Die Site macht süchtig: Mühelos lässt sich in einem nimmer endenden Bilderstrom surfen, der von Benutzern des Dienstes laufend zusammengestellt wird. Wer einmal angefangen hat, kommt für ganze 15 Minuten und 40 Sekunden nicht mehr davon los, will man den Daten des Doubleclick Ad-Planner von Google für eine durchschnittliche Sessionlänge glauben. Nicht nur die aussergewöhnlich hohe Benutzungsdauer ist bemerkenswert, sondern auch, dass Frauen den Grossteil der User ausmachen.
Sobald eine Browser-Erweiterung installiert ist, genügt es, ein visuelles Element einer Website auszuwählen, um es auf einer virtuellen Pinnwand bei Pinterest zu verewigen. Es können Kurzkommentare und Schlagworte (Tags) hinzugefügt werden und vor allem ist das Bild einer Kategorie zuzuweisen (bemerkenswert: Das Publikum kuratiert Inhalte). Und vieles funktioniert gleich oder ähnlich wie bei anderen sozialen Netzen: Wer an der Sammlung einer Benutzerin zu einem Thema Gefallen findet, kann diese abonnieren, kann die einzelnen Inhalte kommentieren und vor allem selber auf einer eigenen Pinnwand weiterverbreiten. Per iPhone-App können mit der Kamera auch Bilder von unterwegs (etwa mit Inspirationen vom Einkaufsbummel) gepinnt werden. Und um so die Reichweite der eigenen Pinn-Aktivitäten zu steigern, können neue Pinns über Facebook oder Twitter weiterverbreitet werden. Weil’s so einfach und spielerisch geht, sehen viele Pinnen als das neue Twittern.
Längst hat die Site zahlreiche Anwendungen gefunden: Künstler (wie kreative Werber) organisieren so inspirierende Bilder, Profi- wie Hobby-Köche führen so eine Rezeptsammlung, Einkaufslisten können so visuell geführt werden ebenso wie etwa Ideen zur Dekoration verschiedener Räume einer Wohnung. So ist es bei Brautpaaren in den USA bereits üblich, die Hochzeitsplanung anstatt mit dicken Ringbüchern per Pinterest elegant im Netz abzuwickeln und so mit Freunden und Familie zu teilen. Einzelne Pinnwände können von mehreren Benutzern gemeinsam betreut werden, womit der Dienst für die Zusammenarbeit in Projekten genutzt werden kann. Im 21. Jahrhundert dominiert die visuelle Kommunikation, zumal wenn damit mühelos umzugehen ist: Pinterest ist ein einfacher und vergnüglicher Zeitvertreib für Menschen, die sich gern von Ausflügen in Bilderwelten inspirieren lassen. Damit ist es eine wohltuende Alternative zur wortreichen Informationsflut, der wir uns im Netz allenthalben (Newssites, Twitter, Facebook etc., etc.) aussetzen. Das erleichtert vor allem das Mitmachen, denn Pinnen genügt – ergänzende Kommentare sind zwar nützlich, aber optional. Pinterest beruht auf visuellen Eindrücken und spricht, populär-psychologisch betrachtet, Menschen mit einer dominanten rechten Gehirnhälfte an, die für emotionale, kreative, bildliche, musische Aspekte zuständig ist. Und das erklärt auch, weshalb nicht jedermann Pinterest toll findet: Wo die Welt vor allem mit der linken Gehirnhälfte (logisch, analytisch, sprachlich) begriffen und gehandhabt wird, erzeugt das weitgehende Fehlen abstrakter Informationen nur ein ratloses und ablehnendes Kopfschütteln.
Bereits wird Geld verdient
Gestartet ist Pinterest schon im Dezember 2009 und war anfänglich als Empfehlungssite fürs Shopping (sog. Social Shopping) gedacht. Obwohl die Site im¬mer noch nicht frei öffentlich, sondern nur per Einladung (sog. private beta) zugänglich ist, verzeichnet sie in den USA seit dem Sommer des letzten Jahres steile Zuwachsraten. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch im Dezember berichtete das Online-Marktforschungsunternehmen Hitwise, Pinterest erreiche wöchentlich 11 Millionen Visits und reihte damit den Start-up unter den zehn grössten Social-Media-Netzwerken ein. Für Aufmerksamkeit sorgte kürzlich ein Report von Shareaholic (ein führender Anbieter eines Tools für Online-Sharing), wonach über Pinterest im Januar mehr Web-Traffic vermittelt worden sei als von Google Plus, Youtube und LinkedIn zusammen.
