WW: Contrast Film hat zu einem Kick-off-Event ins Zürcher Stadthaus geladen, um private Gönner und Investoren für einen Spielfilm zu gewinnen. Wie waren die Reaktionen auf diese Idee?
Ivan Madeo: Durchs Band positiv. Aber so sehr das einen freuen mag, mit Komplimenten macht man noch keinen Film.
Was soll diese Aktion bringen?
Wir erhoffen uns zwei Sachen. Erstens, dass wir das Interesse von möglichst vielen Leuten für die praktisch unbekannte Geschichte vom «Kreis» gewinnen können. Dies, um den letzten Filmstellen, die ihre Förderzusagen im Sommer noch sprechen müssen, die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Films zu zeigen. Zweitens, dass wir möglichst viele Spenden sammeln, damit wir gegenüber diesen Ämtern ein finanzielles Statement setzen können.
Gibt es bereits erfolgreiche Vorbilder für ein derartiges Finanzierungsmodell?
Unser Finanzierungsmodell ist grösstenteils klassisch, mit einer atypischen Ergänzung im PR- und Sponsoring-Bereich. Die letzten Jahre ist man in der Filmfinanzierung kreativer geworden. Es werden Crowdfunding- Plattformen im Web, aber auch neue Event-Möglichkeiten wie Fundraising- Ausstellungen, Spendenkonzerte, Lancierungen von literarischen Ergänzungen zum Film genutzt, um die Projekte zu finanzieren. Und das muss man auch. Einerseits, weil die zur Verfügung stehenden Fördermittel nicht parallel zur Quantität der herausgebrachten Filme steigen, also der Kampf um denselben «Topf» grösser geworden ist. Andererseits, weil die heutigen Produktionsbedürfnisse, also das Arbeitstempo oder die Internationalisierung der Projekte, das herkömmliche Schweizer Finanzierungssystem überholt haben.
«Der Kreis» erzählt eine wahre Geschichte. Wie haben Sie diese entdeckt?
Ich habe vor rund fünf Jahren Röbi Rapp und Ernst Ostertag zufällig kennen gelernt. Als ich von ihrem damaligen Engagement im Kreis, aber auch von den absurden polizeilichen Repressionen gegenüber Homosexuellen im Zürich der 60er-Jahre hörte, wusste ich auf der Stelle: Das ist ein Stoff für die grosse Leinwand. Es ist doch verrückt, dass hier in Zürich, direkt vor unserer Tür, vor nicht einmal 50 Jahren eine so systematische Schwulenhatz stattgefunden hat. Von der Stadt nicht nur geduldet, sondern gar initiiert: rechtlich absolut haltlose Verbote, Drohungen, Razzien, Verfolgungen, Verhöre, Registrierungen und Verhaftungen. Und dass das heute fast keiner mehr weiss, ist noch viel verrückter. Die Story musste unbedingt erzählt werden.
Wie lange sind Sie schon schwanger mit der Idee?
Kaum hatte ich Urs Frey, meinem heutigen Filmpartner bei Contrast Film, vom Kreis sowie von Röbi und Ernst erzählt, haben wir uns an ein erstes Exposé und dann an ein Treatment herangewagt. In den letzten fünf Jahren sind – auch wegen des komplizierten Filmfördersystems – rund 20 Fassungen des Drehbuches entstanden.
Fünf Jahre Arbeit am Buch: Welche Stolpersteine mussten im Verlauf der Entwicklung umgangen werden?
Das Schwierigste war das Finden der richtigen Produktions- und Finanzierungsform. Zuerst war der Film als grosse internationale Koproduktion mit Deutschland, eine Zeit lang sogar als Tripartie mit Österreich angelegt. Den deutschen Förderstellen und Koproduzenten zuliebe sind dann etliche Versionen geschrieben worden, die den deutschen Strang der Schmuggelgeschichten der verbotenen Kreis- Hefte in den Vordergrund gestellt haben. Aber Deutschland hatte für unsere Story keinen müden Cent übrig. Also mussten wir eine rein nationale Finanzierung ins Auge fassen und dementsprechend auch den Film günstiger machen. So haben wir uns in Absprache mit den Schweizer Filmförderstellen auf das Genre der Dokufiction geeinigt – was sich im Nachhinein auch dramaturgisch als grossen Gewinn für unseren Film herausgestellt hat.
Sie sind gleichzeitig Produzent und Autor: Wie kam es zu dieser unüblichen Rollenverteilung?
