Die Eidgenössische Medienkommission (Emek) hat Anfang September ihre Pläne zur Medienförderung vorgestellt. Diese soll (in Abkehr von der bisherigen Posttaxenverbilligung) auf neue Grundlagen gestellt werden. Das im Frühling letzten Jahres von Bundesrat gewählte 13köpfige Expertengremium schlägt vor, «eine Nachrichtenagentur» finanziell zu unterstüzen, die journalistischen Aus- und Weiterbildung zu fördern und Innovationsprojekte im Mediensektor zu lancieren. Das Gegenteil wäre richtig – und vor allem viel billiger.
Im Internetzeitalter sind Nachrichtenagenturen längst ein Anachronismus. Mit dem Aufkommen der elektrischen Telegrafenverbindungen wurden sie im vorletzten Jarhhundert (Associated Press: 1846, Reuters: 1851, in der Schweiz: 1895) von Verlagen gegründet, um gemeinsam Kosten zu sparen. Denn Fernmeldedienste kosteten horrend viel Geld, vor allem wenn rund um die Uhr und rund um den Globus betrieben. Als Mitte der 1990er Jahre das Internet aufkam und den Globus umspannte, hatte plötzlich jederman für einen vergleichsweisen Pappenstiel die gleichen und inzwischen weit bessern Telekommunikationsmöglichkeiten, für die noch wenige Jahre zuvor Nachrichtenagenturen jährlich sechs bis siebenstellige Summen bezahlten. Und als Verlage begannen, das Internet kommerziell zu nutzen, bauten sie eigene Redaktionen für die neuen Online-Dienste auf, die gleich wie Nachrichtenagenturen funktionieren, nämlich rund um die Uhr ohne feste Abschlusszeiten berichten. Weil gleichzeitig die professionellen Kommunikationsabteilungen in Unternehmen, Organisationen und Behörden kräftig aufgestockt wurden, haben wir heute typischerweise diesen News-Ablauf: Als Chief Communication Officer firmierend verfasst ein ehemaliger Journalist eine Pressemitteilung, obwohl er bestens in der Lage wäre, die gleichen Botschaften im Stil eines Nachrichtenartikels zu verfassen. Diese Medienmitteilung wird elektronisch breit verteilt, gelangt gleichzeitig an alle Redaktionen und Nachrichtenagenturen. Bevor die Verlautbarung ans Publikum weitergeleitet wird, muss sie vom PR-Speak in News-Speak umgeschrieben werden. Gerade im Inland war und ist dies die hauptsächliche Aufgabe von Nachrichtenagenturen. Auf solche unsinnigen Doppelspurigkeiten kann leicht verzichtet werden: Wer etwas mitgeteilt wissen will, liefert den Redaktionen von Anfang an und ohne Umweg medienspezifisch aufbereitete Inhalte, die mit möglichst geringem Aufwand übernommen werden können, so sie denn nicht von Anfang an über Social Media direkt dem interessierten Publikum zugespielt werden (hier finden sich auch Posts über unerwartete News-Eregnisse, wie Erdbeben etc. und zwar in der Regel schneller als über jede Nachrichtenagentur). Dies macht denn auch deutlich, dass die reine Nachrichtenverteilung kaum mehr als journalistisches Geschäftsmodell taugt – es braucht mehr. Um das möglich zu machen, muss der Aufwand für das reine Nachrichtengeschäft auf ein Minimum reduziert werden. Längst könnte sich die Medienbranche auf solche Abläufe geeinigt haben – hat sie aber nicht. Denn wie Raucher ans Nikotin haben sich Redaktorinnen und Journalisten an Agenturmeldungen gewöhnt. Zwar erhalten sie die meisten Informationen zeitgleich, doch bevor sie bearbeitet werden, wartet man oft lieber ab, was die Agentur darüber meldet. Ist dieses Signal des Vortrommlers eingetroffen, weiss man sich auf den Redaktionen auf der sicheren Seite, um eine eigene Version zu verfassen (oder dann doch gleich den Agenturtext zu veröffentlichen). Man merkt: Agenturen sind heutzutage nicht nur ein unnötiger und aufwändiger Umweg, sondern fördern den Einheitsbrei und tragen so wesentlich zum Verlust der Medienvielfalt bei. Wer bessere Medien will, verzichtet zuerst auf Nachrichtenagenturen.
