In einem gemeinsamen Projekt zwischen dem Institut MCM der Universität St. Gallen und den Tagblatt-Medien werden Journalisten in sogenannten Innovationsateliers an der Entwicklung journalistischer Angebote beteiligt. Die resultierenden Konzepte werden nicht nur demokratiepolitischen, sondern auch wirtschaftlichen Ansprüchen gerecht. «Entrepreneurial Journalism» hiess das Schlagwort der Stunde, das Journalisten in den letzten Jahren dazu bewegen sollte, stärker unternehmerisch zu denken. Glenn Greenwald (The Intercept), Carlos Watson (OZY) oder in der Schweiz Hansi Voigt (Watson) personifizieren diese Ratio, indem sie etablierten Medienmarken den Rücken kehrten und mit innovativen Projekten den Markt prägen. Um in einer veränderlichen Medienlandschaft bestehen zu können, müssen auch traditionelle Redaktionen zu einer Innovationsfähigkeit finden, die ihnen ermöglicht, kreative Köpfe im Team zu halten und innovative Angebote an den Markt zu bringen. Dazu müssen sie das Marktverständnis ihrer Journalisten ernst nehmen und ihnen Raum für die Auseinandersetzung mit Veränderungen bieten. In einem gemeinsamen Projekt zwischen dem Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen und den Tagblatt Medien wird das Potenzial eines solchen Ansatzes untersucht: In sogenannten «Innovationsateliers» werden Journalisten in die Entwicklung neuer journalistischer Angebote einbezogen. In Kleingruppen setzen sie sich mit den Bedürfnissen potenzieller Nutzer auseinander, um darauf basierend innovative Konzeptideen zu entwickeln. Dabei zeigt sich: Die unternehmerische Denkweise sitzt. Es entstehen realitätsnahe Ideen mit starkem Zielgruppenbezug, die eine ressourcenarme Umsetzung anstreben. Längst haben die Journalisten die unternehmerischen Ansätze verinnerlicht, die von der Geschäftsleitung rauf- und runtergepredigt werden.
Kreativität der Mitarbeitenden
Auch wenn das Resultat am Ende des Tages, im Web von Moment zu Moment, in ein Produkt gegossen wird, ist Journalismus letztendlich ein Dienstleistungsgeschäft – und damit weitgehend von der Leistung der Journalisten abhängig, die das Produkt im ihnen zur Verfügung stehenden Spielraum definieren. In anderen Branchen wird die Integration von sogenannten Frontline-Employees, also jenen Mitarbeitenden, welche die eigentliche Dienstleistung erbringen, in Innovationsprozesse seit Längerem untersucht – nicht so im Journalismus. Dies mag mit dem traditionellen Selbstverständnis vieler Journalisten zusammenhängen oder auch mit dem fehlenden Wettbewerbsdruck, von welchem die Branche über Jahrzehnte hinweg profitieren konnte. Aus Sicht der Organisationsforschung wird hier jedoch wertvolles Potenzial verschwendet. Denn gerade in veränderlichen Märkten ist die Kreativität der Mitarbeitenden Ausgangspunkt jeglicher Innovation.
Nutzung fokussiert sich hier insbesondere aufs Wochenende und entspannte Abende. Geht der Trend auf Anbieterseite noch immer Richtung Sonntagszeitungen, besteht auf Nutzerseite der Wunsch nach Themen- statt Nachrichtenorientierung. Eine breite Zielgruppe, die sich nach Hintergrund und Tiefe abseits täglich wechselnder Schlagzeilen sehnt, fühlt sich weder von der Weltwoche noch von der WOZ abgeholt. Auch im Tagesjournalismus stossen sich viele der Befragten an der Kurzlebigkeit newsgetriebener Berichterstattung. Sie wünschen sich eine aktivere Themensetzung durch die Journalisten, insbesondere im Lokalen. Sie fordern eine nachhaltige Bearbeitung von Themen mit Relevanz für die Bürger, was das selbstständige Wiederaufgreifen von Diskussionen und das kritische Nachhaken durch die Journalisten bedingt.
