Wenn Marken sterben
Netflix hat das Leben des vergessenen Designers Roy «Halston» Frowick verfilmt. Entstanden ist nicht nur ein Kokain-geschwängertes Psychogramm, sondern auch eine Lehrstunde in Markenstrategie: Selbst die grössten Brands können sterben.

Halston war gekommen, um sich mit den Grössten seiner Zunft zu messen – und um zu gewinnen. Daran konnte kein Zweifel bestehen, als der US-amerikanische Modeschöpfer und seine Entourage 1973 im Schloss von Versailles eintrafen; zur medienwirksam inszenierten «Schlacht» mit den Ikonen der französischen Modeschöpfung – Hubert de Givenchy, Yves Saint Laurent, Emanuel Ungaro und Pierre Cardin. Halston selbst befand sich auf dem Zenit seiner Karriere, schneiderte amerikanischen Frauen alles auf den Leib, von Haute Couture bis zur glamourösen Konfektion, und wollte nun auch international reüssieren. Während die «Franzosen» auf klassische Opulenz setzten, schickte Halston seine Freundin Liza Minnelli auf den Laufsteg. Hippe, noch unbekannte Models – damals ein Novum – präsentierten dazu seine modernen Entwürfe. Dafür gab es stehenden Applaus, den Sieg im Wettbewerb – und, so schien es, dauerhaften Ruhm als logische Konsequenz.
«Als Halston 1990 einen frühen Tod starb, war der Stern des kreativen Genies gesunken.»
Einsam und gescheitert
Doch es kam ganz anders: Als Halston 1990 einen frühen Tod starb, war der Stern des kreativen Genies gesunken. Weggefährten hatten sich abgewandt, das angesammelte Vermögen war beinahe aufgebraucht. Jene Brands, die er nur siebzehn Jahre zuvor in Versailles «bezwungen» hatte, prosperierten. Marke und Mann gerieten in Vergessenheit. Und das wäre wohl auch so geblieben, gäbe es nicht eine neue Netflix-Serie, in der Ewan McGregor den Designer porträtiert. Schnell avancierte das von Exzess und Exzentrik geprägte Biopic zum Hit. Verständlich, denn die Serie ist nicht nur ein brillantes Psychogramm, sondern eben auch eine Lehrstunde in Markenstrategie: Wenn eine Brand, die Tommy Hilfiger einst als «grösste Inspiration seiner Jugend» zu bezeichnen pflegte, binnen weniger Jahre verschwinden kann – wer ist dann überhaupt vor diesem Schicksal gefeit?
Halston: Dramatis Personae
Ehe wir die Fehler auf dem Weg zum Marken-Tod aber aufzählen – und unsere Lehren daraus zu ziehen versuchen – ein kurzer Exkurs zu dem bewegten Leben von Roy Halston Frowick, geboren 1932 im ländlichen Iowa. Aus einfachen Verhältnissen stammend und zum Schaufensterdekorateur ausgebildet, erlangte er mit 29 Jahren erste Bekanntheit: Einen Hut, den er entworfen hatte, trug Jackie Kennedy zur Amtseinführung ihres Mannes. Wenig später folgte eine Damenmode-Kollektion, begehrt und beliebt bei Stars wie Bianca Jagger, Liza Minnelli oder Elizabeth Taylor.

Zur Couture kam Alltagsmode: Halstons Stil galt als typisch amerikanisch und umfasste, ähnlich wie später bei seinem Kollegen Calvin Klein, elegante, minimalistische Entwürfe aus edlen Materialien, die den Körper der Kundin umschmeichelten. Lange, schmale Kleider oder luftige Hosenanzüge aus Seide, wallende Schals aus Chiffon oder Kaftane aus hauchdünnem Wildleder avancierten unmittelbar zu Klassikern. Die weibliche Kundschaft spürte, dass ihr Wohlbefinden Halston etwas bedeutete: Vor seinen Soirées warf er gerne noch einmal die gesamten Pläne um, weil er seine Kleider den Silhouetten seiner Models anpassen wollte – und nicht umgekehrt.

