Advertising Accountability im Kreuzfeuer: eine Übersicht über die Diskussionen in den AgenturenVon Wolfgang Koschnick Kann überhaupt noch jemand die bis zum Erbrechen wiederholte Redensart hören, wonach die Hälfte aller Werbegelder zum Fenster hinausgeworfen sei, man aber nur nicht wisse, um welche Hälfte es sich dabei handle?
Und doch ist Accountability das Stichwort zur Werbung im 21. Jahrhundert. Im Englischen ist der Begriff voller listiger Doppeldeutigkeit. Er bedeutet «Berechenbarkeit» ebenso wie «Rechenschaftspflicht» im buchhalterischen Sinne und ruft daher sofort die verbale Gegenwehr aller Kreativen auf den Plan.
Kreative Leistung sei nun mal aus der Froschperspektive von Buchhaltern nicht zu begreifen. Werbung sei ein komplexes Instrument, dessen Komplexität sich der primitiven Rationalität von Soll und Haben entziehe. Ja, wenn man genau berechnen könnte, welche Wirkungen Werbung im Einzelnen und bis ins letzte Detail erziele, dann könne man sie auch ohne alle Kreativität abwickeln und mechanisch die Resultate berechnen. Und so weiter und so fort…
Werbung leistet mehr als nur kurzfristige Umsatzsteigerung
Auf der anderen Seite: Kein zweiter Wirtschaftszweig leistet sich einen ähnlichen Inkompetenzkalauer. Oder kann man sich auch nur vorstellen, dass die Autoindustrie damit protzen würde, fünfzig Prozent aller von ihr hergestellten Automobile seien fahruntüchtig, man könne bloss vorher nicht wissen, welche das seien?
Befürworter und Gegner der Accountability in Advertising missverstehen einander gründlich und wohl zum Teil auch absichtlich. Jeder vereinfacht die Argumente der Gegenseite so nachhaltig, dass es ein Leichtes wird, sie auf billige Art und Weise in der Luft zu zerpflücken. Deshalb lohnt es sich, zunächst einmal einen Blick darauf zu werfen, was Accountability überhaupt – und was sie auf gar keinen Fall bedeutet.
Wer Werbung mit den Augen des Controllers betrachtet, versteht ihr Wesen nicht, lautet wohl das stärkste Argument gegen alle Accountability. Werbung leiste nun einmal sehr viel mehr, als bloss kurzfristig Umsätze zu erhöhen. Das sei – im Gegenteil – nur ein winziger Aspekt. Und nur der sei leicht messbar. Alle anderen Leistungen von Werbung wie der langfristige Aufbau des Markenwerts, die Entwicklung und Pflege des Images einer Marke oder eines Herstellers und dergleichen entzögen sich der buchhalterischen Kalkulierbarkeit – und der kurzfristigen sowieso.
Wohl wahr. Doch die Ansprüche der Advertising Accountability sind ja gar nicht so hochgeschraubt. Ihre Befürworter plädieren lediglich dafür, dass die mit den Marketing- und Kommunikationszielen eines Unternehmens verknüpften Kosten berechenbar sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es geht also um eine klare Zielhierarchie.
Aus den Unternehmenszielen ergeben sich die Marketingziele. Ein Spezialfall der daraus abgeleiteten Kommunikationsziele sind die Werbeziele. Und das Werbung betreibende Unternehmen kalkuliert – so gut es geht – im Voraus die Summe, die erforderlich ist, um diese Ziele zu erreichen. Dies ist der Kern von Accountability in Advertising.
Agenturen überlegen nicht, ob auch die Hälfte reicht
Accountability ist mithin ein besonderer Ansatz der Budgetierung. Es handelt sich um eine Variante der Ziel-Aufgaben-Methode (objective-and-task-method) der Werbebudgetierung, die zugleich auf mathematisch-theoretische Optimierungstechniken zurückgreift. Anstoss nehmen die Verfechter des Accountable Advertising an der Art und Weise, wie in werbetreibende Unternehmen Entscheidungen über Kommunikationsbudgets treffen.
In der Regel wird aufgrund eines oder mehrerer Kriterien ein Etat festgesetzt. In unterschiedlichen Graden der Primitivität können das die nach Abzug aller sonstigen Ausgaben übrig gebliebenen Geldbeträge, die Ausgaben des zurückliegenden Jahres, die Umsatzerwartungen im nächsten Jahr, der Marktanteil oder irgendein anderes Kriterium sein.
In den seltensten Fällen setzen sich Unternehmen Marketingziele und für ihre Marktkommunikation jenes Budget fest, das erforderlich ist, um diese Ziele zu erreichen. Der einmal festgesetzte Etat wird dann an eine Werbeagentur weitergereicht, und die überlegt, wie sie das Geld ausgeben könnte. Sie überlegt in der Regel nicht, ob man die angestrebten Werbeziele nicht auch mit der Hälfte des Geldes erreichen könnte. Sie wäre ja auch schön blöd. Im Interesse des Werbungtreibenden allerdings läge es, wenn sie das täte.
Auch Werbung gehört zu den Investitionsrisiken
Accountability läuft darauf hinaus, Unternehmensentscheidungen über den Einsatz der Werbung auf dasselbe Niveau wie andere Investitionsentscheidungen auch zu stellen. Das bedeutet indes nicht, dass die auf die Werbung anzuwendenden Massstäbe rigider sein müssen als die für andere Investitionen. Jede Unternehmensentscheidung ist mit Risiken verbunden. Werbeentscheidungen sind das natürlich auch.
Kein Zweifel allerdings: Die Mentalität, aus der die Theorie der Accountability in Advertising geboren wurde, stammt aus der angelsächsischen Welt, in der eine kurzatmigere Unternehmensphilosophie als in anderen Weltgegenden herrscht.
