Les jeux ne sont pas encore faits
Das Schweigen von Hersant lässt in der Westschweiz die Gerüchteküche weiter brodeln
Fabien Wolfrath, der ehemalige Besitzer der Regionalzeitungen L’Express und L’Impartial, und Philippe Hersant, der neue Besitzer der beiden Blätter, haben eine Gemeinsamkeit: Sie scheuen Journalisten wie der Teufel das Weihwasser. Für Unternehmer, die ihr tägliches Brot mit Printmedien verdienen, eine fragwürdige Haltung.
Im Zuge des Verkaufs der beiden Regionalzeitungen L’Impartial und L’Express (WW11/02) hat Fabien Wolfrath verlauten lassen, dass Journalistenfragen – wenn überhaupt – nur schriftlich beantwortet würden. Der Vater von Philippe Hersant, so wird kolportiert, riet dem Sohn Philippe auf dem Sterbebett, sich niemals einem Journalisten anzuvertrauen. Darum hat Hersant junior auch noch nie ein Interview gewährt.
Entsprechend schiessen die Gerüchte rund um die Verlegergruppe des Familienunternehmens Hersant ins Kraut. Und bisher hat auch noch niemand so richtig verstehen können, weshalb das französische Unternehmen derart grosses Interesse am Westschweizer Medienmarkt bekundet. Die alles andere als transparente Kommunikationspolitik von Hersant lässt Finanzanalysten vermuten, dass mit der Akquisitionspolitik, wie sie Hersant seit vergangenem Sommer in der Westschweiz praktiziert, Kapital ins Ausland verlagert werden soll. Dem wäre entgegenzuhalten, dass Hersant nicht irgendein Investor ist, sondern ein Branchenspezialist mit dem entsprechendem Know-how.
Der französische Medienexperte und Bankier Jean-Clément Téxier glaubt indessen, dass der Westschweizer Printmarkt mit seiner Zeitungsvielfalt und einem interessanten Inserentenmarkt für ein französisches Unternehmen wie Hersant durchaus begehrenswert sein könne. Die finanziellen Ergebnisse der Printerzeugnisse in der Romandie fielen überdies oft besser aus als jene der französischen Produkte, weiss Téxier. Zudem müsse, wer global mitspielen wolle, über die Grenzen hinausgehen. Das gelte auch für französische Unternehmen, die längerfristig nur dann Erfolg hätten, wenn sie grenzüberschreitend und überregional agierten.
Schweizer Printmarkt mit verlockenden Gewinnmargen
Jean-Paul Corbaz, Verleger und Herausgeber von La Presse (Riviera-Chablais und Nord vaudois), ist erstaunt, dass Hersant sich für kleine lokale Zeitungen interessiert und fragt sich, ob sich das französische Unternehmen der kantonalen und regionalen Besonderheiten der Schweizer Presse bewusst sei. Persönlich hegt Corbaz derzeit noch keine Verkaufsgelüste – weder an Edipresse noch an Hersant. Mit Philippe Hersant hatte er aber vor drei Jahren schon einmal verhandelt, als das Projekt Delta in der Pipeline war. Delta sollte die Maquetten der Zeitungen aus den Regionen Montreux, Yverdon und Nyon vereinheitlichen und den Druck an einen Standort binden. Inzwischen ist das Delta-Projekt Geschichte und die Zeitung La Côte in den Händen von Hersant.
Dass Philippe Hersant aber an Druckereien ausserhalb Frankreichs interessiert ist, zeigt das Vergrösserungsprojekt der Dru-ckerei in Neuenburg, für deren Umbau bereits eine Baubewilligung vorliegt. Hier will Hersant seine französischen Titel drucken lassen.
Schon als vor drei Jahren sein Druckzentrum im Thonon ausfiel, erkundigte er sich bei Jean-Paul Corbaz nach Alternativen in der Schweiz. Nicht zuletzt um gegen Streiks, die in Frankreich alle paar Monate auf der Tagesordnung stehen, besser gewappnet zu sein.
Verwirrt über den neuesten Coup von Hersant scheint auch Roger de Diessbach, Chefredaktor der in Freiburg erscheinenden La Liberté, zu sein. Sah er letzten Sommer den französischen Verleger noch als Retter der kleinen Zeitungen, warnt er nun nach dem Coup in Neuenburg lautstark vor Verlegern wie Edipresse und Hersant.
Diese würden, so de Diessbach, schliesslich den Markt unter sich aufteilen, wenn die kleinen Zeitungen ihre Zusammenarbeit nicht verstärkten. Die Angst des Chefredaktors ist nicht von der Hand zu weisen, wenn als nächstes Objekt der Begierde von Hersant Le Quotidien Jurassien zur Diskussion stünde. La Liberté ist daran mit 50 Prozent beteiligt
