WW: Am Schweizerischen Marketing-Tag haben Sie darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass Marketer die Augen endlich fürs Controlling öffnen, für die Zahlen, die sie mit Ihren Produkten machen – oder eben nicht. Wieso muss man darauf explizit hinweisen?
Dr. Thorsten Truijens: Ich habe den Eindruck, dass schon viele Betriebswirtschaftsstudenten hier im Haus sehr stolz darauf sind, dass sie es erfolgreich vermieden haben, sich mit Finanzen auseinanderzusetzen. Finanzen sind nun mal nicht das Sexiest Topic of the World, schon BWLer winden sich darum herum. Noch mehr gilt das für Marketing- und Vertriebsleute. Ihnen fehlt oft die Bereitschaft, sich einmal eine Stunde hinzusetzen und zu verstehen, was dort in diesem Spread Sheet, in der Bilanz, in der Verlustrechnung passiert. Ein Buchhalter kann sich acht Stunden damit beschäftigen, das scheint eine Frage der Persönlichkeit zu sein. Dem Marketer fehlt dazu die Ruhe und das ist schon die erste grosse Hürde. Im Marketing ist sehr vieles Common Sense, im Finanzbereich dagegen gibt es Grundlagen, die man beherrschen muss. Man muss sich Zeit nehmen, um zu lernen, was dahinter steckt. Wenn man das nicht verinnerlicht, bekommt man die Finanzen nie in den Griff und jedes Meeting, in dem Finanzen ein Thema sind, ist peinlich. Denn man weiss ja, dass man das eigentlich wissen müsste. Deshalb kann man nicht fragen.
Bei Sitzungen mitreden zu können, ist ein gutes Gefühl. Aber gibt es auch noch wichtigere Argumente, warum Marketer Finanzwissen haben sollten?
Durch meine Berufspraxis wurde bei mir das Bild des Marketers geprägt, der nicht viel mit Finanzen zu tun haben WILL. Wenn er auf einer unteren Hierarchieebene bleibt, braucht er das ja vielleicht auch nicht. Oder wenn er in einem Unternehmen arbeitet, das enorm erfolgreich ist und eine riesige Marge hat, ist es vielleicht auch nicht so wichtig. Ich glaube nicht, dass Steve Jobs mal in ein Exel File geschaut hat, aber Apple hat auch 30 Prozent Marge. Wenn Sie das Marketing für ein Unternehmen mit geringerer Marge machen und in der Hierarchie aufsteigen, ist es elementar, dass Sie quantifizieren können, was Sie vorhaben. Sonst kriegen Sie Ihre Pläne nicht durch. Denn die Macht hat der Controller, und den müssen Sie als Marketer überzeugen können. Der Controller hat keine Bringschuld, der Marketer hat eine Hohlschuld.
Sie sind der Meinung, den ersten Schritt zum Aufbau einer «lebenslangen Freundschaft» müsse der Marketer machen. Muss der Controller überhaupt nicht auf den Marketer zugehen?
Das ist so. Das ist eine Frage der Persönlichkeitsstruktur. Der Controller sitzt lieber in seinem Büro und rechnet Excel, das tut er auch deshalb, weil er in der Vergangenheit extrem vom Marketer getäuscht wurde, der tolle Sachen versprochen, aber nicht abgeliefert hat. Ausserdem hat der Marketer oft eine sehr blumige Sprache, die sich nicht in Zahlen fassen lässt. Das liegt dem Controller nicht. Dem Marketer bleibt also nichts anderes übrig, als das Vertrauen des Controllers zu erobern – wie ein Sechsjähriger, der seinen Eltern zeigen muss, dass er mit Taschengeld umgehen kann. Und das meine ich ganz unironisch. Der Controller hat in vielen Unternehmen einfach die grössere Machtposition und wird nicht beim Marketer an die Tür klopfen, um eine Brücke zu bauen und einen Teil seiner Macht abzugeben. Der Marketer muss auf ihn zugehen und um Erklärungen bitten, das ist reine Psychologie.