In den USA und in Grossbritannien gibt es für ein Wirtschaftsunternehmen eine einzige Perspektive, die von zentraler Bedeutung ist: die kurzfristige Gewinnmaximierung. Deshalb zählt dort der Einwand, diese Perspektive vernachlässige die langfristigen Werbeziele, herzlich wenig. In anderen Weltregionen wie Asien und teilweise auch Europa stehen Marktkriterien wie die kontinuierliche Verbesserung der Produktqualität oder die Verteidigung und das Wachstum von Marktanteilen im Vordergrund.
Wie in gesättigten Märkten die Werbewirkung messen?
Deshalb ist auch die Kritik nicht ganz von der Hand zu weisen, dass der Ansatz der Accountability in Advertising alle Werbung am Massstab der Verkaufsförderung misst. Und das ist natürlich grundverkehrt. Denn Accountability misst Werbewirkung in Kategorien von Umsatz- und Absatzsteigerungen – auch wenn ihre Befürworter sich wortreich dagegen wehren.
Und die Angelsachsen verstehen den Sinn des Einwands nicht: Wenn Werbung noch nicht einmal kurzfristiges Absatz- und Umsatzwachstum auslöst, wie soll sie dann langfristige Wirkungen erzielen können? Den Vorwurf der Kurzatmigkeit lassen sie nicht gelten. Wenn etwas auf kurze Sicht nicht wirkt, wie soll es dann in der längeren Perspektive erfolgreich sein?
Das entscheidende Problem von Accountability in Advertising liegt im Zustand der Märkte in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften. Die Märkte sind gesättigt. Absatz- oder Umsatzsteigerungen sind nicht zwangsläufig ein Hinweis auf erfolgreiche Werbung. Nur allzu oft sind sowohl Märkte als auch Marken statisch. Doch wie soll man den Wert von Werbung einschätzen können, wenn ein Zuwachs von Absätzen und Umsätzen vernünftigerweise gar nicht zu erwarten ist?
Marken leben in einer
«dynamischen Spannung»
Unter britischen Marketendern herrscht nach den Worten des Werbetheoretikers Colin McDonald weitgehende Übereinstimmung über vier Grundcharakteristika:
• Stabilisierte Märkte: In entwickelten Wirtschaftssystemen haben die meisten Märkte ihr Reifestadium erreicht. Mit anderen Worten: Das Wachstum ist erschöpft.
• Ähnliche Muster: Nach den empirischen Untersuchungen von Andrew S. C. Ehrenberg orientiert sich das Kaufverhalten der Verbraucher in stabilisierten Märkten an sehr ähnlichen Mustern. Die Marken unterscheiden sich voneinander vorwiegend dadurch, dass sie in grösseren oder kleineren Anteilen gekauft werden. Auf diese Weise tendieren Marken unterschiedlicher Grösse zu einem Zustand des Gleichgewichts zueinander. Dieses Gleichgewicht hat den Charakter einer «dynamischen Spannung», da jeder Marktteilnehmer stets versucht, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu erlangen. Mitunter kommt es sogar zu Verschiebungen und Störungen des Musters, aber die Tendenz, in ein Gleichgewicht zurückzufallen, bleibt bestehen.
• Kurzfristige Verschiebungen: Bei etablierten Marken führt eine Erhöhung des Werbeetats oft zu keinen kurzfristigen Absatzsteigerungen. Daraus lässt sich jedoch keineswegs der Schluss ziehen, die zusätzlichen Werbeaufwendungen wären zwangsläufig als Schuss in den Ofen zu betrachten.
• Zu gering: Selbst wenn Absatzsteigerungen zu erkennen sind, scheinen sie oft viel zu klein zu sein, um die hohen zusätzlichen Werbeaufwendungen zu rechtfertigen. Es wäre – nach Colin McDonald – jedoch völlig verfehlt zu unterstellen, dass die Werbeausgaben unnütz sind: «Es fehlt nicht an Belegen dafür, dass zahlreiche Markenartikel nicht mehr weiterwachsen und in der Tat nicht weiterwachsen können. Und dies kann ebenso sehr ein Zeichen erfolgreicher vergangener wie erfolgloser gegenwärtiger Werbeaktivitäten sein. Fortgesetzter Erfolg in der Zukunft kann also darin bestehen, dass sich gar nichts ändert. Doch wie können wir feststellen, dass unsere Werbung gut funktioniert, um diesen Erfolg zu bewirken? Und wie können wir feststellen, ob wir die bisherige Strategie fortsetzen, ändern oder aufgeben sollten?»
Antworten auf diese Fragen versucht man in Grossbritannien mit den Mitteln der Acountability in Advertising zu geben. Um das Prinzip der Werbewirkung zu erläutern, benutzt der Marketingberater Simon Broadbent, der ein Buch zum Thema geschrieben hat, gern die Metapher eines Flugzeugs. Die Werbung ist das Triebwerk, mit dem das Flugzeug stets auf derselben Flughöhe gehalten wird. Stellt man es ab, bleibt die Maschine noch einen Moment auf derselben Höhe, doch dann beginnt unweigerlich der Sinkflug. Werbung ist demnach ein Mittel, mit dem es gelingen kann, eine Marke in einem gesättigten Markt am Leben zu erhalten.
Accountability in der Praxis Die nächste Folge dieser Artikelreihe beschäftigt sich mit dem Thema Accountability in der Praxis und beschreibt die Bedingungen, unter denen Werbungtreibende und Agenturen ihre Werbung berechenbar – eben «accountable» machen können. Dazu untersucht sie en détail die Vorstellungen des britischen Marketingberaters Simon Broadbent und überprüft ihre praktische Anwendbarkeit auf grössere, mittlere und auch kleinere Unternehmen.