Guerillamarketing kommt von Guerillakrieg – und genauso kompromisslos muss es auch sein», sagt Dominic Deville. Der Gründer und CD der Luzerner Erlebnisagentur Clockworx referierte vor dem IAA Young Chapter über Möglichkeiten und Grenzen des Guerillamarketings. Das Marketing mit Überraschungseffekt bietet viele Chancen: Unternehmen können ihre ausgetrampelten Pfade verlassen und den Konsumenten neue Seiten ihrer Marke zeigen. Sie können strikte Vorgaben wie CI/CD über Bord werfen und so nah wie nie an ihre Kunden rücken. Und sie können die Reaktion der Konsumenten auf ihre Aktion unmittelbar einfangen. Wenn die Auftraggeber den Mut haben, wirklich radikal zu sein, kann sich eine Guerillaaktion sogar zu einer viralen Kampagne entwickeln. Denn fast jeder hat heute eine Handykamera – und Bilder einer gelungenen Strassenpromotion werden gerne auf YouTube gestellt. Im besten Fall.
Wenn es schlecht läuft, verpufft die Aktion. Oder es gibt richtig Ärger. Denn wenn beispielsweise am Samstag zur schönsten Shoppingzeit eine Gruppe Nackter durch die Zürcher Bahnhofstrasse läuft, erfüllt das mindestens die Tatbestände «Grober Unfug» und «Erregung öffentlichen Ärgernisses» – die Nackten sollten also schnell laufen können. Viel schlimmer als eine etwaige Busse findet Dominic Deville aber, wenn eine Guerillaaktion halbherzig ausgeführt wird und sich später niemand an sie erinnert: «Es ist schade, wenn Guerilla zu einem schnellen Marketinggag verkommt. Wer glaubt, dass Guerillamarketing kos-
tengünstig, einfach und schnell vorbereitet ist, irrt. Im Gegenteil: Wenn Guerillamarketing funktionieren soll, muss man es sehr gut planen und Geld und Manpower investieren. Alles andere bringt nichts.» Natürlich ist eine Guerillaaktion nicht so kostspielig wie eine grosse, klassische Kampagne. Sie darf aber auch nicht als schnelle Sparversion klassischer Werbemassnahmen missverstanden werden. Kompromisslos sein ist eben mitunter auch anstrengend.
Frisch gewagt …Ganz wichtig ist, dass Unternehmen nicht auf der Hälfte der Guerillaaktion den Mut verlieren. Deville erzählt von der Free-Internet-Kampagne, die Clockworx im Frühjahr 2008 für Sunrise geplant und umgesetzt hat. Das Konzept war, eine Gruppe von Aktivisten in verschiedenen Situationen für einen freien Internetzugang protestieren zu lassen. Dass Sunrise der Auftraggeber der Promo ist, sollte zunächst im Unklaren bleiben. Clockworx klebte Free-Internet-Plakate, zum Beispiel mit dem Konterfei von Revoluzzer Che Guevara oder einer den 1980ern entflogenen Friedenstaube. Ausserdem gab es verschiedene Protestaktionen: So liefen zum Beispiel 25 bis auf Che-Guevara-Masken
nackte Aktivisten durch die Bahnhofstrasse und skandierten «Free Internet». Die Flitzer trafen sich in einer Wohnung in der Nähe der Bahnhofstrasse, um sich für die Aktion vorzubereiten, als ein panischer Sunrise-Mitarbeiter den Lauf in letzter Sekunde stoppen wollte. «Nach einiger Diskussion durften wir dann doch losrennen», erinnert sich Deville, der selbst «blutt» mit durch die Bahnhofstrasse lief. «Die Aktion war ein voller Erfolg. Wir haben sie selbst gefilmt und auf YouTube gestellt, später tauchten dann noch weitere Videos von Passanten auf.»
Wichtig für den Erfolg einer Guerillaaktion ist die Auflösung zur richtigen Zeit. «Man sollte den Spannungsbogen möglichst ausreizen, die Aktion nicht zu früh auflösen», rät Deville. «Aber man darf auch nicht zu lange warten, dann ist das Risiko gross, dass Journalisten oder Blogger in der Zwischenzeit herausfinden, wer hinter der Sache steckt, und das verbreiten.» Ausserdem sollte die Auflösung der Zielgruppe in irgendeiner Form einen Mehrwert bieten, also beispielsweise ein besonders reizvolles, günstiges oder exklusives Angebot promoten. Bei der Free-Internet-Guerilla von Sunrise zum Beispiel hat das gut funktioniert: 16 Prozent aller Schweizer besuchten die mit der Aktion verknüpfte Internetseite (deren URL heute direkt auf das entsprechende Sunrise-Angebot führt), und Sunrise verbuchte ein Kundenwachstum von 20 Prozent.
… ist halb gewonnenWenn es für Guerillawerbung überhaupt eine Regel gibt, dann die, cool zu bleiben: «Wer Guerillawerbung macht, darf keine Angst vor negativen Reaktionen haben», betont Deville. «Es gibt immer ein paar Leute, die dagegen sind – entscheidend ist, dass man die Mehrheit der Menschen auf der Strasse humorvoll unterhält und ihr positiv im Gedächtnis bleibt.» Oft ist die Angst vor Bussen oder Sanktionen übertrieben. Clockworx und seine Kunden hatten es jedenfalls noch nie mit der Polizei zu tun, trotz ihrer oft provokanten Aktionen. «Natürlich fragen wir die Polizei nicht vorher um Erlaubnis», sagt Deville augenzwinkernd. «Aber eine Guerillamarketing-Agentur sollte eventuelle Risiken einschätzen können. Für den Eventualfall legen wir mit allen unseren Kunden fest, wer wofür haftet.»
