WW: Herr Kaiser, wie sieht die neue Partnerschaft aus? Gründen Sie eine neue gemeinsame Firma?
Thomas Kaiser: Beide Partner – Ringier und Seven Ventures – pflegen einen intensiven Austausch in Bezug auf mögliche Investments und entscheiden fallweise, in welcher Form und in welchem Verhältnis sie sich bei einzelnen Start-up-Unternehmen engagieren. Es wird somit weder eine gemeinsame Firma noch ein Fonds gegründet.
Seven Ventures geht bekanntlich jeweils so vor: Die Firma sucht junge Unternehmen, die ein Produkt oder eine Dienstleistung im B2C-Bereich anbieten. Dann bietet sie diesen Unternehmen Werbezeiten auf den Sendern Pro7, Sat1 und Kabel 1 sowie auf deren Onlineplattformen an und erhält dafür entweder eine Umsatzbeteiligung (Mediafor- Revenue) oder eine Firmenbeteiligung (Media- for-Equity). – Können Sie eine Firma nennen, die dank Seven Ventures gross geworden ist?
Ein gutes Beispiel ist der Online-Mode-Shop Zalando: Hier sieht man, in welchen Grössenordnungen das Modell funktioniert und was in relativ kurzer Zeit bewegt werden konnte.
Welche Rolle wird nun Ringier spielen? Wollen Sie zusätzlich Werbeplätze in Print, Radio und Online offerieren?
Genau, und zwar ebenfalls mit dem Investitionsfokus B2C. Die Medienreichweite beider Partner zur Erreichung der Branding- oder Abverkaufsziele der Beteiligungen ist sehr komplementär. Der Marketingmix kann sich je nach Ausrichtung des Beteiligungsunternehmens stark verändern. Durch das Zusammenspiel von Offline- und Online-Kanälen wird die Wirksamkeit von Kampagnen deutlich verstärkt. Mit den Print- und Radiokanälen kann zudem eine verstärkte Regionalisierung der Werbung erfolgen.
Was ist das Ziel aus Ringier-Sicht?
Zunächst geht es vor allem darum, mit jungen Online- Unternehmern in Kontakt zu treten und mit ihnen zusammen ihre Unternehmen weiterzuentwickeln. Unser Ziel ist es aber auch, diese Unternehmen an die traditionellen Medien und ihre Wirkung heranzuführen. Denn erfahrungsgemäss fangen viele erst in einer sehr späten Phase an, traditionelle Kanäle zu nutzen. Zuvor tummeln sie sich oft über mehrere Jahre hinweg einzig in den Onlinekanälen – wobei es ihnen dort meist nur langsam gelingt, Bekanntheit und Reichweite aufzubauen.
Nach welchen Kriterien werden die Firmen ausgewählt?
Das Unternehmen muss bereits am Markt aktiv sein und über eine bestehende «Infrastruktur» verfügen: ein starkes Gründerteam, eine vorhandene Basistechnologie, eine funktionierende Mobile- App, Kundendienst, Logistik etc. Ein idealer Kandidat hat bereits in überschaubarem Rahmen nachgewiesen, dass sein Geschäftsmodell auf Marktinteresse stösst (beispielsweise gemessen an der Anzahl Downloads der Mobile-App). Nun geht es um den schnellen Aufbau von Bekanntheit und Marktposition. Genau hier setzt die Kooperation von Ringier und Seven Ventures an. Idealerweise – aber nicht zwingend – besteht auch ein Potenzial für eine internationale Expansion in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Interessierte Start-ups können sich unter www.ringierdigital.ch/ventures melden.
Warum wird seitens Ringier ausgerechnet Ringier Digital aktiv?
Ringier Digital verfügt über das entsprechende «Umfeld» und bietet zahlreiche «Anknüpfpunkte» für die Jungunternehmer: Marketing-, Technologie- und Prozess-Know-how. Der Austausch von erfahrenen Online-Unternehmern mit jungen Start-up-Unternehmern stellt neben der Medienreichweite und finanziellen Mitteln einen unschätzbaren Wert für beide Seiten dar. Ringier Digital hält dabei aber durchaus auch die Augen für die anderen Ringier-Geschäftsbereiche Publishing und Entertainment offen. Das Ventures-Geschäft ist somit nicht nur auf die Geschäftsmodelle der Ringier Digital (Classifieds, E-Commerce, Digital Marketing) beschränkt.
Ringier wird also eine Art Bank, die Mediakredite gewährt. Was befähigt Ringier zu dieser neuen Rolle? Und wie viel Geld wird jährlich dafür bereitgestellt?
