Warst du schon im Schuhladen um die Ecke? Der hat eine super Auswahl.» – «Ich war gestern in der neuen Pizzeria. Der Service war lausig, das Essen fad.» Menschen reden im Alltag über Marken, Produkte und Unternehmen. Im Marketingjargon werden diese Gespräche als Word-of-Mouth WoM bezeichnet. Im positiven Sinn bedeuten sie Werbung. Im negativen können sie imageschädigend sein. Schön oder eben nicht. In beiden Fällen ist es aus Unternehmenssicht von Interesse, die Kommunikation zu steuern, das heisst für gute Gespräche zu sorgen beziehungsweise auf allfällige Kritik reagieren zu können. Darauf zielt das Word-of-Mouth- Marketing (WoM-Marketing) ab, zu Deutsch Mundzu- Mund-Marketing. Kein neues Konzept, sondern ein altbewährtes Marketinginstrument. Denn Inputs, die von einem persönlichen Kontakt stammen, werden als relevanter betrachtet und darüber hinaus, im Vergleich zu klassischen Werbemethoden, als glaubwürdiger eingestuft (Nielsen, 2009). Die Möglichkeit, über Social Media viel grössere Adressatenkreise erreichen zu können, hat den Einsatz von WoM-Marketing allerdings noch attraktiver werden lassen. Auch auf wissenschaftlicher Seite besteht Interesse. Im Rahmen ihrer Masterarbeit am IPMZ Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich hat Alexandra Weber den Einsatz und die Eignung von WoM als Kommunikationsinstrument untersucht. Zu ihrer Freude bekundeten die Unternehmen und Agenturen, die sie für ihre qualitative Untersuchung befragte, grosses Interesse. Alsbald musste Weber aber feststellen, dass WoM in der Praxis verschieden interpretiert wird. Wie das Konzept beispielsweise von viralem Marketing oder Buzz-Marketing abzugrenzen ist, scheint alles andere als klar. Die Werbewoche hat bei Agenturen und Kommunikationsverantwortlichen nachgefragt, wie WoM verstanden und genutzt wird und – in Kombination mit Webers Arbeit – einen Versuch einer Einordnung unternommen.
1. Die WoM-Klassiker
Spezialisierte Anbieter wie die Webguerillas oder Mr. Wom grenzen WoM-Marketing scharf von anderen Formen alternativer Werbung ab. Sie stellen die Erfahrung mit einem Produkt oder einer Dienstleistung in den Mittelpunkt. «WoM-Marketing, oder zu Deutsch Empfehlungsmarketing, ist ein Marketinginstrument, bei dem Meinungsführer und Multiplikatoren eingeladen werden, neue Produkte und Services vor allen anderen kennenzulernen, darüber öffentlich zu reden und ehrliche Erfahrungen an andere interessierte Menschen weiterzugeben », definiert David Eicher, Geschäftsführer der Agentur Webguerillas, den Begriff. Auch Mark Leinemann, der unter dem Namen Mr. Wom eine WoM-Beratung anbietet, hebt den Erfahrungsaspekt hervor: «Während beim Viral- und Buzz-Marketing klar die Werbe- beziehungsweise Markenbotschaft im Fokus der Weiterverbreitung steht, wird er beim WoM-Marketing auf das reale, authentische Produkterlebnis eines Konsumenten mit einer Marke gelegt, das weitererzählt wird.» Allerdings stört sich Leinemann am Begriff Empfehlungsmarketing, den er als zu vertriebsorientiert erachtet. «Für eine gute WoM-Marketing-Wirkung reicht es schon aus, dass jemand anderen erzählt oder im Web berichtet, dass er das Produkt ausprobiert hat und gut findet, ohne explizit den Kauf zu empfehlen.» Eingesetzt werden Kampagnen, die einer solchen Definition entsprechen, insbesondere bei Produkteeinführungen. Häufig baut das Vorgehen auf folgenden Elementen auf:
Sampling/Tryvertising: Die Kampagnenteilnehmer erhalten ein Paket, das neben dem Testprodukt auch Rabattcoupons, Flyers oder kleine Testproben enthält, die an Freunde und Familie verteilt werden.
