Angefangen hat es mit einem Fotowettbewerb zu Beginn dieses Jahres. Mit einem klassischen Mailing an Vereine in der ganzen Schweiz sowie diversen Online-Ideen hat die Rhätische Bahn Gruppen gesucht, die als Fotomodelle in ihrer nächsten Werbekampagne mitwirken wollten. «Die ganze Schweiz kann erben», lautete der Claim. Die Idee war, dass die Rhätische Bahn ihre eben zugesprochene Auszeichnung als «Welterbe» der UNESCO an eine möglichst grosse Öffentlichkeit weitervermitteln wollte – im Sinne einer «Erbteilung».
«Wir haben uns überlegt, was wirklich Wellen werfen könnte. Momentan werden die ganzen Involvement-Kampagnen sehr gehyped», erklärt Gabriel Peisker, CD der Agentur Erdmannpeisker, «aber was funktioniert wirklich? Dies herauszufinden war uns sehr wichtig.»
Erdmannpeisker hat auch schon für ihren Kunden Mammut eine bestens bekannte Kampagne mit Kunden als Teil der Inszenierung lanciert. Im Gegensatz zu Mammut können sich bei der Rhätischen Bahn nun ganze Gruppen als «Erbgemeinschaften» zusammenschliessen und sich mit einem möglichst originellen Foto für ein Profi-Shooting bewerben. Als Preis lockten für die vier originellsten Einsender je 3000 Franken in die Vereinskasse sowie ein attraktives Weekend rund um die Film- und Fotoaufnahmen in den Bündner Bergen.
Grosses Echo für die Berge
100 Bewerber hat die Rhätische Bahn erwartet. Über 200 Vereine und spontane Gruppen haben sich schliesslich am Wettbewerb beteiligt. «Quer durch alle Altersschichten haben die Leute mitgemacht, von Teenager-Clans bis Jasszirkel von Senioren, Sportvereine, Musikgruppen, lose Vereine und natürlich viele Wandergruppen. Weit über den Kanton hinaus, nur ein kleiner Teil aus Graubünden», freut sich Martin Sturzenegger, Leiter Marketing und Vertrieb bei der RhB.
Zwei dieser Gruppen wurden über ein Online-Voting zum Sieger erkoren. Zwei weitere hat eine Jury bestimmt. Das gemeinsame Weekend mit einer Motorrad-Gang, Blasmusik, Damenturnverein und den «Titans» von Bern wurde «zu einem super Erlebnis für alle». Mit all diesen «Models» sind nun die ersten vier Printsujets sowie diverse Filme für den Einsatz auf www.rhb.ch/erben realisiert worden.
Mit den aktuell geschalteten Printsujets wird inzwischen bereits zur nächsten Runde aufgerufen, denn die Idee dieser Involvement-Kampagne ist noch lange nicht ausgeschöpft. pan
Martin Sturzenegger, Leiter Marketing und Vertrieb bei der RHB, über Werbung mit einem Welterbe
WW: Die Kampagne baut auf Vereine. Wie wichtig sind für die RhB Gruppenreisen als Zielpublikum?
Martin Sturzenegger: Die sind sehr wichtig. Wir haben zum einen die klassischen Gruppen, von der Schulreise bis zur Wandergruppe. Dazu kommen sehr viele Vereine. In Deutschland und Italien arbeiten wir mit Touroperators zusammen, die bei uns Gruppenkontingente einkaufen. Das ist ein sehr wichtiges Geschäft für uns. Aber bei der aktuellen Kampagne ist der Link ein anderer. Wir sind der Mei¬nung, dass die Vereine eine Art Kulturgut in der Schweiz sind. Die Kampagne will deshalb eine ge¬dankliche Verbindung schaffen zwischen diesen Ver¬einen als Kulturgut sowie der Rhätischen Bahn, die mit der Ernennung zum UNESCO-Welterbe ebenfalls zum Kulturgut der Schweiz geworden ist.
Wie ist es dazu gekommen?
Die Initiative ist von uns aus gekommen. Der Prozess wurde 2005 eingeleitet. 2008 sind wir auf die Liste der Welterben aufgenommen worden. Dazu mussten wir eine sehr umfangreiche Dokumentation erstellen. Wir mussten die Gemeinden gewinnen, die entlang des Welterbes liegen, damit sie uns unterstüt¬zen. Ebenso galt es auf kantonaler Ebene sowie Bun¬desebene viel innenpolitische Arbeit zu erledigen. Zusammengefasst galt es, einen gemeinsamen Nen¬ner für unsere Begründung zuhanden der UNESCO-Behörden in Paris zu finden.
Welche Verpflichtungen bringt nun das UNESCO-Welterbe mit sich?
