WW: Welche Strategie steckt hinter der neuen Eigenvermarktung von GMX.ch?
Matthias Ehrlich: Hier folgen wir dem Erfolgsbeispiel von GMX.at, das wir zu Beginn des Jahres 2011 ebenfalls in die Eigenvermarktung genommen haben. Wenn wir als Publisher in Zukunft in der Lage sein wollen, unsere Leistung, die in Redaktion und Services besteht, weiterhin erbringen zu können, müssen wir unsere Portale auch gut monetarisieren können. Wir müssen dafür sorgen, dass die Vermarktung mit einem möglichst grossen Anteil der Wertschöpfung weiterhin zu uns läuft. Sonst können wir uns in den eigenen Ländern nicht mehr als lokale europäische Internetindustrie gegen die Vorteile behaupten, welche die globalen Player haben. Somit ist die Eigenvermarktung oder die Publisher- nahe Vermarktung unser Kerngedanke.
Wo sehen Sie eine konkrete Bedrohung?
Wer seine Vermarktung zum Beispiel an Google gibt, der füttert ein weltweites System von Leuten, die zwischenhandeln, nachhandeln und unterhandeln, wo viele Leute Geld verdienen. Aber meine Redakteure, Serviceleute, Programmierer und Produktmanager, die all das gebaut haben, bekommen nichts. So werde ich irgendwann mal nicht mehr in der Lage sein, meine Services zu leisten. Das ist eine Grundüberzeugung von uns. Deshalb haben wir extrem viel in die Eigenvermarktung investiert. Wir haben in Deutschland die grösste Online-Eigenvermarktung, die es in Europa gibt, für digitale Medien. Für GMX.at haben wir innerhalb von drei Jahren den unter den Top-Playern zweimal zum besten gewählten Vermarkter aufgebaut. In der Schweiz wollen wir jetzt dasselbe machen.
Was ist konkret geplant?
Wir wollen unser Portal «helvetisieren» und dafür vor allem eine eigene Schweizer Redaktion auf- und ausbauen. Wir sind mit GMX.ch schon seit langen Jahren hier. Aber offen gesagt haben wir redaktionell noch nie ein wirklich schweizerisches Angebot aufgezogen. Wir haben die Schweiz informiert, wenn Bayern München gegen Leverkusen gespielt hat oder Frau Merkel etwas Neues sagte. Ich weiss nicht, wie viele Schweizer das interessiert hat. Aber sie haben unseren E-Mail-Service toll gefunden und sind damit bei GMX.ch geblieben.
Was fanden sie toll?
Ich denke, dass wir eines der besten E-Mail-Services haben auf dem europäischen Kontinent. Wir sind ja in vielen Ländern der Erde. Wir schlagen in den grossen Märkten USA, England und Frankreich regelmässig die E-Mail-Services von Mitbewerbern wie Hotmail oder Google von der Qualität her.
Wieso?
Wir haben zum Beispiel den schnellsten E-Mail- Client, der auf dem Weltmarkt ist. Von den grossen muss man sagen. Denn eine grosse Menge digitaler Postfächer heisst ja auch: Der Aufwand ist gross. Dazu sind wir auch sehr innovativ, wie wir Features ausbauen.
Wie wird das in der Schweiz aussehen?
Wir haben eine spezifische Schweizer Redaktion aufgebaut. Wir haben eine Chefredakteurin angestellt und bauen nun die Inhaltsangebote rund um den E-Mail-Dienst von GMX.ch systematisch aus. Die Nachrichten sind in Zukunft Schweizer Nachrichten. Ebenso das Wetter. Der ganze Lokalisierungsservice wird stückweise mit Schweizer Unternehmen vereinbart. Wir wechseln zu Dienstleistern vor Ort und bauen die Integration so aus, dass man in einem Jahr beim Surfen auf unser Portal das Gefühl hat: Ich bin auf einem Schweizer Portal.
Wo befindet sich diese Redaktion?
Die gesamte Redaktion ist vorderhand noch in Deutschland. Bestimmte Themen liefern wir von dort auch auf unsere Portale in Indien, Russland, USA. Das ist das Schöne am Internet. Für die Vermarktung schieben wir aber kontinuierlich Kollegen in die Schweiz und wollen in drei Monaten in Zürich mit einem eigenen Verkaufsbüro starten.
Wie wichtig ist der Schweizer Markt?
Der Schweizer Markt ist sehr interessant. Wir haben hier eine Reichweite von 13 Prozent auf Monatsbasis sowie 700'000 Nutzer. Dazu passiert in der Schweiz gerade etwas, was für die Vermarktungsstruktur e x t r e m wichtig ist. Verschiedene Mitbewerber schliessen sich zusammen. Das ist ein wichtiger Schritt. Die einzelnen Verlage können nicht Gegner sein, wenn globale Player die nationale Wer t schöpfung ausser Landes ziehen und uns dann das Geld fehlt, um eine eigene Redaktion aufzubauen.
Interview: Andreas Panzeri