So unüblich ist das nicht. Es gibt einige Autoren und Regisseure, die ihre Filme selber produzieren. Ganz besonders im Dokumentarfilmbereich. Ausserdem sieht man an internationalen Produzententreffen und Filmfestivals die «kreativen Produzenten» immer häufiger. Ein höchst prominentes Beispiel dafür war Bernd Eichinger. Und hier in der Schweiz denke ich etwa an den Filmemacher Samir. Bei uns war es so, dass wir anfänglich einfach die auf wahren Begebenheiten basierende Story vom «Kreis» recherchieren und als Drehbuch schreiben wollten. Als dann die Drehbuchauszeichnungen und Förderbeiträge folgten, war klar, dass wir das wertvolle Buch nicht aus den Händen geben und die Verfilmung anderen Produzenten überlassen wollten.
Wer hat das Projekt bis jetzt gefördert?
Ideell am meisten Röbi Rapp und Ernst Ostertag, die zu den letzten Zeitzeugen des Kreis gehören. Die beiden waren in der Organisation stark engagiert und haben sich auch da kennen und lieben gelernt. Uns haben sie geholfen, die ganze Geschichte wieder zu rekonstruieren. Finanziell haben wir bei der Entwicklung von allen grossen Schweizer Filmförderstellen Unterstützung bekommen: vom Bundesamt für Kultur BAK, dem Schweizer Fernsehen SRF, von der Zürcher Filmstiftung, der Société Suisse des Auteurs SSA, der Suissimage und von einigen privaten Stiftungen.
Wieso macht Ivan Madeo mit seiner Erfahrung nicht selber Regie?
Ich hab das am Anfang, während meines Studiums, probiert. Klar, wer will das schon nicht. Aber nach den ersten eher peinlichen Kurzfilmen habe ich gemerkt, dass ich die Regie lieber Leuten überlasse, die ein grösseres Talent dafür haben. Ich bin nützlicher, wenn ich schreibe und produziere.
Was waren bisherige Erfolge im Bereich Film?
Die bisherigen Filme von Contrast sind ganz unterschiedlich gelaufen. Mit unserem letzten Kurzfilm «Down this Road» unter der Regie von Vinz Feller haben wir einen der erfolgreichsten Schweizer Kurzfilme aus dem Jahre 2011 realisiert. Der Film ist an fast 90 internationalen Festivals rund um den Globus aufgeführt und mit mehreren Awards prämiert worden. In wenigen Monaten kommt Urs Freys Dokumentarfilm «Child’s Dream – Zwei Banker auf Sinnsuche» heraus.
Was erhoffen Sie sich vom Film «Der Kreis»?
Bei «Der Kreis» geht es um ein dunkles Kapitel in der Geschichte unseres Landes, ähnlich wie beim stark beachteten Kinofilm «Der Verdingbub». Ich wünsche mir deshalb, dass wir mit unserem Projekt ein ähnliches mediales Interesse für den beinahe vergessen gegangenen Skandal erreichen.
Sie arbeiten auch noch als Texter bei Euro RSCG Zürich: Wie ist der Job in einer Werbeagentur mit Drehbuchschreiben kompatibel?
Wenn man das Pensum im Werbejob frei wählen kann, sehr kompatibel. Nur ist das äusserst selten der Fall. Sonst finde ich den Ausgleich grundsätzlich sehr inspirierend und befruchtend.
Was haben Sie von der Werbung für die Gestaltung eines Films lernen können?
Ich bin überzeugt, dass das heutige Schweizer Kinofilmschaffen von der Professionalität und Arbeitsgeschwindigkeit der Werbung viel profitieren kann. Ich mag mich erinnern, dass wir bei unseren ersten Filmpräsentationen den viel besseren Eindruck hinterlassen konnten als die gestandenen Produzenten, weil Urs und ich einfach die grössere Erfahrung im Kommunizieren und Verkaufen von Ideen haben. Zudem erlangt man durch die regelmässige Realisierung von Werbefilmen die viel grössere Routine im Entwickeln und Umsetzen von Geschichten, als wenn man alle drei Jahre einen Spiel- oder Dokfilm rausbringt. Andersrum profitiert die Werbung von der Leidenschaft und dem Talent, die im nichtkommerziellen Filmschaffen stecken. Deshalb arbeiten auch viele Schweizer Autoren, Regisseure, Kameramänner, Musikkomponisten und Techniker in beiden Branchen.
Wieso wollen viele Texter etwas Literarisches oder in diesem Fall Filmisches hinterlassen?
Das ist eine uralte und schwierige Frage. Warum will jeder Art Director eine eigene Foto- oder Kunstausstellung haben? Warum liegen in der Schublade jedes Texters irgendwelche Ideenfetzen für einen Roman? Die Hassliebe zwischen Kunst und Werbung ist so alt wie die beiden Sparten selbst. Und es ist nichts als legitim, wenn man sich nach etlichen Jahren des Kreierens von vergänglichen und oft vergeblichen Botschaften wenigstens einmal mit der Frage auseinandersetzt, ob es nicht auch was Substantielleres gäbe. Und zwar ganz unabhängig davon, wie erfolgreich oder «legendär» die Werbekampagnen sind, die man kreiert hat.
