Das neue TV-Wunderland?
Wie Google-TV das Fernsehen verändern wird und weshalb doch alles beim Alten bleibt.
Es klappt ja nicht immer im ersten Anlauf: In den letzten Jahren war immer wieder von der kurz bevorstehenden Verschmelzung von Internet und TV die Rede und es kamen Geräte auf den Markt, mit denen Fernseh-Geräte internettauglich aufgerüstet werden konnten. Doch für den damit verbundenen Kabelsalat und Konfigurationsaufwand konnten sich bisher allenfalls eingefleischte Technikfreaks, nicht aber das breite Publikum begeistern. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Apple-TV-Box, die vor drei Jahren lanciert, aber seither kaum beworben wurde und nicht abgehoben hat. Apple-Chef Steve Jobs bezeichnete das TV-Engagement jüngst an einer Branchenkonferenz als «ein Hobby». Denn solange vor allem Kabelnetzbetreiber mit ihren Set-Top-Boxen den Markt besetzt hätten, sei es kaum möglich, Innovationen in den Wohnzimmern einzuführen. Konsumenten wollten nicht noch eine weitere Box mit einer neuen Menuführung und einer zusätzlichen Fernbedienung. Zudem sei der Kabel-TV-Markt mit zahlreichen verschiedenen Anbietern ausgesprochen balkanisiert, was eine gemeinsame Marktoffensive verunmögliche. Jobs weiss, was zu tun wäre: Man müsse zurück auf Feld eins, die verschiedenen Set-Top-Boxen auseinandernehmen und von Grund auf neu gestalten, um mit einer einheitlichen Benutzeroberfläche alle verschiedenen Funktionen zugänglich zu machen. Dann müsse das Ganze den Konsumenten noch so präsentiert werden, dass sie dafür gerne bezahlen. «Ich bin sicher, dass es intelligentere Menschen als uns geben wird, die herausfinden werden, wie dieses Problem gelöst werden kann», sagte Jobs und begründete damit, weshalb TV für Apple eben hinter iPhone und iPad nur ein Hobby sei. Gut möglich, dass Google genau das gelingt. Zwar wurde die Google-TV-Offensive schon im Mai dieses Jahres angekündigt, doch erst Anfang Oktober wurde es richtig konkret, vor allem als der Schweizer Peripheriegeräte-Hersteller Logitech die erste Google-TV-Box («Revue») vorstellte. Ist das Gerät einmal zwischen TV-Receiver und Fernseher eingebaut, wird es zum zentralen Kontrollpunkt des heimischen AV-Systems und steuert (über externe IR-Booster) weitere Geräte, womit Jobs Vorstellung einer integrierten Lösung im Prinzip entsprochen wird. Die von den Smartphones her bekannten Apps können nun auf dem Fernseher genutzt werden und dank dem Google-Web-Browser Chrome kann im Internet gesurft werden, was einfacher gelingt, wenn eine drahtlose Tastatur als Fernbedienung benutzt wird. Natürlich können Medieninhalte, sei s aus der hauseigenen Bibliothek oder von Online-Verleihfirmen, abgespielt werden. Und es gibt etliche weitere coole Funktionen wie etwa die Steuerung per Spracheingabe anstatt mit der Fernbedienung.
Google-TV wird bald überall drin sein
Doch das Wichtigste für die künftige Entwicklung wird leicht übersehen: Google-TV basiert auf dem offenen Android-Betriebssystem von Google. Bereits sind etliche Mobiltelefonhersteller auf dieses Gratis-Angebot von Google eingestiegen, denn so können sie eigene Entwicklungskosten sparen und profitieren von den ständig steigenden Marktanteilen und der entsprechenden Bekanntheit. Deshalb stehen die Chancen gut, dass Google-TV bald überall drin sein wird: In Fernsehapparaten, aber auch in weiteren Set-Top-Boxen und in Spielekonsolen. Wie vor dreissig Jahren sich bei uns der Teletext in relativ kurzer Zeit etablierte, dürfte die Google-TV-Plattform zum globalen Standard auf TV-Geräten werden.
