Video-Marketing kommt in die Gänge
Videos im Internet sind nichts Neues, doch erst jetzt gewinnt diese Spielart in der professionellen Kommunikation und in der Werbung an Bedeutung. − Auftakt zu einer Werbewoche-Serie.
Gemäss einer amerikanischen Studie des YouTube- Dienstleisters Pixability sind die weltweit hundert grössten Marken (mit einer Ausnahme) alle auf diesen Zug aufgesprungen. Die jährliche Zuwachsrate betrage 73 Prozent und für das Jahr 2015 wird vorausgesagt, dass diese Top-Marken über eine Million Videos auf YouTube stellen werden (vgl. Grafik). Das Marktforschungsunternehmen eMarketer erwartet in den USA in diesem und im nächsten Jahr einen Zuwachs bei den Ausgaben für Werbevideos im Netz von rund 40 Prozent und geht davon aus, dass Ende 2014 die Umsätze bei 5,7 Milliarden Dollar zu liegen kommen werden.
Zulasten der TV-Budgets
Dieses Wachstum geht zulasten der TV-Budgets, wie Erkenntnisse des Interactive Advertising Bureau (IAB) belegen. In einer Umfrage gaben 70 Prozent der Vertreter der Käuferseite an, sie würden im kommenden Jahr wahrscheinlich TV-Dollars ins Geschäft um digitale Videos verlagern. Die Aufregung um digitale Videos scheint gross zu sein: Bei allen befragten Führungskräften lag dieser Anteil gar bei 75 Prozent. Bei den digitalen Video-Werbeformaten stehen gemäss einer Umfrage von BeOn, einer Abteilung von America Online (AOL), von April 2013 Pre-Roll-Werbung (73 % der Befragten) und Social Video-Anzeigen (53 %) im Vordergrund des Interesses. Dazu passt die Prognose des Netzwerkgeräteherstellers Cisco Systems, wonach der durchschnittliche US-Internet-Video-Verkehr im Jahr 2012 pro Monat bei 4,6 Exabytes lag und bis 2017 auf 17,1 Exabyte pro Monat steigen und sich somit mehr als verdreifachen soll.
Bewegtbildkonsum als Treiber des Internetwachstums in der Schweiz
In der Schweiz belegt NetMetrix seit drei Jahren mit dem halbjährlich erscheinenden Streaming-Report den Bewegtbild-Trend im Netz. Der Anteil der Internetnutzer, die Audio- oder Videoinhalte übers Internet konsumieren, stieg von 2011 bis 2013 von 59,3 Prozent auf 65,8 Prozent (und lag 2012 bei 65,8 %). Und am häufigsten werden nicht herkömmliche Radio- oder TV-Programme gestreamt (der Anteil solcher Inhalte liegt bei rund 30 Prozent), sondern es stehen mit 53,8 Prozent vor allem Videos auf Videoportalen wie YouTube, Clipfish oder MyVideo in der Gunst des Online-Publikums, gefolgt von Videos auf News- oder TV-Portalen sowie Clips auf Websites generell: Rund vier von zehn Onlinern (41 %) nutzen solche Angebote mindestens mehrmals pro Monat.
Auch in der Schweiz mehren sich die Anzeichen dafür, dass Online-Video in der Kommunikation und Werbung zunehmend Ernst genommen wird. Ein wichtiges Signal kam im April, als YouTube einen speziellen Schweizer Kanal lancierte. Bemerkenswert daran ist der Zeitpunkt, nämlich gut fünf Jahre nachdem ein solcher landesspezifisches Gefäss für Deutschland eingeführt worden war. Das gibt einen Hinweis auf die Einschätzung des helvetischen Online-Videomarktes durch den Marktführer. Gleich wie Google macht auch das Tochterunternehmen des Suchmaschinengiganten sein Geld mit Werbeeinblendungen, die möglichst genau auf die Zielgruppen abgestimmt werden. Der Markteintritt des Marktführers wird hierzulande wohl zweierlei bewirken: Das Wachstum im digitalen Video-Werbemarkt wird beschleunigt und die Volumina werden wachsen, und gleichzeitig werden die Preise bei den bestehenden Playern unter Druck geraten (und die Erträge bestenfalls durch die steigenden Umsätze mindestens gehalten werden können.) Die Goldbach Group geht bei den Online-Video- Umsätzen in der Schweiz im Zeitraum von 2012 und 2015 von einer jährlichen Wachstumsrate von 23 Prozent aus. Lagen sie 2011 noch bei 15 Millionen Franken, werden in diesem Jahr 27 Millionen Franken und bis 2015 39 Millionen Franken erwartet, wobei Goldbach gut die Hälfte dieses Marktes für sich in Anspruch nimmt. Ein noch steileres Wachstum meldet das zweitplatzierte Swiss Video Network von Stailamedia. Seit der Einführung im Mai 2011 hat sich die Brutto-Reichweite mehr als vervierfacht, indem die Anzahl Video-Plays von 7 Millionen auf über 30 Millionen im August 2013 kletterte. Und die Anzahl Unique Clients verdoppelte sich im selben Zeitraum fast und stieg von 2,9 auf 4,5 Millionen.
