Da gibt es kein Entkommen. Tag für Tag müssen rund 100 000 Autos durch das Nadelöhr geschleust werden. Die Stadttangente Bern kanalisiert den Verkehr der Autobahnen A1, A6, A12. Sie ist damit eine Hauptschlagader nicht nur im schweizerischen Verkehrsnetz, sondern auch für die vielen Pendler im Einzugsgebiet zwischen Bern und Fribourg. Als eine «Operation am offenen Herzen» hat die Berner Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer die Sanierung treffend umschrieben. Nach 30 Jahren waren die Sanierungsarbeiten dringend nötig.
Mit dem Start der Hauptarbeiten, welche von Februar 2010 – November 2011 dauerten, standen zwischen Neufeld und Wankdorf jeweils von März bis November in Richtung Zürich nur zwei der drei Fahrspuren zur Verfügung. «Das war eine der Hauptherausforderungen », erklärt David Wetter. Der zuständige Filialchef von Thun beim Bundesamt für Strassen Astra hat mit seinem Team nicht nur die Bauarbeiten mit einem Budget von 485 Millionen koordiniert. Eine wichtige Aufgabe war auch die Kommunikation. Zusammen mit einer Bürogemeinschaft für Mobilitätsmanagement, der hauseigenen Fachstelle für Kommunikation sowie Erdmannpeisker wurde ein umfangreiches Massnahmenpaket geschnürt. Ziel der Kampagne war es, die Staulänge kurz zu halten und Ausweichverkehr aufs regionale Strassennetz möglichst zu vermeiden. Um dies zu erreichen, wurden die Strassenbenutzer jeweils über die aktuelle Verkehrssituation informiert, und die Kampagne versuchte sie davon zu überzeugen, «dass auf der Autobahn zu bleiben die beste und schnellste Lösung ist».
Ein Erfolgsfaktor für die Kommunikation rund um die Grossbaustelle war die enge und branchenübergreifende Zusammenarbeit, erklären Filialleiter David Wetter vom Bundesamt für Strassen Astra und CD Gabriel Peisker von der Werbeagentur Erdmannpeisker.
WW: Was war die Aufgabe?
David Wetter: Die Berner Grossbaustelle wurde vom Bundesamt für Strassen Astra umfassend und offensiv über unterschiedlichste Kanäle kommuniziert. Zusammen mit einer Bürogemeinschaft für Mobilitätsmanagement und der Werbeagentur Erdmannpeisker hat unser hauseigener Bereich Information & Kommunikation einen Blumenstrauss mit einer Vielzahl von Massnahmen geschnürt. Eines unserer Hauptziele war es zum Beispiel, die täglich über 100 000 Autofahrenden jeweils über die aktuelle Verkehrssituation zu informieren und sie davon zu überzeugen, dass «auf der Autobahn zu bleiben, die beste und schnellste Lösung ist».
Was war die grösste Knacknuss?
Wetter: Unser Hauptproblem war, dass wir auf der A1 im Bereich des Felsenauviaduktes Richtung Zürich eine Spur schliessen mussten und so die Kapazität zu Stosszeiten massiv eingeschränkt wurde. Hier war die Verlockung gross, dass sich die Leute einen Schleichweg suchen wollten. Das musste die Kommunikation vermeiden. Wir konnten das erreichen, indem wir überzeugend, offensiv und ehrlich kommunizierten: «Achtung, wir haben das hier im Griff. Weicht bitte nicht in die Stadt aus. Sucht auch nicht Schleichwege in der Region, sondern bleibt auf der Autobahn.» Ein Ausweichen auf Schleichwege hätte nicht nur für die Durchfahrenden, sondern auch für die Stadt Bern und die Region viel Chaos bedeutet.
Wie war der Erfolg?
Wetter: Wir haben es geschafft. Wir konnten unseren «Kunden» zeigen, was wir für ihre Sicherheit tun. Die Leute haben sich an unsere Tipps gehalten. Wir hatten nie einen grösseren Stau zu verzeichnen. Ausser gelegentlich bei Unfällen. Aber da steckt eine höhere Gewalt dahinter. Eine schöne Nebenerscheinung der ganzen Kampagne ist auch, dass wir in enger Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern und der Stadt einen Beitrag an die Verlagerung vom privaten Verkehr zum ÖV leisten konnten. Wir konnten den betroffenen Anwohnern und Unternehmungen im Umfeld der Baustelle bewusst machen, was es sonst noch an Mobilitätsformen gibt.
Wie haben Sie das kommuniziert?
Wetter: Unsere Kommunikationsmittel waren Plakate sowie regelmässige Inserate in der Berner Zeitung und im Bund sowie auch in Quartierblättern. Dazu schalteten wir sehr viele Radiospots in beiden Berner Lokalradios. Glück hatten wir, dass ein Grossteil der 100 000 Fahrzeuge, die pro Tag diesen Abschnitt befahren, aus der Region Bern stammen.
