Baidu, Tencent und Alibaba
China ist der grösste Internet-Markt – wann werden die fernöstlichen Schwergewichte sich bei uns breit machen?
Auch wenn sich Chinas Online-Wirtschaft gleich oder ähnlich wie im Westen entwickelte, gibt es doch interessante eigenständige Entwicklungen. Gut möglich, dass die chinesischen Internet-Giganten längerfristig in die westlichen Märkte expandieren werden. Deshalb ist es nützlich, sich schon heute mit den wichtigsten Playern vertraut zu machen.
Wir sagen Google, die Chinesen sagen Baidu. Der chinesische Suchmaschinen-Gigant gleicht tatsächlich in Vielem seinem westlichen Ebenbild: Neben der Suche werden zahlreiche weitere Produkte angeboten, darunter ein Suchdienst für MP3-Musikda¬teien und für Bilder sowie etwa ein Weblog- und ein Lexikon-Dienst. Gleich wie Google wurde Baidu von zwei talentierten Jungunternehmern gegründet, die zuvor in den USA tätig waren. So hat Robin Li schon Mitte der 1990er-Jahre für den Wirtschaftsnachrichtendienst IDD die Suchmaschine RankDex entwickelt und dabei ähnliche Vorgehensweisen zum Bewerten von Websites angewandt wie die beiden Google-Gründer mit ihrem Algorithmus.
Beide Unternehmen haben vergleichbare Ertragsmodelle in der Online-Werbung, die für bestimmte Suchbegriffe selber gebucht werden kann und bei passenden Suchanfragen oder auf Partner-Sites mit eingebunden werden. Baidu wirbt für sein Angebot mit dem Argument, so 95 Prozent aller chinesischen Internet-Benutzer erreichen zu können. Während Google stark von einem Ingenieur-Denken getrieben ist, stehen bei Baidu Produkt-Manager im Vordergrund, die sich vorab am Kundennutzen orientieren. Für das Gesamtjahr 2010 meldete Baidu einen Umsatz von knapp 2 Milliarden Dollar, was gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung um 78 Prozent entspricht. Der Betriebsgewinn vervielfachte sich gar um 147 Prozent auf knapp 600 Millionen Dollar.
Baidu ist vor allem deshalb gewachsen, weil Google sich im Frühling 2010 nach Hongkong zurückgezogen hatte, um sich so den Auflagen der chinesischen Behörden zu entziehen, die verlangen, staatskritische Treffer herauszufiltern. Entspre¬chend sank Googles Marktanteil von 30 Prozent im Jahr 2009 auf 26 Prozent, und es wird erwartet, dass die Amerikaner im Reich der Mitte weiter Terrain verlieren werden. Doch der Rückzug von Google gereicht Baidu nicht zur Freude: Nicht nur gibt es Vorwürfe wegen Missbrauchs seiner dominanten Stellung im Markt, sondern im Februar ist mit Panguso ein neuer Konkurrent auf den Plan getreten. Diese Suchmaschine ist ein Joint-Venture der beiden Staatsbetriebe China Mobile und der Nachrichtenagentur Xinhua, wobei noch offen ist, wie dieses Angebot beim Publikum ankommen wird.
Den chinesischen Internet-Markt kann nur verste¬hen, wer Tencent QQ kennt. Anders als Baidu ist Tencent ein rein chinesisches Phänomen, zugleich das grösste Internet-Unternehmen in China und hinter Google und Amazon das drittgrösste weltweit. Ge¬gründet 1998, ging Tencent als Instant-Messaging-Dienst an den Start, und dieses Merkmal bleibt bei seinen weltweit 636 Millionen aktiven Benutzern (Stand: September 2010) weiterhin wichtig. Denn seither sind weitere Dienste, wie ein umfassendes News-Portal, Foren und Chatrooms, Blogs und Micro-Blogs, Dating und vor allem Games dazu gekommen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Tencent sich nur zum kleinsten Teil (8 Prozent der Einnahmen im 2009) über Werbung finanziert. Denn Tencent ist Meister im Verkauf von Zusatzdiensten: Mehr als drei Viertel der Erträge werden so im Internet und die rest¬lichen 15 Prozent im Mobile-Bereich erwirtschaftet.