Der Name – verkauft
1973 verkaufte Halston sein Geschäft für 12 Millionen Dollar an den Mischkonzern Norton Simon, blieb aber als Geschäftsführer und Chefdesigner im Unternehmen. Für das Halston-Sortiment, das immer weiter diversifizierte, wurden Lizenzen vergeben. Nach einigen letzten Grosserfolgen – etwa dem Halston-Parfum – begann der Niedergang: Norton Simon wurde vom Mischkonzern Esmark geschluckt; Halston wurde verpflichtet, für den Einzelhändler J.C. Penney eine Billig-Modelinie zu kreieren. Die «etablierte» Modewelt strafte ihn dafür mit Verachtung. Der Designer versank in Depressionen, die er mit Sex, Drogen und Parties im legendären Studio 54 zu bekämpfen versuchte. Das tiefe Bedauern angesichts der Tatsache, dass seine eigenen Fehler das Ende seiner Marke eingeleitet hatten, wurde er freilich bis zu seinem Tod nicht mehr los. Wie konnte es so weit kommen?
«Das tiefe Bedauern, dass seine eigenen Fehler das Endeseiner Marke eingeläutet hatten, wurde er bis zu seinem Tod nicht mehr los.»
Kreativität braucht Haltung
Auch die grössten Visionen brauchen eine konsequente Haltung. Denn ohne Haltung keine Marke. Halston ging dagegen fest davon aus, intuitiv verstanden zu werden. Seine einzelnen Kreationen sah er als Fragmente eines Œuvres, das sich aus dem Genie des Schöpfers heraus erklärt; das sollte genügen, um Markenidentität zu schaffen. Gerade in der Modewelt mit ihren wechselnden Trends und intensivstem Wettbewerb gelingt es nur wenigen, sich auf Dauer in den Herzen des Publikums zu verankern. Denn es ist ein schmaler Grat zwischen dem konstanten Bedürfnis nach Neuschöpfungen – und dem notwendigen «roten Faden», der alles miteinander verbindet; der Markenidentität erlebbar macht. Halston schaffte es nicht, diesen schmalen Grat zu gehen. Hermès, Chanel, aber auch der populären Marke Nike ist gemein, dass sie ihre Kundschaft immer wieder aufs Neue begeistern, sich dabei aber – und das ist entscheidend – selbst treu bleiben. Das Hinterherreiten auf der Welle des Zeitgeistes überlassen sie anderen. Oder in den Worten von Ralph Lauren: «Fashion is over very quickly. Style is forever.»
«Markenführung ist eine inter-disziplinäre Kunst; der Erfolg ist immer das Ergebnis von Kollaboration.»
Markendehnung: Wann und wohin
Wenn Sie sich die Netflix-Serie zu Halston ansehen, fällt Ihnen vielleicht eine fiktive Werbesequenz auf: Der Designer wird vor einem weissen Hintergrund multipliziert und proklamiert vielstimmig, dass er mit seinen Produkten nun den gesamten Alltag der Menschen prägt – «Halston for your every day! Halston for your world!». Reisegepäck, Heimtextilien, Kosmetik – das ist weit weg von dem Selbstverständnis, mit dem Halston die Modewelt einst im Sturm eroberte. Die Markendehnung, also die Expansion in neue Geschäftsfelder unter Verwendung einer bestehenden Marke, gehört zu den anspruchsvollsten Herausforderungen des Branding. Es gilt zwei Fragen im Auge zu behalten – das Wann und das Wohin.
Erstens das Wann: Je jünger die Marke, desto mehr Zurückhaltung ist bei der Expansion geboten. Calvin Klein und Ralph Lauren, die beiden amerikanischen Herausforderer von Halston, konzentrierten sich in den Anfangsjahren auf das Kerngeschäft der Modekollektion. Die Expansion in neue Geschäftsfelder folgte erst Jahre später. Und die kürzlich angekündigte Diversifikation von Ferrari in Restaurants scheint (wenn überhaupt) nur denkbar, weil die Premium-Marke über die Zeit ein klares Image aufgebaut hat.
Zweitens das Wohin: Die Markenerweiterung muss zwingend die Positionierung stützen. Das Ziel muss sein, dass die Erweiterung die Marke weiter auflädt. Das heisst, das Wohin verfolgt immer zwei gleichberechtigte Ziele: den Eintritt in ein neues Feld und das Stärken der Marke mit neuen Kompetenzen. Die extensive Expansion des Halston-Brand vernachlässigt letzteres auf sträfliche Weise. Das Ergebnis: ein viel zu früher, konstanter Profilverlust, bis die Marke ihre Dehnbarkeit gänzlich verloren hatte.
Ohne Leistung keine Marke
Die Debatte darüber, was Marken erfolgreich macht, ist lang und wird intensiv geführt. Aktuell bestimmen abstrakte Konzepte wie «Purpose» und das viel zitierte «Why» die Diskussion. Dabei bin ich überzeugt, dass Marken neben der bedeutenden «inneren Bestimmung» vor allem durch Leistung – also das «What» und das «How» – überzeugen müssen. Roy Halston Frowick, der Amerika in den Mode-Olymp hob, verdankte den initialen Erfolg seiner eigenständigen Handschrift. Sein Bias-Cut, der die Stoffe nicht entlang dem Fadenverlauf, sondern im 45-Grad-Winkel schneidet, schuf einzigartig leichte und natürliche Kreationen. Sie entsprachen dem lebensfrohen, emanzipierten Selbstverständnis, welches das urbane Amerika der frühen 70er prägte. Sein «Ultrasuede Shirtdress», lanciert 1972, baute darauf auf und sicherte den Erfolg bei der breiten Masse. Und was kam danach?
«Markenmüssen durchihre Kernleistung überzeugen, um langfristig erfolgreich zu sein. Fehlt dies, dann droht die Erosion.»
Die Innovationen bleiben aus. Es war kein jäher Absturz, aber den Kreationen fehlte die Inspiration, der Neuigkeitswert der frühen Jahre. Weder die grandios inszenierten Shows noch die gezielte Selbstvermarktung konnten diese Lücke füllen. Der Grundsatz ist unumstösslich: Marken müssen durch ihre Kernleistung überzeugen, um langfristig erfolgreich zu sein. Fehlt diese Kompetenz, dann droht die Erosion. Wie bezeichnend ist es da, dass Halston – sowohl in der Serie als auch in Realität – nur noch ein einziges Mal von der Fachpresse gelobt wurde: Als er, frei von kommerziellen Interessen und Beschränkungen, Balletkostüme für eine Freundin entwarf. Da tat er, was er wirklich konnte, was er wirklich liebte.

