Werbewoche: Ist es sinnvoll, dass heute alles klingt, Herr Weiss?
Peter Philippe Weiss: Wir müssen unterscheiden zwischen akustischer Umweltverschmutzung und funktionalen Klängen. Als akustische Umweltverschmutzung verstehe ich Sounds, die da sind, die aber niemand braucht und wünscht und die einfach nur ärgerlich sind – vor allem im öffentlichen Raum, der eigentlich vor Lärm geschützt werden sollte. Funktionale Klänge werden ganz spezifisch für eine Funktion entwickelt und sind sinnvoll, zum Beispiel als Feedback- oder Alarm-Sounds. Studierende des Masterstudiengangs «Sound Studies» der Berliner Universität der Künste haben die Geräusche in einem Operationssaal analysiert. Sie fanden heraus, dass ein OP ein sehr lärmiger Arbeitsort ist, schlecht für den Patienten und die Ärzte: Plattenwände spiegeln jedes Geräusch vielfach, auf Metalltische wird Metallbesteck geworfen, eine Batterie von Geräten piepst wild durcheinander und dieses Piepsen steht in keinem Verhältnis zur Wichtigkeit der Geräte. Die Studierenden machten den Vorschlag, die OP-Wände ein wenig abzuschrägen, damit kein Flatterhall hin und her geht, und auf die Tische Gummimatten zu legen, damit nicht alles so scheppert. Ausserdem erarbeiteten sie einen Vorschlag, wie man die Geräteklänge hierarchisch gliedern und zum Teil mit assoziativen Geräuschen und Metaphern versehen könnte, zum Beispiel die Herzmaschine mit einem Geräusch, das wie das Pochen eines Herzens klingt. Das Ziel war, Klänge zu schaffen, die sinnvoll und angenehm sind. Funktionale Klänge sind schon lange ein Thema, allerdings nicht auf der Gestaltungsebene. Darum machen die meisten Geräte einfach nur «piep», das Dümmstmögliche, was eine Maschine machen kann. Diese Klänge sind weder typografisch gestaltet, noch vermitteln sie die Werte des Unternehmens.
Sind für Alarm-Sounds denn nicht schrille Töne notwendig, damit sie die gewünschte Aufmerksamkeit erzeugen?
Leider sind wir aktuell von primitivsten Sinus-Tönen umgeben, das muss nicht sein. Offen¬bar ist Unternehmen gar nicht bewusst, dass Klänge eine gestaltbare Ebene sind, die sich hervorragend als Kommunikationsmittel und fürs Branding eignen. Ein Ton kann «Achtung» sagen, ohne unangenehm zu sein. Wir haben zum Beispiel für hochwertige Design-Saunen von Duravit Alarmtöne aus Keramikklängen komponiert. Diese Töne, die die Materialität von Duravit aufgreifen, tun nicht im Ohr weh, erfüllen aber dennoch ihren Zweck.
Welche Geräusche halten Sie für überflüssig?
Schwierig zu sagen. In vielen Bereichen wäre es einfach schon sinnvoll, die Lautstärke zu reduzieren. Auch in der Architektur wird zu viel auf den Look und auf Materialien geachtet, die akustische Dimension wird oft komplett ausgeblendet. Das beste Beispiel dafür ist der neue Berliner Hauptbahnhof, akustisch ein absolutes Desaster. Es wurden lauter glatte Materialien, Marmor, Glas und Stahl, verbaut, alles hallt und scheppert, überall hört man Zuggeräusche. Und die Kuppel ist so konstruiert, dass sie wie ein Parabolspiegel den Sound intensiviert. Da kann es Ihnen wirklich passieren, dass Sie Ihre Ansage auf dem Bahnsteig nicht hören, dafür bläst Ihnen die Ansage von vier Stockwerken weiter unten ins Gesicht, als ob Sie direkt vor dem Lautsprecher stünden.
Smartphones können Sound in MP3-Qualität wiedergeben. Trotzdem haben Klingel- und Signaltöne immer einen künstlichen Charakter und gleichen einander. Man hört nicht, ob man ein Nokia-, ein Siemens- oder ein Apple-Gerät in der Hand hält.
