Die Werbung von Ikea galt schon immer als witzig und mutig. «Ich glaub, mich knutscht ein Elch.» Trotzdem war beim Einrichtungshaus, das vor bald 40 Jahren in Spreitenbach seine erste Filiale ausserhalb von Schweden eröffnet hat, mit dem wachsenden Erfolg auch eine gewisse Beruhigung in der Kommunikation entstanden. «Man erwartet mehr Frechheit von Ikea», war jedenfalls die Resonanz in einem Pretest der jetzt angelaufenen Kampagne. Mit diesem hat Wirz im Einklang mit dem Kunden die gewünschte positive Bestätigung für ihre jetzt tatsächlich ziemlich respektlos eingefädelten Ideen gefunden. Immerhin dient ein Einbruch in das Bundeshaus als Aufhänger für die neue Kampagne.
Seit Jahrzehnten gibt die Möblierung im Sitzungszimmer des Bundesrates zu reden. Zwar hat Jean-Pascal Delamuraz schon 1996 während der Sportferien einmal klammheimlich die Bestuhlung im 1890 erbauten Heiligtum unserer Regierung umstellen lassen. Trotzdem gelten die weit voneinander aufgestellten Sessel hinter den holzgeschnitzten Pulten immer noch als «kommunikationsfeindlich». Das hat Ikea inzwischen geändert.
Bei Nacht und Nebel
Ein Teaserfilm zeigt, wie eine Guerilla-Truppe im Bundeshaus bis zum schweizerischen Machtzentrum vordringt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird die ganze Möblierung aus dem Bundesratszimmer herausgerissen. Dann folgt in einem zweiten TV-Spot die Auflösung: Das Sitzungszimmer unserer Landesregierung erstrahlt am anderen Tag zwar nicht im legendären «Morgenrot», dafür in einer völlig neuen Einrichtung von Ikea. Dazu haben die nächtlichen Designer für Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und ihr Team gleich noch einen druckfrischen Katalog für weitere «neue Ideen» auf einem der gemütlichen Sofas liegen lassen.
«In den Sommerferien sind die Bundesratsräume renoviert worden. Für ausserordentliche Sitzungen treffen sich die Regierungsmitglieder künftig in gruppendynamisch verbesserter Atmosphäre.» Diese tatsächlich echten News Mitte August kamen der Agentur kurz vor dem Publizieren ihrer Guerilla- Aktion natürlich wie gerufen. Auch der allgemeine Claim der Kampagne «Platz für neue Ideen» könnte in der momentan herrschenden Stimmung rund um die Herausforderungen im Bundeshaus nicht aktueller gewählt sein, wie sich ECD Philipp Skrabal freut.
Für Jan Maurer, der vor 18 Monaten von der frü¬heren Ikea-Agentur Unikat über die «Fronten» hinweg als neuer Marketingchef zu Ikea gewechselt hat, soll der Claim aber noch weiterführen. In vielen bisher präsentierten Kampagnen war es ein Auftrag von Ikea, dass vor allem einzelne Bereiche wie die Küche oder zum Beispiel Schranksysteme explizit beworben wurden. Nach einer gründlichen Analyse des Marktes, bei der 700 Leute befragt und 150 Wohnungen detailliert fotografiert und untersucht worden sind, soll jetzt die Werbung in eine neue Richtung zielen.
«Was immer ich suche, ich denke an Ikea», soll sich zukünftig in den Köpfen der Bevölkerung verankern. Beworben wird somit vor allem die Marke. Dabei gehört es zum internationalen Konzept von Ikea, dass sie in all ihren Ländern die Marktleaderschaft anstreben will. In der Schweiz wird diese Rolle im November noch einmal weiter gestärkt mit der Eröffnung einer grossen Filiale in Rothenburg.
Auch für diesen Event ist Wirz Werbung bereits am Arbeiten. Anders als bisher sind mit dem Pitch unter vier Agenturen inzwischen sämtliche Manda¬te nur noch bei einer einzigen Agentur gebündelt worden, denn das neu entwickelte Konzept muss nun als Dach für mehrere Jahre stringent und vielseitig funktionieren.
Die Kampagne «Platz für neue Ideen» wird von CD Thomas Kurzmeyer und Geschäftsführerin Beratung Petra Dreyfus vor allem auch als eine «Plattform» verstanden, die sich einerseits als Fokussierung auf Werte versteht, die Ikea von Anfang an geprägt haben. Und andererseits als inspirierende, motivierende Forderung nach mehr Offenheit, Individualismus und Kreativität beim Wohnen und Leben.
Guerillas weiter aktiv
Vermittelt wird der neue Auftritt auch über alle nur möglichen crossmedialen Kanäle. Nach dem Teaser mit dem Bundeshaus-Film wird die Kommunikation auf Plakaten weitergeführt. Wer diese mit einer speziellen App fotografiert, bekommt noch einmal drei neue Filme aufs Handy geliefert. Die App wird gratis über den Android Market angeboten. Damit lässt sich auch der neue Katalog downloaden. Die Aug¬mented Reality, welche eine lebendige Story als überraschende Pointe auf die Plakate zaubert, funk¬tioniert bei allen F200-Plakaten, die vorwiegend an Tramstationen und anderen leicht zugänglichen Orten aufgehängt sind.
«Platz für neue Ideen» war somit für die Werber auch ein Gebot für ihre Kampagne. Bereits im September soll eine weitere «spektakuläre Aktion» folgen. Zum guten Abschluss der Bundeshaus-Idee werden zurzeit die sieben nicht mehr gebrauchten Stühle der Bundesräte über Ricardo versteigert. Wer es nicht glaubt, kann am Erscheinungstag dieser Werbewoche in der Altstadt von Bern mit eigenen Augen verfolgen, wie die Sessel von sieben Möbelpackern wegtransportiert werden. Und damit der Gesamtbundesrat durch diese Aktion nicht noch weiter unnötig geschockt wird, hat Jan Maurer alle sieben Honoratioren mit einem netten Brief vorgewarnt. Natürlich mit einem jeweils persönlichen Ikea-Katalog als Beilage.
Andreas Panzeri