Chick ’n’ More ist auf rasantem Expansionskurs – auch ohne klassische WerbungVon Luca Aloisi Chick ’n’ More heisst die Fastfood-Kette, die seit knapp zwei Jahren den Schweizer Markt erobert. Mit anglophilem Image, aussichtsreichem Businessplan und genuinen Produkten scheint dem Schweizer Start-up-Trio gutes Gelingen garantiert. Eine geniale Idee, die im Kommunikationsmix fast ganz auf klassische Werbung verzichtet.
Während die Expansion der Fastfood-Giganten, allen voran McDonald’s, ins Stocken gerät, rollt ein einheimisches Gastrounternehmen den Schnellimbissmarkt auf: Chick ’n’ More (C’n’M). Mit durchschnittlich einer Neueröffnung im Monat will die Kette innert dreier Jahre in der Schweiz rund 50 Niederlassungen betreiben. Nicht die geeigneten Standorte sind das grösste Hindernis im Businessplan, sondern die Vorgabe, Konstanz in Qualität und Umsetzung mit den Teams zu erreichen. Eine weitere Expansion mit Partnern über die Grenzen in den deutschsprachigen Raum schliesst CEO Marc-Antoine Cornaz deshalb nicht aus. Mit Cornaz, ehemaliger Development Director und GL-Mitglied beim englischen Hauptsitz der Pepsico Restaurants Int. – Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut –, sitzen Martin Wieland, Metrociné-Direktor, und Ivan Levy, Chef Body Shop, Schweiz, in der Geschäftsleitung.
Das Warten auf die Alternative hat ein Ende
Die Sterne stehen gut: Nach Antibiotika- und Bakterienfällen, Rinderwahnsinnskandalen und Maul- und Klauenseuche ist vielen Schweizern die Lust besonders auf Rinderhackplätzchen mit Garniergurke und Sesambrötchen vergangen. Von diesem angekratzten Image profitierte unter anderem das weisse, kalorienärmere Hähnchenfleisch.
Doch nicht nur deshalb rechnet sich C’n’M-CEO Cornaz für den Erfolg der Schweizer Poulet-Fastfood-Kette gute Chancen aus: Zum einen ist Fastfood das am schnellsten wachsende Segment in der europäischen Gastrobranche, in dem auch noch beträchtliches Wachstumspotenzial vorhanden sei, weiss Cornaz. Dazu sei die Markendurchdringung in der hoch fragmentierten Restaurantbranche Kontinentaleuropas noch sehr gering. Wenn das jemand beurteilen kann, dann er.
Zum anderen trägt er einen eindrücklichen Rucksack an Erfahrungen mit sich, hat doch der gelernte Hotelier, der zuletzt in London als Market Manager für Kentucky Fried Chicken England und als Immobilienverantwortlicher für Tricon UK tätig war, den ganzen europäischen Fastfood-Markt bestens kennen gelernt. Er weiss, worauf es bei der Lancierung und Etablierung eines neuen Restaurationsbrands im hiesigen Markt ankommt. Davon ist auch die Beteiligungsgesellschaft CommCept Trust überzeugt, weshalb sie die kürzlich gestartete Expansion mitträgt.
Um das Marktpotenzial abschätzen zu können, stützte sich der CEO auf zentrale Überlegungen und Marktdaten, die für die Expansion massgebend waren: Das sind zunächst einmal die steigende Kaufkraft, der Trend zum ausserhäuslichen Essen – die Verkehrs- und Konzeptgastronomie verzeichnet seit einiger Zeit jährliche Umsatzzunahmen von gegen 10 Prozent – sowie die Konkurrenz: Die 12 grössten Gastromarken führen weniger als 8 Prozent aller Restaurantbetriebe mit einem Umsatzanteil von etwa 15 Prozent. Schliesslich zählt auch die Bereitschaft vieler Konsumenten dazu, für Schweizer Natura-Poulet, Basis der C’n’M-Menüs, mehr zu bezahlen. Und unter den Marktleadern tritt nur McDonald’s mit einem fokussierten Angebot auf.
Darauf entwarf Cornaz eine innovative Restaurantformel, die im oberen Qualitäts- und Preisbereich angesiedelt ist und ein hoch flexibles effizientes Betriebssystem aufweist. Die Wettbewerbsvorteile will er auch durch schnelle Eroberung von Marktanteilen und gute Umsetzungsfähigkeit, vor allem aber durch eine hohe Kundenzufriedenheit erreichen. Letztere basieren auf der Markenerkennung, der hohen Produktkontinuität und einem überzeugenden Wertesystem.
