In Deutschland sind mehrwöchige Billig-TV-Programme im TrendVon Markus Knöpfli Acht Monate ist Rüdiger Hahn nun mit seinem vierwöchigen Programmheft TV 4 auf dem Markt – und spricht bereits von Erfolg. Davon glauben Tele, TR 7 und TV täglich hingegen (noch) nichts zu spüren. Allerdings: In Deutschland geht der Trend bei den Programmzeitschriften deutlich in Richtung mehrwöchige Billigprodukte.
Seit März gibt der Vierwaldstätter Verlag in Horw LU alle vier Wochen sein TV 4 in einer Auflage von 300000 Exemplaren heraus, 240000 Stück verteilt er jeweils gratis per Promopost. Gut eine Million Franken hat Alleininhaber Rüdiger Hahn nach eigenen Angaben bereits dafür aufgewendet – allein für Druck und Versand. Doch bald zieht Hahn die Spendierhosen aus: Ab der Ausgabe 1/2002 beträgt die TV-4-Auflage «nur» noch 80000 Exemplare. Davon werden dann 35000 Hefte an die Kioske geliefert, 20000 gezielt gratis gestreut und noch einmal 20000 bis 25000 an Abonnenten verschickt.
Derzeit kommt TV 4 zwar erst auf 14000 Abos, pro Ausgabe werden aber gemäss Hahn 19000 Exemplare am Kiosk verkauft. Deshalb ist er überzeugt, dass TV 4 bis Ende Februar «locker» noch 6000 Abonnenten dazu gewinnen wird. Bis zum Ende seines dritten Geschäftsjahres (Februar 2004) erwartet er sogar mindestens 40000 Abos. Doch bereits vorher, Ende nächsten Jahres, glaubt Hahn Break-even zu sein.
Das Vierwochenkonzept hat aber auch seine Grenzen: Wegen der vielen Programmänderungen muss Hahn seinen Lesern seit kurzem per Teletext Aktualität nachliefern. Auch andernorts wurden Hahn Grenzen gesetzt: TV täglich, das Gratisheft von Ringier und Tamedia, konnte er als Beilage von je sechs Zeitungen und Zeitschriften nicht ausstechen. Bei einigen mit TVtäglich liierten Titeln wurde ein Wechsel zu einer Art abgespecktem TV4 zwar diskutiert. Doch Hahns Offerte blitzte ab. Sie sei preislich nicht attraktiv gewesen, sagt TV-täglich-Verlagsleiter Roland Wahrenberger. Die Titel seien vertraglich zu lange an TV täglich gebunden, widerspricht ihm Hahn.
Dennoch bilanziert Hahn seine ersten acht Monate als «Erfolg». Dies zu glauben, fällt allerdings schwer. Denn wie will er seine Ausgaben wieder wettmachen, wenn er drei ganzseitige Inserate pro künftiges Heft als «völlig ausreichend» bezeichnet? Wegen der verringerten Auflage ab 1/2002 senkt er zudem die Tarife um rund die Hälfte.
Offen lässt Hahn im Übrigen auch, woher er das Geld für die millionenschweren Investitionen hatte. Aus seiner erst im September gegründeten Firma mit einem Aktienkapital von 40000 Franken kann es jedenfalls nicht kommen. Und die Vermutung, der Vierwaldstätter Verlag sei eine Tochterfirma seines Bruders in Deutschland, der mit gleichem Konzept das Heft Nur TV herausgibt, weist Hahn von sich.
Sowohl Wahrenberger als auch seine Kollegen bei Tele und TR 7 beteuern, TV 4 habe ihren Heften bisher nichts anhaben können, weder im Anzeigenmarkt noch beim Einzelverkauf noch im Abobereich. Zwar gehe der Einzelverkauf zurück, aber dies sei generell der Fall und nicht erst, seit TV 4 auf dem Markt sei, sagt TR-7-Verlagsleiter Sandro Rüegger. Und Duke Seidmann, Leiter Zeitschriftenwerbemarkt bei Ringier, fügt hinzu, Tele spüre am Kiosk eher Konkurrenten wie die deutschen Hefte TV Spielfilm oder TV today.
Damit ist angesprochen, was den Schweizer Titeln auf jeden Fall zu schaffen macht: die rund ein Dutzend deutschen Programmzeitschriften, die auf den Schweizer Markt drängen. Während die Wochentitel insgesamt bloss etwa 10000 Exemplare absetzen dürften, schätzt die WerbeWoche die verkaufte Auflage der vierzehntäglich erscheinenden Titel auf immerhin 60000 Exemplare.
Gemäss Mach Basic 01 haben die drei etablierten Schweizer Titel denn auch Leser verloren. Der Verlust blieb zwar bei TR 7 und Tele im Vertrauensbereich, doch zur Zeit des K1-Wertes hatten die beiden Titel noch zugelegt. Und wie sehr deutsche Titel den Schweizer Zeitschriften gefährlich werden könnten, zeigt das Beispiel TV Spielfilm, das erstmals in der Mach Basic 01 ausgewiesen ist: Es ist so stark wie die reinen Abozeitschriften Radiomagazin und Teleclub zusammen und kommt dem Wert von TR 7 bereits sehr nahe.