Komplexität verlangt Kollaboration
Die Netflix-Serie zeigt den Aufstieg von Roy Halston Frowick als inspirierende Persönlichkeit mit grosser kreativer Ambition. Den Weg zum Erfolg beschreitet er aber nicht allein. Er schart Vertraute um sich, die ihn und sich gegenseitig ergänzen: Elsa Peretti, die später zur prägenden Figur bei Tiffany & Co. aufstieg; Illustrator Joe Eula und Liza Minelli, Halstons Muse, gehören ebenfalls zu den zentralen Figuren. Doch nach der «Schlacht von Versailles» hatte der selbstzentrierte Halston mit seinen Weggefährten gebrochen. Dabei ist Markenführung eine interdisziplinäre Kunst, der Erfolg ist immer das Ergebnis von Kollaboration. Und das verlangt nahtloses ineinandergreifen unterschiedlicher Fähigkeiten, Perspektiven und Persönlichkeiten.
Die Netflix-Show zu Halston wird für uns, die wir uns beruflich mit Marken beschäftigen, zum Menetekel: Nur, wer konsequent ist, Markendehnung erst auf sicherem Fundament betreibt und Leistung bringt – und dabei ein gutes Team um sich schart – wird reüssieren. Die Versuchung allerdings, es dem Designer nach einigen ersten Erfolgen gleichzutun, ist gross. Oder, wie der Halston durchaus wohlgesonnene CEO von Norton Simon bei einem gemeinsamen Lunch sagt: «Genialität genügt nicht. Wer sich für genial hält, hört auf zu wachsen.»
Wahrheit und Fiktion, ein kurzer Disclaimer: Natürlich ist nicht immer absolut deckungsgleich, was in der Netflix-Sendung und in der Realität in Halstons Privatleben passierte. Während die Biographen des Designers sowie noch lebende Geschäftspartner den Approach der Drehbuchautoren gutheissen, wurden verbliebene Familienmitglieder Halstons – insbesondere seine Nichte – nicht konsultiert. Die Gründe für den Niedergang der Marke Halston allerdings sind belegt und wurden dazumal ausführlich von diversen Medien begleitet.
* Alexander Haldemann ist CEO der Publicis Groupe, der grössten Kommunikationsgruppe der Schweiz. Der promovierte Ökonom ist seit über 20 Jahren in der Kreativbranche tätig und lebte in Asien, Europa und Nordamerika. Die Branding-Agentur MetaDesign, welche er als Eigentümer führte, verkaufte er 2016 an die Publicis-Gruppe. Seit 2020 wirkt er als globaler Chairman von MetaDesign und als CEO der Publicis Groupe in Zürich.












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