verdoppelung. Wieviel davon auf das ST entfallen, ist nicht klar, da das ST keine separaten Leserzahlen ausweist. Fest steht nur: Unter den 10’000 ST-Exemplaren, die im WG 32 konstant verteilt wurden, waren nie mehr als 4’600 vollbezahlte Abos, der Rest bezeichnet Wehrli als «Marketingexemplare». Konkret: Man köderte Neuabonnenten, indem man ihnen das Blatt ein halbes Jahr lang gratis (und zwar per Frühvertragung) zustellte. Oder indem man das ST im Kombi mit der SonntagsZeitung für nur 100 Franken pro Jahr abgab. Letzteres trug der Espace Media eine Klage von Vogt-Schild wegen unlauterem Wettbewerb ein, die aber abgewiesen wurde.
Dennoch konnte der BZ-Split dem Platzhirschen Solothurner Zeitung (SZ) aus dem Verlagshaus Vogt-Schild (heute Teil der AZ Medien) fast nichts anhaben, sank doch die SZ-Leserschaft von 2001 bis 2008 bloss von 83’000 auf 76’000 Personen (-8,5 Prozent). Auch im Werbemarkt kam das ST nie auf einen grünen Zweig. Separate Zahlen gibt es zwar auch hier nicht. Aber ein Indiz: Lokale Todesanzeigen blieben beim ST immer gratis, ein Unikum in der Schweizer Presselandschaft. Dies im Wissen, dass die Anzahl lokaler Todesanzeigen als Gradmesser für die Verankerung eines Titels gelten. Auch im kommerziellen Bereich reüssierte das der BZ-Split nicht. «Das ST konnte im Werbemarkt nie Fuss fassen», gibt Wehrli heute offen zu.
Markus Knöpfli