Die rasant wachsende Bedeutung von Facebook fürs Marketing ist atemberaubend. Der Kampf um Aufmerksamkeit im Newsfeed ist lanciert. Eine Aufmerksamkeit, die sich nur bedingt erkaufen lässt. Es sind nicht die grossen Budgets, die gewinnen. Es sind die klugen Kampagnen, die bis zur gewünschten Zielperson vordringen. Die Werbelogik muss neu gedacht werden. Ein Vordenker ist der Schweizer Facebook-Pionier Thomas Hutter. Seine Antworten sind Wegweiser hin zu klugen Kampagnen.
Werbewoche: Erinnerst du dich an deinen ersten Facebook-Post?
Thomas Hutter: Ja, und der war alles andere als spektakulär, am 16.06.08 ein reiner Text-Post «working» …
Du hast als B2B-Marketer 31'000 Fans auf Facebook – Wie machst du das?
Das frage ich mich häufig auch. Es ist eine Kombination mehrerer Faktoren. Mit meinem Blog bringe ich seit bald sieben Jahren regelmässig Inhalte zu Facebook-Marketing, früher auch generell zu Social Media und SEM (Search-Engine-Marketing). Über diesen Zeitraum sind über 1750 Blogbeiträge entstanden. Viele davon top aktuell und fundiert, häufig ausführlich und meistens haben sie dem Leser einen Mehrwert gebracht. Meine Facebook-Community ist sehr organisch entstanden und wenn ich mir die Fans der Seite betrachte, sind darunter viele Menschen, die eben echt am Thema interessiert sind. In der Folge bekomme ich regelmässig eine sehr hohe Reichweite und die Inhalte werden gerne, vor allem in Deutschland, von Magazinen und Zeitschriften aufgegriffen, was zusätzlich Reichweite und so auch wieder Fans generiert. Auch meine vielen Referate an Veranstaltungen in Deutschland und die Seminare tragen dazu bei.
Wie lautet dein ultimatives Erfolgsrezept?
Das Rezept besteht aus drei Relevanzfaktoren und ist ganz einfach: Inhalt, Zielgruppe und Zeitpunkt! Das heisst, relevanter Inhalt für die relevante Zielgruppe zum relevanten Zeitpunkt. Wie gesagt, ganz einfach.
Was ist deiner Meinung nach der am häufigsten begangene Fehler im Facebook-Marketing?
Ja, da sind wir wieder bei den drei Relevanzfaktoren, bzw. der Kombination der Faktoren. Häufig werden diese leider vergessen. Zusätzlich betrachten viele Unternehmen Facebook als «billige» Spielwiese, auf der man schnell noch etwas publizieren kann, häufig entstehen so belanglose oder zweitklassige Inhalte. Vieles davon ist qualitativ schlecht, wenig kreativ, häufig nicht auf den Kanal und/oder die Zielgruppe angepasst und meistens nicht wirklich für den mobilen Konsum aufbereitet. Wird dies dann noch mit einer schlechten strategischen Ausrichtung der Werbeanzeigen kombiniert, ist der Misserfolg grundsätzlich vorprogrammiert. Gerade im Bereich Werbeanzeigen sehe ich tagtäglich extrem dilettantische Arbeiten, leider häufig auch von Agenturen.
Wann nervt dich eine Facebook-Werbung in deinem Feed?
Die Werbung selbst nervt mich nicht. Facebook versteht es gut, Werbeanzeigen fliessend in die Plattform zu integrieren. Häufig nerve ich mich über die Inhalte der Werbeanzeigen. Viele Chancen werden durch schlechte Creatives, mangelnde Zielgruppenansprache und vielmals auch schlechten Landingpages bzw. wenig durchdachten Mechaniken verspielt.
Hast du eine Empfehlung, wann und wie oft man als Marke auf Facebook posten sollte?
Ja. So häufig wie möglich, solange die Inhalte den drei Relevanzfaktoren gerecht werden.
Du weilst viel in Deutschland. Wo steht die Schweiz im Vergleich zum grossen Nachbarn?
Leider hinten nach. Viele Unternehmen in Deutschland sind in diesem Bereich wesentlich weiter, obwohl die Rahmenbedingungen (Datenschutz-/Privatsphärendiskussionen) eigentlich grundsätzlich schlechter sind. Vielen Schweizer Unternehmen geht es aktuell zu gut, so gut, dass man im Marketing, und da vor allem in den neueren Disziplinen, nicht zwingend erfolgreich sein muss. Viele Unternehmen halten sich da an das Bequeme bzw. bereits Bekannte. Plakatkampagnen und Zeitungsinserate sind halt «einfach». Man braucht da nicht viel Hirnschmalz und Aufwand zu investieren … Aus meiner Sicht ist die Passivität, die man bei uns in der Schweiz immer wieder antrifft, sehr gefährlich.
Du hast einen guten Draht zu Facebook. Wie muss man sich das vorstellen?