Ringier Digital hat aufgrund der eigenen Historie (etwa durch den Aufbau der Scout24-Schweiz- Gruppe) Erfahrung bei der Entwicklung von Online- Geschäftsmodellen und spricht die Sprache von Gründern. Wir haben kein fixes Ventures-Budget festgelegt. Es ist uns klar, dass in verschiedenen Fällen Mediavolumina allein nicht genügen, sondern dass auch Cash für Investitionen in Technologie, Verkaufspersonal oder Customer-Services nötig sein wird, im Sinne einer klassischen Finanzierung.
Vereinbaren Sie jeweils mit den Start-ups Vorkaufsrechte?
Dies kann fallweise vereinbart werden, wenn bereits früh klar ist, dass sich daraus eine strategische Beteiligung entwickeln wird oder die Verzahnung mit bestehenden Ringier-Beteiligungen offensichtlich ist. In der Regel wird dies zu Beginn der Kooperation jedoch nicht der Fall sein. Eine Option ist durchaus auch die finanzielle Beteiligung an einem potenziellen Verkauf des Unternehmens an Dritte (Trade Sale) in einer späteren Phase.
Ab wann gilt die Partnerschaft?
Die Partnerschaft ist bereits am Start. Erste Beteiligungsoptionen werden aktuell analysiert. Neben Optionen, die für beide Partner neu sind, analysieren wir auch den Transfer von Modellen in die Schweiz, die von Seven Ventures in Deutschland bereits erfolgreich entwickelt worden sind.
Was steht in der Schweiz im Vordergrund: das Media-for-Equity- oder das Media-for-Revenue- Geschäft?
Das lässt sich heute noch nicht abschätzen. Wir kommunizieren deshalb aktiv beide Modelle. Welches Modell für ein Unternehmen sinnvoll ist und wie hoch die Umsatzbeteiligung ist, muss im Einzelfall diskutiert werden.
Ist eine Umsatzbeteiligung fair? Damit sahnen ja Ringier und Seven Ventures selbst in Verlustjahren ab.
Sie ist mehr als fair. Es geht ja nicht darum, Medialeistung zu verschenken, sondern die Einstiegshürde zu Medienkanälen extrem tief zu halten, die diesen jungen aufstrebenden Unternehmen in dieser Entwicklungsphase sonst nicht zur Verfügung stünden. Wir haben zudem – auch Ringier-intern – bei Medienkooperationen die Erfahrung gemacht, dass die Medienkanäle nur dann sinnvoll optimiert und der Erfolg aktiv gestaltet wird, wenn eine «Mindestzahlung » dafür erfolgt.
Profitieren auch bestehende Beteiligungen von Ringier (Geschenkidee, Scout24-Portale, Qualipet etc.) von der neuen Partnerschaft?
Geschenkidee.ch – ein Ringier-Unternehmen – schaltet beispielsweise seit August TV-Werbung in den Kanälen der ProSiebenSat1-Gruppe auf Basis einer Media-for-Revenue Vereinbarung. Damit zeigen wir, dass diese Form der Medienkooperation auch für uns selbst eine sinnvolle Marketingmassnahme darstellt. Natürlich wollen wir so auch erste Erfahrungen sammeln.
Warum setzt Ringier beim Ventures-Modell überhaupt auf Seven Ventures? Ist das Medium TV hierfür derart entscheidend?
In der Tat haben wir beim Aufbau der Markenbekanntheit unserer eigenen Beteiligungen ( DeinDeal, Autoscout24, Anibis) immer wieder auf TV‑Werbung in Ergänzung zu unseren eigenen Kanälen gesetzt und dabei feststellen dürfen, wie sinnvoll diese Kombination ist.
Nun haben aber ProSiebenSat1 und Ringier nicht gerade dasselbe Zielpublikum: Print, Ringiers publikumsstärkster Bereich, spricht eher ältere Personen an, Pro7, Sat1 und Kabel 1 dagegen eher jüngere.
Blick am Abend und Radio Energy sind nur zwei Beispiele, die dieser Aussage widersprechen und aufzeigen, dass Ringier auch ein junges und urbanes Publikum anspricht. Die Komplementarität der Kanäle ist zudem durchaus gewollt: Durch die Kombination der Reichweiten beider Medienunternehmen sollen die Zielgruppen möglichst breit angesprochen werden. Ein genaues Targeting erfolgt auf den Online-Plattformen beider Unternehmen.
Wer besorgt die Mediaplanung – eine unabhängige Mediaagentur oder eine Kommission von Ringier und Seven Ventures?
Wir haben intern eine Koordinationsstelle, die für alle unsere Beteiligungen professionelle Mediaplanung über Ringiers Medieninventar macht. Dasselbe passiert auf Seite Seven Ventures durch den Vermarkter Goldbach.