Es gibt keine Garantie dafür, dass eine Guerillaaktion funktioniert. Doch wer ein paar Kniffe beachtet, macht einen Erfolg wahrscheinlicher (siehe auch Box «Die 10 Gebote»): Eine Guerillaaktion, bei der Passanten mitmachen sollen, ist immer ein Risiko. Die Aktion muss wirklich gut sein und die Menschen auf Anhieb begeistern, damit diese nicht einfach weiterlaufen. «Wer den Spieltrieb der Leute anspricht, hat meistens Erfolg», rät Deville. Ein gutes Beispiel für eine spielerische Guerillaaktion sind die Piano-Stairs von VW (www.youtube.com, «Piano Stairs»). Hier wurde die Treppe einer Stockholmer U-Bahn-Station in Klaviertasten umgewandelt. Es dauerte nicht lange und die Passanten «musizierten» mit der Treppe. Damit stützten sie die Fun-Theorie des Automobilkonzerns – alles aufgezeichnet auf Videos, die sich via YouTube viral verbreiteten.
Überraschend ist besserUnternehmen, die eine Guerillaaktion planen, sind ausserdem gut beraten, sich nicht allzu ernst zu nehmen. Als besonders sympathisch bleiben Aktionen in Erinnerung, die Humor im Umgang mit der eigenen Sache beweisen. «Ein Auftraggeber hat mir einmal ausdrücklich gesagt: ‹Kein Schabernack mit dem Produkt!›», erinnert sich Deville. «Dabei hatten wir viele lustige Einfälle, die sicher gut angekommen wären. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wie viele spassige Aktionen man machen könnte, um zu zeigen, wie gut eine Haftcreme haftet.» Wer Konsumenten zum Lachen bringt, gewinnt ihre Zuneigung und bleibt ihnen in Erinnerung. Deshalb sollten Unternehmen keine Angst davor haben, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Auch etablierte Marken nehmen durch eine gute Prise Humor keinen Schaden, sondern gewinnen allenfalls ihre Frische zurück.
Ein cleverer Schachzug ist auch, ein oder mehrere Medien in die Guerillaaktion einzubinden. «Wir machen oft Teamwork mit einer Zeitung, so kann man die Berichterstattung ein wenig lenken», sagt Deville. «Wir bieten diesem Medium an, es immer als erstes und exklusiv zu informieren, wenn es wieder eine Aktion oder einen Hinweis auf den Auftraggeber gibt – den wir natürlich so lange wie möglich geheimzuhalten versuchen.» Vor allem für Firmen, die befürchten, dass eine Guerillaaktion ihre Marke beschädigen könnte, empfiehlt es sich, die Medien einzubeziehen. Zur Sicherheit.
Wie lange eine Guerillaaktion läuft und aus wie vielen Teilaktionen sie besteht, hängt von ihrem Inhalt und den angestrebten Zielen ab. Entscheidend ist, dass der Spannungsbogen zwischen der ersten Aktion und der Auflösung erhalten bleibt. Im Durchschnitt laufen Guerillaaktionen zwei bis drei Wochen. Dann wird aufgedeckt, wer dahintersteckt und was das Ziel der Kampagne ist. Und wenn alles gut geht, ist die Überraschung gross.
Anne-Friederike Wilhelm
Die zehn Gebote des Guerillamarketing nach Dominic Deville
Du sollst dich von der Identität lösen:
Werfe das CI/CD und andere Grenzen für einmal über Bord.
Du sollst über dich selbst lachen können.
Setze alles auf eine Karte.
Mache dir die Medien Untertan.
Du sollst es nicht allen recht machen.
Als Agentur sollst du das Zepter an dich reissen, als Unternehmen sollst du das Zepter aus der Hand geben.
Du sollst Vater und Mutter ehren –
verstehen sie deine Idee für eine Aktion nicht, verwirf die Idee.
Zelebriere den 1. April: Die Auflösung der Aktion muss sich für die Zielgruppe lohnen.
Arbeite im Verborgenen.
Ignoriere alle Regeln. Gute Kampagnen brauchen keine Regeln.
In Kürze
Die Luzerner Erlebnisagentur Clockworx wurde vor vier Jahren von Dominic Deville gegründet. Clockworx konzipiert und realisiert Events und Werbestrategien abseits des Bekannten. Die Agentur zeichnet zum Beispiel verantwortlich für die oben gezeigten Aktionen, für die Sunrise-Guerilla «Free Internet» und für Crossgolf auf dem Zürcher Bahnhofplatz. Kunden von Clockworx sind unter anderen die Schweizerische Post, Kraft Foods, Parisienne, Swatch, Swisscom, die UBS und Zimtstern. Die Agentur beschäftigt fünf Mitarbeiter.www.clockworx.ch
Dominic Deville (35) lebt und arbeitet in Luzern und Hamburg, ist Werbe-Guerillero, Schriftsteller, Theaterschaffender, Kindergärtner, Schlagzeuger, Entertainer – und ab August auch noch Vater.