Der Controller sitzt am längeren Hebel. Könnte er nicht trotzdem auch auf den Marketer zugehen?
Controller realisieren inzwischen, dass die Kostenschraube langsam ausgepresst ist. Sie sehen, dass marktbedingt irgendeine Massnahme kommen muss, die stabile Erträge garantiert. Es geht nicht mehr nur um kurzfristige Gewinnhäufung, sondern darum, wie die nächsten drei Jahre aussehen. Wenn der Umsatz sinkt, kann man seine Kosten runterfahren. Das geht in vielen Unternehmen aber nur begrenzt. Wer diese Grenze erkennt, sollte versuchen, die Umsätze zu stabilisieren. Und das funktioniert nur, indem man die Kunden so an sich bindet, dass sie einem auch in der nächsten Krise treu bleiben. Das können nur Marketingmenschen. Und genau das ist die Basis für eine extrem gute Verbindung zwischen Controlling und Marketing. Die Zeiten, zu denen man ein Produkt über den Zaun warf und satte Umsätze generierte, sind vorbei. Wir agieren heute in einem extrem unsicheren Umfeld mit Krisen und Katastrophen. Deshalb muss man das Ganze in einem viel breiteren Zusammenhang sehen. Diesen Überblick haben viele Controller – vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen – nicht. Deshalb brauchen sie Marketer, die Geschäftsmodelle entwerfen, die weiter reichen als «wir produzieren ein schönes Produkt». Trotz ihrer völlig unterschiedlichen Mentalitäten müssen Marketer und Controller aufeinander zugehen, sonst können sie die Zukunft nicht meistern.
Als Sie am Marketing-Tag vom «Marketer als bestem Freund des Controllers» sprachen, war das Gelächter gross. Was verrät Ihnen diese Reaktion?
Dass das Bewusstsein, dass Controller und Marketer zusammenarbeiten müssen, noch nicht wirklich angekommen ist. Ich sehe da wirklich grosse Probleme, die wir unbedingt angehen müssen. Wenn die Krise dazu führt, dass wir uns diesem Thema stellen, ist das eine positive Auswirkung. Never waste a good Crisis. In Amerika und China ist die Wertschätzung, die einem Vertriebler entgegengebracht wird, viel höher als in Europa. Wir haben eine andere Kultur: Bei uns entwickelt der Ingenieur das tolle Produkt, der Controller zeigt die Kosten dazu an – und das wars. «Vertrieb? Brauchen wir den noch??» Das aber funktioniert allenfalls noch in Nischen.
Kennen Sie Unternehmen oder ganze Länder, in denen das Zusammenspiel zwischen Controlling und Marketing vorbildlich klappt?
Ja, Marketer mit extrem viel Finanz-Know-how arbeiten bei General Electric. Dort ist vollkommen klar, dass Sie Finanzwissen brauchen, wenn Sie eine Führungsposition bekleiden wollen. Klar ist auch, dass der Marketer die Budgetpräsentation hält, nicht, wie in vielen Unternehmen, der Controller. Wenn der Controller alles vorrechnet, lässt sich der Marketer ja zum Eunuchenmanager degradieren, dann wird er zum Opfer des Controllers. Bei Apple tragen die Finanzler zwar die Zahlen zusammen, aber die Entscheidung treffen am Ende die Marketer. Ich habe insgesamt den Eindruck, dass in Marketingabteilungen amerikanischer Unternehmen Finanzwissen viel mehr implementiert ist, als bei uns. Die Leute denken mehr an Finanzen. Die grossen Konsumgüterfirmen – ich hatte mit Procter&Gamble zu tun – haben natürlich eine starke Finanzabteilung. Aber es scheint mir, als ob Marketer und Controller dort auf Augenhöhe miteinander sprächen. Marketer hinterfragen die Berechnungen des Controllers sehr wohl kritisch. Bei uns ficht niemand den Halbgott Controller an. Und warum weiss ein Chinese mehr über Cash als wir?