«Die ersten zwei Standorte haben uns das auch bewiesen», sagt Cornaz nicht ohne Stolz. In diesen Niederlassungen konzentrierte sich das Unternehmen vorerst auf die Produkt- und Preispositionierung. Immerhin hatte der erste C’n’M-Take-away 1999 im Berner Bahnhof, trotz eines nahen und günstigeren Pouletbräters, den erhofften Erfolg und bald eine unerwartet hohe Kundenbindung. Der Umsatz jenes Konkurrenten ging kaum zurück, was darauf schliessen liess, dass C’n’M neue, bewusst konsumierende Kundenkreise erreicht hatte. Dasselbe stellte man in Vevey fest, wo C’n’M in direkter Konkurrenz zu McDonald’s wachsende Marktanteile erobern konnte.
Keine Printkampagne, kein TV-Spot und fast keine Plakate
Entsprechend will Cornaz den Brand für nicht gerade billigen Fingerfood über den USP Qualität klar profilieren und positionieren: Vor allem die Frische der Zutaten und die hochwertige Bearbeitung werden vermittelt – das Huhn wird hier nicht in der Fritteuse gebacken, sondern auf dem Rost gegrillt.
Und noch etwas ist anders bei C’n’M: Publizität wird nicht über klassische Kommunikationskanäle oder über den Preis erreicht, sondern direkt am Standort sowie lokal in der PR, vor allem in Form klar definierter Corporate Identity und Behaviour. Bei Neueröffnungen schliessen sich auch Verkaufsförderungsmassnahmen an.
Cornaz rechnet damit, dass das internationale Image und die Mundpropaganda den Aufbau der Bekanntheit zusätzlich unterstützen. Bei der angepeilten Zielkundschaft – hauptsächlich eine anspruchsvolle erwachsene und vor allem weibliche Klientel, die auf eine Alternative zu gängigen Fastfood-Restaurants wartete – macht dieser Kommunikationsmix Sinn.
Obwohl die Resonanz besonders bei den Early Innovators schon sehr gross ist, besteht bei Frauen eine «Image-Hürde», weil sie nicht zu den primären Fastfood-Konsumentinnen zählen. In der Markenkommunikation gilt es deshalb, die Balance zwischen einfachen Messages und den vielfältigen Inhalten von C’n’M zu erreichen. «Man muss immer versuchen, gewisse etablierte Branchenregeln bewusst und mutig zu brechen», sagt Cornaz und meint damit die ausserordentliche C’n’M-Positionierung in der Fastfood- und Take-away-Branche.
Ganz im Einklang mit dem unverfälschten Essen ist der Kommunikationsstil, der die Natürlichkeit und die Kernwerte der neuen Schweizer Gastromarke vermittelt. Vor allem das eingesetzte Hauptmotiv gibt diese Botschaft klar wieder: fit, food, fast, wobei die Alliteration zum Teil durch die Produktabbildung von Spezialitäten wie das Deluxe Sandwich oder das Salad Meal visuell und kulinarisch attraktiv gebrochen wird. Während die Agentur Ideenhaus, Nürnberg und London, die Markenstrategie in Corporate Design und Claim umsetzte und das Logo entwarf, in das sie symbolisch das Sandwich, die Duftwelle, aber auch Wellness, Flamme, Geflügel, Natürlichkeit und Frische grafisch hineinprojizierte, entwickelte die Basler Agentur Schenk Müller Bider die Mittel für die standortspezifische Kommunikation.
Echtheit, Persönlichkeit und Leidenschaft sind Markenkerne
Zwei Schritte sollen C’n’M zur erhofften Popularität und Beliebtheit führen: «Erstens versuchen wir, viele Trials zu generieren, weil nur so den Kunden der deutliche Unterschied spürbar wird. Und wenn man einen Markt aufbauen will, dann ist zweitens spielentscheidend, dass das notwendige Volumen so schnell wie möglich erreicht wird. Nur so können Marktanteile und Synergien gewonnen und verteidigt werden», ist Cornaz überzeugt.
Von der ersten Ladengeneration, die den Konzeptbeweis erbrachte, retteten die Gründer der Fastfood-Kette praktisch nur das Produkt und die Preispositionierung. Nach der Marktanalyse und den Kundenumfragen fiel Anfang 2001 der Startschuss zur schnellen Expansion und der emotionellen Positionierung der Marke, mit der C’n’M gegenüber dem üblichen Grillhähnchen differenziert werden soll.
Im Unterschied zu den meisten Fastfood-Ketten, die das Image des künstlichen Junkfoods haben, attestierten die Kunden den Produkten von C’n’M Echtheit. Geschätzt wurde auch der persönliche Service. Jedoch klaffte in der Wahrnehmung im emotionellen Bereich der Zielpositionierungsmatrix eine Lücke. Gerade weil rationale Kaufgründe im angepeilten Verpflegungsbereich überwiegen und für Anbieter entscheidend sind, kommen emotionalen Stimuli grosse Bedeutung zu, weil dieser Bereich wirtschaftlich der interessanteste ist.
