Social-Media-Praktiker, die ihre Auftritte auf der Social-Media-Übersicht von WEmad.org eingetragen haben, wurden angefragt, wie sie die künftige Entwicklung von Social Media einschätzen. So entstand ein breiter Querschnitt, der die folgenden Trends erkennen lässt.
Die Chefs wollen Zahlen sehen
Social Media sind erwachsen geworden – sie sind nicht länger ein Spielplatz, auf dem munter und unbeschwert allerhand Neues ausprobiert werden kann. Und wie bei Erwachsenen üblich, müssen sie ihr Dasein selber bestreiten und Rechenschaft ablegen. So wird in der Werbewoche-Umfrage deutlich, dass Social Media zunehmend beim Top-Management angekommen sind und entsprechend geführt werden. Sagt etwa Beat Kluser, Online Marketing Manager bei der V-Zug AG: «Social Media werden vom Management unterstützt und mitgetragen. Qualitative und quantitative Ziele sind gemäss Social-Media-Strategie definiert und werden regelmässig kontrolliert.» So einen klaren Ertrag (ROI) aus den Social- Media-Aktivitäten nachzuweisen, dürfte im 2013 in vielen Unternehmen zur Realität werden, denn Firmenchefs sind zunehmend weniger bereit, Mittel in Marketingexperimente mit Social Media zu investieren, ohne dafür einen klaren Gegenwert zu erhalten. Eine weltweite Befragung der Londoner Fournaise Marketing Group unter 1200 CEO ergab im letzten Sommer, dass 80 Prozent von ihnen mit den Ergebnissen ihrer Marketingverantwortlichen unzufrieden waren und ihnen nicht vertrauten. 69 Prozent der CEO im B2C-Bereich gaben an, Marketer lebten zu sehr in einer Kreativitäts- und Social-Media-Blase und seien zu stark auf Kennziffern wie «likes», «tweets», «feeds» oder «followers» fokussiert, mit denen sie keinen konkreten Nachfragezuwachs belegen könnten.
Budgets werden kleiner – oder verlagert
In der Folge werden die Budgets für Social Media kleiner werden. René Schwarz, Partner bei der Agentur für Crossmedia-Kommunikation Maxomedia, analysiert dazu: «Die Präsenzen sind aufgebaut und exklusive Social-Media-Kampagnen zu wenig erfolgreich verlaufen.» Doch nicht überall werden Social-Media-Ausgaben zurückgestutzt, vereinzelt werden zu Lasten herkömmlicher Kanäle Social Media favorisiert, wie etwa Leandro Roder, Verantwortlicher Kommunikation bei der RailAway AG der SBB, berichtet: «Erstmals sparen wir im 2013 an einigen Orten und haben eine Budgetverlagerung für Social Media vorgesehen. »
Nicht mehr im Alleingang
Zum Erwachsen-Sein gehört auch, die eigene Rolle in der Welt mit andern einzunehmen. Für Social Media heisst dies, dass sie vermehrt in die gesamten Kommunikationsarbeiten integriert werden. Der Westschweizer Kommunikationsberater Mathieu Janin formuliert dies so: »Social Media können und sollen nicht mehr im Alleingang durchgeführt, sondern sollen mit weiteren Kommunikationsinstrumenten genau abgestimmt werden.» Dieser Anspruch gilt etwa bei den SBB, wie Oliver Tamas vom Social-Media-Team der SBB, berichtet: «Wir versuchen laufend, die herkömmlichen Aktivitäten auf Social Media zu begleiten resp. zu verstärken. Integrierte Kampagnen bilden noch die Ausnahme, sollen aber künftig vermehrt angestrebt werden.» Auch Beat Kluser geht in diese Richtung: «Die integrierte Kommunikation wird höchstmöglich angestrebt und gelebt. Für das 100-Jahr- Jubiläum der V-Zug im Jahr 2013 werden wir diesen Ansatz ebenfalls verstärkt vorantreiben. » Ebenfalls bei der Switzerland Cheese Marketing AG werden die Social- Media-Kanäle in die Massnahmenplanung der Kampagnen integriert, wie Manuela Sonderegger, zuständig für Public Relations, schildert. Und sie benennt dafür eine klar umrissene Funktion: «Sie dienen uns, direktes Feedback der Konsumenten zu erhalten. » Social Media in Kombination mit herkömmlichen Kommunikationsaktivitäten effektiv und erfolgreich als Verstärker einzusetzen, ist auch für Marie-Christine Schindler, auf Social Media spezialisierte PR-Beraterin und Buchautorin, eine erstrebenswerte Zielsetzung. Doch sie merkt dazu kritisch an: «Wenn ich aber beobachte, wie mangelhaft die Social-Media-Integration auf manchen Websites umgesetzt wurde, dann denke ich, dass es hier noch viel zu tun gibt. Ich kenne bisher wenige Beispiele, die konsequent integriert, crossmedial und vernetzt arbeiten.»