Damit sind die Chinesen Vorbild für Online-Dienste im Westen, die bei der Suche nach Ertragsmodellen bis zu Werbeeinnahmen und nicht weiter gekommen sind. Doch werden sich wohl nicht alle Erfolgsrezepte aus dem Osten einfach übernehmen lassen: Werden auch bei uns virtuelle Kleider und Accessoires für den eigenen Avatar (visueller Repräsentant etwa in On¬line-Games oder im Chat) zum Renner? Immerhin ist das Geschäft mit virtuellen Gütern auch in anderen asiatischen Märkten am Boomen, wie etwa die Bei¬spiele der zwei grössten sozialen Netzwerke in Japan, Gree und DeNA, zeigen. Konsequenterweise hat Ten¬cent mit der Q-Münze eine eigene virtuelle Währung eingeführt. Diese ist derart populär, dass sie längst auch in weiteren Online-Shops zum Bezahlen akzeptiert wird, weshalb die chinesische Zentralbank Bedenken angemeldet hat. Doch auch in der realen Welt macht Tencent dank der grossen Bekanntheit seiner QQ-Marke Geschäfte: In über 200 Q-Gen-Läden wer¬den Merchandising-Artikel wie Taschen, Uhren, Klei¬der und Pinguine als Markenmaskottchen verkauft. Seit 2008 expandiert Tencent in ausländische Märkte, hat dazu eine internationale Version seines Mittei¬lungs-Portals geschaffen und arbeitet mit Partnern in Asien (Indien, Vietnam) und in den USA (mit America Online) zusammen. Gleich wie Facebook, die in China nicht erreichbare amerikanische Konkurrenz, will Tencent künftig seine Plattform Dritten für den Ver¬trieb von Apps öffnen, wie Tencent-Chef Martin Lau unlängst in einem Interview offen legte. Dabei sprach er auch davon, gleich wie Facebook, künftig auch auf benutzerspezifische (targeted) Werbe-Einblendungen zu setzen, die in China noch nicht sehr weit entwickelt seien.
In China weit verbreitet sind Blogging-Plattfor¬men, die von allen grossen Portalen, neben Tencent etwa von Sina, NetEase oder Sohu, angeboten werden. Da der Zugang zu Twitter in China gesperrt ist, gibt es eigene Gegenstücke, vorab das Monster-Portal Sina mit seinem Weibo-Dienst, bei dem sich derzeit über 100 Millionen Benutzer registriert haben. Kürzlich haben die Chinesen das westliche Pendant über¬trumpft und einen Instant-Messaging-Dienst sowie mit Voicemail-Tweets und direkten Video-Uploads weitere zeitgemässe Multimedia-Merkmale hinzugefügt. Auch wurden für ortsbezogene Dienste mit Check-in-Funktionen ein öffentlicher Testbetrieb gestartet. Bei der Promotion seiner Angebote setzt Sina stark auf Prominente, denen spezielle Accounts ange¬boten werden.
Besonders heiss umkämpft ist der eCommerce-Markt in China. Dangdang ist zwar der erste, wenn auch nicht dominante B2C-Player, der 1999 gegründet und als eine der ersten Websites durch Venture-Captial finanziert wurde. 2004 übernahm Amazon Joyo.com, und gleichzeitig trat 360buy.com auf den Plan. Vorab im Büchermarkt liefern sich diese drei Grossen einen regelrechten Preiskrieg: Im Kampf um Marktanteile werden Preise hemmungslos unterboten. Noch ist ein Ende nicht abzusehen, denn die Kriegskassen werden weiter gefüllt: Amazon wird vom amerikanischen Mutterhaus unterstützt, und Dangdang ist im letzten Dezember erfolgreich an die New Yorker Börse gegan¬gen, während der amerikanische Einzelhandelskonzern Wal-Mart kürzlich bei 360buy.com mit 500 Mil¬lionen USD eingestiegen ist und ein Börsengang eben¬falls erwartet wird.
