WW: Cash war einmal eine bekannte wöchentliche Wirtschaftszeitung, mutierte dann zu einem täglichen Gratistitel, um schliesslich ein Onlineportal ohne Printunterstützung zu werden. Jetzt kommt der Zusammenschluss mit einer Bank. Was bezwecken Sie damit?
André Michel: Die meisten Onlinemedien mussten in den vergangenen Jahren feststellen, dass es nicht einfach ist, Online-Aktivitäten zu refinanzieren. Die meisten Verleger mussten mit grosser Enttäuschung zur Kenntnis nehmen, dass der Verkauf von Inhalten nur beschränkt funktioniert. Gleichzeitig sinken die Preise für Onlinewerbung stetig. Dazu kommt, dass ganze Bereiche im Online-Marketing, so z.B. die Searchwerbung, von Firmen wie Google beherrscht werden. Aus diesem Grunde hat sich nicht nur cash, sondern Ringier grundsätzlich überlegt, wie man online sonst noch Geld verdienen kann. Wir sehen die Lösung in den transaktionsgebundenen Einnahmequellen.
Wann begannen die diesbezüglichen Überlegungen?
AM: Als ich nach der Einstellung von cash daily die Geschäftsleitung übernahm, merkte ich schnell, dass es sehr schwierig wird, die ehrgeizigen Businesspläne mit dem damaligen Geschäftsmodell zu erreichen. Ich fand deshalb, dass man versuchen sollte, den cash-Nutzern – das sind zu 95 Prozent Anleger – die Möglichkeit zu geben, auf unserem Portal auch Wertschriften zu handeln. Immerhin sind 70% unserer Nutzer aktiv im Online-Trading. Die User kommen zu uns, weil sie offenbar unsere Informationen mehr schätzen als jene der Banken, bei denen man online traden kann. Da wir aber bis anhin über kein entsprechendes Angebot verfügten, mussten unsere User den Handel anderswo abwickeln. Daraus haben wir den Schluss gezogen, dass cash an Attraktivität gewinnen würde, wenn wir den Anlegern, welche Online-Trading machen und sich heute schon auf cash informieren, eine eigene Trading-Lösung anbieten würden. Wir wollten einen starken Partner finden für ein neues Geschäftsmodell, das mehr einbringt als eine reine Entschädigung über den Tausendkontaktpreis. An den Bankkunden, die wir in einer Partnerschaft gewinnen, wollten wir mitverdienen.
Wen haben Sie dann kontaktiert?
AM: Wir haben mit verschiedenen möglichen Partnern Gespräche geführt. Christoph Hartgens, damals CEO von Trade-Jet, und Alfred Moeckli, CEO der bank zweiplus, kennen cash seit Jahren. Sie wussten davon, dass wir auf der Suche nach einem Partner sind, und sind mit einem sehr konkreten Vorschlag auf uns zugekommen. Dieser hat sehr gut gepasst, obwohl wir bei cash ursprünglich nicht unbedingt ein so weit gehendes Joint Venture angedacht hatten.
Eine Zwischenfrage: Wem gehört die bank zweiplus?
Christoph Hartgens: Der Bank Sarasin und der Falcon Private Bank. Die Bank hatte genau das umgekehrte Problem. Wir hatten 30 000 Kunden, die eigentlich gar nicht wussten, wo sie Kunde waren. Die bank zweiplus war keine etablierte Marke bei den Privatkunden. Im Vertriebskundengeschäft hingegen mit Partnern wie Swisslife, AWD und AXA hat sie sehr wohl einen Namen. Aus meiner früheren Tätigkeit kannte ich cash. Die angedachte Zusammenarbeit war also eine klassische Win-win-Situation.
Inwiefern?
CH: Cash hat umfassende News, die Reichweite und eine gut positionierte Marke. Wir haben das Banking und ein motiviertes Beratungsteam. Wir ergänzen uns deshalb gut. Für mich war immer klar, dass man den Kunden nicht einfach nur einen Computer hinstellen kann, sie müssen Vertrauen haben und sie müssen jemanden kontaktieren können, um sich beraten zu lassen. Deshalb haben wir bei cash zweiplus ein Team von rund 30 Beratern. Darin unterscheiden wir uns von unseren Mitbewerbern.
Ist cash jetzt eine Bank mit einer Zeitung oder eine Zeitung mit einer Bank?
AM: Weder noch! Wir sind eine integrierte Finanzplattform. Erstmalig versucht jemand in der Schweiz, Finanzinformations- und Bankdienstleistungen zusammen anzubieten, ein Geschäftsmodell, mit welchem Dinge zusammengeführt werden, die auch zusammengehören. Ein Beispiel: Swissquote war bei cash einer der besten Werbekunden. Warum hat Swissquote bei uns so viel Werbung gemacht? Ganz klar, wir hatten viele Nutzer, die sich bei uns informierten und dann traden wollten. Jetzt bieten wir diesen Nutzern eine Alternative an.
Was meinen Sie genau mit integriert?
AM: Der User kann auswählen, was er nutzen will. Er kann, wie vor dem Joint Venture, auf cash.ch alle Informationen kostenlos nutzen, und wenn es unbedingt sein muss (lacht), irgendwo seinen Trade machen oder er kann eben alles komfortabel auf der gleichen Plattform haben.
