Meistens kriegt ja eher neidische Reaktionen, wer in Zürich erzählt, dass er nach Cannes reisen darf. Zu Unrecht! Cannes ist nämlich Schwerstarbeit und setzt eine gute Kondition voraus.Von Beat Fritsch Es gab dieses Jahr exakt 6117 Spots zu visionieren, man wollte auch einen Blick auf die von den Young Creatives kreierten Arbeiten werfen, es wurde ein Wettbewerb für Media-Lions durchgeführt, und eine Ausmarchung für Press & Poster war auch noch dabei. Daneben stehen eine lange Reihe Seminare von internationalen Kreativgöttern wie Conrad, Vaske oder Schmetterer auf dem Tagungsprogramm. Viele Nebenveranstaltungen finden statt, und abends heisst es jeweils Party, Party, Party! Echte Schwerstarbeit, wie gesagt. Wer also nach Cannes delegiert wird, sollte sich zweimal überlegen, ob er diesen Job wirklich übernehmen will.
Dieses Jahr kamen besonders erschwerende Umstände hinzu: die unerträgliche Spannung, bis die Schweiz endlich auf einer Löwen-Gewinnerliste zu finden war. Freitagnacht machte das Gerücht die Runde, dass es doch noch eine Trophäe gebe. Am Samstag kam die Bestätigung! Es war ein Goldlöwe, und das gabs schon lange nicht mehr. Beschert wurde der Schweiz die goldene Raubkatze dank der von Advico Young & Rubicam erarbeiteten Kampagne für Médecins sans Frontières.
Aber beginnen wir die ereignisreiche Woche von vorne. Jeweils am Sonntag beginnen die Screenings, doch fällt die Mehrheit der Werber aus aller Welt erst ab Mittwoch an der Côte d’Azur ein. Was zur Folge hat, dass die Anlässe bis Wochenmitte einiges angenehmer sind. Man muss keine Kampfsau sein, um bis an die Tröge, sprich Buffet, zu kommen, und man steht frau nicht ständig auf die Füsse. Montags gibts noch keine offizielle Veranstaltung, deshalb begibt man sich ins «Martinez». Dort trifft man sich die ganze Woche nach dem Nachtessen bis in die frühen Morgenstunden, und auch hier gilt: Die «Martinez»-Terrasse sollte man bis Wochenmitte einmal besucht haben, nachher gibts kein Durchkommen mehr, und an der Bar wartet man eine Viertelstunde auf den Drink, der 100 Franc kostet, aber nur für 98 Franc schmeckt.
Cyber-Lions-Ceremony samt Gala-Diner hiess es am Dienstagabend. Die ersten Preise waren vergeben, und dabei hat ein halber Goldlöwe für die Schweiz rausgeschaut. Der Londoner Ableger der Publigroupe hat an einer von eMCSaatchi eingereichten Service-public-Kampagne mitgearbeitet. Otto Meier und Markus Ehrle freuten sich mit Serge Manoukian von der Londoner Agentur. Der Empfang an der «Martinez»-Beach war von den offiziellen Events übrigens der beste.
Jeweils am Mittwoch findet an der Plage du Gray d’Albion der Swisslunch statt, zu dem Matthias Luchsinger von RMB Switzerland einlädt. Hier in Cannes sind die meisten Schweizer en bloc und von Jung bis von Matt anzutreffen. Die meisten bringen ihre Partner mit, einige gleich den Nachwuchs. Jedenfalls wuselten mindestens vier angehende Nachwuchswerber um die Tische und sorgten für eine familiäre Atmosphäre.
Alex Taiganidis von Guye & Partner und Dave Hanselmann von Jung von Matt/Limmat vertraten die Schweiz am Young-Creatives-Wettbewerb. Ihre Arbeit war bereits am Dienstag beendet, so konnten sie mit Grischa Rubinick noch ein bisschen auf die Pauke hauen.
Roger Baur von Qualiclick nutzte die Gelegenheit, hatte doch RMB auch einige Geschäftsführer von Mediaagenturen einfliegen lassen. Und das sind ja schliesslich auch Baurs Kunden. Beispielsweise Urs Renner von The Media Edge, Andy Lehmann von Optimedia, Josy Baur von Adplus oder Chris Flückiger von Universal-McCann. Ebenfalls mit von der Partie war Headhunterin Hélène Müller. Die Personaljagd an der Côte ist eben wesentlich angenehmer als in Zürich. Überdies muss Nicole Steinegger von RMB noch ein besonderes Kränzchen gewunden werden: Sie hatte die Sache voll im Griff und besorgte uns mehr als einmal Einladungen und Tickets für Galas oder Partys.
Die Zeit von Dienstagabend bis Donnerstagmorgen ist übrigens die mit Abstand härteste Strecke der Woche. Gleich nach dem Swisslunch gings weiter mit den Young-Directors-Awards. Im Ballsaal des «Carlton» zeichnete der europäische Werbefilmproduzenten-Verband die Arbeiten von Jungregisseuren aus. Die Schweiz wurde dabei durch Martin Fueter vertreten, Preise gabs aber für unser Land leider keine. Der Anlass gehört übrigens noch nicht zu den offiziellen Teilen des Festivals, könnte aber durchaus einer werden, stehen ihm doch Topkreative wie Michael Conrad Pate.