Während die drei Pinterest-Gründer mit ihrem Unternehmen Cold Brew Labs, einem Start-up im Silicon Valley bei Palo Alto in Kalifornien, bei Wagnis-kapitalgebern zuerst 10 Millionen Dollar und im Oktober weitere 27 Millionen gewinnen konnten, setzte bei Branchenbeobachtern das Rätseln darüber ein, wie die Site je Geld abwerfen soll. Herumgeboten wurden die üblichen Rezepte: Möglichst lange gratis und ohne störende Werbung bleiben, um so eine möglichst grosse Reichweite zu erzielen, die dann vermarktet werden kann. Oder: Einnahmen mit Werbung und Sponsoring und als Gegenleistung Einträge besonders hervorheben. Oder: Verkauf von Apps und Premium-Features. Oder: Verkauf aufbereiteter Nutzungsdaten zum Targeting. Eine besonders pfiffige Variante kam nun kürzlich ans Licht: Pinterest verdient bereits heute Geld, indem die Pins der User verändert werden. Hat ein Pinnwand-Eintrag einen Link auf ein Produkt, was sehr häufig der Fall ist, wird dieser Link ausgetauscht gegen eigene Links mit einem Affiliate-Tracking- Code. Somit wird der Start-up mit Provisionen an allen Verkäufen beteiligt, die so zustande kommen. Die Idee ist nicht auf dem eigenen Mist gewachsen und auch nicht neu, sondern ist ein Angebot der Firma Skimlink, die sich auf diese Form der Website-Kommerzialisierung spezialisiert hat. So wird es denn spannend zu beobachten sein, ob Pinterest allein mit solchen Social-Commerce-Aktivitäten auf einen grünen Zweig kommen wird. Auch bleibt abzuwarten, wie das Unternehmen mit Vorwürfen zu Urheberrechtsverletzungen zu Rande kommen wird.
Denn andere sind überzeugt, dass mit diesem Konzept Geld zu verdienen ist. Bereits mehrfach ist das Pinterest-Konzept kopiert worden, mitunter mit einer frappant identischen Aufmachung. Weil das Original vor allem ein weibliches Publikum anzieht, gibt es etwa Gentlemint, wo es vor allem um «männliche Dinge» gehen soll. In Deutschland ist Pinspire an den Start gegangen und viele deutsche Inhalte gibt es auch auf Openpin. Diese Klone machen es sich zu Nutze, dass die Techniken hinter Pinterest allgemein verfügbar sind. Denn ein Teil des Erfolges von Pinterest lieg darin, dass zwei unabhängig entstandene Methoden hier kombiniert angewendet werden: Zum einen die Technik des endlosen Scrollens, da neue Inhalte laufend vom Server nachgeladen werden, ohne dass der Benutzer immer wieder einen Link anklicken muss, um auf eine neue Seite zu gelangen. Zum anderen Lösungen, für ein sog. Mauerwerk-Layout (Masonry-Layout), da unterschiedlich grosse Bildelemente so zusammengestellt werden, dass immer eine lückenlose Darstellung entsteht. Bereits gibt es Stimmen, die diese Spielart des Webdesigns für zukunftsweisend halten.
Auch wenn noch unklar ist, ob das Pinterest-Phä¬nomen als vorübergehender Hype oder beständiger Trend einzustufen ist, stellt sich für Unternehmen die Frage, welche Vorteile hier erzielt werden können und wie dabei am besten vorzugehen ist. Darüber gibt es in den amerikanischen Branchen-Blogs bereits zahlreiche Erkenntnisse und Überlegungen.
Schwierige Schweiz
Nun ist es fraglich, ob Pinterest in der Schweiz, so wie Facebook, den grossen Durchbruch schaffen und ein Massenphänomen werden wird. Ähnlich wie Twitter, mit dem es ja eher verglichen werden kann, ist eher eine zögerliche Ausbreitung zu erwarten, vor allem wegen der US-amerikanischen Herkunft und Ausrichtung. Für weltgewandte Avantgardisten mag dies den Reiz ausmachen, behindert aber einem Massenpublikum den Zugang. Zumal auch der Name der Site quer in der hiesigen Sprachlandschaft liegt, ist zu erwarten, dass helvetische Inhalte nur zögerlich auf Pinterest auftauchen und sich verbreiten werden. So wäre es ein leichtes, einen Klon für die Schweiz zu lancieren. Das ist, wie beschrieben, technisch keine grosse Herausforderung und könnte sogar funktionieren – bis auf die Kommerzialisierung: Da braucht es für unseren kleinen und fragmentierten Marktraum schon ganz aussergewöhnliche Ideen.
Christoph J. Walther