Der Optimismus der Investoren und der Kampfes¬wille der Unternehmen ist verständlich, wenn etwa die Prognosen der Credit Suisse in Betracht gezogen werden, die in einer Studie vom Januar dieses Jahres bis 2015 eine Vervierfachung des chinesischen e-Commerce-Marktes vorausgesagt hat. Dieser soll dann jährlich 311 Milliarden Dollar gross und somit wahrscheinlich grösser als der vergleichbare US-Markt sein. Allerdings wird der Löwenanteil dieser Geschäfte weiterhin auf dem C2C-Portal Taobao erfolgen, über das heute 80 Prozent des chinesischen eCommerce-Handels abgewickelt werden. So haben etliche grosse Marken, wie etwa Procter & Gamble, Motorola, Nike und Adidas, anstatt eigene Online-Shops aufzuziehen, es vorgezogen, ihre Angebote auf Taobao zu verkaufen, das besonders unter jungen Chinesen populär ist. Anders als beim westlichen Gegenstück, eBay, werden die allermeisten Waren auf Taobao zu Festpreisen angeboten und nicht auk¬tioniert. Dabei kommt allerdings ein besonders Merkmal von Taobao zum Einsatz: Käufer und Ver¬käufer kommunizieren vor dem Kauf häufig über das in der Site eingebaute Chat-Programm namens Ali¬WangWang. So werden Kunden beraten und Preise verhandelt. Zahlungen werden über das eigene Online-Bezahlsystem AliPay abgewickelt. Beachtenswert ist das Projekt, Käufer in einem eigenen Sozialen Netzwerk zusammenzuführen, um so das Ge¬schäft mit Mund-zu-Mund-Promotionen und gezielter Werbung anzukurbeln. Dieser riesige Online-Basar gehört ins Reich des oft als charismatisch und elfenhaft beschriebenen Milliardärs und früheren Lehrers Jack Ma, dem auch die B2B-Plattform Aliba¬ba.com gehört, über die viele Exportgeschäfte abgewickelt werden.
Hintergrund
Ende letzten Jahres gab es in China 457 Millionen Internet-Nutzer, ein Zuwachs von 73,3 Millionen innerhalb eines Jahres. Die Inter¬net-Verbreitung liegt nun bei 34,3 Prozent oder 5,4 Prozent höher gegenüber dem Vorjahr. Angesichts dieser Wachstumsraten wird erwartet, dass bis Ende 2015 weitere 365 Millionen Chinesen im Netz sein werden. Wie aus den halbjährlich veröffentlichten chinesischen Internet-Statistiken weiter hervor¬geht, stieg die Zahl der mobilen Internetnutzer im letzten Jahr um 69,3 Millionen auf 303 Millionen.
Damit wird China für Internet-Unternehmen zu einem sehr lukrativen Markt, der allerdings wegen der staatlichen Kontrollen stark abgeschottet ist. Nicht zuletzt deshalb hat eine eigenständige Online-Branche entstehen können, die von den drei Schwerge¬wichten Baidu, Tencent und Alibaba dominiert wird. Wären Twitter und Facebook nicht vom Markt ausgeschlossen, hätten einhei¬mische Unternehmen sich wohl kaum so entwickeln können, dass viele von ihnen heute erfolgreich in den USA an die Börse gehen. Zwar werden sie in den eigenen Märkten noch ausgiebig wachsen kön¬nen, doch erscheint eine Expansion ins Ausland zumindest mittel- und längerfristig nahe liegend. Yu Yongfu, CEO von UC Technology, Hersteller eines Web-Browsers für mobile Geräte, brachte es kürzlich selbstbewusst so auf den Punkt: «Sind die USA das Zentrum für das Computer-basierte Internet, so wird China zum Welt-Leader beim mobilen Internet.»








