Brot und Spiele
Der Streit zwischen den Kabel-TV-Betreibern und der Swisscom um die Nutzung von Sportübertragungsrechten illustriert Bruchlinien einer künftigen Medienpolitik – und illustriert Chancen für die Werbung.
«Süss», sagt der Schauspieler Carlos Leal im Werbespot von UPC Cablecom mit süffisantem Unterton zum Lüftchen der DSL-Angebote, bevor er sich von einer Windmaschine die Birne verunstalten lässt, womit die höheren Geschwindigkeiten für Daten im Cablecom-Kabelnetz versinnbildlicht werden sollen. Nun sind es gerade die Süssigkeiten im DSL-Netz der Swisscom, nach denen die Kabelbranche lechzt: Die Swisscom-Tochter Cinetrade hat in den letzten Jahren exklusive Übertragungsrechte für nationale Sportveranstaltungen, vor allem im Fussball und Eishockey, erworben. Mit diesen Inhalten (und nicht mit höheren Geschwindigkeiten) hat das Swisscom-TV-Angebot einen Pluspunkt im Markt. Deshalb haben drei Kabelnetzunternehmen bei der Weko verlangt, Teleclub müsse den Kabelkunden nicht nur die Sportkanäle 1-3, sondern auch 4-29 und das Angebot «Teleclub Live Sport» und somit die gleichen Sportinhalte wie beim Swisscom-TV anbieten.
Damit wird jetzt auch bei uns das Stück gegeben, das im Ausland längst gang und gäbe ist: Wer bei Deals um Sportrechte unterliegt, greift zu juristischen Manövern. Denn der Branchenverband Swisscable hatte zusammen mit der SRG bei der Ausschreibung der TV-Rechte durch die Super-League ebenfalls ein Angebot eingereicht, blieb damit aber auf der Strecke. Und es ist längst nicht das erste Mal, dass die beiden Seiten vor der Weko und/oder vor Bundesgericht ihre Differenzen austragen. Indes entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass es vor gut zehn Jahren genau umgekehrt war: Da war Cablecom erst nach einem Weko-Entscheid bereit, die Teleclub-Angebote über ihr Netz zu verbreiten. Nun hat die Weko Anfang April bekannt gegeben, eine Vorabklärung habe «Anhaltspunkte für Kartellrechtsverstösse von Swisscom und Cinetrade bzw. deren Pay-TV-Anbieter Teleclub ergeben», weshalb dazu eine ordentliche Untersuchung eröffnet worden sei.
Kampf ums letzte Kuchenstück
Der Digital-TV-Markt in der Schweiz ist hart umkämpft, seit am 1. November 2006 das inzwischen in «Swisscom TV» umfirmierte «Bluewin TV» lanciert wurde. Damit betrat der Fernmelderiese das Territorium der Kabelfernsehnetze, die ihrerseits zunehmend Fernmeldedienste anboten. Um das eigene TVAngebot aufzuwerten, begann Swisscom die Erstliga- Spiele, sei es im Fussball oder Eishockey, aus allen Stadien zu übertragen, womit Swisscom-TV für ernsthafte Sportfans zu einem Muss wurde. «Wir sehen Live-TV-Events als wichtiges Element bei der Differenzierung am Markt. Der Sport unterstützt das Wachstum des ganzen TV-Geschäfts im Generellen», erläuterte damals der Swisscom-Mediensprecher (vgl. MTJ 10-2008, S. 34 ff). Inzwischen sind 85 Prozent aller Haushalte an digitale TV-Netze angeschlossen, und die Pflicht, analoge Programme zu verbreiten, endet Ende 2014, wie das Bundesamt für Kommunikation, Bakom, Mitte Mai mitteilte. Es geht also darum, vom letzten Stück Kuchen einen möglichst grossen Teil zu ergattern.
Bemerkenswert ist die Art und Weise des Engagements der Swisscom bei der Sportberichterstattung. Im Herbst 2004 übernahm sie 49 Prozent der Aktien der Teleclub-Besitzerin, CT Cinetrade AG, die heute die Sportrechte für Fussball und Eishockey in der Schweiz einkauft. Obwohl damals eine vollständige Fusion an einem Urteil des Bundesgerichts scheiterte, gab der Fernmelderiese Anfang Mai bekannt, seine Beteiligung nun auf 75 Prozent aufzustocken. (Man beachte die kombinierte Anwendung der Strategeme «Salamitaktik» und «Gras darüber wachsen lassen».) Zu den Aktivitäten der Cinetrade-Gruppe gehören Pay-TV (Teleclub), Kinos (Kitag) und die Verwertung von Filmrechten über Videos und DVD. Aber auch Online und Mobile rüstete Swisscom im Inhaltsbereich auf und betreibt für ihr Sportportal im Web eine Redaktion, deren Grösse laut Impressum mit den bedeutenden Medienhäusern locker mithalten kann.
Leuteneggers Wendigkeit
Nicht ohne ein Schmunzeln kann in dieser Affäre die Rolle von Swisscable-Präsident Filippo Leutenegger verzeichnet werden. Der FDP-Nationalrat und Ex- Arena-Moderator ist als Kämpfer gegen die SRG (etwa als Präsident des Vereins «Aktion Medienfreiheit») bekannt. So letzten Herbst im Werbewoche-Interview: «Ich will, dass die Medien frei berichten können, möglichst ohne staatliche Einflussnahme und ohne dass sie zensuriert werden – das gehört zum Grundauftrag der Medien. Deshalb bin ich kein Anhänger von Medienpolitik – je weniger sich der Staat einmischt, desto besser.» Und kaum geht der Wunsch nach Wettbewerb im Medienwesen in Erfüllung, ist‘s auch nicht gut. In einer Swisscable-Medienmitteilung zum Start der Weko-Untersuchung Anfang April redet der sonst betont wirtschaftsfreundliche Politiker nun gar der Verstaatlichung das Wort: «Fussball- und Eishockeyspiele werden von der Öffentlichkeit mitfinanziert und gehören deshalb der Öffentlichkeit.»
