Wir sind auf Stufe 1 von 10», sagt Newsnetz-Chef Peter Wälty zu seinen Vorhaben im Bereich der lokalen Inhalte. Damit charakterisiert er gleichzeitig den Stand der Dinge in der Schweizer Medienlandschaft, wenn es um das Geschäft vor der Haustüre der Verlage geht, im Branchenjargon mit Local Search bezeichnet: Waren vor Jahresfrist (vgl. MTJ 2008 7/8 S. 7 ff) in der Schweiz noch kaum Initiativen in diesem Bereich auszumachen, werden nun die ersten Claims abgesteckt. Gar als «Kampfzone der Zukunft» bezeichnet bei der AZ Medien AG Geschäftsleitungsmitglied Christoph Marty das Geschäft um Local Search. Für Marty ist das Ziel klar: «Wir wollen eine starke regionale und lokale Erst-Plattform sein.»
Die Aargauer haben schon Ende Juli 2008 die damals bestehenden Rubrikanzeigen-Lösungen (Immobilien, Jobs, Autos) ins neue A-Z-Portal überführt. Später im gleichen Jahr wurde begonnen, den Community-Bereich aufzubauen, der aus den Schwerpunkten Vereine, Lokalinformationen und Veranstaltungen besteht. 450 Vereine haben bis Mitte August im Verlagsportal einen eigenen Auftritt eingerichtet, wie A-Z-Projektleiter Roger Knabenhans berichtet. Bis Ende Jahr sollen es deren 700 sein – knapp zehn Prozent des geschätzten Gesamtpotenzials. Idealerweise sollen Vereine nicht nur einmalig ihre Präsenz auf dem Portal einrichten, sondern hier auch regelmässig Neuigkeiten verbreiten. So sind bisher auf diesem Weg 4’800 Beiträge eingegangen. «Das ist harte Knochenarbeit», kommentiert Knabenhans die Anstrengungen, die Vereine zum aktiven Mitmachen zu bewegen und dann auch in Schwung zu halten. «Wir haben derzeit dazu eine Mitarbeiterin, die das sehr intensiv, hartnäckig und engagiert betreut», erläutert er weiter. Bei der Lokalredaktion der Aargauer Zeitung wird daraus eine Best-of-Selektion ausgewählt und redigiert, die auf einer halben Zeitungsseite (pro Regionalausgabe) veröffentlicht wird.
Wie sehr Marty mit seiner Einschätzung der Kampfzone der Zukunft richtig liegt, zeigt die Tamedia, wo sich die beiden Online-Kontrahenten 20 Minuten und Newsnetz (Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Berner Zeitung, Bund, Thurgauer Zeitung) fast zeitgleich aufgemacht haben, das lokale Territorium zu erobern. Zwar betont Newsnetz-Chef Wälty, die Berner Zeitung habe für einzelne Gemeinden schon im letzten Jahr lokalen Content mit GoogleMaps verlinkt, ausserdem werde das Konzept von Gemeindeseiten bei der Vorarlberger Mediengruppe seit Jahren angewandt und habe Vorbildcharakter.
Lokale Informationsplattformen Doch dem hält Hansi Voigt, Online-Chef bei 20 Minuten, entgegen, mit «mehr Denke» und umfangreicher unterwegs zu sein. Er erzählt, wie er Anfang Jahr privat Google AdWords erfolgreich eingesetzt hat, um zielgruppengenaue Anzeigen zu platzieren. Von da an hat der Online-Chef weiter gedacht und ist auf das Konzept für lokale Informationsplattformen im Internet gekommen. Für alle Gemeinden – in der ganzen Schweiz deren rund 2600 – soll es einen separaten Auftritt auf der Website von 20 Minuten geben. Darauf soll es ein News-Angebot – von 20-Minuten-Artikeln bis hin zu Gemeindeverlautbarungen – geben ebenso wie Vereinsmeldungen und lokale Werbung.
Geht es um Inhalte, heisst das Zauberwort aggregieren – das weitgehend automatisierte Zusammentragen und Verarbeiten von Inhalten. So hat 20 Minuten bereits Quellen für Veranstaltungskalender, Kinoprogramme und Sportresultate aus den unteren Ligen angezapft. Auch die Informationen von 220 Gemeinden, die entsprechende Datenströme anbieten, sind automatisiert vorhanden. Voigt setzt auch darauf, die Community der 20-Minuten-Leser zu aktivieren, damit etwa auch Neuigkeiten aus den Vereinen auf der Website eingetragen werden. Nach einem Monat sind schweizweit rund 200 Vereine bei 20 Minuten aktiv geworden.
Lokale Communities sind wichtigFür Voigt sind solche Communities mittelfristig wichtig, um das eigene Angebot lokal zu verankern. «Wir bieten die Möglichkeit, die Diskussionen an der politischen Basis in den Gemeinden zu transportieren – andere können das auch, doch flächendeckend können das nur wir», sagt er und ist überzeugt, am Schluss werde ausschlaggebend sein, «welches Portal den Leuten näher am Herzen» liege.