Akzeptanz von Veränderung
Noch weiter, als es diese befragten Nutzerinnen und Nutzer fordern, geht die Haltung von Glenn Greenwald, der in Journalisten Aktivisten sieht, die sich überzeugt für eine Sache einsetzen. Er hat für sich den Weg gewählt, den Guardian zu verlassen, um in einem neuen Projekt für diesen Ansatz einzustehen. Nicht alle Journalisten wählen in Zeiten weitreichender Veränderung eine solche Vorwärtsstrategie, denn Wandel bedeutet immer auch Unsicherheit. Doch wer die Mitarbeitenden bei der Entwicklung neuer Angebote oder Arbeitsprozesse einbezieht, erleichtert deren Verständnis für verbundene Veränderungsprozesse und sichert sich ihr Involvement. Der aufgezeigte Ansatz, Journalisten in Innovationsprozesse einzubeziehen, lässt sich auch auf andere Aufgabenstellungen als jene der Kundenorientierung übertragen. So befassen sich Journalistinnen und Journalisten der Neuen Zürcher Zeitung in entsprechenden Ateliers mit markenadäquaten Formen von Onlinejournalismus. Neben der Auseinandersetzung mit Potenzialen digitaler Berichterstattung, steht dabei auch die Diskussion publizistischer und identitätsrelevanter Fragen im Mittelpunkt jedes Ateliers. Das Engagement der Mitarbeiter lebt in diesem Projekt insbesondere vom Commitment der Geschäftsleitung, mindestens eine entwickelte Idee aus jedem Atelier zu realisieren. Das neu lancierte Format «Montagsklischee», das in einem der ersten Ateliers entstanden ist, zeugt von diesem Versprechen. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihr Wissen und ihre Ideen ernst genommen werden, steigt ihre Arbeitsmotivation und das Bekenntnis zum Unternehmen. Davon können nicht nur journalistische Organisationen, nicht nur in Krisenzeiten profitieren.
Stephanie Grubenmann
Stephanie Grubenmann ist Doktorandin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut MCM. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Innovation und Rollenwandel im Journalismus.
Innovationsatelier Kundenorientierung
In einem ersten Schritt wird eine spezifische Zielgruppe gewählt – zum Beispiel Familien in urbanem Lebensraum. Durch Tiefeninterviews und andere qualitative Erhebungsmethoden findet eine intensive Auseinandersetzung der Mitarbeitenden mit Repräsentanten der Zielgruppe statt. Anschliessend werden die erhobenen Daten analysiert, um zentrale Bedürfnisse zu identifizieren. Mit Fokus auf ein spezifisches Bedürfnis wird in einem zweiten Schritt eine Konzeptidee entwickelt, die möglichst auf den bestehenden Fähigkeiten der Mitarbeitenden aufbaut. Zum Schluss gehen die Mitarbeitenden zurück zur Zielgruppe und präsentieren die entwickelte Idee. Das Feedback der potenziellen Nutzer wird ins finale Konzept integriert. Ein Innovationsatelier dauert mindestens drei Tage. Im Idealfall werden Mitarbeitende aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen/‑abteilungen in einer Ateliergruppe kombiniert.
«Man sagt nicht nur, dass man etwas machen will, sondern man macht es auch.»
Philipp Landmark, Chefredaktor des St. Galler Tagblatts, im Gespräch mit Werbewoche-Chefredaktor Pierre C. Meier
WW: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen Philipp Landmark: Am Swiss Media Forum vor zwei Jahren kam ich mit Stephanie Grubenmann ins Gespräch, wir beschlossen, «mal etwas» zusammen zu machen. Später kam Stephanie Grubenmann – die übrigens früher mal als Praktikantin bei uns im Verlag gearbeitet hatte – mit dem konkreten Projekt auf uns zu und präsentierte die Idee einem Teil der Geschäftsleitung.
Ist das St. Galler Tagblatt quasi der Pilot für eine gruppenweite Geschichte?
Ich denke schon, dass man die Methode und auch gewisse Erkenntnisse aus diesen Innovationsateliers auf andere Titel übertragen kann. Die NZZ hat inzwischen, ebenfalls mit Stephanie Grubenmann und den Leuten aus dem Institut MCM HSG, ähnliche Innovationsateliers durchgeführt.
Bekanntlich haben Journalisten ein eher kritisches Verhältnis zur redaktionellen Marktforschung. Wie war die Akzeptanz des Projektes in der Redaktion?
