«If music be the food of creativity»: Karl Domenic Geissbühler gibt der Opernliteratur ein plakatives GesichtVon Ernst WeberSeit gut einem Vierteljahrhundert entwirft der Zürcher Grafiker Karl Domenic Geissbühler die Plakate für das Zürcher Opernhaus. Er hat sich damit den Ruf erworben, einer der besten Plakatkünstler der Welt zu sein – insbesondere wenn es um die Umsetzung von Inhalten des Musiktheaters geht. Porträt eines Mannes, der mit sicherer Hand den Werken der Opernliteratur ein Gesicht verleiht.
Karl Domenic Geissbühler ist ein Stadtkind mit Wurzeln auf dem Land. Geboren und aufgewachsen ist er in Winterthur. Zur Schule ging er in Winterthur und Zürich. Landluft atmete Geissbühler jeweils während der Schulferien, die die Familie regelmässig im Unterengadin verbrachte. In Tschlin, wo die Mutter, eine Bauerntochter, ein Haus besass.
Seine Grafikerausbildung absolvierte K. D. Geissbühler in der Fachklasse der Schule für Gestaltung. Nach dem Diplom erhielt er den Leistungspreis der Stadt Zürich und wurde Assistent des damaligen Hauptlehrers für Grafik, Ernst Keller. Ein Job, der ausser Ehre nichts eintrug. Der Schule und des unbezahlten Arbeitens überdrüssig gab er den Assistenzjob nach einem Semester auf. Mit dem Schulbetrieb kam Geissbühler erst wieder in Kontakt, als er von 1997 bis 1999 als Dozent an der Schule für Gestaltung und Kunst in Basel visuelle Kommunikation unterrichtete.
Nach der Assistenzzeit war ein Tapetenwechsel angesagt. Zunächst bildete sich der junge Grafiker während eines Semesters an der Kunsthochschule in Berlin weiter. Im Anschluss daran durchlief er zuerst bei einem Lausanner, dann bei einem Zürcher Grafiker ein Praktikum. Danach trat er als AD in die Werbeagentur Dr. Rudolf Farner in Zürich ein, die heute Publicis heisst.
Hartnäckig versuchte Farner, ihn im Hause zu behalten
Fünf Jahre behielt er die Stelle, dann folgte er 1965 der Stimme seines Bauches, die ihm sagte, dass er sich selbstständig machen solle. Die Eltern waren ob des Vorhabens ihres Sohnes schockiert: «Bist du verrückt geworden, eine sichere Stelle aufzugeben?», versuchten sie ihn umzustimmen. Ihr Insistieren mag dazu beigetragen haben, dass es Rudolf Farner zunächst gelang, seinen AD zurückzugewinnen.
Geissbühler kündigte zwar und begann wie geplant in seiner Junggesellenwohnung unter anderem für Agenturen wie GGK, Frankfurt, und für Direktkunden wie Braun (Deutschland) und British Airways zu arbeiten. Aber erst, nachdem er sich in Toronto und New York während je dreier Monate bei Topagenturen und Topdesignern wie etwa Paul Davis Einblicke in die dortige Werbung verschafft hatte.
Als ihn eines Tages sein ehemaliger Chef zu sich bestellte, wähnte Geissbühler bereits, einen Auftrag abholen zu können. Doch Rudolf Farner sagte: «Aus Ihrer Selbstständigkeit wird nichts, Ihr Platz ist hier bei uns. Sie fangen nächste Woche wieder an.» Geissbühler sagte zu und blieb ein weiteres Jahr, bevor er sich endgültig auf seine eigenen Füsse stellte.
«Das hat mir Rudolf Farner nie vergessen. Er wurde einer meiner grössten Auftraggeber», sagt der Zürcher Gestalter.
Geissbühlers Studio befindet sich an der Theaterstrasse 10 im Corso-Haus. Rund hundertfünfzig Meter weit vom Zürcher Opernhaus entfernt, für das er seit nunmehr einem Vierteljahrhundert die Plakate gestaltet, die ihm den Ruf eintrugen, einer der bedeutendsten Plakatkünstler der Gegenwart zu sein.
Schon immer übte das Theater eine grosse Faszination auf Karl Domenic Geissbühler aus. Entsprechend engagiert legte sich der Zürcher Grafiker bei einem Wettbewerb ins Zeug, den das Zürcher Opernhaus 1976, kurz nachdem Claus-Helmut Drese die Intendanz des Hauses übernommen hatte, zur Kreation eines neuen Logos ausschrieb.
K. D. Geissbühler, der seine Kreativität in die Dienste der rein kommerziellen Werbung gestellt hatte, gewann das Kulturmandat der Zürcher Bühne, die bis dato ihre Öffentlichkeitsarbeit weitgehend der Presse überlassen hatte. Den Zuspruch erhielt er nicht etwa darum, weil er die Anforderungen des Briefings erfüllte, sondern weil er sie übertraf. Geissbühler präsentierte nämlich ausser dem verlangten Logo ein ganzes Kommunikationskonzept. Es beinhaltete Plakate, eine Zeitung und ein monatlich erscheinendes Programmheft.