Um der Redaktion die Triage zu erleichtern, sollen die Leserreporter schon beim Eingeben signalisieren können, falls ein Ereignis potenziell überregional interessant sein könnte – wie etwa das Anglerbild mit dem Jahrhundertfang, das dann auf der nationalen Website und womöglich auch in der Printausgabe zum Zuge käme. Denn ausser zur Begleitung der Startphase ist nicht vorgesehen, Redaktionsstellen für die Lokalinformationen einzusetzen. Dafür denkt Voigt über andere Vorgehensweisen nach: Wer besonders aktiv und zuverlässig Beiträge liefert, soll zum Lokal-Chefredaktor ernannt werden – ehrenamtlich natürlich.
Auch Wälty denkt darüber nach, wie sein Lokalangebot für Vereine attraktiver werden könnte, und erwähnt etwa eine Komplettlösung für Vereine in Web als Whitelabel-Produkt anzubieten oder lokalen Musikbands eine Plattform für ihre Songs zu bieten.
Während Wälty mit seinem Lokalangebot «noch keine signifikante Reichweitensteigerung» erzielt hat, berichtet Voig von über einer Million Visits auf dem Lokalportal im September. «Das ist super», freut er sich über den 7-prozentigen Zuwachs (bei monatlich rund 15 Millionen Visits, inkl. 20minutes.ch Romandie und Piazza.ch). Bei den Benutzern sei das Lokal-angebot «sehr gut angekommen», wie er auf Grund verschiedener Online-Feedbacks weiss. Dabei hat 20 Minuten das neue Online-Angebot im Sinne eines Soft Launches erst auf der eigenen Website beworben – mit der Promotion im eigenen Blatt wurde zugewartet, bis man sicher ist, dass alles stabil läuft.
Potenzial beim lokalen GewerbeInhalte sind das eine – Anzeigen das andere: Denn gerade vor der Haustüre der Zeitungsverlage liegt beim lokalen Gewebe im Online-Bereich noch viel Potenzial brach – so eine der zentralen Prämissen von Local-Search-Konzepten. Hier ist Google ein allgegenwärtiger Player. So erscheinen lokale Geschäftsanzeigen sowohl auf Google Maps wie auch auf Google Earth. Auf dem Local Business Center können sich Geschäfte gratis eintragen und werden dann bei Suchen auf der entsprechenden Karte angezeigt, neuerdings auch auf Streetview. Während weder die Macher bei der Tamedia noch bei der AZ Medien AG hier Handfestes vorzuweisen haben, sind die Visionen deckungsgleich: Gleich wie bei Googles AdWords sollen Anzeigenkunden Anzeigen online eingeben können, die dann den passenden Inhalten zugeordnet und den Benutzern angezeigt werden. So spricht Voigt davon, eine Anzeigenlösung für 20 Minuten sei in Vorbereitung, derweil Wälty gleich eine konzernweite Lösung vorschwebt («gleich wie Google, aber besser»), um das AdWords-Geschäft selber zu machen, denn immerhin generiere die Tamedia jeden Monat eine halbe Milliarde Pageviews. Fürs Erste will Wälty die eigenen Artikel mit zusätzlichen Metadaten anreichern, damit diese lokal besser zugeordnet und mit geeigneten Werbebotschaften verknüpft werden können. In Aarau hofft Roger Knabenhans, sein Portal nächstens bei den Benutzern in der Region als ers-te Adresse für Informationen aller Art aus dem lokalen Bereich etabliert zu haben. Sei so die kritische Masse erreicht, könne auch das Geschäft mit der lokalen Werbung voll angekurbelt werden. Doch auch er räumt ein, auf diesem Gebiet gebe es noch kaum Erfolgsrezepte und sowohl bei der Technik wie bei der Marktbearbeitung sei noch viel Pionierarbeit nötig.
Lokale BranchenverzeichnisseAuf die Gewerbetreibenden haben es längst auch andere abgesehen. Dies ist recht eigentlich das Heimgebiet der lokalen Branchenverzeichnisse, die ihr während langer Zeit lukratives Geschäfts vom Print ins Internet retten müssen. In der Schweiz betrifft dies an erster Stelle Local.ch, den Joint Venture von Swisscom und Publicitas. Gemäss dem Geschäftsbericht der Publigroupe wurden die gedruckten Verzeichnisse letztes Jahr in über 8,5 Millionen Exemplaren an die rund 4 Millionen Haushalte und Geschäftsadressen verteilt und damit Werbeeinnahmen von 129,7 Millionen Franken erzielt; der Online-Umsatz lag im gleichen Zeitraum bei 42 Millionen. Dafür ist eine Verkaufsmannschaft von 370 Mitarbeitern im Einsatz, und für das laufende Jahr wurde angekündigt, das 26-köpfige Team in den Bereichen Software Engineering und Marketing um zehn weitere Stellen zu erweitern. Während Local.ch bei Print-Verzeichnissen führt, hat im Internet Search.ch bei den User-Zahlen die Nase vorn. Tamedia hat im letzten Herbst von der Post eine 75-Prozent-Beteiligung an der Räber Information Management (RIM) GmbH erworben, die Search.ch betreibt und als eigentlicher Pionier auf diesem Gebiet gilt. Um im Werbemarkt Terrain aufzuholen, hat CEO Stephan Obwegeser die Salesforce auf rund 40 Stellen verdoppelt und Standards aus dem Verlagsgeschäft eingeführt wie Paketlösungen und Workshops für Agenturen und deren Kunden. Sei erst einmal eine gute Kundenbasis für Search.ch etabliert, werde man sich den regionalen Werbemärkten zuwenden und Zusatzangebote für Lokalportale anbieten, um diese mit den eigenen Kompetenzen aus dem Verzeichnisgeschäft bei der lokalen Akquise zu unterstützen.
