Die Last der Dinge
Eigentlich wollte der Trendanalyst Carl Tillessen seine Traumata bewältigen. Herausgekommen ist das Bestseller-Sachbuch «Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen». Anna Kohler trifft den nachdenklichen Autor im Kaffeehaus Einstein in Berlin.

m&k: Carl Tillessen, Sie haben mit Ihrem ersten Buch «Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen» einen Bestseller geschrieben. Überrascht?
Carl Tillessen: Sehr überrascht, ja. Ich habe immer gerne geschrieben, aber beruflich hat Schreiben ja in den ersten 25 Jahren meiner Karriere überhaupt keine Rolle gespielt. Insofern habe ich mich auch nicht als Autor gesehen.
Nehmen Sie uns mit. Was haben Sie die ersten 25 Jahre Ihrer Karriere gemacht?
Ich bin eigentlich Betriebswirt, habe ein abgeschlossenes Kunstgeschichtsstudium und wollte ursprünglich in den Kunsthandel gehen. Habe mich dann aber für Mode entschieden. Ich habe daraufhin noch handwerkliche Ausbildungen gemacht.
Welches Modehandwerk haben Sie gelernt?
Ich bin Schneidermeister. Erst habe ich für verschiedene Designer gearbeitet, dann hatte ich 17 Jahre lang mit meiner Partnerin eine eigene Marke. Mit sechs eigenen Läden, einem Onlineshop und einer Kosmetiklizenz. Vor sechs Jahren haben wir aufgehört.
Warum?
Das ist eine komplexe Frage. Wir waren mit unserem Label «Firma» nicht insolvent, wir haben in vielerlei Hinsicht einfach keine Perspektive mehr gesehen. Zum Schluss fühlte ich mich befreit, aber es war schmerzhaft.
Wie gestalten Sie Ihr Leben jetzt, neben dem Schreiben?
Als Berater und Trendanalyst. Mit dem Schwerpunkt Einzelhandel. Zunehmend unter dem Schirm des DMI, dem Deutschen Mode-Institut. Ein sehr irreführender Name, denn es ist erstens nicht nur deutsch, zweitens nicht nur Mode und drittens nicht nur Institut. Es ist eigentlich ein Trendbüro, das inzwischen international arbeitet. Und da bin ich Teilhaber.
«Ich finde es wichtig, dass Unternehmen Veränderungen im Wertesystem der Konsumentenwachsam beobachten und auch antizipieren.»
Haben Sie dieses Buch verfasst, um die Vergangenheit aufzuarbeiten?
Eigentlich war es andersherum. Ich habe erst zehn Jahre lang recherchiert, ohne damit irgendeine Absicht zu verbinden. Sondern einfach nur, weil es Themen sind, die mich interessieren und faszinieren, aus privatem Interesse. Und es war zu einem Teil auch Traumabewältigung, weil ich diese strukturellen Veränderungen verstehen wollte, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir unsere Marke aufgegeben haben.