Das ist alles klar geregelt. Das Label Welterbe gilt nicht nur für die RhB-Strecke Albula/Bernina im engeren Sinne, sondern auch für ein Band entlang der Bahnstrecke. Dieser mitgeschützte Bereich umfasst im einzelnen definierte wichtige Kulturgüter, Orts¬bilder und Landschaftselemente und weist eine Brei¬te von 500 bis 1000 Meter auf. Schliesslich wurde eine sogenannte Pufferzone definiert, welche die Kulturlandschaft umfasst, die von der Bahnlinie aus gesehen wird. Innerhalb dieser Definitionen müssen in Zukunft alle Veränderungen, Anpassungen oder Modernisierungen gegenüber der UNESCO-Welterbe Behörde in der Schweiz und in einem zweiten Schritt in Paris dokumentiert und auch genehmigt werden. Bund und Kanton Graubünden haben sich mit der Kandidatur verpflichtet, die Albula- und die Bernina¬linie einschliesslich Umgebung in ihrer Einzigartigkeit zu erhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass veraltete Einrichtungen künftig nicht mehr modernisiert werden dürfen.
Und was bringt das Welterbe als Werbeargument?
Im Ausland ist es ein gutes Label. Es gibt nur drei Bahnen auf dieser Welt, die als Welterbe gelten: die Semmering-Bahn in Österreich, die Mountain Railways of India und wir. Das ist für Touristen aus dem Ausland sicher ein Argument, dass sie einmal mit unserer Bahn fahren wollen. In der Schweiz wollen wir das Angebot ein bisschen breiter kommunizieren. Uns geht es um die Freizeitwelt. Wir wollen die Rhätische Bahn und ihre Umgebung für eine mögliche Freizeitbeschäftigung positionieren. In Konkurrenz vielleicht zu einem Alpamare, zum Technorama …
Die RhB als Erlebniswelt?
Wir haben zwei Rollen. Eine ist der klassische Bahn¬betrieb, wie eine SBB, wo wir den Grundverkehr garantieren. Da haben wir das ganze Jahr hindurch eine normale Auslastung. Ein grösseres Zusatzgeschäft können wir aber im Sommer machen. Dann sind wir auch eine Freizeitbahn und Ferienbahn. Unsere Parade-Angebote sind eine Fahrt mit dem Bernina Express auf der UNESCO-Welterbe-Strecke oder das spektakuläre Panorama bei einer Fahrt mit dem Glacier Express. Neu – und das ist jetzt der dritte Teil, den wir mit der aktuellen Kampagne vermarkten wollen – zeigen wir auf, welche verschiedensten Abenteuer unsere Gäste rund um die UNESCO-Welterbe-Strecke erleben können. Vom Museum über das Kulturfestival bis zum Badespass oder Wandern.
Wie weit ist da die Zusammenarbeit mit Graubünden Tourismus?
Wir arbeiten sehr eng zusammen. Sie vertreten uns. Wenn es um Werbung im Ausland geht, treten wir an den meisten Messen gemeinsam auf. Die ausländischen Touristen sind sehr wichtig. Der starke Franken oder Der schwache Euro machen uns entsprechend schwer zu schaffen. Vor allem auf diesen Premium-Zügen spüren wir es. Die hier vorgestellte Kampagne zielt aber auf die Schweizer Kunden. Die Kampagne wird nicht im Ausland gefahren.
Erdmannpeisker hat diese Kampagne im Pitch gewonnen. Die Ausschreibung gab damals beim BSW zu reden. Hat sich die Lage beruhigt?
Ja. Zu reden gab, dass sich 35 Agenturen für den Pitch interessiert haben. Aus diesen haben wir aber nur 5 genommen. Ich denke, das ist vertretbar im Rahmen der Spielregeln in dieser Branche. Neu war, dass wir dazu aufgerufen haben, dass Internet-Agenturen gemeinsam mit Werbeagenturen pitchen müs¬sen. Unsere Überlegung war, dass wir von Beginn weg eine Crossmedia-Kampagne machen wollten und nicht zuerst eine Werbekampagne und dann überlegen, wie es online weitergeht. Wir wollten beide Welten aus einem Guss. Und das ist uns mit gelungen.
Social Media ist in dieser Kampagne ein sehr wichtiges Element. Funktioniert es?
Die Initialzündung war ganz klassisch ein Anschreiben per Postkarte und elektronischem Mailing an Tausende von Schweizer Vereinen. Ab dann ging der Weg ins Online. Via Facebook, Video online Ads in Schweizer Portalen und Sites oder auch direkt über die RhB-Site konnte man sich bewerben sowie Leute gewinnen, die für einen entsprechenden Verein stimmten. Meines Erachtens sind wir die erste Bahn in der Schweiz, die Social Media derart schwer gewichtet einsetzt. Wir lernen dabei nach wie vor sehr viel. Eine Erkenntnis: Die verschiedenen Medien müssen alleine funktionieren. Man darf nicht davon ausgehen, dass die Leute den ganzen Crossmedia-Prozess mitmachen und dabei einfach auf Kommando von einem Medium ins andere wechseln. Es muss alleine funktionieren. Ein solcher Erfolg von Social Media wird einem aber nicht geschenkt. Wir haben extra einen Mitarbeiter eingestellt, der das Ganze pflegt. Werbung mit Social Media ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Wir mussten den Voting-Prozess beim Wettbewerb verbessern – gewisse Vereine haben das System ausgenutzt. Das zeigt aber auch, wie gross das Interesse an den Angeboten dieser Kampagne war. Interview: Andreas Panzeri
Martin Sturzenegger (l.) mit CD Gabriel Peisker.