Sibylle Widmer, Manager Marketing Communication bei Publicitas. Diese ist Schweizer Repräsentantin der Lions in Cannes.
WW: Sind Sie zufrieden mit der Zahl der Einreichungen aus der Schweiz?
Sibylle Widmer: Ja, wir sind zufrieden. Die Anzahl der eingereichten Arbeiten und registrierten Schweizer Teilnehmer vor Ort bewegen sich im gleichen Rahmen wie in den Vorjahren. Cannes Lions hat im Schweizer Markt nach wie vor einen wichtigen Stellenwert. Insgesamt verzeichnet das Kreativ-Festival dieses Jahr mit 37 427 Einreichungen einen neuen Rekord.
Und die Delegation der Schweizer?
Die Anzahl der eingereichten Arbeiten und registrierten Schweizer Teilnehmer vor Ort bewegt sich im gleichen Rahmen wie in den Vorjahren.
Gibt es eine Sparte, in der sich ein auffallend grosses Interesse der Schweizer Agenturen zeigt?
Die Schweizer Agenturen reichen vorwiegend in den klassischen Kategorien Print, Outdoor, Cyber, Promo & Activation und Direct ein. In diesen Kategorien wurden bisher auch die meisten Schweizer Löwen gewonnen.
Sie kennen die Einreichungen: In welcher Kategorie erwarten Sie die besten Chancen für die Schweiz?
Als Schweizer Repräsentantin des Festivals haben wir keinen Einblick in die eingereichten Arbeiten. Wir wissen lediglich, wer in welcher Kategorie eingereicht hat. Daraus lassen sich keine Schlüsse über Gewinnchancen ziehen. Letztes Jahr konnten Schweizer Agenturen 7 Lions mit nach Hause nehmen. Darunter einen goldenen in der Kategorie Outdoor. Wir hoffen natürlich, dass es für die Schweiz auch dieses Jahr viele Löwen gibt.
Wie präsentiert sich die Fangemeinde: Werden viele Schweizer Werber auch im Publikum in Cannes erwartet?
Es werden ungefähr 90 Schweizer Delegates nach Cannes reisen und das Festival live vor Ort erleben. Darüber freuen wir uns sehr. Cannes Lions ist ein Ort der Inspiration. Das vielfältige Programm mit Top-Referenten aus aller Welt und der Austausch mit internationalen Werbetreibenden ermöglicht es den Teilnehmenden, einen vollen Rucksack an neuen Ideen und Kontakten nach Hause mitzunehmen. Denn unterhaltsame und kreative Werbung ist wichtig und geniesst eine hohe Akzeptanz bei den Konsumenten. Dies zeigt die vor kurzem veröffentlichte Studie des MCM der Universität St. Gallen im Auftrag von Publicitas auf. (Details zur Studie http://www.publicitas.ch/de/unternehmen/news/ medienmitteilungen/news-single-view/article/ 2014/05/13/die-zeitung-gedruckt-und-im-webund- werbung-gehoeren-noch-immer-zusammen/)
In der Biografie eines Kreativen ist es eine grosse Ehre, einmal in Cannes als Juror dabei gewesen zu sein. Wie kommt man zu diesem Job und wie funktioniert das Auswahlverfahren?
Die Festivalorganisation spricht der Schweiz die Kategorien zu, in denen Schweizer Kreative und Fachspezialisten nominiert werden können. Publicitas als Schweizer Repräsentantin ist dafür zuständig, dass pro Kategorie drei Kandidaten aus der Schweizer Kommunikationsbranche nominiert werden. Die Entscheidung, wer schlussendlich als Juror in Cannes amten darf, liegt dann alleine bei der Festivalleitung. Die Nomination der Schweizer Juroren für Cannes findet jeweils Anfang September des Vorjahres statt. Interessierte können sich das ganze Jahr über unsere Website www.canneslions.ch/jury bewerben. Derzeit beginnt gerade der Nominationsprozess für das diesjährige Eurobest-Festival in Helsinki, bei welchem wir in vier Kategorien Juroren nominieren dürfen. Es sind dies die Kategorien «PR», «Medien», «Film and Print and Film Craft» und «Direct Promo & Activation». Die Bedingungen zur Teilnahme finden Interessierte auf www.eurobest.ch unter dem Menüpunkt Jury.