Anfänglich wurde ein Budget für zwei Plakate pro Jahr bereitgestellt. Um jede der monatlich stattfindenden Premieren mit einem Plakat begleiten zu können, begann Geissbühler, Sponsoren für Plakate, aber auch für Aufführungen zu suchen. Er fragte etwa Handwerker an, die beim Umbau des Opernhauses mitgewirkt hatten, und lud potenzielle Geldgeber zu Plakatausstellungen ein, die er auf der Opernhausterrasse veranstaltete.
In den Plakatmotiven klingt die Substanz der Werke an
«Die Musik muss aus dem Plakat heraus erklingen», sagt der Gestalter. Seine Arbeitsmethode zeigt, dass dies ein Credo und keine Plattitüde ist.
Erste Anhaltspunkte zur Umsetzung einer Inszenierung sammelt der Grafiker jeweils an der Informationssitzung, bei der die Regisseure den Sängerinnen und Sängern ihre Interpretation des Werkes vorstellen, das aufgeführt werden soll. Inspiration holt er sich ausserdem auf den Proben, denen er oft beiwohnt. Es kommt vor, dass ihm etwa ein Gegenstand des Bühnenbildes den Schlüssel zu einer Plakatidee liefert. Oder dass er ein Sujet, das er eigentlich präsentieren wollte, ungezeigt wieder mit ins Atelier nimmt, um die Idee auf Grund eines während der Probe neu hinzugewonnenen Eindrucks noch einmal zu überarbeiten. Manchmal fertigt er Berge von Entwürfen an, bis ein Sujet seinen Vorstellungen entspricht.
«Wenn ich für ein Kulturinstitut tätig bin, das über einen gewissen Level verfügt, dann bedingt das, dass mein Beitrag einen künstlerischen Anspruch erfüllt», erklärt Geissbühler sein Engagement.
Geissbühler hat es sich ausbedungen, die Vorschläge jeweils mit dem Regisseur besprechen zu können, der die Oper inszeniert, oder mit dem Bühnenbildner oder mit beiden. Er vermeidet es aber, seine Ideen bereits zu Beginn einer Probezeit zu präsentieren. «Das wäre der falsche Moment. Da sind alle nervös. Man muss auf die Stimmung schauen», sagt der Plakatkünstler.
Der intensiven Auseinandersetzung zum Trotz sind schon Vorschläge gescheitert. Das Motiv etwa zu Verdis Oper «Forza del destino» wurde vom Regisseur mit der Begründung refüsiert, es nehme den Höhepunkt der Inszenierung vorweg.
«Ich bin für alle Kämpfe, habe aber auch gelernt, mich hinten anzustellen. Man muss die anderen ernst nehmen und seinen inneren Schweinehund überwinden», meint Geissbühler, der für das Zürcher Opernhaus auch bereits zwei Ballette und fünf Opern ausgestattet hat.
In jungen Jahren stand Geissbühler dem Sprechtheater näher. Den Zugang zur Oper fand er erst nach der Schulzeit. Einen Sinnreichtum der Oper erblickt er etwa im Umstand, dass sie «fast immer tragisch ist». Seiner Ansicht nach hängt die ungebrochene Aktualität der Oper damit zusammen, dass sich der Mensch seit seinen Anfängen nicht grundlegend verändert habe: «Sein Leiden, Hassen und Trauern spielt sich heute wohl etwa auf dieselbe Weise ab wie zu allen Zeiten», erklärt der Grafiker, den vor allem die Musik in Beschlag nimmt, «vermutlich, weil sich die Komponisten in ihre Werke hineingelitten haben.»
«Die Melancholie ist ein Glück. So etwas umzusetzen, fasziniert mich», sagt der Plakatkomponist.
Noch keine Generalprobe hat Geissbühler verpasst, seit er für das Zürcher Opernhaus tätig ist. Er müsse einfach hingehen, da es nach Abschluss rieche, und um zu spüren, dass er Teil eines Ganzen sei. Auch er leide nämlich an der Arbeit, die er beitrage, sagt er.
Highlights in Geissbühlers Werk
Plakatpreise
1987: Toulouse-Lautrec-Medaille, Plakat Triennale, Essen; Grosser Plakatpreis Biennale Lathi, Finnland.
1988: Trienal of Posters,
Toyama, Japan.
1989: Art Directors Club New York, Gold- und Silber-Award.
1990: Sonderpreis für Opernhausplakate in Chaumont, Frankreich (Patronat Centre Pompidou).
Karl Domenic Geissbühler ist Mitglied der Alliance Graphic International (AGI) und des ADC (Art Directors Club der Schweiz).
Bühnenbilder und Kostüme1981: Internationale Juni-Festwochen im Opernhaus Zürich, Bühnenbild und Kostüme zum Ballett «Der Narziss».
1983: Bühnenbild zum Ballett «Verklärte Nacht», Basel und New York.
1990: Bühnenbild zur Oper «Deidamia» von Friedrich Händel im Opernhaus Zürich.
1991: Bühnenbild zur Oper
«Il Campanello» von Gaetano Donizetti im Opernhaus Zürich.