Anfänglich war es so, wie ich es erwartet hatte: ein Drittel der Mitarbeitenden ging in Deckung, ein Drittel nahm es zur Kenntnis und ein Drittel hat sich aktiv engagiert. Es ist ein eher ungewöhnliches Projekt für Redaktorinnen und Redaktoren, denn die wenigsten denken so intensiv über ihren Job nach. Der Anteil derjenigen, die trotz Arbeitsbelastung und Zeitdruck sich ein Zeitfenster reserviert haben, war erstaunlich hoch. Das Gleiche gilt für das Engagement der Leute.
Hat man die Skeptiker versucht einzubinden?
Das hat man. Einerseits habe ich vor der Gesamtredaktion deklariert, dass ich das Projekt für eine gute Sache halte, und andererseits zeigte auch die Geschäftsleitung, dass sie hinter der Sache steht. Wir haben aber niemanden gezwungen mitzumachen, das hätte das Projekt nur gebremst.
Wird aus diesem Projekt eine regelmässige Forschung entstehen?
Jetzt wollen wir die Sache erstmals abschliessen. Für mich gibt es daraus zwei grosse Learnings. Einmal auf der theoretischen Ebene: ein Teil der Journalisten hat sich einen, zwei oder drei Tage intensiv mit ihrem Job und der Zeitung befasst. Sie stellten sich Fragen wie: «Was machen wir eigentlich? Was könnte man auch noch machen?» Man hat reflektiert. Das an sich ist schon mal ein Gewinn. Ein wertvoller Nebeneffekt ist auch, dass die Mitarbeitenden merken, dass gewünscht wird, dass sie nachdenken. Es ist ja nicht so, dass unser Job irgendwo vom lieben Gott definiert ist, sondern wir müssen selbst drüber nachdenken, wie er aussehen könnte. Daneben sind aber auch ganz praktisch eine Reihe von Ideen entstanden, die auch konkretisiert wurden. Wir haben durchaus die Absicht, die eine oder andere auch tatsächlich umzusetzen, um die Möglichkeiten auszuloten.
Es wurden verschiedene Zielgruppen befragt. Wie hat man diese festgelegt?
Unterschiedlich. Es gab Inputs seitens der Universität, dann kamen Vorschläge aus dem Kreis der Redaktion, die wollten, dass man bestimmte Punkte untersucht, und einiges kam auch von mir.
Wurde der Verlag auch involviert?
Der Verlag war involviert und stützte das Projekt. Die thematischen Fragestellungen waren aber weitgehendst redaktionell. Es ist aber – gewissermassen unverlangt – auch eine Verlagsidee entstanden.
Ihr Fazit?
Auf alle Fälle empfehlenswert. Nur schon die Tatsache, dass man mal grundsätzlich nachdenkt, was man eigentlich macht, ist schon gut. Durch ein solches Projekt entsteht auch ein gewisser Zwang. Man sagt nicht nur, dass man etwas machen will, sondern man macht es auch. Das ganze Projekt gibt einem eine gewisse Struktur. Es gab uns auch Fragestellungen vor, die wir so vielleicht nicht gestellt hätten. Die Zusammenarbeit mit Stephanie Grubenmann und ihren Leuten war für alle Beteiligten eine grosse Horizonterweiterung. Das ist schon mal ein sicherer Gewinn. Wenn wir jetzt noch das eine oder andere Projekt konkret umsetzen können, umso besser.
Wann wird man die ersten Umsetzungen sehen?
Es gibt eine Umsetzungsphase. Im Verlaufe dieses Jahres werden wir einige Dinge ausprobieren, die wir entwickelt haben. Vielleicht funktionieren sie dann noch nicht so, wie wir sie uns vorgestellt haben, dann müssen wir halt nachschärfen oder wir entwickeln die Ideen noch weiter. Es ist ja nicht so, dass wir in zwei, drei Tagen grundsätzlich neue Businessmodelle für unser Medienhaus entwickelt haben. Es sind bewusst kleinere Sachen. Der gewählte Forschungsansatz, bei dem man die Leser fragt, was sie eigentlich wollen, führt automatisch dazu, dass man überlegt, was wir ihnen bieten können. Dann stellt man etwas zusammen und lässt sie nochmals reflektieren. Mit einem solchen Mechanismus kann man richtig schnell etwas erreichen. Das Interview wurde telefonisch geführt.
Interview: Pierre C. Meier