Kooperationen mit VerlagenGeht es um Kooperationen mit Verlagen, denkt Obwegeser über ein schweizerisches Newsportal nach, das besser als Google News sein soll. Und da sei die lokale Ausrichtung naheliegend, da dies die Stärke von Search.ch sei. «Wir werden nie News-Inhalte generieren, und andere Medientitel werden nicht Inhalte anderer Plattformen verknüpfen – da wollen wir in die Bresche springen und eine Plattform schaffen, auf der User sich ein Bild über die Medienlandschaft Schweiz machen können.» Hier suche er nicht nur das Gespräch mit den Newsportalen im Konzern, sondern sei auch offen für die aktive Zusammenarbeit mit anderen Verlagen. Anders als bei Google werde man über Bedingungen verhandeln können. Wer mitmacht, könne von einem kostenlosen Trafficmotor profitieren. Im Gegenzug strebt Obwegeser an, dass andere News-Portale auf ihren Websites die Karten von Search.ch verwenden.
Christoph J. Walther
Ohne Marke geht nichts
Vorab sind alle Medienunternehmen zu beglückwünschen, die Engagements im Bereich Local Search wagen und so die Innovationskraft der Branche dokumentieren und anders als andere Verlage in der Lage und gewillt sind, mit neuen Projekten Risiken einzugehen. Diese sind denn auch nicht zu unterschätzen:
Wer zum Nulltarif lokale Inhalte direkt und regelmässig von Gemeinschaften rund um Vereine erhalten will, braucht vorab eine überragende, in der Online-Welt gut positionierte Marke. Diese muss als glaubwürdiger Sympathieträger ankommen, wozu es nicht Journalisten, sondern eher Animatoren braucht. Solche Mitarbeiter müssen zuerst gefunden und aufgebaut werden. Doch selbst dann bleibt es schwierig, damit im Markt ein Alleinstellungsmerkmal (USP) zu erzielen: Auch schreibfreudige Verbandssekretäre wollen Reichweiten erzielen und werden deshalb ihre Sermone ohne viel Murren bei mehreren Websites einspeisen. Und wo dies nicht der Fall ist, werden Lokalportale solche Inhalte automatisiert auch bei der Konkurrenz zusammentragen – wer nichts bezahlt, wird kaum Nutzungsrechte für sich reklamieren können, um ein solches Treiben unterbinden zu können.
Nicht besser sieht es im Anzeigenbereich aus: Hier fehlt den Regionalzeitungsverlagen die Bodenmannschaft, um dem Bäcker, dem Blumengeschäft, dem Buchladen, die Sache mit der Online-Werbung erklären und bestenfalls profitabel verkaufen zu können. Setzen sich denn Kleinbetriebe erst einmal ernsthaft mit Online-Werbung auseinander, werden sie rasch herausfinden, dass die Eingabe- und Buchungsprozedere sich bei allen Anbietern kaum wesentlich unterscheiden, doch dass sie mit AdWords von Google bessere Reichweiten erzielen können. Denn im täglichen Surf-Menü der meisten Zeitgenossen spielen Websites der Verlage eine untergeordnete Rolle, während AdWords-Anzeigen via das AdSense-Programm weit verbreitet sind. Die Verlage riskieren, sich die Hacken abzulaufen, um der Kundschaft vor ihrer Haustüre die Vorzüge der Online-Werbung zu erklären mit dem Effekt, dass diese am Schluss beim Erzrivalen Google landet.
Ihrem Angstgegner können Verlage nur etwas entgegensetzen, wenn sie gemeinsam und konsolidiert vorgehen und es schaffen, in ihren Einzugsgebieten eine dominierende Online-Marke zu etablieren. Angesicht der Einnahmenpotenziale im schweizerischen Online-Markt wird selbst Tamedia gut daran tun, ihre Engagements und Initiativen mindes-tens operativ zu straffen. Verlage, die hier noch abseits stehen und ihr ureigenstes Territorium nicht verteidigen, vergeben nicht nur die Chancen auf Online-Einnahmen, sondern manöverieren sich auch bei der crossmedialen Werberaumvermarktung ins Hintertreffen. Das Window of Opportunity beginnt sich zu schliecjw