Spannende Frage. Haben Sie eine Antwort?
Finanzen haben viel mit Kultur zu tun. China und genauso Holland und Israel sind Handelsnationen. Und Handelsnationen sind darauf gepolt, immer knappe Margen zu haben. Wir sind eine Ingenieursnation und bestimmen unsere Preise anhand unserer Kosten. Das versuche ich meinen Studenten auszutreiben, denn die Nachfrage muss den Preis bestimmen, was der Kunde zu zahlen bereit ist, ist entscheidend. Ich habe ETH-Ingenieure in meinem Kurs, die das nicht begreifen können. Ingenieure kommen übrigens im Normalfall sehr gut mit Controllern klar. Beide erstellen einen Abrechnungsbogen und jedes Produkt und jeder Kunde muss seine Kosten tragen. So einfach ist es aber nicht. Deshalb ist der Schulterschluss zwischen Controller und Ingenieur eine unheilige Allianz – auch weil der Marketer zwischen beiden oft keinen Fuss an den Boden bekommt.
Gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz?
Ich habe den Eindruck, dass dieses Ingenieurdenken vom hohen Ross hinab in Deutschland stärker ausgeprägt ist, als in der Schweiz. Das hat auch mit der Ausbildung hier zu tun. Das Ausbildungswesen in der Schweiz ist besser als in Deutschland, auf Weiterbildung wird grosser Wert gelegt. Besonders die deutsche BWL-Ausbildung halte ich für extrem schlecht. Die Schweizer Ausbildung ist realitätsnäher, praxisorientierter. Mit Blick auf die BWL-Ausbildung ist die Schweiz das amerikanischste Land in Europa. Nehmen Sie das Thema Kündigungsschutz. In der Schweiz weiss jeder, dass er sich vermarkten muss, weil er sich nicht sicher sein kann, ob er nicht in drei Monaten rausgeschmissen wird. Darum hat jeder ein Grundwissen über Cash und Marketing. Wer in Deutschland zehn Jahre bei Opel gearbeitet hat, zuckt mit den Schultern und denkt «was kann mir schon passieren?». Dieses Industriebeamtentum gibt es in der Schweiz nicht.
Sie haben gesagt, Wechselkurse seien die neue Massenvernichtungswaffe. Das macht eher Angst, als dass es ermutigt …
Mag sein, aber es stimmt. Der Glaube der Schweiz, dass alles geregelt ist, wenn sie sich aus dem Euro raushält, ist ein Irrglaube. Es ist eben nicht geregelt und wird noch zum Problem werden. Die Schweiz wird einen Preis dafür zahlen müssen, dass sie eine gesunde Wirtschaft hat, die gegenüber anderen Wirtschaften rundherum sehr viel erfolgreicher ist. Wir werden dahin kommen, dass die Waffe Wechselkurs gezielt eingesetzt werden wird. Bei jeder Krise werden mehr Leute ihr Geld in Schweizer Franken anlegen, wenn der Euro in die Knie geht, geht der Franken in die Höhe. Gratulation. Ausserdem wird sich eine Parallelwährung entwickeln. Einige deutsche Unternehmen, die wir bei Controlling Partner St. Gallen beraten, akzeptieren jetzt schon keine Rechnungen in Schweizer Franken mehr. Sie wollen eine Euro-Rechnung, und zwar zum Wechselkurs von vor einem Jahr. Das bringt uns einen stattlichen Margeneinbruch. Und je nach Branche kann so etwas schnell existenziell werden.
Ist die Erkenntnis, dass es auch in Verlagen, in Medien, Werbung und Marketing in erster Linie um ausreichenden Cashflow geht, ein Kind der jüngsten Krise?