Wie meldet man sein potenzielles Interesse bei der Publicitas an?
Interessierte Juroren finden alle Details auf unserer Website www.canneslions.ch/jury oder unter www.eurobest.ch.
Cannes wird immer breiter. In diesem Jahr gibt es als Premiere auch zwei Tage lang das vorgängige Lions-Health-Festival mit 1423 Einreichungen aus 49 Ländern. Ist diese Erweiterung gesund?
Das Lions-Health-Festival wurde auf Wunsch der Pharmaindustrie und deren Agenturen lanciert. Es ist für diesen Kommunikationsbereich mit seinen strengen und vielen gesetzlichen Auflagen eher schwierig, mit anderen Kommunikationskategorien in einen Wettbewerb zu treten. Daher wurde eigens dafür Lions-Health lanciert, sodass sich die eingereichten Arbeiten im Umfeld von gleichen Konkurrenten messen können. Wir sind auf die Resonanz beim Publikum gespannt.
Wie gross ist die Nachfrage der Schweizer bei diesem neuen Wettbewerb?
Die Nachfrage besteht. Es wäre überraschend gewesen, wenn aus einem Land wie der Schweiz mit Konzernen wie Roche und Novartis keine Einreichungen gekommen wären. Da dieser Wettbewerb aber das erste Mal stattfindet, ist es schwierig, schon heute eine abschliessende Aussage zum Umfang der Nachfrage zu machen.
Gibt es weitere Innovationen in Cannes im Angebot Ihrer Publicitas in diesem Sommer?
Vor Ort in Cannes findet dieses Jahr ein Swiss Lunch für die Schweizer Delegates statt. Die Mittagessen sind zum Networking in einem entspannten Umfeld gedacht und werden von unserem CEO Alain D. Bandle gehostet. Schweizer Delegates haben eine persönliche Einladung und erhalten und konnten sich via www.canneslions.ch/swisslunch registrieren.
Sie fahren für mehr als eine Woche an die Côte d’Azur. Für viele der Zurückgebliebenen tönt das wie Ferien. Aber was erwartet Sie dort ausser Meer und blauem Himmel?
Viel Arbeit, interessante Gespräche und ein ausgesprochen vielfältiges Festivalprogramm.
Gibt es trotzdem eine Party, auf die Sie sich besonders freuen?
Natürlich freue ich mich auf die Swiss Lunches, welche Publicitas täglich am Carlton Beach hostet, und die Swiss Party, welche von Swissfilm Association und dem Art Directors Club ausgerichtet wird. Zudem veranstalten die finnischen Kollegen eine Strandsaunaparty, welche ich nicht missen möchte.
Neben der Weltmeisterschaft der Kreativen gibt es in diesem Monat auch die WM der Fussballer. Haben Sie für die Spiele unserer Nationalmannschaft konkrete Massnahmen getroffen für die Heimwehschweizer in Cannes?
Es gibt in Cannes diverse Möglichkeiten, um die Spiele mitzuverfolgen und die Schweizer Mannschaft anzufeuern.
In Cannes wollen unter anderen auch die Epica- Awards ein neues Konzept mit einem noch grösseren und weltweiten Wettbewerb vorstellen: Wie beurteilen Sie die Situation mit immer mehr konkurrenzierenden Festivals?
Die Spreu trennt sich sehr schnell vom Weizen. Es können nicht alle Festivals überleben. Cannes Lions ist seit 61 Jahren das Festival für die kreative Kommunikationsbranche und hat sich sehr gut positioniert – das zeigt auch der neue Rekord an Einreichungen dieses Jahr und Erstteilnahmen von neuen Ländern. Jedes Jahr gibt es ein sehr vielfältiges Festivalprogramm mit Top-Referenten und sehr interessanten Insights. Als langjährige Schweizer Repräsentantin sind wir überzeugt, dass es sich absolut lohnt, am Festival dabei zu sein.
