WW: Herr Eicher, in einem Interview haben Sie gesagt, das Ziel ihrer Arbeit sei es, mit den Verbrauchern und Zielgruppen einer Marke bzw. eines Produktes über spektakuläre und unkonventionelle Geschichten in Dialog zu treten. Was, wenn das zu bewerbende Gut völlig unspektakulär und konventionell ist?
David Eicher: Jedes Produkt und jede Dienstleistung besitzt im Kern eine Geschichte, die man dramatisch inszenieren kann. Aus diesen Geschichten generieren wir Angebote, die für Konsumenten nützlich sind, ihnen einen Mehrwert bieten. Schliesslich wollen die Menschen einen Gegenwert für die Aufmerksamkeit, die sie einer Marke widmen. Gerade Teens nutzen verschiedene Medienkanäle parallel und lassen sich lieber involvieren, statt einfach nur zu konsumieren. Advertising wird zu Usevertising. Wenn ich sage spektakuläre oder spannende Geschichte, dann muss das ja nicht immer eine Sache sein, die so funny ist wie ein Viral- Spot oder eine extravagante Aktion wie bei Nike. Das können auch Dinge sein, die die User einfach bei der Entwicklung neuer, innovativer Produkte oder Services integrieren. Insofern glaube ich wirklich, dass jedes Produkt, jede Marke, jede Dienstleistung die Möglichkeit bietet, konsumenteninvolvierende Konzepte zu entwickeln.
Sie haben auch gesagt, dass alternative Werbung nur dann wirken kann, wenn sie strategisch in das Gesamtkommunikationspaket eingebettet ist. Das tönt nicht gerade nach grosser kreativer Freiheit.
Der ehemalige Leiter des Instituts für Markentechnik in Genf, Klaus Brandmeyer, hat immer vom genetischen Code einer Marke gesprochen. Es gibt eine Kernbotschaft, eine Leitidee, eine Kernpositionierung, für die jedes Produkt und jede Marke steht und die man seinem Publikum vermitteln will. Das macht man entweder auf dem klassischen Weg, über den POS, Events und neuerdings eben auch über webbasierte Kanäle. Das Ziel besteht darin, die Kernidee wie einen roten Faden durch sämtliche Aktivitäten nachvollziehbar werden zu lassen. Wir arbeiten dabei häufig mit den Lead-Agenturen grosser Unternehmen zusammen. Diese geben die erste Richtung vor und wir nutzen dann unser Know-how und unsere Kreativität, um die Kernbotschaft mit unseren Mitteln zu transportieren. Am Ende sollte auf jeden Fall ein geschlossenes Markenbild bei den Konsumenten ankommen. Es macht keinen Sinn, wenn jede Agentur ihre eigene Geschichte erzählt, die nicht Teil einer zentralen Markenbotschaft ist.
Besteht auf Unternehmensseite noch Aufklärungsbedarf in Bezug auf die Möglichkeiten von alternativen Werbeformen?
Ja, mit Sicherheit. Erstens ist es so, dass nicht nur in Deutschland viele Karrieren der Marketingentscheider eng verknüpft waren mit den klassischen Medien. Dadurch bestehen auch gewisse Berührungsängste gegenüber den neuen Medien. Diese kann man nur durch fachliche Expertise abbauen. Und da treffen wir den Nerv des zweiten Punktes: Viele Agenturen, die bislang diese Beratungsrolle innehatten, haben oft die gleichen Berührungsängste wie ihre Mandanten. Deshalb werden diese neuen Themen teilweise vernachlässigt. Diese sind aber essenziell, um sich als moderne, zeitgemässe Marke aufzustellen. Um Zielgruppen zu erreichen, die man über andere Kanäle eben nicht mehr erreicht. Die alternative Werbung muss im Marketingmix integriert, Online als zweites Leitmedium anerkannt und etabliert werden. Dadurch wird sich auch die Hackordnung innerhalb der Agenturen ändern.
Sie erwähnen oft die Jungen im Zusammenhang mit Online-Werbung. Sind die Möglichkeiten im Web auf diese Zielgruppe beschränkt?
