WW: Sie schreiben als Chefredaktor des Spicks für Kinder- und Jugendliche. Haben Sie selber Kinder?
Ja, zwei. Der grössere ist 19, der kleinere 11 und liegt damit in der Zielgruppe des Spicks. Er ist schon seit Jahren ein aktives Redaktionsmitglied. Immer wieder bringe ich Titelseitenentwürfe nach Hause und frage ihn: Welchen findest du am coolsten? Welches Poster sollen wir machen? Selbst Kinder zu haben ist für den Job schon nützlich.
Kinder lesen heute wenig, so das Klischee. Mit welchen Themen holen Sie die Jungen ab?
Die Themen im Spick sind heute nicht viel anders als vor 30 Jahren. Solche, die man pädagogisch wertvoll oder anspruchsvoll nennen könnte. Wir sind keine Bravo, keine Micky-Maus. Zwar haben wir Szeneseiten, auf denen wir Stars zeigen, auch Comics, Witze und Rätsel. Aber die langen Beiträge, in denen es um Themen geht wie «Kinder aus fernen Ländern» oder «Das Leben der Indischen Tiger», gibt es nach wie vor. Abholen kann man die Kinder vor allem mit der richtigen Umsetzung.
Inwiefern?
Man muss Kinder heute stärker in die Geschichte hereinziehen als vor 30 Jahren, als die Konkurrenz durch andere Medien wie Fernsehen, Internet oder Playstation noch nicht so gross war. Viele Medien werden immer kleinteiliger und kurzatmiger. Das Internet bietet Häppchenkost an, mit einem Klick bin ich wieder weg. Diesem medialen Umfeld muss der Spick gerecht werden.
Wie tun Sie dies konkret?
Ich muss zusätzlich zu den langen Texten auch kurze Häppchen anbieten. In der aktuellen Ausgabe haben wir eine Geschichte zum Thema Klimawandel. Es gibt nach wie vor lange Textpassagen, aber ebenso versuchen wir, über die Bildtexte eine Geschichte in der Geschichte zu erzählen. Wir arbeiten mit Kästchen, Infoboxen, Störern oder kleinen Badges, in denen Dinge stehen, die man auf dem Pausenplatz seinen Freunden erzählen kann: «Wusstest du schon, dass …?»
Welche Themen begeistern Sie, wenn Sie für Kinder schreiben?
Ich bin von Haus aus Biologe. Bevor ich für den Spick geschrieben habe, arbeitete ich lange Zeit für den Tierfreund. Tiergeschichten, naturwissenschaftliche Geschichten oder Experimente, das sind nach wie vor die Themen, die mir Spass machen. Genauso die kleinen kuriosen Entdeckungen.
Woran denken Sie?
Zum Beispiel an den weltweiten Tag der Kissenschlacht. Oder für die Mai-Ausgabe habe ich einen Ungarn entdeckt, der aus Obst, Gemüse und Bürli kleine Figürchen schnitzt. Die schauen wahnsinnig lustig aus.
Sie faszinieren skurrile Dinge?
Absolut. Das, was wir im Spick unter der Rubrik «Kurios» finden.
Ihre Zielgruppe sind Kinder zwischen 8 und 15 Jahren. Wie gelingt es Ihnen, gleichzeitig verschiedene Altersgruppen zu erreichen?
Unsere Zielgruppe ist ja nicht zwischen 8 und 15 gleichmässig verteilt, sondern es gibt einen Peak zwischen 10 und 12 Jahren. Vor allem an diese Altersgruppe denke ich beim Schreiben. Zudem streben wir eine Mischung innerhalb eines Hefts sowie zwischen verschiedenen Ausgaben an. Etwas für die Jungen, für die Älteren, für Mädchen und Buben. Es ist klar, dass nicht jeder Basteltipp den 9-jährigen Knaben genauso anspricht wie das 14-jährige Mädchen.
Sie schreiben für die Generation der Digital Natives – Kinder, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Wie setzen Sie neue Medien ein?
Die sind natürlich immer präsent. Im Spick haben wir die Rubrik «Total digital» etabliert, in der es um diese Themen geht. Wir begleiten die Kinder aktiv, nehmen sie an die Hand und zeigen ihnen Dinge, die sie so vielleicht noch nicht wissen. In der aktuellen Ausgabe haben wir zum Beispiel das Cloud-Computing. Wer den Spick gelesen hat, weiss, worum es geht. Zudem hat es in jeder Ausgabe viele crossmediale Elemente. Das Webvoting lösen wir jeweils im Heft auf. Texte in der Rubrik «Englisch» kann man sich als MP3 im Internet anhören …
Wie wichtig sind Ihnen diese Elemente?
Auf die multimedialen Inhalte als Ergänzung zum Heft bin ich stolz. Die sind eine grosse Bereicherung. Selbst dann, wenn man sie nie anklickt.