Viele Fragen offen
Auch wenn die Zuwachsraten beim Video-Marketing derzeit beeindruckend sind, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anteil an der Online- Werbung immer noch im einstelligen Prozent- Bereich liegt – in den USA und bei uns allemal. Auch sind noch viele Fragen offen: Genügt es, TV-Spots im Netz zu rezyklieren oder was braucht es für gute Marketing-Videos? Welches ist die ideale Länge für Web-Video-Spots: 15 Sekunden oder 30 Sekunden? Als Pre-Rolls oder doch besser als längere Stücke, mit den die Marke besser präsentiert werden kann? Eine eigene Web-Show oder Kanäle von anderen sponsern? Was bringen Social-Video-Anzeigen? Worauf ist beim mobilen Video-Marketing zu achten? Was braucht es, damit ein Video ‹viral› wird? Welche Dienstleister haben die Nase vorn und welche Videoportale eignen sich besonders für die Verbreitung, oder ist alles immer nur YouTube? Anhand welcher Leistungsmerkmale kann der Erfolg von Marketing-Videos beurteilt werden: mit den guten alten Klicks oder über die Viewtime und Clicks-to- Play? Welche Standards gelten bei der Preisgestaltung? Und wie können Videoausspielungen nicht nur online, sondern auch programmatisch (über RTA-Mechanismen) eingekauft werden? Diese und weitere ähnliche Fragen wollen wir in der Themenserie rund um Video-Marketing vertiefen – sachdienliche Hinweise nimmt der Autor gern per eMail entgegen: [email protected]
Christoph J. Walther
Marktverhältnisse im TV-Markt verschieben sich
Das passt zum Trend der Verlagerung des TV-Geschäft ins Internet, der besonders in den USA deutlich zu sehen ist: Der Video-on-Demand-Dienst Netflix setzt seit diesem Jahr auf exklusive Eigenproduktionen, darunter das Politdrama «House of Cards». Die ersten 13 Folgen sollen 50 Millionen Dollar gekostet haben, für die Hauptrolle wurde Oscar-Preisträger Kevin Spacey verpflichtet, und am Schluss gabs dafür einen der prestigeträchtigen Emmys, den bedeutendsten Fernsehpreis der USA. Eine ähnliche Strategie kann beim grössten Online-Händler, Amazon, beobachtet werden: Im April wurden Pilotfolgen für 14 mögliche Serien über den eigenen Streaming-Dienst veröffentlicht und das Publikum aufgefordert, darüber abzustimmen, welche Serien weiter produziert werden sollen. Und auch Hulu, der Video-Streaming-Dienst der Medienschwergewichte NBC, FOX und ABC, setzt auf Eigenproduktionen fürs Netz. Es wird klar: Die Marktverhältnisse im amerikanischen TV-Markt verschieben sich. Dazu gehören auch Offensiven der Technologie-Giganten Apple und Google. Mit Apple-TV kann die Video-Bibliothek auf iTunes ins Wohlzimmer geholt werden, und Google hat Ende Juli für nur gerade 35 Dollar Chromecast auf den Markt geworfen. Mit diesem kleinen Zusatzteil können TV-Geräte einfach Inhalte aus dem Internet wiedergeben. Damit hat Google einen neuen Anlauf unternommen, um nach dem gefloppten Google-TV doch noch auf die Fernsehbildschirme vordringen zu können.
