«No Shirts, no Shorts, black Tie», lautete eine Stunde später der Dressingcode für die Media-Lions-Ceremony & Gala. Ein Anlass nur für handverlesene Gäste. Die Schweiz ist jeweils, dank des ständigen Engagements von Matthias Luchsinger, mit zwei Tischen vertreten. Die stehen zwar nicht gleich neben der Bühne, aber grössere Länder und Agenturen kriegen da teilweise nur einen Tisch.
Ebenfalls sehr begehrt sind die Tickets für die so genannte Holländerparty von Condor und Massive Music danach. Da kommen nur ausgebuffte Cannes-Profis ran. Das grosse Schweinetreiben (die Sau raus lassen!) fand dieses Jahr an der Plage Galion statt und ist eine der drei besten Partys des Festivals. Mehr gibts dazu eigentlich nicht zu sagen, denn im Normalfall kann man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Ich weiss noch, dass ich mit Bettina Bussey reingegangen bin, Reiner Roduner, Alberto Venzago und Schoscho Rufener im Menschengewühl gesehen habe, am nächsten Morgen im eigenen Hotelzimmer erwacht bin und demnach den Heimweg also noch gefunden habe.
Der strenge Mittwoch ist ein Grund, weshalb der Donnerstag in Cannes als ideal fürs Chill-out gilt. Und um nochmals aufzutanken fürs Wochenende, damit man beim Visionieren der Spots-Shortlist in den gut klimatisierten Kinosälen nicht wegdöst. Abends gings ausserdem weiter mit den Partys von Shots, das Werk und ORF Enterprises. Shots war ziemlich langweilig, das Werk ziemlich voll. Die ORF-Party erwies sich dann aber als der Event, der perfekt zum Chill-out-Tag passte. Nicht zu viele Gäste, genügend Platz, äusserst bequeme Sofas und feine Drinks. Der perfekte Ausklang eines ruhigen Tages.
Aufs Wochenende hin sollte man am Festival kleine Agenturanlässe bevorzugen. Zum Beispiel denjenigen von Bates, London, zu dem wir von Michael Bungey und John Fawcett gebeten wurden. Im Garten der Bates-Villa konnte man sich trefflich den Bauch mit leckeren Barbecues und Salaten vollschlagen. Um danach auf ein Glas Wein bei Reiner Roduner von Absolut Turnus vorbeizuschauen. Er mietet jeweils mit seinen Kumpels ein herrliches Anwesen in Mougins und hatte an jenem Freitag gut 20 Filmleute aus aller Welt zum Essen eingeladen.
Nach Reinis Party gings wieder nach Cannes hinunter. Und zwar einmal mehr an den Strand des Hotels «Martinez», genauer ans Fest von DDB Worldwide. Markus Cavegn hatte als CD von Seiler DDB natürlich Zugriff auf Tickets, was er gemäss eigenen Aussagen auch bis fast über die Schmerzgrenze hinaus ausnutzte. So waren auch diese Nacht einige Schweizerinnen und Schweizer anzutreffen, vorab natürlich die RMB-Crew, zu der sich mittlerweile auch Tarkan Özküps Mutter Inge gesellt hatte. Eine echt sympathische Person. Auch hier bewährte sich die Redensart einmal mehr, dass der Apfel doch alles andere als weit vom Stamm fällt.
Und endlich, endlich hiess es Samstag, Abschlussgala, Schlussbouquet. Eine harte Woche lag hinter uns, und etlichen Gesichtern rundherum war die Erleichterung deutlich anzusehen, dass das alles jetzt ein Ende hatte. Auch das Festival der Werberinnen und Werber im wunderschönen Cannes.
Apropos: Matthias Luchsinger und das WerbeWoche-Shortlistteam haben sich gegenseitig für einen weiteren Löwen vorgeschlagen. Den Eisernen. Für den eisernen Durchhaltewillen Tag und Nacht, für unermüdliches Partyhopping und dafür, dass sowohl Luchsinger und der Shortlistautor und noch unzählbar viele nette Helferinnen und Helfer an der Côte auch noch gearbeitet haben.
Beat Fritsch
meets Roger Hatchuel, graue Eminenz und Chairman des Festival de la Publicité, in Cannes. Der Mann ist ein Vollprofi und posierte, obwohl ihn jedermann an jeder Ecke will, geduldig fürs Shortlistfoto. Was der Shortlistautor sonst so über die Schweizer in Cannes herausfand, kann man auch im Internet nachlesen.
Wo sonst in der Werbeszene abgefeiert wird, orten wir an den verschiedensten Veranstaltungen der Szene. Haben Sie schon jetzt etwas zu berichten? Greifen Sie zum Hörer (01 296 97 98) oder in die Tasten ([email protected]). Veranstaltungstipps wie auch weitere Shortlistbilder gibt es online unter www.werbewoche .ch/shortlist.