Die Sender Pro7, Sat1 und Kabel 1 werden in der Schweiz von Goldbach Media vermarktet. Doch für die Werbung dieser Start-ups fliesst kein Geld. Welche Konsequenzen hat das neue Kooperationsmodell für Goldbach Media?
Die Vermarkterin ist partnerschaftlich eingebunden. Alle Planungen der TV-Schaltungen und die Abwicklung der Kampagnen laufen über Goldbach. Die genauen vertraglichen Aspekte der Kooperation zwischen Goldbach Media und Seven Ventures sind Ringier jedoch nicht bekannt.
Goldbach Media und die erwähnten Werbefenster sind bekannt dafür, dass sie viel Free Space gewähren (müssen). Wie viel Werbezeit können Sie pro Jahr für diese Ventures zur Verfügung stellen? Und wie viel Platz kann Ringier in den Print- und Onlinemedien und in den Radios bereitstellen?
Das wird fallweise geplant.
Das Venture-Business ist geeignet, bei ProSiebenSat1 und Ringier brachliegende Werbeplätze selbst in konjunkturell schwierigen Zeiten zu füllen. Ist das mit ein Grund für das neue Engagement?
Wenn man zurückgeht auf den Ursprung dieser Idee bei ProSiebenSat1, dann war dies sicherlich einer der Gründe. Hingegen kann man aktuell nicht gerade von brachliegenden Werbeplätzen im TV-Bereich sprechen. Bei unseren Printobjekten stellt sich eher die Frage, welchen Umfang sie haben. Uns geht es also eher darum, zusätzliche Werbeformen und Werbepartner aufzunehmen.
Ringier Digital und Seven Ventures verfügen zusammen über die grösste Schweizer Medien- Reichweite, schreibt Ringier. Stimmt das wirklich? Im Onlinebereich kommt Tamedia auf deutlich mehr Kontakte, bei Print ebenfalls: Einzig bei Radio und TV steht Ringier besser da.
Es geht hierbei um die Medienreichweite, die jungen Start-up-Unternehmen im Rahmen dieser Kooperation zur Verfügung gestellt werden kann. Es ist uns nicht bekannt, dass aktuell ein umfassenderes Media-for-Revenue- oder Media-for-Equity- Paket im Markt angeboten wird.
Das Ventures-Business lieferte der ProSiebenSat1 Group 2012 beim Umsatz eine dreistellige Steigerungsrate. Seit 2009 hat sich die Gruppe so ein Ventures-Portfolio mit über 50 Partnerschaften und strategischen Beteiligungen aufgebaut. Waren diese Zahlen für Ringier ausschlaggebend, um mit Seven Ventures Kontakt aufzunehmen?
Es bestehen – nicht zuletzt auch dank Ringiers Beteiligung bei Sat1 Schweiz – seit Jahren Kontakte mit der ProSiebenSat1-Gruppe. In den Gesprächen hat sich gezeigt, dass wir im Ventures-Bereich sehr ähnliche Vorstellungen haben und in die gleichen Modelle investieren. Dadurch macht die kombinierte Medienreichweite in der Schweiz doppelt Sinn.
Ringiers Digitalgeschäft machte letztes Jahr einen Umsatz von rund 195 Millionen Franken, 18% von Ringiers Gesamtumsatz. Gewachsen ist der Umsatz um 29%. Welchen Push erwarten Sie durch die neue Partnerschaft?
Die von Ihnen erwähnten Zahlen beziehen sich auf den aggregierten Digitalumsatz der Ringier-Gruppe (Publishing, Entertainment, Digital, Central Eastern Europe [CEE]) der durch Ringier konsolidiert wird. Wir wollen in diesem Jahr bereits auf 25% Digitalanteil wachsen. Der Beitrag aus der Kooperation mit Seven Ventures wird aus Ringier- Sicht zunächst jedoch marginal sein, da wir die Print- und Radio-Media-Volumina nicht dem Digitalbereich zurechnen und die Beteiligungen in der Regel nicht konsolidieren werden.
Wie sieht es beim Gewinn aus: War Ringiers Digitalgeschäft 2012 insgesamt selbsttragend oder gar profitabel? Und welchen Anteil erhoffen Sie sich durch das neue Ventures-Geschäft?
Das Digitalgeschäft befand sich in 2012 noch in einer starken Aufbau- und Investitionsphase. 2013 rechnen wir jedoch mit einem EBITDA-Ergebnis in zweistelliger Millionenhöhe. Dieses wird in den kommenden Jahren – auch nach Berücksichtigung weiterer Investitionen ins Digitalgeschäft – kontinuierlich ansteigen.
Der neue Deal mit Seven Ventures beschränkt sich auf die Deutschschweiz. Könnten Sie sich etwas Ähnliches auch für die Westschweiz vorstellen? Mit wem?