Ohne Agentur kein Geri-Gate
Es gibt weitere Idealisierungen, die in Zusammenhang mit Nachrichtenagenturen in der Schweiz hartnäckig im Umlauf sind und sich bestens zur Jagd auf Subventionen einsetzen lassen. Dazu gehört, die finanzielle Unterstützung der Nachrichtenagentur trage der Sprachverständigung im Lande bei. Schon immer wurden über diesen Kanal zahlreiche Meldungen übersetzt und in andere Landesteile verbreitet. Und schon immer wurden diese in den Redaktionen auf der jeweils anderen Seite des Röschtigrabens in den allermeisten Fällen ignoriert – ein helvetischer Leerlauf. Und auch hier ist dank dem Internet der Informationsfluss zwischen den Landesteilen längst und einfach sichergestellt. Jederzeit kann auf die Originalquelle und die Berichterstattung in den Medien aus den anderen Landesteilen zugegriffen werden. Auch sind Nachrichtenagenturen nicht der Hort reiner und objektiver Informationen und sie sind somit nicht als Gegenmittel geeignet, um die (angeblich) nachlassende Qualität der Medien zu kurieren. Gerade hat der Fall Geri-Gate gezeigt, wie die Nachrichtenagentur als Teil Medienmeute funktioniert. Ohne Meldung einer Nachrichtenagentur, die nur schon aus einem Konkurrenzdenken heraus von den Medien rasch weiterverbreitet wird, hätten andere Redaktionen bedächtiger reagieren können. Aber weil die Nachrichtenagentur das Thema aufgegriffen und damit geedelt hat, waren alle Medien gezwungen, ebenfalls auf das Thema einzusteigen und sei es nur, indem sie die Agenturmeldung veröffentlichten. Kommt dazu, dass in diesem Fall der auffälligste Beitrag der Agentur nicht gerade rühmlich war: Die vielerorts verbreitete Falschmeldung, die Chatpartnerin sei 21jährig und nicht wie später richtig gestellt 33jährig, stammte von der Nachrichtenagentur.
Wird die Nachrichtenagentur heruntergefahren und eingestellt, anstatt mit Bundesgeldern ballenbergisiert, können gleich zwei weitere Anliegen der Medienkommission in Erfüllung gehen und zwar ohne, dass dafür Steuergelder aufgewendet werden müssten. Sie will Innovation fördern und zwar sowohl über die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) wie zusätzlich mit einer zusätzlichen Anschubfinanzierung für Medien-Start-ups. Und sie will einen Medienfonds ins Leben rufen, um «herausragende redaktionelle oder journalistische Leistungen» zu fördern. Zusätzlich sollen Recherchefonds gefördert werden. Gibt es dereinst keine Nachrichtenagentur mehr, ist es wie im Wald: Ist einmal ein jahrzehntealter Riesenbaum gefällt, können an seiner Stelle zahlreiche neue Pflanzen spriessen. Das sind die gewünschten Medien-Start-ups, die im neuen Medien-Ökosystem ihre Chancen suchen. Dass Medienunternehmen in der Start-up-Welt gut unterwegs sind, hat die Werbewoche in der Ausgabe 13 (Seite 18) vor den Sommerferien dokumentiert. Und müssen einmal Redaktionen nicht länger grössere Budgetposten der Nachrichtenagentur abliefern, können diese Gelder (jährlich branchenweit rund 20 Mio. Fr.) für Rechercheprojekte eingesetzt werden – bevorzugterweise nicht, um weitere Geri-Gates zu produzieren oder sie der Not gehorchend schlicht einzusparen.
Solche Schritte sind nicht Aufgabe der Medienkommission (womit ihre Daseinsberechtigung hinterfragt werden kann), sondern der Verlage (und der SRG). Solange deren Leidensdruck nicht gross genug ist, werden sie kaum zu einem gemeinsamen Vorgehen für zeitgemässe Kooperationsmodelle finden (und aufgrund dieser branchenweiten Trägheit gezwungen sein, überkommene und teure Strukturen am Leben zu erhalten). Haben Medienunternehmen indes weiterhin solch markante und ungehobene Rationalisierungspotentiale, brauchen sie nicht mit Staatsgeldern unterstützt zu werden.
Christoph J. Walther
(Offenlegung: Der Autor war zwischen 1979 und 2004 in verschiedenen Funktionen bei einer Nachrichtenagentur tätig.)