Programmblätter in Deutschland verloren Leser
Doch bei TR 7 macht sich Sandro Rüegger ganz andere Sorgen.
Er vermutet, dass ein Trend, der im deutschen Programmzeitschriftenmarkt zu beobachten ist, auch in der Schweiz Fuss fassen könnte: Wochentitel verlieren dort massiv an Auflage, mehrwöchige Billigprodukte hingegen legen seit ihrem Auftauchen 1997 teils kräftig zu. Konkret: Von zehn Programmzeitschiften, die Anfang 1998 noch über eine Million (teils bis 2,7 Millionen) Exemplare verkauften, haben alle mindestens 300000 Exemplare verloren. Besonders hohe Verluste verzeichneten TV klar, TV neu, TV Spielfilm und TV Movie. Demgegenüber legte TV 14 allein seit Mitte 1999 um 1,2 Millionen auf 2,01 Millionen Exemplare zu (plus 67,5 Prozent). Rüeggers Sorge wird von André Kolb bestätigt.
Er ist beim Nürnberger Gong Verlag für vier Programmzeitschriften zuständig, sowohl für hochpreisige Wochentitel wie (Bild+Funk, Gong) als auch für günstigere Produkte (TV direkt, Die Zwei). Den Trend im deutschen Markt sieht Kolb auch im eigenen Verlag bestätigt. Nicht nur das: «In den deutschsprachigen Auslandgebieten ist der Trend ähnlich», weiss Kolb, der mit den Gong-Produkten auch in der Schweiz präsent ist.
Könnte also Rüdiger Hahns Rechnung doch irgendwie aufgehen? Gut möglich, vielleicht sogar in doppelter Hinsicht: Zum einen wird sein TV 4 wohl zunächst den deutschen Pendants das Leben in der Schweiz erschweren. Denn im Gegensatz zu diesen führt Rüdiger Hahns Heft alle sprachregionalen Deutschschweizer TV-Programme. Ob es dann in einer zweiten Phase auch Tele und TR 7 an die Wäsche gehen wird, bleibt abzuwarten. «Wir beobachten TV 4 genau», sagt jedenfalls Duke Seidmann.
Relaunch bei TV täglich und TR 7
Seit knapp einem Monat kommt TV täglich aufgefrischt daher (WW 35/01). Der Relaunch habe nichts mit TV 4 zu tun, er sei schon seit längerem vorgesehen gewesen, versichert Verlagsleiter Wahrenberger. Den Relaunch noch vor sich hat hingegen TR 7. Das Heft soll ab Frühjahr 2002 «moderner» werden, dies stelle aber ebenfalls keine Reaktion auf TV 4 dar, sagt Verlagsleiter Rüegger.
Ein gutes Dutzend Programmzeitschriften an Schweizer Kiosken
Zeitschriften Verlag Intervall Preis Verkaufte Leser
Einzel- Auflage CH
verkauf CH
Bild + Funk Gong Verlag, Nürnberg 7 Tage Fr. 2.60 1100*
Die Zwei Gong Verlag, Nürnberg 7 Tage Fr. 1.80 11 000*
Gong Gong Verlag, Nürnberg 7 Tage Fr. 2.60 1000*
Hören u. Sehen Bauer-Gruppe, Hamburg 7 Tage Fr. 2.80 k. A.
Hör zu Axel Springer Verlag, Hamburg 7 Tage Fr. 2.70 k. A.
Tele Ringier, Zürich 7 Tage Fr. 3.60 227 539 712 000
TR 7 Basler Mediengruppe 7 Tage Fr. 3.–– 173 038 407 000
TV täglich Tamedia/Ringier 7 Tage Gratisbeilage 1 360 000* 939 000
TV 14 Bauer-Gruppe, Hamburg 14 Tage Fr. 2.–– k. A.
TV direkt Gong Verlag, Nürnberg 14 Tage Fr. 1.80 4000*
TV Movie Bauer-Gruppe, Hamburg 14 Tage Fr. 3.–– k. A.
TV Spielfilm TV Spielfilm Verlag, Hamburg 14 Tage Fr. 3.–– 28 863* 326 000
TV today Verlagsgruppe Fleet, Hamburg 14 Tage Fr. 2.60 k. A.
TVpur Bauer-Gruppe, Hamburg 4 Wochen Fr. 2.40 k. A.
TV 4 Vierwaldstätter Verlag, Horw 4 Wochen Fr. 4.–– bisher
300 000*
ab 1/2002
ca. 80 000*
Radiomagazin AG für Radiopublikationen wöchentlich nur Abos 31 272 109 000Teleclub Teleclub AG monatlich reine Klub- 89 770 226 000
Zeitschrift
grösstenteils gratis verteilt
* Verlagsangabe, nicht beglaubigt
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