Wann haben Sie selbst etwas gekauft, das Sie nicht gebraucht haben?
«Brauchen» ist ein dehnbarer Begriff. Wenn wir wissen, dass uns etwas sehr grosse Freude bereitet, und wir auch wissen, dass wir es gebrauchen oder benutzen werden, ist das ein guter Grund, etwas zu kaufen.
Sind Sie inzwischen immun gegen den Kaufreiz?
Überhaupt nicht. Ganz offensichtlich ist meine Leidenschaft ja Mode, und da werde ich auch wirklich schwach. Da beschleunigt sich mein Puls, die Handflächen werden feucht, die Kehle wird trocken, so begehrlich erscheinen mir die zum Kauf angebotenen Schätze in dem Moment (lacht).
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie diesem Verlangen nachgeben?
Ich habe mir selbst den Spass etwas verdorben, das ist wahr. Ich würde es so formulieren: Ich bin strenger mit mir geworden. Ich erlaube mir nicht mehr so oft Ausnahmen.
Nennen Sie uns ein Beispiel für solche Ausnahmen?
Ich will mir eine Outdoorjacke kaufen, von der ich weiss, dass ich sie jahrelang trage, dann kaufe ich die bei Vaude oder Patagonia. Mein Kind braucht eine neue Hose und ist da sowieso gleich wieder rausgewachsen, deshalb gehe ich zu H&M. Oder: Ich ernähre mich gesund, aber auf dieser achtstündigen Autofahrt gehe ich zu McDonald’s. Man erlaubt sich diese Ausnahmen mit den unterschiedlichsten Begründungen.
Sie schreiben, wir rennen alle dem Dopaminkick hinterher, sind also ein Stück weit süchtig.
Sechs Prozent aller Menschen werden als konsumsüchtig bezeichnet. Aber davon reden wir nicht. Für mich fängt Sucht da an, wo etwas auf uns eine Anziehungskraft hat, die, nicht nur einmal, sondern regelmässig, stärker ist als unsere guten Vorsätze. Man stellt das gern als eine sympathische, kleine Schwäche dar. Aber dadurch, dass wir es kollektiv machen, ist es eben keine sympathische, kleine Schwäche mehr.
Welche Auswirkungen hat das?
Die Probleme lassen sich in zwei grosse Bereiche zusammenfassen. Einmal die mangelnde Umweltverträglichkeit und die mangelnde Sozialverträglichkeit. Ich bin überzeugt, dass für die mangelnde Umweltverträglichkeit der Konsument die Hauptverantwortung trägt, aber was die mangelnde Sozialverträglichkeit anbelangt, trägt die Politik die grosse Verantwortung.
Bewegt sich etwas in der Politik ?
Wer auf die freiwillige Selbstkontrolle der Unternehmen gehofft hatte, ist jedenfalls oft enttäuscht worden. Man hatte ja eigentlich gedacht, dass solche Ereignisse wie Rana Plaza, das grosse Unglück, zu einem Fortschritt führen würden, aber seitdem sind sogar noch Rückschritte gemacht worden, was die Arbeitsbedingungen und Löhne in den Produktionsländern anbelangt. Insofern bin ich da etwas desillusioniert. Man muss jedoch auch verstehen, dass diese relativ neue Verbindung aus wirtschaftlicher Konzentration und Globalisierung überhaupt erst dazu geführt hat, dass Unternehmen in der Lage sind, die Arbeitsbedingungen und Löhne am anderen Ende der Welt zu diktieren. Das ist der Politik jetzt bewusst geworden, und sie reagiert. Schrittweise.
Wenn die Dinge nicht direkt vor unserer Nase passieren, gibt es die Tendenz zum Wegschauen.
Da kommen wir wieder zurück auf die Frage der Eigenverantwortlichkeit der Unternehmen. Kein CEO sagt, ich habe eine super Idee, wir werden ab sofort mit Kinder- und Sklavenarbeit arbeiten, da sparen wir viel Geld. Es ist eher ein kollektives Wegsehen. Man gibt etwas in Auftrag, ein Kosmetikhersteller kauft dieses Glitzerpuder, das stammt aus Bergwerken, wo sehr viel mit Kinderarbeit gearbeitet wird. Und dann sagt der Kosmetikhersteller, ich will, dass das nicht mit Kinderarbeit passiert. Dann sagt der Lieferant, okay, dann kostet das so und so viel. Tatsächlich ist das aber nicht das Geld, das es kostet, um auf Kinderarbeit zu verzichten, sondern das ist das Geld, das es kostet, den Beamten zu bestechen, der einem bescheinigt, dass es ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Das heisst, man kann sich natürlich mit dieser Bescheinigung begnügen – oder man kann es überprüfen und versuchen, es zu kontrollieren.
«Brauchen» ist ein dehnbarer Begriff. Wenn wir wissen, dass uns etwas grosse Freude bereitet und wir es gebrauchen werden, ist das ein guter Grund, etwas zukaufen.»
Geht das denn wirklich?
Die Behauptung, man könne es nicht kontrollieren, ist aus meiner Sicht vorgeschoben. Gerade wenn ein Modeunternehmen die Qualität garantieren kann, dass jeder Stich perfekt ist. Und das Pflegeeticket genau zwölf Zentimeter vom Saum entfernt ist und so weiter. Wenn man das alles so penibel und genau kontrollieren kann und gewährleisten kann, dann kann man auch garantieren und gewährleisten, dass da keine Kinderarbeit drinsteckt.