Immer wieder gibt es Agenturen, die sich brüsten, ihre Arbeiten nicht mehr oder überall einzureichen. Jung von Matt Deutschland will in Cannes nur noch in geraden Jahren dabei sein. Nordpol verzichtet schon lange, Kempertrautmann im Jahr 2011. Ruf Lanz hat in diesem Jahr beim ADC verzichtet. Was halten Sie von solchen Ideen?
Eine Arbeit (mit Gewinnpotenzial) einzureichen, erfordert einiges an Ressourcen. Ich kann es nachvollziehen, dass Agenturen nicht mehr alle Jahre einsenden. Wir möchten die Kreativbranche in der Schweiz jedoch trotzdem ermuntern, dabeizubleiben.
Publicitas hat allen Schweizer Delegierten ein «Survival Kit» geschenkt. Darin hat es nützliche Dinge für den Alltag in Cannes wie zum Beispiel Sonnenschutz, ein ABC mit den besten Tipps oder auch Aspirin. Was müsste in einem «Survival Kit» für die Organisatoren der Cannes Lions generell und Publicitas als Repräsentant für die Schweiz im Besonderen zu finden sein, damit die Zukunft dieser Zusammenarbeit auch weiterhin erfolgreich «überleben» wird?
Die Begeisterung der Kreativbranche inklusive der Einsendung der Arbeiten für die Lions-Festivals sind zentral für ein Überleben und natürlich die Bereitschaft der Fachspezialisten, sich jedes Jahr wieder für einen der wenigen Juroren-Plätze zur Verfügung zu stellen. Als Schweizer Repräsentantin verschaffen wir der Kommunikationsbranche bei der Festivalleitung Gehör und setzen uns zum Beispiel aktuell gerade dafür ein, dass die Schweiz nach Jahren wieder einmal einen Juror in einer Königskategorie wie Film, Print oder Outdoor bekommt. Ohne einen Schweizer Repräsentanten wäre es für das Festival schwierig, jedes Jahr genügend Juroren aus der Schweiz zu nominieren, und wir sind durch unsere Zusammenarbeit mit dem Art Directors Club und unseren Kategoriensponsoren Clear Channel, Dachcom.dialog und Swissfilm Association heute in der Lage, eine ausgezeichnete Auswahl vorschlagen zu können. Ausserdem bringen wir jährlich die ausgezeichneten Arbeiten in die Schweiz, damit auch die Daheimgebliebenen teilhaben können, und überreichen den Gewinnern die Löwen im Rahmen unseres traditionellen Events in Zürich.
Auf was freuen Sie sich am meisten für die kommenden Tage in Cannes? Oder werden es die Nächte sein?
Ich freue mich auf inspirierende Referate, kreative Arbeiten und auf den Austausch mit anderen Teilnehmern.
Interview per Mail: Andreas Panzeri
In Kürze
Seit 2011 nennt sich die «Weltmeisterschaft der Werber» in Cannes nicht mehr «Advertising Festival», sondern «Festival of Creativity». Entsprechend kreativ präsentieren sich auch die Erweiterungen. Erstmals gibt es 2014 das vorgängige Lions-Health-Festival. Im weiteren «Rahmenprogramm» treten die CEOs von Coca- und Pepsi-Cola, McDonald’s, Microsoft, Google, Sony, Samsung, Heineken oder Twitter auf und fachsimpeln über Marketing. Weitere Talks sind angesagt mit Musikproduzentenlegende Arthur Baker über Kunst und Kommerz, Regisseur Spike Jonze über Technik als Mittel des Geschichtenerzählens, Sarah Jessica Parker über «Fashion, Sex, Celebrity & Character», «Game of Thrones»-Drehbuchautor David Benioff über Storytelling. Nie zuvor gab es in Cannes mehr Kategorien und mehr Einsendungen. Um Löwen gekämpft wird in 400 Kategorien und Unterkategorien. 37 500 Arbeiten aus 90 Ländern sind im Rennen. Einsendekönige sind die USA, Brasilien, England und Deutschland. Pro Einsendung zahlen die Agenturen im Schnitt 600 Dollar – das bringt den Cannes-Organisatoren, die noch weitere Festivals betreiben, über 34 Millionen Euro Umsatz, dazu noch die Gebühren der Delegates.