In Bezug auf die TV-Reichweite ist dies korrekt. Die Ringier-Reichweite in der Westschweiz ist bereits heute beachtlich und kann fallweise in die Kooperation eingebracht werden.
Da Ringier in der Romandie das Werbefenster von TF1 vermarktet, könnten Sie dort dasselbe Modell mit diesem Sender umsetzen.
Wir starten mit Seven Ventures. Sollte dieser Test erfolgreich sein, werden wir natürlich diskutieren, ob sich dieses Geschäftsmodell mit Partnern wie TF1, die Komplementärgebiete abdecken, ausweiten lässt. Aber dazu ist aktuell noch nichts geplant.
Sehe ich es richtig: Dieses Ventures-Modell läuft im Prinzip auf eine Art Performance-Marketing hinaus: Denn die Start-ups werden zu Werbeauftraggebern, die keine Medialeistung bezahlen, jedoch Ringier und Seven Ventures am zusätzlich erzielten (Umsatz-)Erfolg teilhaben lassen?
Richtig, wobei der Umsatz nur eine der möglichen Messgrössen ist. Es gibt noch andere, so zum Beispiel im E-Commerce die Bruttomarge oder das Wachstum des Kundenstamms.
Damit aber könnte dieses Modell die Mentalität von Ringiers bestehenden Werbekunden verändern: Denn diese könnten sagen, dass sie ebenfalls keine fixen Inserat- oder Radiospotpreise mehr bezahlen, sondern Ringier lieber einen Prozentsatz ihres Umsatzes abtreten wollen. Ist ein solcher Mentalitätswechsel gar gewollt?
Nein, bei diesem Modell geht es wirklich nur darum, Start-ups in der Phase der Entwicklung zu fördern Das ist auch durch unsere Vermarktungsabteilungen sichergestellt, denn sie können mitbestimmen, wem das Modell sinnvollerweise angeboten wird und wem nicht.
Eine Frage bleibt noch: Wenn Ringier künftig so stark in der Wirtschaft mitmischelt, einige Firmen fördert, andere nicht – wie sollen da die Ringier-Redaktionen noch unabhängig über solche wirtschaftlichen Themen und Unternehmen berichten können?
Die Redaktionen agieren genau so frei in ihrer Berichterstattung, wie dies auch bisher der Fall war. Die Schaltung von Werbung in Medien ist ja nicht gerade ein neues Geschäftsmodell. Auch geht es hier nicht um Content-Integrationen.
Trotzdem: Es können ähnliche Interessenkonflikte entstehen wie bei Sport- und Kulturevents sowie Stars, die Ringier vermarktet: Die Ringier- Redaktionen sind befangen – nun immer stärker auch in wirtschaftlichen Belangen.
Die Konvergenz von Medien und vielen B2C-Geschäftsmodellen (beispielsweise Online-Handel) ist bereits weit fortgeschritten. Nun kann ein Medienunternehmen auf der Seitenlinie zusehen, wie andere die Märkte entwickeln, oder selbst aktiv mitwirken. Wir haben uns für Letzteres entschieden.
Interview: Markus Knöpfli
Zur Person
Thomas Kaiser, geboren 1966, leitet seit Juni 2012 als CDO die digitalen Geschäftstätigkeiten der Ringier AG. Zusätzlich ist er als CEO operativ für die Ringier Digital AG verantwortlich, welche unter einem Dach die führenden Schweizer Online-Marktplätze, E-Commerce-Unternehmen und Digital-Marketing-Dienstleistungen vereint. Vor seiner Tätigkeit bei Ringier verantwortete Kaiser als Mitglied der Konzernleitung der Publigroupe den Aufbau des Geschäftssegments Digital & Marketing Services. Kaiser war während zwölf Jahren in Deutschland bei Bertelsmann und Hubert Burda Media in leitenden Funktionen tätig und befasst sich seit 1995 mit der Entwicklung von Unternehmen im Bereich neuer Medien. Sein Betriebswirtschaftsstudium schloss Kaiser mit dem Lizenziat an der Universität St. Gallen HSG ab. Kaiser ist Mitglied des Vorstands des Swiss Chapter der International Advertising Association.
Der Geschäftsbereich Ringier Digital vereint folgende Geschäftssegmente:
Marketplaces:
Autoscout24,
Motoscout24,
Immoscout24,
Jobscout24, Anibis.ch,
Jobcloud (Jobs.ch/
Jobup.ch)
E-Commerce:
DeinDeal,
Geschenkidee.ch/.de/.at,
Qualipet
Digital Marketing:
Kompetenzzentrum
Omnimedia AG
Business Services:
Inhouse-Entwicklung und Betrieb von Online-Plattformen und mobilen Anwendungen, beispielsweise unter dem Dach der Xmedia AG, Nhat Viet Group und Geomatic AG