Wenn wir als Konsumentinnen und Konsumenten unsere Entscheidungen, was wir kaufen, auch im Hinblick auf die Sozialverträglichkeit ausrichten, können wir doch auch einiges bewirken, oder?
Ja. Die Menschen sind sich dieser Macht gar nicht so bewusst. Durch Social Media sind extrem mächtige Plattformen entstanden, die man sowohl zum Negativen als auch zum Positiven nutzen kann. Es gibt eine spannende Studie vom FAZ-Institut über das «Fan-Prinzip». Aus der Sicht der meisten Unternehmens ist es so: Solange die Kunden noch kaufen, ist die Welt in Ordnung. Aber diese Studie weist nach, es gibt Fans, die begeistert kaufen, und dann gibt es alle Abstufungen bis hin zum Gefangenen, dem Söldner, der widerwillig kauft. Ich glaube, die Unternehmen haben zu wenig im Blick, dass begeisterte Kunden sich in widerwillige Kunden verwandeln und nur darauf warten, dass sie etwas anderes finden, um dann so erdrutschartig abzuwandern, dass Unternehmen nicht mehr gegensteuern können.
Ein Beispiel?
Bei Facebook gab es eine ganze Serie von Skandalen. Und eben dieses ach so sympathische Freundesnetzwerk ist plötzlich zu einem «Arschlochunternehmen» geworden. Bei Facebook hat sich das Nutzungsverhalten erstmal gar nicht so spürbar verändert. Aber der Widerwille in den Menschen wächst, und wenn sich dann plötzlich Alternativen auftun wie Instagram oder es andere Social Media Plattformen gibt, gibt es diesen Erdrutsch, der kaum zu stoppen ist.
«Unternehmen haben zu wenig im Blick, dass begeisterte Kunden sich in widerwillige Kunden verwandeln.»
Wie ist das mit dem Trend zum Konsumverzicht?
Der erste Schritt in Richtung bewussterer Konsum war, über die Qualität zu reden, und jetzt redet man über die Quantität der Dinge, die wir kaufen. Und auch da haben wir wieder diesen Attitude-Behaviour Gap.
Wie genau meinen Sie das?
2020 waren in Deutschland die Einzelhandelsumsätze fünf Prozent höher als 2019. Das heisst, die Leute haben mehr Dinge gekauft als im Jahr davor, obwohl alle darüber geredet haben, dass man weniger kaufen soll. Aber ich bin überzeugt, dass das mit ein paar Jahren Verzögerung im Mainstream ankommen wird und dann eben auch statistisch nachweisbar wird. Selbst klassische Fastfashion-Hersteller wie H&M müssen Konzepte wie Arket an den Markt bringen, die sowohl vom Design als auch von der Qualität her langlebiger sind. Der Erdrutsch wird kommen.
Wie stehen Sie zur Mode- und Werbebranche?
Als ich meine Berufswahl getroffen habe, war Werbung fantastisch. Man ist damals sogar ins Kino gegangen und hat sich einen anderthalbstündigen Zusammenschnitt von Werbeclips angesehen. Das war Kulturgut. Ich rede nicht nur von der kommerziellen Relevanz, sondern von dem Prestige, dem Glanz, der davon ausging. Heute wird Werbung verpönt und die Macher müssen Wege finden, den Konsumenten nicht zu nerven. Ich habe in unzähligen Gesprächen herausgehört, dass es viele Menschen wie mich gibt, die sich danach sehnen, wieder stolz auf ihre Branche zu sein. Das, was ich gelernt habe, ist nicht nur mein Beruf, sondern auch meine Berufung.
Wie leben Sie mit diesem Wissen jetzt?
Ich finde es wichtiger denn je, dass Unternehmen bestimmte Dinge, Veränderungen im Wertesystem der Konsumenten, sehr wachsam beobachten und auch antizipieren. Ich berate sie gern und stehe mit meinem Wissen zur Verfügung.
Wie können Unternehmen das antizipieren?
Es geht nicht darum, zu hoffen, dass die Leichen, die man im Keller hat, unentdeckt bleiben. Sondern dass man sagt: Okay, die sind da, die müssen weg, was machen wir jetzt? Besser jetzt, als wenn die entdeckt werden und wir dann die Kontrolle über das Ganze verlieren. Das ist eine wichtige Botschaft.
Das Kapitel «Globalisierung und Konsum» in Ihrem Buch eröffnen Sie mit einem Zitat des Dalai Lama. Wie sehen Sie als Trendanalyst da die Zukunft?
Die Menschen ändern sich immer erst, wenn es wehtut. Die schlechte Nachricht ist: Es wird wehtun. Die gute Nachricht ist: Es wird sich etwas ändern.









Opa trifft Lena im Garten. «Guten Morgen, Lena, gut, dass ich dich hier treffe. Du wolltest mir einmal deine Schule zeigen». – «Eigentlich gehe ich ja gar nicht in die Schule,» antwortet Lena. Opa schaut Lena fragend an: «Dann erklär’ mir bitte, wie du zu deinem Wissen kommst? Du weisst ja jetzt schon so viel.» – «Weisst du, ich mache ja nur das, was der KLC von mir verlangt. Der KLC ist ein künstlicher Lerncoach, eine KI.» – «Aha,» murmelt Opa vor sich hin.








Während der letzten Monate haben sich die Spielregeln für viele Unternehmen und Branchen geändert: Geschäfte und Gastronomiebetriebe blieben geschlossen, Menschen arbeiteten im Homeoffice, die Mobilität war eingeschränkt. Dies hatte einen direkten Einfluss auf die Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen. Zielgruppen fielen plötzlich weg oder konnten weniger gut erreicht werden, Konsumgewohnheiten wandelten sich, Medien wurden anders genutzt. Auch nach der Coronakrise dürften einige dieser pandemiegetriebenen Entwicklungen fortbestehen. Eine repräsentative Umfrage des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte ergab beispielsweise, dass viele Menschen inzwischen gerne im Homeoffice tätig sind. Büroangestellte in der Schweiz möchten nach der Pandemie teilweise (62 Prozent) oder sogar vollständig (26 Prozent) von zu Hause aus arbeiten.