Storytelling: Rund um den Produkttest wird eine möglichst spannende Geschichte gespannt. Diese soll dem Konsumenten Anreize bieten, das Produkt zu testen und gleichzeitig einen Grund liefern, mit anderen darüber zu reden.
Weitererzählen: Die Tester sollen offline und online ihre Erfahrungen weitererzählen. Online auf spezifischen Plattformen (z. B. Buzzer.ch), auf Blogs oder beispielsweise der Facebook-Page des Unternehmens.
Exklusivitäts-Faktor: Die Tester profitieren von einer exklusiven Behandlung. Bei einem Produktelaunch erhalten sie vor allen anderen die Möglichkeit, das Produkt zu probieren. Einige Unternehmen organisieren zudem Wettbewerbe, Betriebsführungen oder Ausflüge für die Tester – auch, um für zusätzlichen Gesprächsstoff zu sorgen.
Eine klassische WoM-Kampagne hat Kraft Foods zur Einführung einer neuen Tassimo-Kaffeemaschine lanciert. Die verantwortliche Agentur Webguerillas hat dafür gezielt Multiplikatoren (u. a. Blogger) ausgewählt, die nach dem Produkttest Beiträge auf ihrem Blog beziehungsweise anderen Social-Media- Kanälen verfassten. Ebenfalls auf WoM-Marketing gesetzt hat Ricola zur Einführung eines neuen Bonbons. Im Gegensatz zu Tassimo wurden bei der von Buzzer betreuten Kampagne die Testpakete nicht Bloggern, sondern einem breiten Publikum verschickt. Als Storytelling- Instrument beziehungsweise Gesprächsstarter dienten Klischees. Ricola konfrontierte die Tester mit gängigen Klischees und bat sie, ihre Mitmenschen auf die Probe zu stellen. Behauptet wurde: Frauen shoppen fürs Leben gern. Männer pinkeln im Stehen. Oder: Kräuterbonbons sind zwar wohltuend für Mund und Hals, überzeugen aber geschmacklich nicht. Ziel war dabei zu kommunizieren, dass die Ricola-Kräuterbonbons «entgegen dem Urteil vieler Konsumenten auch noch gut schmecken und so für jedermann geeignet sind», wie Janine Gauch, Social Media Manager bei Ricola, erklärt.
2. WoM als Unternehmensstrategie
Gewisse Unternehmen setzen nicht auf temporäre WoM-Kampagnen, sondern funktionieren generell über Mundpropaganda. Zum Beispiel KMU, die insbesondere über die Empfehlung bestehender Kunden zu neuen gelangen und diesen Kanal auch aktiv bewirtschaften. Dazu gehört der Schuhhersteller MBT Masai Barefoot Technology, der einen Grossteil seines Marketingbudgets in WoM investiert – derzeit sind es etwa 50 Prozent. Nicht zuletzt deshalb, weil der Schuh mit der dicken, abgerundeten Sohle weniger ein modisches Accessoire als vielmehr ein Gesundheitsschuh ist. «Unser Produkt lebt von Weiterempfehlungen. Um den gesundheitlichen Nutzen von MBT einer Person näher zu bringen, braucht es eine Erklärung», so Annette von Mandach von MBT. «Das funktioniert über Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen sowie über Bekannte, die bereits Erfahrung mit dem MBT gemacht haben, besser als über klassische Werbung.» MBT pflegt einerseits den Kontakt zu Gesundheitsexperten wie Physiotherapeuten, die der Hersteller über sein Produkt informiert und mit Testexemplaren beliefert. Sind diese vom Schuh überzeugt, erhalten sie Marketingtools wie Informationsbroschüren und Gutscheine, die sie ihren Patienten weitergeben können. Andererseits setzt der Hersteller auf den Kunden-werben-Kunden-Ansatz. Bei einem Schuhkauf erhält der Käufer einen Gutschein für ein MBT-Produkt, den er entweder selber einlösen oder an Freunde und Familienmitglieder weitergeben kann. Kauft ein Bekannter einen MBT-Schuh, nimmt der «Empfehler» an einer Verlosung teil.
