Die Medienwelt sei im Umbruch, meint der Vizepräsident des Verbands Schweizer Presse im Artikel. Das schaffe neue Möglichkeiten, wecke jedoch auch Ängste. Befürchtungen, die Schweizer Presse könne ihre Rolle in der direkten Demokratie nicht mehr erfüllen oder es gäbe in der Schweiz eine Medienkrise, hätten mit der Realität aber wenig zu tun. Nie sei das Angebot an Informationen so vielfältig und breit gewesen wie heute.
Bezug nimmt Supino vor allem auf das kürzlich publizierte Jahrbuch
«Qualität der Medien» des Zürcher Soziologen Kurt Imhof und seines Teams vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich (fög). Imhof beklagt darin den «Vormarsch qualitätsschwacher Medien» wie Gratiszeitungen und Online-Nachrichtenseiten und zeigt eine schrumpfende Vielfalt sowie eine Boulevardisierung der Medienarena auf.
Online bietet Chancen
Die Vorwürfe Imhofs, Onlinemedien führten dazu, dass längerfristige Zusammenhänge kaum mehr reflektiert würden, seien überzogen. «Online ist ein Medium, das wie kein zweites die Möglichkeit der Vertiefung und Einordnung bietet.» Anders als eine Tageszeitung könne es Ereignisse fortlaufend einbetten, Dossiers nachführen und Links zu weiteren Informationen bereitstellen. «Das Internet schenkt uns allen ein langes Gedächtnis.»
Auch für die Journalisten biete das Internet bei der Recherche enorme Vorteile, was sowohl der Qualität der Medien wie auch dem staatsbürgerlichen Wissen der Nutzer zugute komme. Online-Newssites seien zudem «keineswegs Plattformen für geistig Minderbemittelte». Der durchschnittliche Nutzer eines Nachrichtenportals sei gemäss Studien gebildeter als ein durchschnittlicher Leser entsprechender Zeitungen.
Plädoyer für Gratiszeitungen
Supino hält die These, Gratiszeitungen würden der klassischen Tageszeitung Inserate wegnehmen und mehr Leser würden durch sie auf eine Bezahlzeitung verzichten, für falsch. Tageszeitungen würden unabhängig von der Existenz der Pendlerzeitungen an Auflage verlieren. In Deutschland beispielsweise, wo es keine Pendlerzeitung gibt, gingen die Auflagen der Tageszeitungen mehr zurück als hierzulande. Pendlerzeitungen könnten zudem die Gattung Tageszeitung stärken. Der Wettbewerb beflügle die Qualität. Bezahlte Zeitungen seien so gezwungen, ihren Lesern zusätzliche Vertiefung zu bieten. Auch könnten Gratiszeitungen helfen, Produktions- und Logistikkosten zu senken.
Bezahlte Tageszeitungen hätten schon in der Vergangenheit Mühe gehabt, junge Leser anzusprechen. Gerade dies sei aber den Pendlerzeitungen «in hohem Masse» gelungen. Ebenso würden sie von der ausländischen Bevölkerung gelesen, hätten also eine integrative Wirkung. Man möge einwenden, dass politische und wirtschaftliche Themen nicht sehr vertieft abgehandelt werden. Es sei aber abwegig, deswegen die «Elimination der Gratiskultur» zu fordern. «Wenn es 20 Minuten nicht gäbe, würden diese Leser kaum eine Tageszeitung abonnieren.»
Es möge sein, dass in einzelnen Medien die Themen und Darstellungsformen, die Kurt Imhof und sein Team als politisch-gesellschaftlich relevant betrachten, wenig vorkämen. Für die Gesellschaft entscheidend sei jedoch, ob das Angebot insgesamt genüge, damit die Medien ihre Forums-, Kontroll- und Integrationsfunktion erfüllten.
Qualitätssicherung durch investigativen Journalismus
Gefahr drohe der Vielfalt und Glaubwürdigkeit des Journalismus weniger von den neuen Medien. Der öffentliche Diskurs gerate zunehmend unter den Einfluss der PR-Industrie. In diesem Hinblick sei es von grosser Bedeutung, den investigativen Journalismus zu stärken. Qualitätsmedien könnten sich durch unabhängige Rechercheleistungen abheben. Dafür brauche es jedoch wirtschaftlich starke Medienhäuser. Nur eine ausreichende Profitabilität schaffe verlegerische Unabhängigkeit.
Für Verleger stelle sich denn auch die Frage, wie Qualität gesichert werden könne. «So trivial es klingen mag: Die Basis bilden gute Journalistinnen und Journalisten. Voraussetzungen, um sie zu gewinnen, sind attraktive Medien, anständige Arbeitsbedingungen und Redaktionen, die mit angemessenen Ressourcen ausgestattet sind.»