Wir werden von den Account-Managern von Facebook für unsere kommerziellen Belange sehr gut unterstützt. Wir haben regelmässig Web-/Videokonferenzen, erhalten News und Infos aktiv von Facebook direkt zugesteckt, haben Kontakte zu den verschiedensten Stellen von Facebook in Deutschland, in Irland, England und in den USA und dürfen häufig ganz neue Funktionen bereits in der Beta-Phase testen oder für unsere Kunden testen. Dank dem Blog und den damit verbundenen Arbeiten findet auch regelmässig ein Austausch mit dem Marketing-/PR-Team von Facebook statt.
Wo sind auf Facebook für 2016 besonders kreative Anwendungen möglich?
Sehr spannend sind die neuen Canvas-Ads von Facebook, die sehr viel Kreativität zulassen und gleichzeitig optimale Bedingungen für Mobile bieten. Interessant finde ich das Live-Video-Format mit Facebook Live und Facebook-Mentions. Dieses Format bietet sehr spannende Möglichkeiten für Unternehmen. Auch die 360°-Videos dürften viel kreativen Spielraum bieten. Der Teppich für Kreativschaffende ist ausgerollt …
Was ist dein Rat in Bezug auf den Einsatz von prominenten Persönlichkeiten im Facebook-Marketing?
Ist die Person beliebt, kann das gut funktionieren. Allerdings haben die meisten prominenten Personen auch ganz viele, die sie nicht toll finden. Je nachdem kann der Einsatz einer prominenten Person interessant sein, um allenfalls deren Fangemeinde erreichen zu können. Schlussendlich sind die gleichen Abwägungen notwendig wie beim herkömmlichen Marketing.
Was empfiehlst du als erste Massnahme, wenn ein Shitstorm losbricht?
Ruhe bewahren.
Wie kommen die Facebook-Ads-Preise zustande?
Das Pricing bei Facebook ist extrem komplex. Es spielen viele Faktoren mit: Angebot und Nachfrage, Zielgruppe, Relevanz und Leistung (z.B. Klickrate). Zusätzlich spielen die Prognosen von Facebook über die zu erwartende Leistung mit. Positives und negatives Feedback hat ebenfalls einen Einfluss. Schlussendlich rechnet Facebook immer mit einem absoluten Gebot basierend auf CPM (cost per mille).
Welche typischen Ziele verfolgt man mit einer Facebook-Kampagne?
Die Zielsetzungen können sehr vielseitig sein. Häufig sind es klassische Ziele im Be-reich der Markenführung. Ich denke an Markenbekanntheit und Markenwahrnehmung. Hier hat Facebook viel Potenzial. Aber auch sogenannte Performance-Zielsetzungen, die auf Traffic und Abverkauf zielen, sind durchaus möglich. Leider fehlen häufig Verständnis und Erfahrung, was Ursache und Wirkung anbelangen. Für die gefassten Ziele werden die falschen Massnahmen angewendet.
Es gibt das Problem mit den Ad-Blockern – Wie sehr ist Facebook davon betroffen?
In etwa gleich stark wie die durchschnittlichen Seiten mit Werbeplatzierung im Web. Da nicht alles in Bezug zu Unternehmen über reine Ads-Schaltungen passiert, dürften die Auswirkungen innerhalb von Facebook weniger schlimm sein. Für Facebook selber sind diese allerdings grundsätzlich schlimm genug.
Was können Facebook-Ads besser als Google-AdWords?
Facebook-Ads und Google-AdWords dürfen in der Theorie nicht direkt verglichen werden. Beide Kanäle haben ihre Berechtigung. Facebook-Ads können wesentlich breiter innerhalb der Customer-Journey, des Erlebnispfades, eingesetzt werden. Google-AdWords entfalten ihre Wirkung hauptsächlich dann, wenn eine Nachfrage bereits besteht. Ist die Nachfrage nach einem Produkt oder einer Dienstleistung nicht vorhanden, wird es mit Google-AdWords schwieriger. Facebook hingegen bietet gerade im Bereich der Nachfragegenerierung sehr interessante Möglichkeiten. Optimalerweise stimmt ein Unternehmen den Einsatz von Facebook-Ads und Google AdWords gut aufeinander ab, da häufig eine Korrelation zwischen Facebook-Ads und gesteigerten Google-Suchanfragen deutlich sichtbar ist.
Welches sind die wichtigsten Schritte bei einer Facebook-Ads-Kampagne?
Alle Schritte sind wichtig. Eine gute Strategie, gute Werbemittel, die auf die entsprechenden Ziele und Zielgruppen angepasst sind, der richtige Mix der eingesetzten Mass-nahmen, laufendes Controlling sowie eine kontinuierliche Optimierung auf die Zielsetzung sind meiner Meinung nach für den Erfolg massgebend.
Was sind die wichtigsten Trends, neue Anwendungen beispielsweise, die 2016 die Facebook-Marketing-Welt erobern werden?
Canvas-Ads, 360°-Videos, Live-Formate. Zusätzlich dürfte die vermehrte Kombination von Retargeting und Ads-Schaltung sehr viel Potenzial bieten. Ich denke, dass Facebook da noch einiges für uns alle bereithält …
Interview: Beat Hürlimann