Ulrich Bollmann, Präsident BPRA, zu aktuellen Entwicklungen in der PR-Branche«Die Pflege der Intangible Assetsist vielerorts abhanden gekommen»
Der Bund der Public-Relations-Agenturen der Schweiz (BPRA) feiert in diesen Tagen sein 25-Jahre-Jubiläum. Ulrich Bollmann, BPRA-Präsident und CEO von Burson-Marsteller Schweiz, denkt laut nach über die Möglichkeiten von PR in der heutigen Krisenzeit, kommentiert Budgets und wagt einen Blick in die Zukunft.
25 Jahre wird der BPRA alt. Wie schlachtet er das Jubiläum PR-gerecht aus?
Ulrich Bollmann: Höhepunkt ist selbstverständlich die Plattform, die uns die WerbeWoche mit diesem Interview bietet. Daneben luden wir alle Geschäftsleitungsmitglieder der angeschlossenen Mitgliedgesellschaften, befreundete Verbände und die Fachmedien zu einer hochkarätigen Jubiläumsveranstaltung ein. Zudem haben wir unsere gesamte Dokumentation inklusive Website auf Vordermann gebracht. PR-Leute schlachten Jubiläen halt etwas anders aus als ihre nabelschauorientierteren Kolleginnen und Kollegen von der Werbung.
Was waren die entscheidenden Stationen der BPRA-Geschichte?
Bollmann: Der Entscheid der drei Gründeragenturen, den BPRA zu einem für alle Agenturen mit einem gewissen Leistungsnachweis offenen Verband zu machen, der Aufbau einer transparenten Marktstatistik zusammen mit einem Skills-Index der Mitglieder und schliesslich in der neueren Zeit die systematische Entwicklung von Instrumenten zur Verbesserung der Agenturführung.
Groucho Marx erklärte einmal, er würde nie einem Club beitreten, der ihn als Mitglied akzeptierte. Was gibt es über die Nichtmitglieder des BPRA zu tuscheln, die etwa 20 Prozent des Marktes repräsentieren?
Bollmann: Ganz wenige gefallen sich in der Rolle von Groucho Marx. Die meisten betrachten wir aber als potenzielle Mitglieder, sobald sie die Aufnahmekriterien erfüllen.
PR-Agenturen rechnen mit einem gebremsten Wachstum im laufenden Jahr. Eigentlich erstaunlich in einer Zeit der vielen Krisen und Kommunikationspannen.
Bollmann: Nur bedingt. Man muss wohl unterscheiden zwischen schlechten Geschäftsstrategien, die auch mit bester Kommunikationsberatung nicht übertüncht werden können, und guten Geschäftsstrategien, die schlecht verkauft werden. Ich habe den Eindruck, dass zurzeit die Fälle der erstgenannten Kategorie überwiegen. Wo Selbstkritik fehlt und persönliche Eigeninteressen unternehmerische Entscheide dominieren, können auch Kommunikationsstrategien, Medientrainings und brillant verfasste Statements nicht mehr weiterführen.
Vor einem Jahr haben die Agenturen für 2001 ein Honorarplus von 15 Prozent erwartet. Jetzt rechnen sie mit insgesamt 1,3 Prozent Wachstum. Bei welchen Budgets ist am meisten Geld verloren gegangen?
Bollmann: Ich kenne keinen bedeutenden Wirtschaftszweig, in dem nicht in den letzten Monaten die Jahresbudgets in allen Bereichen massiv zurückgenommen worden sind. Als Zulieferer sind wir davon automatisch betroffen. Als die Schweiz vor zehn Jahren in eine ähnliche Abwärtsspirale geriet, haben die meisten Unternehmensleiter noch Gewissensbisse gehabt und mit viel Aufwand auch im kommunikativen Bereich versucht, die Folgen für die Betroffenen zu lindern. Heute dominieren über weite Strecken die kurzfristig denkenden Kostenstellenmanager. Der Sinn für die Pflege der Intangible Assets ist vielerorts abhanden gekommen. Das ist ein Fehler, der viele noch teuer zu stehen kommt.
Wie sehen die Erwartungen der PR-Branche für das nächste Jahr aus, und wie lässt sich dies mit andern Ländern vergleichen?
Bollmann: Alle Agenturen rechnen damit, dass der gegenwärtige Trend anhält. Bei Burson-Marsteller gehen wir von einer erneut leicht überdurchschnittlichen Entwicklung aus. Vergleiche mit dem Ausland fehlen mir. Mitte November findet in San Francisco der zweite PR-Weltkongress statt, der vermehrte Aufschlüsse bringen wird.
Wie reagieren die Agenturen auf geringere Wachstumsraten?
Bollmann: Abgesehen von den Kleinstunternehmen muss wohl jede Agentur dafür sorgen, dass der Personalaufwand auf Dauer 60 Prozent des Honorarertrags nicht überschreitet. Sonst kann sie die Infrastruktur für eine professionelle Leistung nicht mehr finanzieren. Deshalb werden überall zuerst an Freelancer ausgelagerte Leistungen wieder im eigenen Haus erbracht. Beim Ersatz ausgetretener Mitarbeitenden wird eine grössere Vorsicht an den Tag gelegt. Lohnkürzungen sind angesichts des nach wie vor schwierigen Personalmarktes wohl Ultima Ratio.
Was passiert im Bereich Ausbildung?
Bollmann: Die Ausbildung in unserer Branche wird vom SPRI und vom Sawi getragen, weshalb der BPRA diesen Bereich nicht als Kernaufgabe betrachtet. Davon ausgenommen sind Spezialfragen der Agenturführung, beispielsweise im Bereich der Anstellungsverträge oder der Kundenverträge. Es ist unglaublich, welcher Verrechtlichung wir in der letzten Zeit begegnen. Gerade Auftraggeber in Grossunternehmen lassen gelegentlich die Auftragserteilung in einem Mass von ihren Hausjuristen begleiten, das geradezu kontraproduktiv wirkt.
Welches ist das wichtigste Ziel des BPRA für das nächste Jahr?
Bollmann: Die Mitgliederver-sammlung hat beschlossen, einen intensiven Kontakt mit Stellen der Bundesverwaltung aufzunehmen, die PR-Aufträge vergeben. Wir wollen damit die Professionalität der Ausschreibungen verbessern, weil nur so die Steuergelder, die im Rahmen solcher Aufträge an die Agenturen fliessen, auch in effiziente Leistungen umgesetzt werden können.
Welches ist das wichtigste Ziel des BPRA-Präsidenten Ulrich Bollmann?
Bollmann: Diesen Auftrag der Mitglieder mit allen andern laufenden Aufgaben umzusetzen.
Welche PR-Aufgabe würde Burson-Marsteller in der Schweiz besonders locken?
Bollmann: Das ist schon fast die patriotische Frage. Im Ernst: Die Solidaritätsstiftung ist ein hochinteressantes Thema. Und zwar nicht nur die Volksabstimmung, sondern auch die nachfolgende Begleitung. Ihr Wert erschöpft sich nämlich nicht nur in der Gründung, sondern in der nachhaltigen Positionierung bei den Stiftern und den künftigen Destinatären. Das Tool hat Potenzial, weil es weltweit ebenso einzigartig ist wie das IKRK. Darüber können weder einzelne Geburtsfehler noch das parteipolitische Getöse hinwegtäuschen. Als eine über unsere Aktivität fest im Land verwurzelte Unternehmung mit Kompetenz im Bereich Public Affairs und einem weltweiten Netzwerkbezug verfügen wir über Voraussetzungen, daraus eine Erfolgsstory zu machen. Interview: Andreas Panzeri