Ich denke, gewisse Töne von Apple sind schon sehr Apple. Der SMS-Sound ist wach und frisch, auch der Gitarrenklingelton und der Sonarsound sind gut gemacht und haben Charakter. Handytöne brauchen eine gewisse Durchdringungskraft, damit man sie hört, wenn das Handy in der Jackentasche läutet. Apples Klänge funktionieren. Doch auch Apple bewegt sich im Mainstream: Als Alternative zu den genannten Klingeltönen kann man sich Songs aufs Handy laden. Aber wirklich schön gestaltete, innovative Klingeltöne, die ein neu¬es Klangerlebnis bieten, vermisse ich. Auch eine übergeordnete Klangidentität fehlt: Diese Sounds kennt man von Apple, aber sie stehen nicht für Apple. Apple sollte in ein klangliches Markenzeichen investieren. Es gibt Momente, in denen die Marke über Klang perfekt kommuniziert werden könnte, denn Sound ist emotional und unmittelbar. Denken Sie an Telefonwarteschleifen, Abbinder von Werbespots oder an die stylischen Apple-Stores. Da läuft einfach Musik oder gar nichts. Dabei könnte man intensive Markenerlebnisse schaffen. Das gilt übrigens nicht nur für Apple, sondern auch für andere Handymarken. Wenn ein Unternehmen 20 Klingeltöne anbietet, dürfen 2 oder 3 schon ein bisschen gewagter, experimenteller, prägender sein. In einer lei¬sen Umgebung wäre es ausserdem schön, ei¬nen Klingelton zu haben, der sanft an- und auch wieder abklingt und nicht nur – tack – anfängt, und – tack – wieder aus ist. Solche Ästhetiken und verschiedene Klänge wären wünschenswert, ein paar abstrakte, originelle Sachen, wenn man schon mit Samples und MP3 arbeiten kann. Kleine, feine, reizvolle Klangwolken könnte ich mir gut vorstellen. Sound muss nicht trocken und pseudolustig sein, irgendein Gelächter, Gequietsche oder Gequake. Sound kann das kleine Handy plötzlich gross und charaktervoll machen. Und damit auch die Marke des Herstellers.
Wie wünschen Sie sich den Sound des iPad?
Auch das iPad ist noch weit weg von dem, was es im Bereich Sound für Unternehmen leisten könnte. Verlage wollen ja Erlebnisse schaffen, aber sie denken immer noch in der Kategorie «Print». Es ist ihnen noch nicht bewusst, dass sie plötzlich Lautsprecher haben. Wenn ich die App eines Titels aufrufe, passiert soundmässig gar nichts. Die App ist stumm. Dann kommt ein kleines Video zu einer Modeschau, und – paff – bin ich vom Stummen mitten in einem lärmigen Anlass. Ist das Video vorbei, ist es wieder schlagartig still. Die akustische Seite ist überhaupt nicht gestaltet, obwohl Klang eine Typografie und ein akustisches Layout braucht, das mit verschiedenen Ebenen arbei¬tet und sich der Übergänge bewusst ist. Im Beispiel könnte der Klang auf das Niveau des Films hinaufsteigen und am Ende überleiten in den Hintergrund, ohne dass das Anschauen des Films länger dauert. Diese Übergange kön¬nen gestaltet werden, man kann den Bildern ihren Ton, Tiefe und Räumlichkeit geben und die App damit zum Leben erwecken.
Sie würden auch allen Bedienknöpfen einen Sound geben?
Das kommt darauf an. Man müsste anhand des Userprofils herausfinden, welche Feed¬back-Sounds wirklich wichtig sind. Es darf natürlich nicht mühsam werden. Wer viele Aktionen macht, will meist nicht, dass es die ganze Zeit tönt. Ein spannender Aspekt wäre aber dynamisches Sounddesign. In diesem Fall ist der Sound, den beispielsweise eine Seite beim Umblättern macht, abhängig von der Geschwindigkeit der Bewegung. So gibt es nicht permanent das gleiche Geräusch, das irgendwann auf die Nerven geht. Für das Umblättern würde ich keinen künstlichen Klang generieren, sondern vom echten Klang des Blätterns ausgehen und dieses Geräusch noch ein bisschen ausdünnen, damit es fein bleibt. Wir wollen schliesslich nicht merken, dass wir eine Maschine in der Hand halten. Generell ist es bei einem Unterhaltungsmedium wie dem iPad schlicht ein Unterschied, ob ich auf ein Symbol tippe und dann kommt einfach nichts, oder es kommt ein schön gemachtes, dezentes, akustisches Erkennungszeichen eines Unternehmens oder eines Magazins, das die Spannung erhöht und im gesamten Auftritt weitergeführt wird. Wir haben so einen Sound kürzlich für den «Beobachter» kreiert, zunächst nur für einen wöchentlichen Web-Teaser. Er soll aber bald auch für die App und für die Telefondienste zum Einsatz kommen.
Töne lassen sich also zur Markenführung einsetzen. Was raten Sie Unternehmen? Müssen Marken Musik machen?
Marken und Firmen müssen nicht Musik machen, aber da Unternehmen schon heute an ganz vielen Schnittstellen hörbar präsent sind, ist es sinnvoll, ein akustisches Markenele¬ment, ein Erkennungsmuster zu kreieren. Klang gibt Marken unsichtbare emotionale Kraft und schafft an den akustischen Berührungspunkten einen Mehrwert. Dafür brauchen wir aber weniger Musik als vielmehr Klangmuster, Klänge und Klang-Musik-Kombinationen. Wer einen Markenklang schafft, muss sich in einem mehrstufigen Brandingprozess an das richtige Ergebnis herantasten, muss tief in die Marke eintauchen, muss hinterfragen, in welchem Business das Unternehmen tätig ist, wie es klingt, ob es eigene Klänge hat. Daraus ergibt sich eine Soundwelt, in der Musik eine Rolle spielen kann, aber nicht muss. Klänge sind eine Kommunikationsform, die immer spannender wird. Wer präzise damit arbeitet, kann den Kern seiner Marke enorm stärken. Dabei ist nicht Quantität, sondern der richtige Sound am richtigen Ort ausschlaggebend: C’est le ton qui fais la musique.
Interview: Anne-Friederike Heinrich
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