Ohne Bilder läuft nichts
Menschen sind mehrheitlich visuell geprägte Wesen, womit der sprunghafte Erfolg visueller sozialer Netzwerke im vergangenen Jahr erklärt werden kann. So hatte Pinterest im Juli 2011 eine Million aktive Nutzer und konnte sich nur ein Jahr später einer Gemeinschaft von 20 Millionen rühmen. Ebenso Instagram: Als Facebook-Chef Zuckerberg die Firma Anfang 2012 kaufte, gab es 860 000 täglich aktive Nutzer. Ab September 2012 schnellte die Zahl auf 11 Millionen. Der weiterhin ungebrochene Erfolg von YouTube – immerhin die zweitgrösste Suchmaschine – belegt diesen Trend ebenfalls. Jeden Monat besuchen mehr als 800 Millionen Unique User YouTube, die über vier Milliarden Stunden Video-Inhalte abrufen. Die Erkenntnis, dass, wer erfolgreich kommunizieren will, dazu visuell ansprechende Inhalte braucht, ist bei Social-Media- Praktikern in der Schweiz angekommen. So sagt René Walker, Leiter Kommunikation beim Velospezialisten Thömus AG: «Bilder werden immer wichtiger. Wir geben praktisch keine News auf Facebook ohne passendes Bild.» Und die gleiche Regel gilt laut Oliver Tamas bei den SBB: «Bei uns hat jeder Post ein visuelles Element. Postings mit Bildern resp. Videos weisen höhere Engagementraten aus als reine Textpostings.»
Für Mobile optimieren
Gute Bilder und kurze Texte sind ein wichtiges Erfolgsrezept, um namentlich bei der mobilen Nutzung digitaler Inhalte zu punkten, die weiterhin rasant ansteigt. Gleich wie für andere Medien, tun Social-Media-Praktiker gut daran, diesen Trend zu berücksichtigen und ihre Inhalte entsprechend zu optimieren. Einer, der das erkannt hat, ist Sven Beichler, CEO von Myswisschocolate: «Hier gibt es ein riesiges Potenzial. Daher werden auch wir in diese Richtung gehen, mit Angeboten, Apps, Partnerschaften etc.».
Mit eigenen Inhalten punkten
Doch selbst wer Inhalte mit Bildern begleitet und auf Mobile ausrichtet, greift zu kurz: Oft braucht es gute eigene Inhalte, und Unternehmen werden sich zunehmend mit entsprechenden Strategien auseinandersetzen. Peter Metzinger von Business Campaigning Switzerland bringt dies so auf den Punkt: «Je mehr eigenen Inhalt man bietet, desto eher sticht man aus der Masse heraus. Ausserdem ist gezieltes Corporate Branding nur mit selbst generiertem Inhalt möglich. Sollte dies für die Social-Media-Aktivitäten relevant sein, ist man gezwungen, eigene Inhalte zu erstellen.» Zu einer Inhalts-Strategie gehört das Kuratieren von Inhalten Dritter und aus dem eigenen Unternehmen ebenso wie Branded-Entertainment-Produktionen. Dazu haben etwa die SBB mit der Kampagne «Die Sparfahrer» bereits erste Erfahrungen gesammelt, indem eine Absatzaktion mittels täglicher und unkonventioneller YouTube-Videos beworben wurde.
Werbung auf Facebook boomt
Weil in den Social Media Werbung im klassischen Sinne kaum noch ankommt, werden hier Inhalte immer öfter mit Werbung verwoben. Verschiedene Teilnehmer in der Werbewoche-Umfrage berichten, dass sie regelmässig auf Facebook Werbeanzeigen und gesponserte Meldungen schalten und damit gute Erfahrungen machen. Deshalb wird bei der zielgerichteten Werbung in Facebook weiterhin eine überproportionale Entwicklung gegenüber klassischen Medien erwartet.
Kundendienst wird ausgebaut
Bei Unternehmen mit einem intensiven Kundendienst hat dessen Abwicklung über Social Media eine hohe strategische Bedeutung. Damit kann bei den Ressourcen gespart und somit ein solider Return-on-Investement der entsprechenden Social-Media- Aktivitäten begründet werden. Zudem wirkt sich ein so öffentlich sichtbarer Support positiv auf das Markenimage aus. Einige nationale Unternehmen wie die Swiss, Swisscom und die SBB sind hier führend. So sagt etwa Oliver Tamas von den SBB: «Der Kundenservice auf Facebook ist ein wichtiges Element der Social-Media-Strategie. Dessen Bedeutung wird mit einem Twitter- Channel noch steigen.» Und auch bei V-Zug denkt Beat Kluser über einen Ausbau nach: «Mit der ersten Schweizer Koch- und Waschberatung auf Facebook bietet V-Zug seit gut eineinhalb Jahren eine beliebte Service- Dienstleistung an. Einen weiteren Ausbau solcher Kundendienst-Schnittstellen ist durchaus denkbar und für diverse Themen geeignet.»
Fancy Trends kommen, aber später
Jüngere Entwicklungen im Social-Media- Bereich wie Social TV, Social News, Social e-Commerce, Second Screen Shopping werden von den Umfrageteilnehmern durchaus als interessant beurteilt, allerdings werden hier in der Schweiz im laufenden Jahre keine Höhenflüge erwartet.
Facebook über alles
Geht es um die Frage der Einschätzung der verschiedenen Sozialen Netzwerke, sind sich alle nur bei einem Anbieter einig: Facebook ist überall gesetzt. Dabei hat sich die Einschätzung durchgesetzt, dass der Hype bei der jüngeren Generation vorüber ist und nun die älteren Generationen vermehrt aufspringen. Eine konstant hohe Bedeutung wird dem Video-Netzwerk YouTube zugeschrieben. Obwohl sie zwar beständig wachsen, wird Twitter und Google+ in der Schweiz künftig nur eine geringe Bedeutung beigemessen. Im beruflichen Bereich gelten Xing und Linkedin als etabliert. Derweil spielt die Special- Interest-Plattform Pinterest in der Schweiz kaum eine Rolle, da es hierzulande noch kaum Nutzer gibt. Das gilt auch für die Foto-Sharing-App Instagram, mit der Fotos in sozialen Netzwerken verbreitet werden können.
Christoph J. Walther