3. WoM als Teil des Ganzen
Andere Agenturen betrachten WoM nicht als eigenständiges Marketingmittel. «Für mich ist WoMMarketing ein integraler Bestandteil der Kommunikation », sagt beispielsweise Cyrill Hauser, Senior PR-Berater bei Jung von Matt/Limmat. Und mit dieser Ansicht ist er nicht allein, wie Webers Interviews zeigen. «Der Anteil Agenturen, die WoM als kleines Rädchen im Marketinggetriebe verstehen, ist gross», so Weber. «Häufig sind die Massnahmen nicht spezifisch auf WoM ausgerichtet, sondern WoM wird als ein erhofftes Ergebnis beziehungsweise willkommenes Nebenprodukt einer ganzen Kampagne betrachtet.» Als Beispiele für WoM-Projekte wurden bekannte Kampagnen genannt, darunter jene von SFLB für Mammut mit Mary Woodbridge, die vorgab, den Mount Everest bezwingen zu wollen, das «Projekt Obermutten» von Jung von Matt/Limmat oder die Präventionskampagne «Slow down. Take it easy» von Rod mit dem bärtigen Engel Franky Slowdown.
Entgegen der spezialisierten Agenturen, die für WoM-Marketing eine direkte Erfahrung mit einem Produkt für notwendig erklären, bauen diese Kampagnen in erster Linie auf einer guten Geschichte auf. «Bei einer WoM-Marketing-Kampagne wird um ein Produkte oder einen Brand eine Geschichte konstruiert, die dem Konsumenten einen Anlass gibt, sich darüber zu unterhalten. Menschen erzählen sich schliesslich keine Marketingbotschaften. Vielmehr müssen Produkte oder Dienstleistungen emotional aufgeladen werden», erklärt Hauser. WoMMarketing sei aber medien- und massnahmenunabhängig. «WoM kann über einen witzigen Spot, über eine Medienmitteilung oder über ein Mailing ausgelöst werden.»
Beweggründe und Hindernisse
Unabhängig von Verständnis und Einsatz von WoM-Marketing sind sich Unternehmen und Agenturen einig: Die Vorteile von WoM liegen im Dialog mit der Zielgruppe. «Mit WoM erfahren wir, was die Konsumenten wirklich über uns und unsere Produkte denken, so dass ein aktiver Austausch stattfindet und qualitativ sehr hochwertiges Feedback gewonnen werden kann. Gerade bei der Einführung eines neuen Produkts bietet uns dies eine optimale Möglichkeit, um von Consumer Insights zu lernen und eventuelle Schwachpunkte auszumerzen», erklärt Janine Gauch von Ricola. Die Firma hat in Deutschland bereits eine weitere WoM-Kampagne lanciert, in der sie die Produkte Apfelminze und Lakritz von rund 7500 Konsumenten testen lassen will.
Doch diese Zweiweg-Kommunikation führt bei Unternehmen gleichzeitig zu Zurückhaltung. Nicht wenige fürchten sich vor der Eigendynamik von WoM. Davor, von einer Lawine negativer Kommentare überrollt zu werden. Dem halten die WoM-Spezialisten entgegen, dass Reaktionen ohnehin kommen, und betonen, dass eine WoM-Kampagne wenigstens die Möglichkeit biete, die Kritik zu moderieren. Eine gute Vorbereitung sei jedoch das A und O. Ein Unternehmen muss sich im Voraus die Fragen stellen: Wie sind wir im Markt positioniert? Welche Schwachstellen hat unser Produkt? Mit welchen negativen Reaktionen müssen wir rechnen? Wie reagieren wir darauf? Kommt die Kampagne erstmals ins Rollen, ist zudem das Monitoring wichtig. Faktoren, die eine WoM-Kampagne unter Umständen aufwändig werden lassen. WoM generell als billige Alternative zu anderen Marketingmassnahmen anzusehen, wäre deshalb unpassend.
Ein Detail zum Schluss: Social Media wird auch bei WoM gehypt. Denn obgleich die Wirkung von WoM in der Literatur hauptsächlich offline postuliert wird (nur 8 % finden gemäss Keller/Fay 2012 online statt), hat Weber einen mehrheitlich webbasierten Einsatz festgestellt. Dies dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass der Erfolg einer Kampagne im Web einfach messbar ist. Ein gutes Argument für Werbekunden.
Isabel Imper