Ein Zältli für eine Stimme
Vom Kinospot bis zum Give-away: Die Schweizer Parteien ziehen im Wahlherbst alle Register. Die Werbewoche hat fünf davon zu ihren Kommunikationsstrategien befragt und diese von Experten beurteilen lassen.
Es ist Herbst. Nicht nur im Wald türmt sich das Laub zu imposanten, raschelnden Haufen. Auch im Briefkasten stapeln sich ungeachtet des «Stopp keine Werbung»-Klebers Blätter mit mehr oder weniger sympathischen Visagen. Und als ob der Briefkasten- Terror noch nicht reichen würde, schiessen auf privaten Grundstücken Plakate mit oben erwähnten Köpfen wie Pilze aus dem Boden. Ganz zu schweigen von den Werbeflächen auf dem öffentlichen Grund. Ja, es ist Herbst, Wahlherbst 2011.
Ausser bei wichtigen Abstimmungen sind die Schweizer Parteien nie so präsent, wie wenn es darum geht, möglichst viele Sitze im National- und im Ständerat zu ergattern. Diese Präsenz widerspiegelt nicht zuletzt den Medienmix, den die politischen Strategen einsetzen: Breitenwirkung heisst die Devise – jedenfalls im Wahlkampf. «Wir schalten unsere Werbung fast in allen Kanälen, die erlaubt sind», sagt beispielsweise Noé Blancpain, Kommunikationschef der FDP. Ähnlich sieht es bei der CVP, der Grünen Partei und der SP aus: Plakate, Inserate, Mailings, Flyer, Mitgliederbroschüren und das Internet sind bei allen Teil des aktuellen Medienmixes. Am breitesten bläst die SVP zum Halali auf die Parlamentssitze. Nicht nur lacht einem die Sonne mit Schweizer Fahne auf Schritt und Tritt ins Gesicht. Die Partei leistete sich im Wahljahr gar einen eigenen Kinospot.
Einer, der sich intensiv mit dem Erfolg von Wahlkampagnen auseinandersetzt, ist der Politikberater Mark Balsiger. Der Autor der Bücher «Wahlkampf in der Schweiz» und «Wahlkampf – aber richtig» ist überzeugt: «Wer die Debatte in den redaktionellen Teil der Massenmedien tragen kann und dort die Oberhand behält, hat gute Aussichten auf einen Sieg.» Das kommt nicht von ungefähr: Über vier Fünftel der Wählerinnen und Wähler nutzen im Vorfeld von Abstimmungen Zeitungsartikel zur Meinungsbildung. Zu diesem Schluss kommt die «VOX-Trendberichterstattung», die das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der Bundeskanzlei für die Legislaturperiode 2003–2007 durchgeführt hat. Auch wenn sich die der Studie zugrunde liegenden Befragungen auf Abstimmungen beziehen, zeigt sich bei Wahlen ein ähnliches Bild. Balsiger erwähnt in diesem Zusammenhang das «Phänomen» SVP: «Keine andere Partei erhält auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit der Medien. Dass die Kommentare mehrheitlich negativ ausfallen, spielt offensichtlich keine Rolle.»
Das Plakat als «kommendes Medium»
Dass die Aufmerksamkeit in der Politik das höchste Gut ist, wissen auch die Kommunikationsverantwortlichen der übrigen Parteien. Knackpunkt bei der Umsetzung sind aber oftmals die begrenzten Budgets. Entsprechend wird bei Abstimmungen sehr genau analysiert, welches Medium die Partei-Botschaft am effektivsten transportiert. «Bei knappen Mitteln neigen wir eher dazu, auf Inserate zu setzen, da wir glauben, damit die Zielgruppe der politisch Interessierten besser erreichen zu können», sagt Min Li Marti, Leiterin Kampagnen & Kommunikation der SP Schweiz. Trotzdem geniesst das Plakat gerade in der Schweizer Polit-Werbung einen hohen Stellenwert. Dabei erwähnen die Parteien nicht nur die gekauften Werbeflächen, sondern auch die Wildplakatierung als wichtiges Medium, um ihre Botschaften zu platzieren. Und offenbar reagieren die Adressaten auch positiv auf die klassische Ansprache. Das erwähnte die VOX-Studie. Die Autoren stellten fest, dass das Plakat zwar von einer starken Minderheit – bestehend aus vorwiegend jüngeren Menschen – im Vorfeld von Abstimmungen zur Meinungsbildung genutzt wird. Gleichzeitig attestierten sie ihm aber das Prädikat «kommendes Medium». Dazu hält Lukas Golder, Senior Projektleiter des gfs.bern, fest, dass Abstimmungskampagnen immer weniger persönlich, also beispielsweise mit Standaktionen, geführt würden. Dies führe letztlich zu höheren Budgets und einer Professionalisierung. «Kampagnenakteure wollen nicht nur die Themenführung über Inhalte. Sie suchen diese bei der Symbolik, die mit der Sachfrage in Verbindung steht», so Golder weiter. Dabei werde gezielt auf Elemente des Brand-Managements und auf Medien gesetzt, die solche Symbole einfach und plakativ transportieren könnten. Das Plakat werde heute systematischer eingesetzt und laut VOX-Trendbericht bei massivem Einsatz seit ein paar Jahren auch stärker beachtet – nicht zuletzt dank der teils provokativen Sujets.