Gelingt es, mit Google-TV die Heimbildschirme ans Internet anzuschliessen, geraten bestehende Geschäftsmodelle ins Wanken. Apps, mit denen à la carte Sendungen abgerufen und eingekauft werden können, werden etablierten Playern, vorab Pay-TV-Anbietern und Kabelnetzbetreibern, das Wasser abgraben. Doch aus Sicht von Google dürften dies Nebenwirkungen und nicht die hauptsächliche Absicht sein. Es geht vor allem um Werbung und dabei zuerst um Nutzerdaten. Schon längst analysiert ¬Google aufgrund der Suchanfragen unser Surf-Verhalten, um so unsere Interessen und Vorlieben zu erkennen und mit entsprechenden Werbebotschaften zu verbinden. Können nun zusätzlich unsere TV-Gewohnheiten analysiert werden, bedeutet dies einen gewaltigen Schritt vorwärts. Zum einen dann, wenn das Surf-Verhalten mit dem TV-Verhalten ergänzt werden kann und die entsprechenden Nutzerprofile schärfer werden. Zum andern, wenn so Bevölkerungsgruppen, die kaum im Web surfen, neu erfasst werden können und so die Reichweiten für zielgruppengenaue Werbeverkäufe erweitert wird.
Individualisierte Programmempfehlungen
Herzstück dieser Strategie ist der Elektronische Programmführer (EPG). Gleich wie mit Programmzeitschriften können Benutzer damit entscheiden, was auf den Bildschirm kommt und was nicht. Hier kann Google bestehende Angebote, etwa auf Set-Top-Boxen der Kabel-Provider, überholen und mit individualisierten Programmempfehlungen aufwarten. Dazu wird die eigene Programmauswahl der Vergangenheit mit ähnlich gelagerten Nutzerprofilen verrechnet. Werden noch Informationen aus den sozialen Netzen («Schau, was deine Freunde schauen») mit berücksichtigt, kann ein nützlicher Führer durch die Programmflut entstehen. Google-TV kann dabei nicht nur all die Sendungen, die über die Luft, über Kabel oder Satellit empfangen werden, auflisten, sondern die Übersicht mit Inhalten ergänzen, die aufgezeichnet (Familienvideos) oder eingekauft (bei On-demand-Anbietern) wurden oder die im Internet (Youtube etc.) abgerufen werden können. Zwar ist Google als Plattform-Eigner in einer guten Ausgangslage, den sich für die nächsten Jahre abzeichnenden EPG-Krieg zu gewinnen. Dabei werden in jedem Fall die Dienstleister mitreden wollen, die heute mit dem Aggregieren von Programmdaten ihr Geschäft machen. Diese könnten mit einer Android-App einfach ein Alternativ-Angebot lancieren und so Google auf der eigenen Plattform schlagen.
Handlungsbedarf bei Finanzierung und Werbeverboten
Der Heimaltar wird zum globalen Marktplatz und das hat tief greifende Folgen. Vorab werden dies etablierte Sender zu spüren bekommen. Denn nicht länger erscheint beim Einschalten des Fernsehers der erste Kanal, sondern das Heim-Menü von Google-TV, das frei zusammengestellt werden kann. Und da sind Fernsehkanäle nur noch eine Möglichkeit unter vielen, denn herkömmliches Fernsehen braucht es nur noch für Live-Übertragungen, vor allem im Sport. Daneben kann nun die Medienkonsumzeit vor dem Fernseher mit vielen anderen Inhalten und Aktivitäten verbracht werden. Etwa mit interaktiven Spielen, mit Web-Videos und Video-Chats.
Google-TV rüttelt an den Finanzierungsfundamenten sowohl bei gebührenfinanzierten wie bei privaten Stationen. Akzeptieren Konsumenten Google-TV, wird die Politik längerfristig nicht darum herumkommen, gesetzliche Grundlagen zu überdenken und den neuen Gegebenheiten anzupassen. Denn damit kann der Übergang von der gebührenfinanzierten Rundfunkgebühr zu einem flächendeckenden Pay-per-view-System und somit individuellen nutzungsabhängigen Abrechnung (gleich wie beim Wasser- und dem Elektrizitätsverbrauch) begründet werden. Dabei kommen Abonnements ebenso wie Einzelverkauf von Sendungen infrage. Handlungsbedarf wird es nicht nur bei der Finanzierung, sondern auch bei Werbeverboten geben: Wie etwa soll mit verbotener Tabak- und Alkoholwerbung umgegangen werden, die zwar auf dem TV-Schirm, etwa als teilweise Überblendung des laufenden Programms, angezeigt wird, aber übers Internet verteilt wird? Private Stationen müssen befürchten, dass ihnen Anbieter wie Google-TV die Werbung abgraben, da sie dank der Targeting-Daten Zuschauer weit präziser ansprechen können. Zudem fördern Angebote wie Google-TV den zeitversetzten Konsum, womit die Reichweitenmessung für TV-Spots, die dann oft übersprungen werden können, schwieriger wird.