Beispiele wie Häagen Dazs beweisen, dass in diesem Bereich die Preiselastizität ungleich grösser ist als bei Konkurrenzprodukten, die sich nicht im emotionalen Segment positionieren. Noch differenzieren sich aber die wenigsten Fastfood-Ketten über Leidenschaft, Lifestyle, Erotik und andere Assoziationswelten. C’n’M zielt auf Erlebnispositionierung und appelliert für das emotionale Involvement ans Vitalitätsbedürfnis. Cornaz sagt dazu: «Vitalität im Sinn von Wellness, sprich: einfaches, ausgeglichenes und gemütliches Essen, Zeitersparnis dank schnellem Service, warme, gemütliche Ambiance, in der man gerne auch etwas länger verweilt.»
Bei der Poulet-Kette liest sich diese Natürlichkeitsphilosophie nicht nur beim Frischpoulet, dem knusprigen Brot, das von Hiestand entwickelt wurde, bei den gebackenen Kartoffeln oder den ungesüssten Teesorten, sondern auch bei den gemütlichen Sitzgelegenheiten, die bei der Fastfood-Konkurrenz derart konzipiert ist, um die Kundenzirkulation künstlich zu erhöhen.
Bis ins letzte Detail wurde der differenzierende Markteintritt durchdacht: Selbst das übliche Tablett, das beim Einkauf mit voll beladenen Tüten hohe Jonglierfertigkeit des Gastes voraussetzt, wurde bei C’n’M durch einen Einkaufskorb ersetzt. Dieser hat zusätzlich den Vorteil, dass «er auch das Abräumen wesentlich vereinfacht», erklärt Cornaz. In konzeptionellen Partikularitäten wie diesen widerspiegelt sich das Natürliche, Einfache und Ursprüngliche des Poulet-Essens.
Gute Konzepte gibts viele – wenige sind multiplizierbar
Um langfristig auf der Zielgeraden zu bleiben, wurden Markenregeln definiert: So werden beispielsweise ausschliesslich ganze und frische Hähnchenstücke mit Herkunftsdeklaration verarbeitet, der Kunde wird vom Geschäftsführer persönlich an der Kasse bedient. «Der entscheidende Moment in einem Restaurant ist der einminütige Kundenkontakt, der sogar im bedienten Restaurant selten mit dem Chef geschieht», sagt Cornaz.
Alkohol wird bei C’n’M nicht ausgeschenkt, noch darf hier geraucht werden. Die standardisierten Werte machen einen strategischen Unterschied zur Konkurrenz erkennbar und sollen die Wiedererkennbarkeit der Marke steigern und deren Anonymität minimieren. «Auch im Fastfood, wo man den Service häufig unterschätzt, wird Kundenzufriedenheit zu über der Hälfte gerade durch dieses Erlebnis erwirkt», ist Cornaz überzeugt und zählt dazu Sauberkeit, Service, die richtige Auswahl, stimmende Rechnungen und anderes mehr.
30 bis 35 Prozent der Zufriedenheit wird mit dem Essen selbst gewonnen, und der Rest begründet sich im richtigen Value for Money. «Im Fastfood-Bereich heisse es deshalb: We’re in the entertainment business, and by the way there is something to eat.» Schliesslich verkaufe auch McDonald’s Unterhaltung, meint der CEO. Solches Know-how erarbeitete er sich bei Tricon, die viel Geld in umfangreiche Studien investiert hat. Entsprechend flexibel und effizient hat er das modulare C’n’M-System geplant, um besser mit Fluktuationen umzugehen als andere Gastrosysteme.
Technisch und räumlich stellt der Verzicht auf eine grosse Küche einen wesentlichen Vorteil bei der Standortbestimmung, der Umsetzung und bei den Kosten dar, was eine hohe Marktdurchdringung erlaubt. Die im internationalen Vergleich mittelmässigen Frequenzen, die in der Schweiz möglich sind, und, im Gegensatz dazu, die hohen Fixkosten – Immobilien und Personal – gleicht C’n’M mit einem kleineren Platz- und Personalbedarf aus. Nicht nur das: «Wir sind mit einem Produkt auf den Markt, der im höheren Preissegment ist, auch weil die Kaufkraft der einzige Weg ist, um diese Frequenznachteile zu kompensieren», sagt Cornaz.
Den eigentlichen Trumpf seiner Kette sieht er in der Multiplizierbarkeit. Und da bei diesem Gastromodell der Faktor People-Business ins Spiel kommt, ist er überzeugt, dass C’n’M von der Anziehungskraft einer dynamischen, expansiven Marke profitieren wird. Das gilt für Angestellte wie für Lieferanten, Partner und Stakeholders jeder Art.
Der Expansionsplan wurde zur Beweisführung von Westen her und konzentriert auf kleinere und mittelgrosse Städte aufgezogen. Nur mit stattlichem Volumen könne man auch in kompetitiveren Märkten wie Zürich auftreten. Auf keinen Fall wolle er mit dem Cash-flow einiger Filialen ein Geschäft an Toplage querfinanzieren. So wird man wohl – Wermutstropfen zum Schluss – noch ein wenig Geduld haben müssen, bis das erste Zürcher C’n’M-Restaurant seine Türen öffnet.