Was haben Sie sich vom Beiziehen einer Werbeagentur versprochen?
Wetter: Ausschlaggebend war der Gedanke: Wie bringen wir diese riesige Menge an Information am effektvollsten zu unseren Kunden? Uns wurde bald bewusst: Wir brauchen ein anderes Gefäss als nur die herkömmliche Kommunikation. Wir müssen die Kommunikation auf mehreren Säulen aufbauen, damit wir die Informationen auch genügend nah an das Zielpublikum bringen. Wir machten einen zweistufigen Wettbewerb. Das führte vor drei Jahren zu einem Pitch, welchen Erdmannpeisker gewonnen hat.
Wie ist Erdmannpeisker an diese Aufgabe heran gegangen?
Gabriel Peisker: Für uns war es ein Novum. Nicht nur, dass wir ein Budget nach SIA-Norm ausfüllen mussten. Architekten und Ingenieure haben ganz andere Berechnungsgrundlagen. Wir brauchten kein Beton für diese Kampagne, und das Gewicht einer Idee ist schwierig zu messen. Neu war aber auch die ganze Zielrichtung der Kommunikation. Alle sind schon einmal in einem Stau stecken geblieben und wissen: Es ist ein Ärgernis, das wir hier kommunizieren müssen. Also das Gegenteil zu den meisten Werbungen, die meistens für etwas Positives werben. Natürlich kann man sagen, dass die Baustelle notwendig ist und für alle zum Besseren führt, aber irgendwo merkten wir schnell, dass das zu dünn ist und auch ein bisschen banal. In diesem Moment waren wir froh um das Mobilitätsmanagement. Diese Spezialisten haben uns viel Futter gegeben, was man alles positiv kommunizieren könnte. Aufbauend auf diesem Positiven, haben wir nach einem kommunikativen Dach gesucht.
Ihr Botschafter heisst «Chrigu the hammer».
Peisker: «Chrigu the hammer» in der Printwerbung ist ein echter Bauarbeiter. Das Foto-Shooting war für ihn eindeutig die schwierigere Arbeit als sein Job auf dem Bau, und auch für uns war das Shooting nicht ganz so einfach wie mit einem professionellen Modell. Aber wir sind der Meinung, dass sich das gelohnt hat, denn «Chrigu» kommt als Symbolfigur sehr authentisch daher und wirkt absolut glaubwürdig für die Probleme, die wir kommunizieren müssen. Zudem wollten wir eine Kommunikation, die eine grosse Nähe zum Astra aufweist. Wir wussten: Auch wenn wir zum Schluss eine ziemlich witzige Umsetzung haben, muss diese von der Tonalität zum Astra passen. So kam die Idee, dass wir aus dem Herzen der Baustelle kommunizieren wollen – auch wenn jedem klar ist, dass das eine Fiktion ist.
Man muss die verschiedensten Leute ansprechen: Wie findet man die gemeinsame Sprache?
Peisker: Unser Ansatz war: Wenn wir einen solchen Bauarbeiter haben, dann hat er seine eigene, charakteristische Sprache, in der er klipp und klar sagt, was Sache ist. Reime wie «Sei bloss schlau, vermeid den Stau» sind bewusst nicht hoch eloquent, sondern dem Volk vom Mund abgeschaut. Und spätestens seit Adolf Ogi wissen wir ja, dass man damit sehr sympathisch rüberkommen und eine grosse Allgemeinheit erreichen kann.
Poetry Slam ist die Sprache der Jungen.
Peisker: Slammen ist eine junge Kunst, die zum Teil recht abgefahrene Wortakrobatik betreibt. Wir haben aber mit Patrick Savolainen einen Berner Slammer gefunden, der sich fantastisch in diesen Chrigu eingefühlt hat. Sein Chrigu schafft die Kunst, in sehr einfachen Worten und Sprach-Rhythmen zum Teil fast philosophische Baugeschichten zu erzählen. Diese Wortakrobatik fällt am Radio auf, und das haben wir für die Radiospots ausgenützt. Wetter: Wir mussten das Beste aus dem Budget machen, und da war Radio eine gute Lösung. Mit dem Medium Radio haben wir unser Zielpublikum sehr gut erreichen können. Erdmannpeisker realisierte Spots, die es auch vor grossen Konzerten geschaltet wurden, zum Beispiel bei AC/DC, wo wir ein grosses Verkehrsaufkommen erwartet haben.
Die Spots sind auf die einzelnen Situationen eingegangen?