Verleger nicht gegen die Swisscom
Angesichts der Opposition der Verleger gegen die SRG sollte der Verband Schweizer Medien den Argumenten seines Vorstandsmitglieds Leutenegger folgen und sich gegen die marktbeherrschende Stellung der Ex-Monopolistin und ihr Engagement im Inhaltsbereich wehren. Doch Urs F. Meyer, Geschäftsführer des Verbandes, winkt auf Anfrage der Werbewoche ab: «Die Tatsache, dass der Bund eine Aktienmehrheit hält, ist mit der Situation bei der SRG, wo die Politik alles bestimmt, absolut nicht vergleichbar. (…) Für die privaten Medienhäuser macht es einen grossen Unterschied, ob sich ein Konkurrent im Markt selber finanzieren und behaupten muss oder ob er staatlich festgelegte Gebühren erhält und unter dem verwaschenen Deckmantel des Service public auftritt.» Auch Tamedia und Ringier mögen nicht gegen Swisscom in Stellung gehen – dies ist mindestens der Eindruck der ausgesprochen undifferenzierten Antworten der jeweiligen Pressesprecher auf die entsprechenden Fragen der Werbewoche.
Leidtragende wären die Sportverbände
Sollten die Weko und später das Bundesgericht der Argumentation von Swisscable nach einer Vergemeinschaftung der Sportrechte folgen, verlören diese erheblich an Wert. Das beträfe die Sportverbände wie die Super-League, die sich heute weitgehend über TVRechte finanzieren. Mit der nun gültigen Lizenzvereinbarung erhält sie pro Spielsaison 28 Millionen Franken und hat damit beinahe an ein Preisniveau (umgerechnet auf Spiele und Einwohner) aufgeschlossen, das mit der deutschen Bundesliga vergleichbar ist. Kaum vorstellbar, dass jemand auch nur annähernd so viel Geld in die Hand nähme, wenn (nach welchem Verrechnungsmodell auch immer) die Spiele der Konkurrenz zur Live-Übertragung überlassen werden müssten. Und mit einer solchen Regelung stünde die Schweiz im internationalen Vergleich alleine da.
Berliner Philharmoniker als Vorbild?
Gilt das Erfolgsrezept der römischen Kaiser, Panem et Circenses (Brot und Spiele), auch in einer modernen Demokratie, um das Volk im Bann zu halten? Sollen deshalb Gebührengelder in Bieterrennen um TVRechte verheizt werden, auch wenn diese immer Schwindel erregendere Höhen erreichen? Oder ist künftig auch beim Bewegtbild eine Medienwelt denkbar, die den Gewohnheiten beim Print entspricht: Jeder bezahlt, was er lesen oder sehen will – sei es als Abonnement oder im Einzelverkauf am Kiosk. Solcherlei wird dank Smart-TV möglich. Wird 2016 das nächste Mal über die TV-Rechte im Schweizer Fussball verhandelt, werden in zahlreichen Haushalten TV-Geräte stehen, die beim Einschalten eine Übersicht über die gängigsten Apps (wie beim Smartphone) und nicht (wie heute) einen Live-TV-Kanal zeigen. Live-TV wird über eine der zahlreichen Apps erreichbar, aber immer weniger gefragt sein. Typisches Beispiel dafür ist die Vorzeige-App von Samsung mit den Berliner Philharmonikern, mit der Live-Auftritte und ein umfangreiches Konzertarchiv als Premium- Dienst angeboten werden. Bereits bewegen sich Sportverbände in diese Richtung. Die Website der Super- League soll im Sommer neu lanciert und die eigene Berichterstattung, auch im Video-Bereich, ausgebaut werden, wie Claudius Schäfer, Geschäftsführer der Swiss Football League, gegenüber der Werbewoche ausführte. Derweil werden Handball-Matches bereits heute weitgehend im Internet übertragen.
Eine solche Entwicklung ist für die Kommunikationsbranche wichtig: Können heute Sportübertragungen vor allem über die Sponsoring-Schiene genutzt werden, eröffnen sich mit einer Verbreitung über Smart-TV resp. Internet-TV weitere interessante Möglichkeiten. Neben einem Premium-Angebot für die Live-Übertragung von Sportanlässen sind weitere Angebote (z. B. mit einer mehr oder weniger langen Zeitverzögerung) denkbar, die über Werbung finanziert werden. Anders als die heutige TV-Werbung können Spots entsprechend dem Profil des jeweiligen Kunden ausgespielt werden, womit ein gezieltes Targeting möglich wird. Solche Werbeeinblendungen können über die Mechanismen des Realtime Bidding gehandelt und frei von konzessionsrechtlichen Auflagen gestaltet werden. Solche neuen Chancen werden aber nur entstehen, wenn die Werbebranche frühzeitig (jetzt!) auf die Sportveranstalter zugeht, um gemeinsame Lösungen zu etablieren. Sonst werden die reichweitenstarken Sportarten wie Fussball und Eishockey in der nächsten Vertragsrunde nach dem Motto «lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach» vorgehen und weiterhin schwergewichtig auf die bestehenden Partnerschaften setzen.
Christoph J. Walther