Überspitzte Emotionen
Während sich der Medienmix der fünf Parteien – im Rahmen der jeweiligen finanziellen Möglichkeiten – nicht allzu stark unterscheidet, klaffen die gewählten Emotionalisierungsstrategien auseinander. Mit dieser Thematik hat sich die Linguistin Sascha Demarmels (s. unten) in ihrer Dissertation über Schweizer Abstimmungsplakate im 20. Jahrhundert beschäftigt. Dass auf politischen Plakaten oft mit sehr starken Emotionen gearbeitet wird, scheint durchaus angebracht: «Während beim Kauf eines Produktes eine direkte Gratifikation eintritt, liegt die Belohnung bei politischen Handlungen weiter entfernt oder trifft, bei demokratischen Entscheidungen, vielleicht gar nicht ein.» Die Kommunikationswissenschaftlerin stellt fest, dass in Abstimmungsplakaten oft negativ emotionalisiert wird. «Das Wahlplakat hingegen», so Demarmels, «sollte positiv sein: Es kommt eine neue Person, die etwas bewirken will.» Dies sieht man bei der SVP anders, wie die stv. Generalsekretärin Silvia Bär erklärt: «Wir sind eine volksnahe Partei und nehmen die Ängste und Sorgen der Bevölkerung auf.» Eine Strategie, die auch im aktuellen Wahlkampf gefahren wird. Bei der Umsetzung wähle die Partei eine Sprache, die alle Personen verstehen. Etwas mehr Anspruch an ihre Wählerschaft stellen die übrigen befragten Parteien. Nicht nur erfordern ihre Wahlkampfslogans mehr oder weniger intensivere Denkarbeit. Auch die visuelle Umsetzung der Wahlkampfthemen ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich (mehr dazu unten). Emotional setzen die Grünen ebenfalls mehrheitlich auf Angst: «Wir wollen die Stimmbürgerinnen und -bürger über die Sorge bezüglich Umweltverschmutzung, Klimawandel und die gefährliche Atomenergie abholen. Ein weiteres Thema ist die Solidarität», so Generalsekretärin Miriam Behrens. Optimistischer gibt sich da die CVP. Man bewirtschafte nicht den Missstand, sondern den Erfolg, betont Kommunikationschefin Marianne Binder.
Auf die Frage, ob die Qualität einer Kampagne und insbesondere deren Präsenz über den Erfolg einer Partei entscheiden, meint Lukas Golder: «Eine gute Kampagne gehört heute zum Wahlsieg einer Partei dazu. Mit viel persönlichem und unbezahltem Einsatz und mit Kreativität kann aber einiges korrigiert werden.» Neben dem Imageaspekt gehörten auch Personen, Themenprofile und politische Positionierungen zu einer guten Kampagne – und nicht zuletzt das Timing. Dieses, so Golder, unterscheide Wahl- und Abstimmungskampagnen auch vom kommerziellen Campaigning. «Alles muss auf einen bestimmten Moment der Entscheidung geplant werden. Mit einer spannenden und überraschenden Aktion kurz vor dem Wahltag ist auch noch Einiges möglich.» Es bleibt also bis zum Schluss spannend.
Simone Fankhauser








