Es ist das Top-Thema in der Onlinewerbung – die automatisierten Auktionen von Werbemitteln und Webseiteninventar in Echtzeit – kurz Real-Time- Bidding (RTB). In der Schweiz oft auch als Real-Time- Advertising (RTA) bezeichnet. In den USA lagen 2012 die Umsätze von Displaywerbung mittels RTA bereits bei rund zwei Milliarden Dollar. Für 2016 prognostizieren die Marktforscher von IDC sogar neun Milliarden. Die Schweiz und Deutschland hinken weit hinterher. Hier agieren Webseitenbetreiber und deren Vermarkter – insbesondere die des Premiumsegments – beim Thema RTA eher zurückhaltend.
Wenig hochwertiges Displayinventar über RTA
In der Schweiz ist es momentan kaum möglich, transparent über RTA gehandeltes «Top of the fold»- Displayinventar auf Premiumwebseiten einzukaufen. Der Grund: Es gibt kaum Angebote. Solange nicht alle Verleger mitmachen, würde eine Freigabe ihres Inventars für RTA ihr klassisches Premiumgeschäft über Nacht kannibalisieren. Unter den aktuellen Bedingungen von RTA in der Schweiz könnten sich die wenigen Teilnehmer auf Advertiser-Seite für sehr wenige Werbefranken die Rosinen aus dem Inventarkuchen picken. Und das, obwohl der Kuchen mit mehr Daten und mit mehr Targeting gebacken wäre als bisher. Die Publisher fürchten daher, dass durch den Real-Time-Handel die Preise fallen. Sie gehen davon aus, dass die Flächen weniger bringen, als sie durch die Vermarktung aus eigener Hand erwirtschaften würden. Eine befriedigende Monetarisierung von Webseiteninventar durch RTA würde aus ihrer Sicht also erheblich schwieriger. Es sei denn, sie arbeiteten mit Preisuntergrenzen. Das Ziel einer automatisierten und fairen Preisbildung zwischen Werbemittel auf der einen sowie Inventar und Nutzerkontakten auf der anderen Seite via Echtzeithandel wäre dann allerdings ad absurdum geführt.
Kein automatisierter Echtzeithandel ohne Transparenz
Dabei ist Transparenz für die Advertiser wichtig. Sie wollen wissen, auf welchen Webseiten und Umfeldern ihre Werbung ausgeliefert wird. Sie wollen – insbesondere bei der Abrechnung von TKP oder CPC – Sicherheit über die tatsächlich erbrachte Werbeleistung. Immer wieder ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Werbeanzeigen auf Webseiten oder in Umfeldern ausgespielt wurden, auf denen die Werbetreibenden ihre Produkte oder Dienstleistungen nicht sehen wollten. Für viele Werbekunden ist RTA heute damit nicht interessant. Auf was oder worauf sollen sie auch bieten? Ein Henne-Ei-Problem, das es zu lösen gilt. Denn die Vorteile von RTA liegen auf der Hand: erheblich reduzierte Transaktionskosten und die Möglichkeit, die richtige Werbung dem richtigen User zur richtigen Zeit auf dem richtigen Platz anzeigen zu können. Es ist ein Trugschluss, bei RTA stehe nicht die Qualität, sondern der Preis im Vordergrund. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: richtig ein- und umgesetzt kann RTA die Qualität verbessern und damit auch höhere Preise rechtfertigen. Davon könnten alle Marktteilnehmer profitieren.