Gibt es in dieser Branche denn eine solche Erkenntnis? Das wäre natürlich erfreulich. Mit Verlagen habe ich gar nichts zu tun, aber im Mittelstand erlebe ich oft, dass Cash immer noch sehr weit entfernt ist – es sei denn, das Unternehmen ist bei der Krise 2009 unter die Räder gekommen. Auch bei Zeitungen kann ich mir vorstellen, dass der Druck gross genug ist, dass nun an Cash gedacht wird. Und Buchverlage versuchen extrem, ihre Bücher zu verkaufen, das bekomme ich mit. Es scheint also langsam ein Nachdenken einzusetzen. Das ist gut.
Kann der Kampf um ausreichend Cash die journalistische Qualität von Medien oder die Kreativität von Werbung schmälern? Oder ist eher das Gegenteil der Fall?
Ich bin der Meinung, dass das Nachdenken über Cash einen positiven Einfluss hat, aber das ist eine Frage des Menschenbildes. Ich denke, Druck im Unternehmen ist grundsätzlich nichts Schlechtes, da bin ich sehr durch die amerikanische Ausbildung geprägt. So ein bisschen Überlebenskampf ist prima, wenn man die Verzweiflung herausnehmen und in positive Energie umsetzen kann. Ich würde deshalb als Finanzler Cash immer knapp halten, die Leute um Cash kämpfen lassen, das steigert die Kreativität. Die Aussage «es ist genug Geld da und wir brauchen uns keine Sorgen zu machen» ist keine gute Voraussetzung, um etwas zu bewegen.
Der Cashflow stagniert Ihrer Aussage nach vor allem, weil Kunden nicht pünktlich zahlen. Was kann der Controller dagegen machen? Und was kann der Marketer dagegen machen?
Der Controller kann überhaupt nichts dagegen machen. Da ist eben der Marketer gefragt, und der Vertriebler natürlich. Der muss bei der Kundenauswahl schon sehen, was das für ein Kunde ist: Wird der mich bezahlen? Ich denke, einen Bonus kann man dem Vertriebler erst bezahlen, wenn der Kunde seine Rechnung beglichen hat. Die Zeit des Vertriebs ist nicht zu wertvoll, um einer Rechnung nachzulaufen. Im Gegenteil: Bis die Rechnung nicht bezahlt ist, hat der Vertriebler seinen Job nicht gemacht. Deshalb würde ich immer den Vertriebler in die Verantwortung nehmen.
Wird Finanzwissen in Zukunft Teil der Marketingausbildung sein?
Ja, das kommt. Zahlen spielen mehr und mehr eine Rolle, auch die Fachhochschulen beziehen Finanzthemen zunehmend in ihre Ausbildung ein. Wenn man wenigstens einen minimalen Teil Finanzwissen in die Marketingausbildung integriert, wird das Geschäft professioneller werden. Wichtig ist, dass Marketer lernen, Finanzdaten zu interpretieren, dass sie Planspiele machen um am eigenen Leib zu erfahren, was es heisst, pleite zu gehen. Das hat einen enormen Lerneffekt.
Interview: Anne-Friederike Heinrich
In Kürze
Dr. Thorsten G. Truijens (48) wurde in Düsseldorf geboren, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln und der University of North Carolina at Chapel Hill und promovierte an der Hochschule St. Gallen. Truijens war in verschiedenen leitenden Positionen bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim, bei General Motors (Europe) in Zürich und beim CZSG Controller Zentrum St. Gallen tätig. Heute ist er Managing Partner beim Beratungsunternehmen Controlling Partner St. Gallen AG, wo er das Beratungs- und Trainingsgeschäft in den Bereichen Wertorientierte Führung, Balanced Scorecard und Performance Measurement leitet. Ausserdem lehrt Truijens an mehreren renommierten Wirtschaftsschulen weltweit. www.cpsg.ch