Das verstehe ich nicht. Weshalb?
Na ja, ich finde, nur schon zu signalisieren, dass es solche Elemente gibt, bereichert das Heft. Eines meiner Lieblingsbücher in der Kindheit war ein Experimentier- und Bastelbuch. Das hiess «Spiel, das Wissen schafft», ein Klassiker. Zwar habe ich nie eines dieser Experimente ausprobiert. Aber ich war immer sicher: Irgendwann mache ich die Geheimtinte. Die Möglichkeit fand ich toll.
Nutzen die Spick-Leser das crossmediale Angebot ebenso wenig?
Es nutzen verdammt wenige Leser diese Elemente.
Auch nicht die Internetsite?
Diese schon. Wichtig sind dort aber vor allem die witzigen Elemente und die Community, die Kinder chatten miteinander. Meine persönliche Meinung ist: Der Spick tut gut daran, sich auch als ein Gegengewicht zu elektronischen Medien zu positionieren.
Sie wollen den Spick als Printmedium stärken?
Genau, als Printmedium, als haptisches Medium, als Medium mit langen Texten, wo man dabeibleiben kann. Vielleicht wird es irgendwann auch eine iPad-Ausgabe vom Spick geben, aber ich finde: Die Kinder dürfen durchaus lernen, wie es sich anfühlt, eine Seite umzublättern und nicht nur mit dem Finger zu wischen. Ich glaube, dies ist auch im Sinn der Erwachsenen, die den Spick bezahlen.
Arbeiten Sie mit Pädagogen zusammen, wenn es um einzelne Artikel geht?
Nicht institutionalisiert. Aber einige der freien Autoren sind Lehrpersonen oder kommen aus der pädagogischen Ecke. Und natürlich gibt es auch Feedback aus den Schulen.
Der Spick positioniert sich als Heft, bei dem Schweizer Themen im Fokus stehen. In der Jubiläumsausgabe liest man von Madagaskar und Indien. Wo sind die Schweizer Themen?
Wir wollen nicht nur aus der Schweiz berichten, aber wir schaffen mit Hinweisen immer einen Bezug zur Schweiz. Wenn wir über Kinder aus der Südsee berichten, sind es natürlich keine Schweizer. Aber: Wenn wir über einen Blinden berichten, der sich trotz fehlender Sehkraft seinen Weg durch die Stadt bahnt, dann ist der in Zürich und nicht in Berlin. Wenn wir eine Schulklasse besuchen, ist die in St. Gallen oder Basel. Sie lesen über Madagaskar, bekommen aber noch den Ausflugstipp für die Masoala-Halle im Zoo Zürich. Auf den Szeneseiten sind Tipps, die sich auf Schweizer Veranstaltungen beziehen. Ausserdem pflegt der Spick die Schweizer Rechtschreibung. Hierfür haben wir extra eine Schweizer Korrektorin eingesetzt. Wir schreiben von der Baumnuss und nicht von der Walnuss, vom Velo und nicht vom Fahrrad.
Zu Ihren Plänen für den Spick: Was wollen Sie noch verändern?
Um ehrlich zu sein, ich bin ganz zufrieden, wie es ist. Ich wünsche mir, dass wir mit diesem gedruckten Heft bestehen können und wir es schaffen, die Kinder auch noch in zehn Jahren mit einem gedruckten Produkt abzuholen. Ich hoffe, dass wir mit dem, was wir machen – mit anspruchsvollem Journalismus für Kinder –, auch in zehn Jahren noch ankommen.
Wie lange bleiben Sie noch Chefredaktor beim Spick?
Gute Frage. Die stelle ich mir auch manchmal …
Haben Sie noch nicht genug?
Langweilig ist mir noch lange nicht. Natürlich kennt man langsam die Witze, die eingesendet werden. Aber es macht mir immer wieder von neuem Spass. Will man diesen Job machen, muss man schon mit Leidenschaft und Herzblut dabei sein. Zum Beispiel lasse ich für jedes Editorial ein neues Foto von mir schiessen. Dafür ist mir nichts zu blöd, da mache ich mich auch gerne mal zum Deppen. In der Februar-Ausgabe habe ich mir zum Beispiel eine Froschmaske aufgesetzt. Sollte ich irgendwann zu alt sein, diese Fotos zu machen, ist es Zeit, mit dem Job aufzuhören.
Isabel Imper
> Zum Artikel über das Spick-Jubiläum: Mit 30 noch kein bisschen erwachsen.
In Kürze
Nach Studienabschlüssen in Biologie und Journalismus arbeitete Hans Schödel sechs Jahre beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt und war daneben als freier Autor für verschiedene Kindermedien, unter anderem beim Tierfreund, und als Texter für Werbeagenturen tätig. Seit 2003 ist er beim Sailer-Verlag in Nürnberg als Chefredaktor der Schweizer Kinderzeitschrift Spick angestellt.