Interview: Andreas Panzeri
Der Film
Zürich, 1958. Der schüchterne Lehrer Ernst Ostertag verliebt sich unsterblich in den Variété-Künstler Röbi Rapp – und muss sich zwischen bürgerlicher Existenz und Bekenntnis zur Homosexualität entscheiden. Ernst Ostertag wird Mitglied der Schweizer Organisation «Der Kreis» und erlebt Blütezeit und Zerschlagung dieses europaweit einzigartigen Wegbereiters der schwulen Emanzipation. Der auf wahren Begebenheiten basierende Spielfilm schildert den Kampf zweier ungleicher Männer um ihre Liebe vor dem Hintergrund einer historisch wie politisch interessanten Epoche der Schweizer Geschichte. Ausgegraben wurde diese Story von Ivan Madeo aus Zürich und Urs Frey aus Biel. Im August 2007 haben die beiden Werber und Auftragsfilmer am Internationalen Filmfestival Locarno für ihre Idee ein Stipendium von 25 000 Franken für die Entwicklung eines Drehbuchs erhalten. Dieses Geld wird von der Schweizerischen Autorengesellschaft SSA jedes Jahr an drei erfolgversprechende Spielfilmprojekte vergeben. Seither ist das Drehbuch mit weiteren Fördergeldern von total 100 000 Franken unterstützt worden. Eine schöne Summe, die aber relativiert wird, wenn man weiss, dass inzwischen drei Leute bald fünf Jahre am Projekt gearbeitet haben. Als Garant für die Regie ist inzwischen Stefan Haupt dazu gekommen. Aber einen Kinofilm zu stemmen, ist ein harter Kampf, auch wenn Crew und Story Potenzial haben. Die Liebesgeschichte von Ernst Ostertag und Röbi Rapp ist mehr als eine private Romanze. Ihr Zusammenleben spiegelt auch die bisher nur Insidern bekannten Hintergründe einer schillernden Epoche aus der Stadt Zürich. Der Kreis hat weltweit Furore gemacht Nach einer wechselvollen Entwicklung, die von Mitgliedern im Cabaret Cornichon bis zu einer Abstimmung 1938 zur Straffreiheit von homosexuellen Akten unter Erwachsenen reicht, wurde 1943 schliesslich die Zeitschrift «Der Kreis» gegründet. Diese kämpfte nicht nur gegen die Verfolgung von Schwulen in der Hitler-Zeit, sondern gab später auch entscheidende Impulse zur Gründung von neuen Homosexuellen-Organisationen in ganz Europa und sogar in den USA. Dort wurde zum Beispiel 1950 in Kalifornien ein noch heute existierender «Kreis» gegründet. Aus diesen «Kreisen» reisten jährlich über 1000 Männer zu den in den 50er-Jahren legendären Ballveranstaltungen nach Zürich. Diese «weltweit grössten derartigen Anlässe» für Homosexuelle haben dem «Kreis» die nötigen Einnahmen garantiert, um als Zeitschrift kompetent über die damals aktuellen Kulturtrends berichten zu können. In jene Zeit fallen aber auch zwei Morde von Strichjungen an Homosexuellen. Damit beginnt eine rasch zunehmende Hetze gegen diese Minderheit. Die Zürcher Polizei agiert im Graubereich, um vermutete Homosexuelle zur Registrierung zu zwingen. Der Kreis wird als Treffpunkt von Freiern und Strichern verleumdet. 1960 erlässt die Stadt ein «Tanzverbot für Männer». Es gibt Grossrazzien in gewissen Bars, Restaurants und Parkanlagen. Diese Jahre der Repression dauern bis 1969. Im geplanten Film wird diese Epoche in einer Dokufiction dargestellt. Im Sommer entscheiden diverse Gremien und das EDI über das Produktionsbudget. Dieses beträgt rund 1,8 Millionen Franken. Pan
Ivan Madeo
Nach seinem doppelten Hochschulabschluss mit Filmjournalismus hat Ivan Madeo in diversen Kreativabteilungen von führenden Schweizer Werbeagenturen gearbeitet und dabei zahlreiche Auftragsfilme realisiert. Noch heute konzipiert und textet er für Euro RSCG Schweiz. Als Regisseur und Produzent hat er mehrere Dokumentar- und Kurzfilme geschaffen und bei einer Reihe von Kinofilm- und Musikvideo-Produktionen mitgewirkt. Ivan Madeo ist sowohl für seine Werbe- wie auch für seine Filmarbeiten mehrfach prämiert worden.