Die Lösung: Die Bild-Text-Anzeige
Bieten – das ist Echtzeitperformance in Reinform. Folgerichtig könnte die Lösung für das Henne-Ei- Problem in einem Werbeformat liegen, das bereits heute performanceorientiert und vor allem transparent gehandelt wird: die Bild-Text-Anzeige. Geben Publisher, in klarer Abgrenzung zu ihrem Displayinventar, ausschliesslich Bild-Text-Anzeigen für transparentes Real-Time-Advertising frei, besteht das Risiko eines Preisverfalls ihres Premiumgeschäfts nicht mehr. Das Werbeformat läge deutlich below the fold und grenzte sich klar von brandingorientierten Budgets ab. Im Biotop Bild-Text- Anzeigen könnte sich schnell eine entsprechende Nachfrage bei den Werbetreibenden aufbauen. Zudem würden auf diese Weise beide Seiten, Publisher und Advertiser, Erfahrungen im RTA-Geschäft sammeln, gemeinsam erste Schritte gehen und den Umgang mit dem neuen Geschäftsmodell erlernen.
Ist mit Bild-Text-Anzeigen erst einmal eine kritische Masse an Werbekunden, die RTA betreiben, erreicht, kann der Wettbewerb realistische Preise bilden. Im nächsten Schritt könnte dann weiteres Inventar für RTA zugelassen werden, das sonst von Publishern direkt vermarktet würde. Der grosse Vorteil dieses Schritt-für-Schritt-Vorgehens: Das neue System wäre gelernt und ein entsprechendes Volumen vorhanden. Der Weg für in Echtzeit auktioniertes Displayinventar wäre frei, weil die Hindernisse für den Publisher, die Kannibalisierung des Premiuminventars und das Rosinenpicken weniger Werbetreibender, somit beseitigt wären. Dabei könnten Webseitenbetreiber und Vermarkter sogar mehr Umsatz generieren: Weil über RTA Anzeigen intelligenter und performenceorientierter ausgeliefert werden, weil mehr Daten vorhanden sind und das System transparent ist, wird der Werbekunde sein Geld sogar sehr gerne ausgeben. Damit ist auch eine Umschichtung der Budgets von reinen Textanzeigen zum Bild-Text-Format auf RTA-Basis wahrscheinlich. Dies käme wiederum den Vermarktern zugute.
Das Thema Bild-Text würde sich wieder als Treiber eines innovativen Geschäftsmodells erweisen, wie es schon, in klarer Abgrenzung zu Branding, bei CPC und bei Performance in Gänze der Fall war. Dabei überzeugt das Werbeformat, weil es in den Lesefluss des Internetnutzers eingebunden ist, ohne dabei störend zu wirken. Grundlage für den Austausch mittels RTA wäre die Schaffung eines einheitlichen Standards von Bild-Text-Anzeigen. Da sich aber alle Schweizer Player, die diese Anzeigen anbieten, bis hin zu Facebook, nur sehr gering voneinander unterscheiden, dürfte dies kein Hindernis für eine einfache und schnelle Integration in IAB-Standard oder Open-RTB-2.0-Bild-Text-Standard sein.
Fazit:
Stellten Publisher ihr Displayinventar über RTA transparent zur Verfügung, würde die momentan geringe Nachfrage auf Advertiser-Seite eine faire Preisbildung unterlaufen. In Sachen RTA ist die Schweiz eine Black Box. RTA läuft zurzeit ausschliesslich über Displayinventar auf Non-Premium- und vor allem Crossborder- Umfeldern. Für Advertiser fehlen die Transparenz und jegliche Anreize, auf RTA zu setzen. Der Echtzeithandel ist rein performanceorientiert. Deshalb wäre es ein sinnvoller erster Schritt, sich bei der Einführung von RTA auf Bild-Text-Anzeigen zu verständigen. Diese werden bereits rein performanceorientiert und transparent gehandelt. So könnte die neue Technologie zum Nutzen aller Marktteilnehmer gelernt werden und sich ein entsprechendes Volumen auf der Nachfrageseite bilden. In einem weiteren Schritt wäre es möglich, RTA für Displayinventar aufzubauen, da die Hindernisse für sinnvollen Wettbewerb beseitigt wären. So könnten Bild- Text-Anzeigen zu einem echten Hebel für RTA in der Schweiz werden.
Alexander Beyer
Mitarbeit Henning Lange, CEO von Adcloud