Nein, egal ob B2B oder B2C, egal wie alt, wie konservativ oder wie progressiv die Zielgruppe ist, es gibt immer im Online- respektive im Social-Media-Bereich Möglichkeiten und Instrumente, die Kunden einzubinden. Ein Beispiel: Wir betreuen in Deutschland die kompletten Social-Media-Aktivitäten der Marke Mon Chérie von Ferrero. Hier sprechen wir von Käufergruppen, die sich im Bereich 45 bis 50plus bewegen. Die Marke verzeichnet mittlerweile knapp 59 000 Fans auf Facebook. Wenn man sich die Interaktionsraten ansieht, dann gehört die Mon- Chérie-Seite immer zu den Top Ten sämtlicher in Deutschland geführten Markenseiten. Der Wille, sich mit einer Marke auseinanderzusetzen, sich in deren Welt zu bewegen, ist bei Älteren genauso gegeben. Bei Social-Media-Marketing geht es ja nicht um die Bespassung von Teenies. Sondern darum, Konsumenten jeden Alters Angebote zu machen, die sie interessant finden und an die Marke binden. Das Ziel einer jeden Marke muss es sein, die Fangemeinde rund um das Unternehmen so gross wie möglich zu machen. Man muss die Qualität der Kundenbeziehungen intensivieren, optimieren, um am Ende den Gelegenheitskonsumenten in einen Markenbotschafter zu konvertieren.
Wenn man Ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, die klassische Kommunikation sei ein Auslaufmodell.
Social Media löst die klassische Werbung nicht komplett ab, sondern ergänzt sie. Gerade in den Segmenten bis 14 Jahre und ab 50 Jahren verzeichnet das Fernsehen nach wie vor Zuwachs. Nur dazwischen haben die klassischen Formate, insbesondere Print, zu kämpfen. Die schlagartige Bekanntmachung neuer Produkte und Angebote ist mit Sicherheit über klassische Kanäle besser zu bewerben. Nicht zuletzt, weil dabei mit ganz anderen Budgets gearbeitet wird. Die Marken-Emotionalisierung funktioniert mit Sicherheit auch besser über grossflächige Bewegtbildangebote wie TV. Alles andere kann ich über das Internet besser. Die Vorteile liegen auf der Hand: gute Messbarkeit, punktgenauere Zuspielung der Werbebotschaft, vielfältigere Möglichkeiten, mit der Zielgruppe zu interagieren, kostengünstiger und ich kann erfolgsbasiert agieren. Alles Dinge, die für neue Werbeformen sprechen.
Seit Anfang Oktober gibt es eine Zürcher Dependance. Wieso gerade die Schweiz?
Wir betreuen seit Jahren Schweizer Unternehmen aus Deutschland. Wir arbeiten also nicht nur für den deutschen, sondern auch für den Schweizer und den internationalen Markt dieser Kunden. Dazu zählen Mammut, Ricola, Orange und mittlerweile auch die Migros und Kraftfoods Schweiz mit Tassimo. Wir wollten die Servicequalität für unsere Kunden verbessern, indem wir diese Vor-Ort-Präsenz sicherstellen. Weiter haben wir erkannt, dass in der Schweiz ein Markt für alternative Werbung besteht, aber noch kein Full-Service-Angebot, das annähernd das repräsentiert, was wir anbieten.
Konnten Sie bereits neue Kunden gewinnen?
Wir haben in den nächsten Wochen drei Pitches. Leider konnten wir uns in meinen beiden Wunschbranchen – der Automobilbranche und der Finanzbranche – bis jetzt noch nicht präsentieren. Aber ich möchte auch, dass sich das Team erst sauber konstituiert, dass sich die Abläufe etablieren, damit wir mit einem guten Gewissen rausgehen und sagen können: Hier steht ein 20-köpfiges Team. Und das wird im November so weit sein.
Heute Zürich, morgen London?
Wir begleiten ja jetzt schon internationale Kampagnen von Deutschland und auch von Zürich aus. Natürlich wäre es gerade dort, wo es um die haptische Wahrnehmung eines Produktes geht, sinnvoll, wenn man den Versand im jeweiligen Land abwickeln könnte. Es ist schon unser Wille, ein paneuropäisches Netzwerk aufzubauen. Aber wir machen jetzt erst mal diesen Schritt, das heisst, wir wollen den Standort Zürich erst einmal etablieren, schauen, läuft es so, wie wir uns das vorgestellt haben, und dann kann man über eine weitere Expansion reden.
Simone Fankhauser
In Kürze
Im Jahr 2000 gründete Fotograf und Werbekaufmann David Eicher mit der Webguerillas GmbH eine Full-Service-Agentur für alternative Werbeformen. Heute beschäftigt das Unternehmen mit Sitz in München über 60 Mitarbeitende. Das Angebot umfasst virale Kampagnen, Social-Media-Aktivitäten, Guerilla-, Word-of-Mouth und Mobiles-Marketing sowie Konzepte für Blogs und Websites.