Frau Beck, was umfasst die Aufgabe als Prüfungsleiterin eigentlich so alles?
Nicole Beck: Im Vordergrund stehen Aufgaben im Kontext der Organisation des Ablaufes der Prüfung und der Koordination der einzelnen Schritte. Das heisst Sicherstellen – in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat und den Fachvorständen unserer einzelnen Prüfungsfächer – dass die folgenden Prozesse reibungslos stattfinden: die Anmeldung der Kandidaten, die Ausarbeitung der Fälle für die schriftliche Prüfung, die Durchführung der schriftlichen Prüfung, sowie das Zusammenstellen von in jeder Hinsicht kompetenten Experten-Teams für die mündliche Prüfung, zudem natürlich die Durchführung der selbigen. Es geht darum, sicherzustellen, dass wir eine fachlich korrekte, niveau-gerechte und organisatorisch einwandfreie Prüfung anbieten. Dies ist im Sinn des BBT und des SMC, und beide repräsentieren wir als Team.
Wann im Jahr fallen welche Aufgaben an?
Unser Jahr beginnt im Herbst, anfangs Oktober mit den Vorbereitungen zur Ausschreibung der Prüfung und Redaktion der Fälle für die schriftliche Prüfung; zu letzteren müssen Themen und Anforderungen im Fachteam diskutiert und bestimmt werden. Parallel zur Anmeldungsphase nach der Ausschreibung werden die Fälle erarbeitet und alles in die Wege geleitet, damit die erste Prüfung – die schriftliche – dann im Frühjahr durchgeführt werden kann. Wenn die defi-nitive Anzahl Kandidaten ca. im Februar bekannt ist, werden die Teams für die mündliche Prüfung, welche anfangs Sommer stattfindet, zusammengestellt. Die¬se Teams werden noch geschult und auf ihren Einsatz optimal vorbereitet. Auch hier wieder die parallel laufende Arbeit des Organisierens der Räumlichkeiten und des ganzen Ablaufes durch das Sekretariat, unter meinem Mitwirken. Es ist Teamarbeit pur, und ohne Teamgeist und Freude an der Zusammenarbeit funktioniert es nicht.
Was macht eigentlich eine gute Verkaufsfachfrau, einen guten Verkaufsfachmann aus?
Verkaufen alleine wäre ja viel zu einfach! Spass beiseite, heute müssen Verkaufsfachleute Menschen mit breitem Horizont und vernetztem Denken sein! Sie müssen verstehen, wer ihre Firma ist, und was sie strategisch bezweckt; und dann ihre Kompetenzen einsetzen, damit die Ziele erreicht werden können. Dabei muss nicht nur die Firma verinnerlicht werden, der Kunde muss natürlich auch verstanden werden, damit Angebot und Nachfrage aufeinander treffen können. Das ist eine Herausforderung und bedingt fachliches Know-how und soziale Kompetenz.
Wird man mit einem «Verkäufer-Gen» geboren – oder kann man perfekte Salesmanship von der Pike auf lernen?
Vieles ist erlernbar, ich beobachte aber oft, dass es doch diesen geboren Verkäufer gibt, der sich dann nochmals von den anderen gut ausgebildeten und engagierten Kollegen abheben kann. Es gibt einfach Menschen, bei denen spürt man eine besondere Freude, einen besonderen Instinkt, ganz einfach Talent! Sicher sind Sie auch schon Leuten begegnet, die dieses Talent haben…
Ist es für Sie ein Problem, die einzige Frau im Führungsgremium einer der vier grossen Swiss-Marketing-Prüfungen zu sein?
Da muss ich gestehen, dass mir dies nicht per se aufgefallen war, meinen Kollegen wahrscheinlich auch nicht. Mit anderen Worten, das Geschlecht spielt in unserem Gremium vermutlich keine Rolle. Ich könnte mir vorstellen, dass das Thema des Geschlechtes und der geschlechtsspezifischen Besetzung von Rollen und Positionen im Bildungswesen weniger Realität ist, als in der Wirtschaft. Aber vielleicht bin ich ja doch die Quotenfrau?
Gehen Frauen anders ans Thema Verkauf heran als Männer?
Ja, das denke ich schon! Ein Grundsatz ist es nicht, aber einen Unterschied kann man sicher immer wieder beobachten: Ich würde annehmen, dass Frauen etwas mehr als Männer im «wir» denken als im «ich». Aber wie gesagt, Ausnahmen gibt es da zweifelsohne! Ist es eine Frage der generellen Rolle in der Biologie, in der Gesellschaft? Ein Soziologe und ein Psychologe wurde da wohl eine schlüssigere Antwort geben….