Wer interessante Inhalte hat, packt diese in eine App und muss nur noch schauen, dass diese von möglichst vielen Leuten heruntergeladen und, je nach Geschäftsmodell, auch bezahlt wird. Das eröffnet Grossverlagen wie Kleinunternehmern gleichermassen neue Chancen. Wo Redaktionen effizient multimedial arbeiten, können Inhalte im Prinzip ohne grosse Mehraufwendungen für diesen neuen Verteilkanal hergestellt werden. Denn so gross ist der Unterschied von einer iPad-Edition zur einer TV-Ausgabe nicht. Über Plattformen wie Google-TV oder Apple-TV können aber auch innovative Start-ups, etwa Video-Podcast-Produzenten, einfach und auf der ganzen Welt ein Publikum finden.
Noch unklar ist, wie das Werbegeschäft ablaufen soll
Das neue TV-Wunderland wird nicht über Nacht kommen ganz im Gegenteil: Der Grossteil der Bevölkerung wird noch etliche Jahre vor allem TV-Programme über Kabel, per Antenne oder Satellitenschüssel empfangen und wie gewohnt konsumieren. Auch werden Video-on-demand-Angebote nur zögerlich auftauchen, da Serviceanbieter dazu langwierige und komplexe Lizenzierungsverhandlungen führen müssen. Und auch die Werbung wird sich nur allmählich in namhaften Grössenordnungen verschieben wenn denn überhaupt. Wird im Web-Browser Werbung, die sich an persönlichen Interessen orientiert, weitgehend akzeptiert, kann dies auf dem TV manchen Zeitgenossen nicht geheuer vorkommen und zu Abwehrreaktionen führen. So hat denn Google noch keine konkreten Pläne bekannt gegeben, wie dereinst auf Google-TV das Werbe¬geschäft genau ablaufen soll.
Christoph J. Walther
Google-TV wird bald überall drin sein
Doch das Wichtigste für die künftige Entwicklung wird leicht übersehen: Google-TV basiert auf dem offenen Android-Betriebssystem von Google. Bereits sind etliche Mobiltelefonhersteller auf dieses Gratis-Angebot von Google eingestiegen, denn so können sie eigene Entwicklungskosten sparen und profitieren von den ständig steigenden Marktanteilen und der entsprechenden Bekanntheit. Deshalb stehen die Chancen gut, dass Google-TV bald überall drin sein wird: In Fernsehapparaten, aber auch in weiteren Set-Top-Boxen und in Spielekonsolen. Wie vor dreissig Jahren sich bei uns der Teletext in relativ kurzer Zeit etablierte, dürfte die Google-TV-Plattform zum globalen Standard auf TV-Geräten werden.
Gelingt es, mit Google-TV die Heimbildschirme ans Internet anzuschliessen, geraten bestehende Geschäftsmodelle ins Wanken. Apps, mit denen à la carte Sendungen abgerufen und eingekauft werden können, werden etablierten Playern, vorab Pay-TV-Anbietern und Kabelnetzbetreibern, das Wasser abgraben. Doch aus Sicht von Google dürften dies Nebenwirkungen und nicht die hauptsächliche Absicht sein. Es geht vor allem um Werbung und dabei zuerst um Nutzerdaten. Schon längst analysiert ¬Google aufgrund der Suchanfragen unser Surf-Verhalten, um so unsere Interessen und Vorlieben zu erkennen und mit entsprechenden Werbebotschaften zu verbinden. Können nun zusätzlich unsere TV-Gewohnheiten analysiert werden, bedeutet dies einen gewaltigen Schritt vorwärts. Zum einen dann, wenn das Surf-Verhalten mit dem TV-Verhalten ergänzt werden kann und die entsprechenden Nutzerprofile schärfer werden. Zum andern, wenn so Bevölkerungsgruppen, die kaum im Web surfen, neu erfasst werden können und so die Reichweiten für zielgruppengenaue Werbeverkäufe erweitert wird.
Individualisierte Programmempfehlungen
Herzstück dieser Strategie ist der Elektronische Programmführer (EPG). Gleich wie mit Programmzeitschriften können Benutzer damit entscheiden, was auf den Bildschirm kommt und was nicht. Hier kann Google bestehende Angebote, etwa auf Set-Top-Boxen der Kabel-Provider, überholen und mit individualisierten Programmempfehlungen aufwarten. Dazu wird die eigene Programmauswahl der Vergangenheit mit ähnlich gelagerten Nutzerprofilen verrechnet. Werden noch Informationen aus den sozialen Netzen («Schau, was deine Freunde schauen») mit berücksichtigt, kann ein nützlicher Führer durch die Programmflut entstehen. Google-TV kann dabei nicht nur all die Sendungen, die über die Luft, über Kabel oder Satellit empfangen werden, auflisten, sondern die Übersicht mit Inhalten ergänzen, die aufgezeichnet (Familienvideos) oder eingekauft (bei On-demand-Anbietern) wurden oder die im Internet (Youtube etc.) abgerufen werden können. Zwar ist Google als Plattform-Eigner in einer guten Ausgangslage, den sich für die nächsten Jahre abzeichnenden EPG-Krieg zu gewinnen. Dabei werden in jedem Fall die Dienstleister mitreden wollen, die heute mit dem Aggregieren von Programmdaten ihr Geschäft machen. Diese könnten mit einer Android-App einfach ein Alternativ-Angebot lancieren und so Google auf der eigenen Plattform schlagen.