Erhält ein Kunde, der bei ihnen auch ein Konto hat, mehr Informationen als der Nur-Info-User?
CH: Im Moment hat er die gleichen Informationen mit einem grossen Unterschied: Er bekommt die Aktienkurse kostenlos in Echtzeit. Der Nichtbankkunde zahlt dafür 120 Franken im Jahr (Basis Schweizer Aktien). Das sogenannte Orderbuch, in dem man die laufenden Aufträge zu einer bestimmten Aktie sieht, erhält er ebenfalls kostenlos. Für den Nichtbankkunden kostet dies 890 Franken im Jahr. Das sind die Vorteile, die der Bankkunde durch das Joint Venture erlangt.
Was ist für die Zukunft geplant?
AM: Es ist denkbar, dass wir noch das eine oder andere neue Angebot entwickeln, welches wir den Bankkunden gratis oder vergünstigt abgeben werden. Zudem werden wir unseren Bankkunden gewisse Dienstleistungen, die heute bei cash kostenpflichtig sind, zu einem vergünstigten Preis oder sogar zum Nulltarif anbieten. Es besteht aber nicht die Absicht, Inhalte, die heute kostenlos sind, nun plötzlich kostenpflichtig zu machen, um die bestehenden User zu zwingen, auch die Bankdienstleistungen in Anspruch zu nehmen.
Wie wollen Sie neue Kunden gewinnen?
CH: Indem wir ihnen gute Storys liefern! Für mich ist das ganz wichtig. Wenn zu einer Firma nichts geschrieben wird, dann passiert auch im Trading nichts.
Besteht dann nicht die Gefahr, dass über bestimmte Firmen mehr geschrieben wird?
CH: Die journalistische Unabhängigkeit ist ganz zentral. Wenn ich anfange, die Storys zu steuern, merkt das der Kunde, unsere Glaubwürdigkeit schwindet und wir verlieren den Kunden.
Hatten Sie Reaktionen auf das Joint Venture?
AM: Anfänglich waren die Reaktionen einiger Mediaagenturen, aber auch Werbekunden eher negativ. Die Agenturen befürchteten mangelnde Unabhängigkeit im journalistischen Bereich. Die Werbekunden aus der Finanzindustrie sahen uns plötzlich als Konkurrenten. Wenn man den Kunden dann aber das Konzept im Detail präsentierte, wendete sich die Meinung bei praktisch allen. Die Werbetreibenden merkten, dass sie neu direkt Bankkunden ansprechen können, das konnten sie bis jetzt nirgends. Für die Werbekunden aus der Finanzbranche ist vor allem die Unabhängigkeit wichtig. Die bank zweiplus hat weder eigene Anlagefonds noch strukturierte Produkte. Nicht mal die Vermögensverwaltung kommt von der Bank selbst. Es sind also immer Drittbanken, die das anbieten. Einer unserer sehr grossen Finanzwerbekunden, ein Herausgeber von Anlagefonds, war anfänglich sehr negativ. Bis er merkte, dass er künftig cash als Vertriebskanal nutzen kann. Für den User andererseits ist es interessant, dass er aus einem breiten Angebot verschiedener Banken aussuchen kann, was er will. Wir haben keine eigenen Produkte, die wir ihm aufschwatzen müssen.
CH: Die neutrale produktunabhängige Plattform ist eine coole Sache. Das Problem für den Kunden ist aber, das richtige Produkt zu finden. Und da ist der unabhängige neutrale Journalismus wichtig. Er hilft dem Kunden, das richtige Produkt zu finden.
AM: Die Glaubwürdigkeit unserer Marke cash muss so bleiben, wie sie war, sonst wäre das Joint Venture aus der Sicht der Bank ein Fehlinvestment gewesen. Ohne Unabhängigkeit würden wir unser Geschäftsmodell kaputt machen.
Wie gross ist die Redaktion?
AM: Sieben Festangestellte plus zwei ständige freie Mitarbeiter. Für den Wirtschaftsbereich doch eine relativ grosse Redaktion.
Haben Sie schon erste Erfolgszahlen?
CH: Wir sind gut gestartet und gewinnen täglich neue Kunden. Da wir aber unsere Werbekampagne soeben erst gestartet haben, ist es noch etwas früh, um eine Bilanz zu ziehen.
Eine letzte Frage: Wird es cash wieder als Printprodukt geben?
AM: Wir geben viermal pro Jahr ein Magazin unter dem Namen cash Value heraus. Ich kann mir hingegen nicht vorstellen, dass wir jemals wieder eine Wochen- oder Tageszeitung herausbringen werden. Dieser Markt ist in der Schweiz immer noch übersättigt und das Informationsverhalten hat sich gerade im Finanzbereich stark in Richtung Online verändert.
Wo stehen Sie in einem Jahr?
CH: Wir wollen, dass sich cash als Onlinebank durchsetzt und wir eine klare Alternative zu anderen Bankbeziehungen werden. Die Nummer- 1-Position im Bereich Finanzinformationen wollen behalten.
Interview: Pierre C. Meier