Welches nationale oder internationale Unternehmen bewundern Sie in Bezug auf die Verkaufs- und Marketing-Strategie?
Bewundern ist ein starkes Wort. Ich «bewundere» Firmen mit einem nachhaltigen und ganzheitlichen Denken, das berührt mich auch, wenn es nicht nur um den Gewinn geht. Aber von diesen gibt es wenig, vielleicht gerade mal Max Havelaar… Bezüglich Verkaufs- und Marketingstrategie im Spezifischen, da muss ich gestehen, dass ich keine Firma bewundern kann. Es sind schlussendlich nicht die Strategien, die ich bewundere, sondern die Menschen, in Ihrem Engagement für ihre Firma, in ihrer Freude, das zu verkaufen wohinter sie stehen. Eine Firma macht also gute Arbeit wenn ich an der Front im Verkauf den Käufer beobachte wie er sich mit Leib und Seele enga¬giert. Dann zeichnet sich die Firma, Ihre Strategie und Philosophie aus.
Aus Ihrer eigenen Tätigkeit kennen Sie natürlich die Pharmabranche detaillierter. Wer sticht da hinaus?
Hier möchte ich keine Namen nennen – nur so viel: mir imponieren Firmen, die nicht nur über den Aussendienst und die Marketing-Massnahmen den Umsatz pushen, sondern sich wirklich in den von ihnen verantworteten Indikationsbereichen für die Patienten, aber auch die Ärzte und andere Stakeholder engagieren. Jede Firma, mit der ich zu tun habe, versucht diesen Spagat zwischen Ethik und Kommerz irgendwie zu bewältigen, aber es bleibt ein Spagat, wenn man gleichzeitig die Bedürfnisse der Aktionäre und die der Öffentlichkeit, beziehungsweise der Patienten bedienen muss.
Sind Sie für eine Frauenquote in den VRs und GLs grosser Unternehmen?
Das Quotendenken ist mir fremd. Ich bin aufgewachsen in einem familiären Kontext, sich in der Berufswelt zu engagieren, war und ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn man genau hinschaut, ist es gesellschaftlich gesehen sicher gesund, wenn beide Geschlechter möglichst gleichwertig vertreten sind und vor allem gleich geschätzt werden! Und da braucht es vielleicht in gewissen Ländern noch den «Zustupf» der Quote.
Was tun Sie, wenn Sie nicht für Swiss Marketing oder geschäftlich unterwegs sind?
Ich führe mit meinem Mann eine Agentur für Marketing-Forschung und Marketingberatung im Gesundheitswesen, welche wir selbst aufgebaut haben. Unsere Kunden sind vor allem grosse Pharma-Firmen, welche wir im Marketing unterstützen. Die Projekte sind sehr vielseitig, und es wird uns nie langweilig. Die Kraft holen wir aus der Wertschätzung unserer Kompetenzen und aus den engen Zusammenarbeiten mit unseren Kunden. Daneben steht unsere neunjährige Tochter im Mittelpunkt. Ich liebe alle Aufgaben, welche in der Begleitung ihres Erwachsenenwerdens anfallen, von den Hausaufgaben bis zur Vorbereitung der Osterdekoration, aktuell in der Saison… Und wie Bryan Adams so schön singt «Everything I do, I do it for you» (or her…). Natürlich vergesse ich nicht meinen Mann, und auch nicht meine Freunde und Freundinnen, für die dann oft die Zeit kaum reicht…
IN KÜRZE
Nicole Beck, 47, stammt aus dem Kanton Neuenburg, wo sie Primar- und Sekundarschule sowie das Gymnasium absolvierte. Nach der Uni Bern (zwei Jahre Zahnmedizin, fünf Jahre Wirtschaftswissenschaften) erlangte sie in einem Nachdiplomstudium einen Master in Health Administration. Nach Berufsjahren bei Sandoz-Wander Pharma und Glaxo Wellcome baute sie 1997 ein eigenes Unternehmen für Marktforschung und Marketingberatung im Gesundheitswesen auf; seit 2007 ist ihr Ehemann Mitinhaber. Nicole Beck, die heute in Aeugst am Albis lebt, ist seit 1995 SMC-Prüfungsexpertin im Fach Marktforschung (mündlich) bei den Verkaufsfachleuten.