Peisker: Eines der wichtigsten Elemente war der Wochenrückblick. Unser Slammer hat während zwei Jahren jeweils am Freitag um 17 Uhr einen Wochenrückblick präsentiert. Der ist auf beiden Berner Lokalradios gesendet und mehrmals wiederholt worden. Als «Chrigu the hammer» slammte er, was auf der Baustelle passiert ist, und philosophierte über die aktuelle Situation. Das Astra hat ihm Inputs und Themen geliefert, für die Form der Texte war er dann völlig frei. Wetter: Wir versuchten, in den Spots auch immer gezielte Botschaften zu verpacken. Zum Beispiel die Temporeduktion von 80 kmh auf 60. Dazu gibt es auch Studien, die beweisen konnten, dass man mit 60 tatsächlich schneller und vor allem sicherer durch die Baustelle kommt. Solche Botschaften wurden in einen Slam verpackt und zu attraktiven Sendezeiten über den Äther gelassen.
Das hat man gar nicht mehr als Werbung aufgenommen, sondern wie ein Programm?
Peisker: Das ist immer die Idee, dass eine Kooperation entsteht. Man bezahlt etwas, bekommt aber ein Vielfaches der Werbezeit – wenn man gut ist.
Mit welchen Medien haben Sie sonst gearbeitet?
Wetter: Eines der Hauptmedien war das Plakat. Diese durfte man allerdings nicht entlang der Autobahn hängen. Da gibt es strenge Sicherheitsvorschriften. Links und rechts der Autobahn muss man sehr zurückhaltend bleiben auf Grund der Ablenkungsgefahr. Peisker: Ist auch logisch. So haben wir die Plakate am Heck von Autobussen aufgehängt. Dazu schalteten wir Inserate in allen sinnvollen Publikationen. Wir haben einen Flyer gestreut, auf welchem die besten Zeiten zum Fahren abseits der für einen Stau kritischen Phasen kommuniziert wurden.
Welche Rolle spielte der Werkverkehr?
Wetter: Hier ist es uns gelungen, die Unternehmungen darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihre Transporte, ihre ganze Logistik auf die Baustellenzeiten abstellen. Also nicht zwischen halb sieben und neun Uhr Waren transportieren, wenn der grösste Druck auf den Baustellen ist, sondern dann, wenn wir keinen Stau erwarten.
Wie konnten Sie das wissen?
Wetter: Dazu haben wir im Vorfeld eine Analyse mit Verkehrssimulationen machen lassen.
Welche Rolle spielten redaktionelle Botschaften in den Medien?
Wetter: Es war ein gutes Zusammenarbeiten mit den Medien. Wir haben sie effektiv gebraucht und sie uns auch, eine klassische Win-Win-Situation. Unmittelbar vor Baubeginn haben wir sämtliche Medien zu einem «Point de presse» eingeladen: Gewisse Medien haben dann einen Helikopter bestellt, um zu filmen, wie dramatisch der Stau wird. Die Medien suchten die Attraktivität der Baustelle und hofften andererseits auf eine Story mit Schlagzeile. Einen «Stau bis Zürich» gab es dann aber nie. Genau unsere Prognosen sind eingetroffen.
Wie hat man das Problem für die Medien attraktiv gemacht?
Wetter: Unsere Frage war: Welche Medien können wir einsetzen, und wie müssen wir diese bedienen? Auch die Radios haben das Projekt mit grossem Interesse und Einsatz verfolgt. Die Redaktionen haben von uns die neusten Verkehrsmeldungen bekommen. Dazu ist die Berner Stadttangente eine sehr attraktive Baustelle, die wir auch so verkauft haben. Es war eine Sanierung in Verbindung mit dem Neubau einiger Brücken. Diese wurden ausserhalb der Nationalstrasse gebaut und anschliessend eingeschoben. Auf der A1 wird eine Brücke eingeschoben, während der Verkehr läuft. Das war ein Spektakel, mit welchen die Medien natürlich bestens bedient werden konnten. Aber nicht nur medial war das interessant, sondern auch für die Anwohner.
Sie haben Events veranstaltet?
Wetter: Wir haben verschiedene PR-Aktionen organisiert. Zum Beispiel ein gemeinsames Grillieren mit den betroffenen Quartierbewohnern, denn die Baustelle hat grossen Lärm verursacht. Im Dialog mit den Betroffenen konnten wir die Notwendigkeit der Bauarbeiten sehr gut erklären.
Welche Rolle spielten Public Relations?
Wetter: Hier gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Betroffenen – also Stadt Bern, Kanton Bern und Astra. Diese Kommunikation haben wir auch gemeinsam koordiniert. Wir haben gemeinsame Pressekonferenzen abgehalten. Immer mit der Regierungsrätin, der Baudirektorin der Stadt und uns. Hier haben wir auch die ÖV-Lösungen kommuniziert. Der Kanton Bern hat Mehrfahrtenkarten gesponsert für den öffentlichen Verkehr.
Andere flankierende Aktionen?
Peisker: Wir haben Tausende von Kaugummis – sgenannte «Staugummis» – verteilt. Hier lautete die Botschaft: «Der Geschmack hält länger als der Stau.» Und das Schöne ist: Das Astra konnte dieses Versprechen halten und hat uns so vor einer plumpen Werbelüge gerettet.
Interview: Andreas Panzeri