Handlungsbedarf bei Finanzierung und Werbeverboten
Der Heimaltar wird zum globalen Marktplatz und das hat tief greifende Folgen. Vorab werden dies etablierte Sender zu spüren bekommen. Denn nicht länger erscheint beim Einschalten des Fernsehers der erste Kanal, sondern das Heim-Menü von Google-TV, das frei zusammengestellt werden kann. Und da sind Fernsehkanäle nur noch eine Möglichkeit unter vielen, denn herkömmliches Fernsehen braucht es nur noch für Live-Übertragungen, vor allem im Sport. Daneben kann nun die Medienkonsumzeit vor dem Fernseher mit vielen anderen Inhalten und Aktivitäten verbracht werden. Etwa mit interaktiven Spielen, mit Web-Videos und Video-Chats.
Google-TV rüttelt an den Finanzierungsfundamenten sowohl bei gebührenfinanzierten wie bei privaten Stationen. Akzeptieren Konsumenten Google-TV, wird die Politik längerfristig nicht darum herumkommen, gesetzliche Grundlagen zu überdenken und den neuen Gegebenheiten anzupassen. Denn damit kann der Übergang von der gebührenfinanzierten Rundfunkgebühr zu einem flächendeckenden Pay-per-view-System und somit individuellen nutzungsabhängigen Abrechnung (gleich wie beim Wasser- und dem Elektrizitätsverbrauch) begründet werden. Dabei kommen Abonnements ebenso wie Einzelverkauf von Sendungen infrage. Handlungsbedarf wird es nicht nur bei der Finanzierung, sondern auch bei Werbeverboten geben: Wie etwa soll mit verbotener Tabak- und Alkoholwerbung umgegangen werden, die zwar auf dem TV-Schirm, etwa als teilweise Überblendung des laufenden Programms, angezeigt wird, aber übers Internet verteilt wird? Private Stationen müssen befürchten, dass ihnen Anbieter wie Google-TV die Werbung abgraben, da sie dank der Targeting-Daten Zuschauer weit präziser ansprechen können. Zudem fördern Angebote wie Google-TV den zeitversetzten Konsum, womit die Reichweitenmessung für TV-Spots, die dann oft übersprungen werden können, schwieriger wird.
Wer interessante Inhalte hat, packt diese in eine App und muss nur noch schauen, dass diese von möglichst vielen Leuten heruntergeladen und, je nach Geschäftsmodell, auch bezahlt wird. Das eröffnet Grossverlagen wie Kleinunternehmern gleichermassen neue Chancen. Wo Redaktionen effizient multimedial arbeiten, können Inhalte im Prinzip ohne grosse Mehraufwendungen für diesen neuen Verteilkanal hergestellt werden. Denn so gross ist der Unterschied von einer iPad-Edition zur einer TV-Ausgabe nicht. Über Plattformen wie Google-TV oder Apple-TV können aber auch innovative Start-ups, etwa Video-Podcast-Produzenten, einfach und auf der ganzen Welt ein Publikum finden.
Noch unklar ist, wie das Werbegeschäft ablaufen soll
Das neue TV-Wunderland wird nicht über Nacht kommen ganz im Gegenteil: Der Grossteil der Bevölkerung wird noch etliche Jahre vor allem TV-Programme über Kabel, per Antenne oder Satellitenschüssel empfangen und wie gewohnt konsumieren. Auch werden Video-on-demand-Angebote nur zögerlich auftauchen, da Serviceanbieter dazu langwierige und komplexe Lizenzierungsverhandlungen führen müssen. Und auch die Werbung wird sich nur allmählich in namhaften Grössenordnungen verschieben wenn denn überhaupt. Wird im Web-Browser Werbung, die sich an persönlichen Interessen orientiert, weitgehend akzeptiert, kann dies auf dem TV manchen Zeitgenossen nicht geheuer vorkommen und zu Abwehrreaktionen führen. So hat denn Google noch keine konkreten Pläne bekannt gegeben, wie dereinst auf Google-TV das Werbe¬geschäft genau ablaufen soll.
Christoph J. Walther



