Otto Schumacher führt in Zwillikon die erste explizite Businessnomadenagentur der SchweizVon Ernst Weber Er arbeitet mit kreativen und quer denkenden Köpfen auf der ganzen Welt zusammen und wandelt deren kreative Energie in Kommunikationslösungen um: Otto Schumacher in Zwillikon bei Zürich ist überzeugt, dass diese Form der Zusammenarbeit zu einer Form von Werbung führt, die länger im Bewusstsein bleibt.
Otto Schumacher war immer ein tief schürfender Werber. Das Markenzeichen seiner Arbeit war stets die Nachhaltigkeit. So verhalfen beispielsweise Layouts, die er als Freelancer gestaltete, den ersten wichtigen Kampagnen von Lesch+Frei zum Durchbruch, wie zum Beispiel dem Auftritt für das Zürcher Teppichhaus Schuster. Die Kampagnen, die seine Agentur Schumacher Glattfelder in den Achtzigerjahren etwa für Lancia, den Uhrmacher Harald Schade und das Modehaus Big konzipierte, bildeten die Substanz der Markenidentität in inniger Art und Weise ab. Die Sprachschule Inlingua ist noch heute «die strenge Sprachschule», als die er sie vor über zehn Jahren in einer Kampagne positioniert hat.
Vor etwas mehr als einem Jahr hat Otto Schumacher seine in Zürich domizilierte Agentur aufs Land verlegt. In eine kleine Ortschaft am Ende der Werbewelt, nach Zwillikon bei Zürich. Von vielen belächelt, richtete er in den hohen, hellen Fabrikräumen einer stillgelegten Weberei auf 600 Quadratmetern die Schaltzentrale eines Netzwerkes ein, an das Kreative und Planer aus England, Frankreich, Spanien und der Schweiz angeschlossen sind.
Schumacher fasste die Veränderung zu einem Zeitpunkt ins Auge, als 2001 der 1995 gewonnene Kunde SwissRe zur internationalen Netzwerkagentur Advico Young & Rubicam abgewandert war. Der Grund für den damaligen Agenturwechsel: Swiss Re wollte in den immer wichtiger werdenden Markträumen Amerika und Asien kommunikativ vor Ort vertreten sein. Praktisch gleichzeitig hatte der Vermieter von Schumachers Agenturräumlichkeiten Eigenbedarf angemeldet. Doch der Wegzug in die Werbeprovinz hatte mit Flucht nichts zu tun. Vielmehr war der Ortswechsel ein durch die Philosophie der Nachhaltigkeit begründeter, wohl überlegter Schritt.
Schumachers Wanderung zum Zentrum seiner Werbewelt
In die Werbung kam Otto Schumacher 1966. Ursprünglich wollte der 1941 geborene Luzerner Innenarchitekt werden. Während er an der Kunstgewerbeschule Luzern den Vorkurs absolvierte, begann er sich aber immer
stärker für die Werbung zu interessieren, so dass er sich schliesslich zu einer Grafikerlaufbahn entschloss.
Nach dem Lehrabschluss arbeitete er eineinhalb Jahre als Grafiker bei der Zürcher Agentur Klöti, die damals ein viel versprechender «Laden» war. Die nächste Station führte ihn zu Svenska Telegrambyrån nach Stockholm. Bei der schwedischen Kreativagentur, die zu jener Zeit 300 Mitarbeitende beschäftigte und die meisten «Goldenen Eier» (das Pendant zu den ADC-Würfeln) absahnte, war er während eines Jahres als Junior-AD tätig. Zu einem Amerika-Aufenthalt, den Otto Schumacher nach seiner Rückkehr in die Schweiz plante, kam es auf Grund der damaligen Entwicklung in der Kommunikationsbranche nicht.
«Es war eine interessante Zeit. Agenturen wie Lürzer Conrad, Eiler & Riemel und andere, die später bekannt wurden, entstanden. Auch in der Schweiz konnte man viel bewegen», erinnert sich der Werber, der nach dem Abstecher nach Schweden wiederum bei Klöti einstieg. Dort arbeitete er zehn Jahre, ehe er sich 1977 als Freelance-Art-Director selbstständig machte.
Bei Klöti hatte Schumacher den Berater Edi Glattfelder kennen gelernt. Mit ihm gründete er 1980 die Agentur Schumacher Glattfelder, der ein Senkrechtstart gelang: Bereits nach einem halben Jahr betreute das Werbeduo die prestigeträchtigen Mandate Lancia und Erickson und arbeitete auch für Migros. Dabei erwies sich Lancia als Schlüsselkunde, der weitere Auftraggeber anzog. «Wir haben nie akquiriert», sagt Schumacher. Rund vier Jahre währte die Partnerschaft, dann übernahm Edi Glattfelder, der heute auf der griechischen Insel Andros lebt, andere Aufgaben. Unter anderem war er Geschäftsführer von DDB Needham, Küsnacht, und Ogilvy & Mather, Zürich, und arbeitete für das Ostblocknetz von Lowe|GGK in Bukarest, Prag und Warschau.
Die Zeit arbeitet für Schumachers Agenturkonzept
Bereits früh sei die dezentrale Struktur eine Eigenheit der Agentur gewesen, erklärt der Inhaber, der die Kultur seines Unternehmens expressis verbis auf der Visitenkarte charakterisiert: «Zum speziellen Agenturkonzept gehört die Vernetzung mit Kreativen und Denkern, die ihr Leben so eingerichtet haben, dass sie ausgewählte Projekte langfristig unterstützen können; konstant und über alle Grenzen hinweg.»
Rulf Neigenfind etwa, Ex-CEO von GGK Deutschland, textet und konzipiert seit 18 Jahren für Otto Schumacher. Gerd Hiepler, ein in vieler Hinsicht aussergewöhnlicher Kreativer, steuert seit 1981 seinen Teil zu Schumachers Kommunikationslösungen bei. Hiepler, der in jüngeren Jahren oft mit einem VW-Bus unterwegs war und in Tiefgaragen übernachtete, lebt heute in Spanien. Als weiteren «treuen» Freigeist nennt Schumacher Thomas Bernold, einen Astrophysiker mit Nasa-Erfahrung, der bereits seit zehn Jahren in der Kommunikation tätig ist, «auf Grund seiner Ausbildung und Denkstruktur aber völlig unerwartete Gedanken und Ideen einbringt». Der 1994 begonnenen Zusammenarbeit mit Wolf Rogowski setzte dessen Tod ein vorzeitiges Ende. Der Topwerber, der GGK New York aufgebaut und GGK Paris geleitet hatte, verstarb zwei Jahre später. Er lebt aber in der von ihm verwendeten Bezeichnung «talents unlimited» weiter, die Schumacher im Agenturnamen führt.
«Diese Stabilität kommt im Werbebusiness doch eher selten vor», meint der Werber, der eine Stärke seiner Agentur darin sieht, dass sie vor allem aus Leuten besteht, «die wirklich sehr eigen sind».
Die Zukunft gehört den Businessnomaden
Eine Bestätigung für sein seit 20 Jahren funktionierendes Agenturkonzept fand der jung gebliebene Kreative kürzlich bei Matthias Horx. Der Hamburger Trend- und Zukunftsforscher prognostizierte nämlich, dass es im deutschsprachigen Raum bis im Jahr 2010 acht Millionen so genannte Businessnomaden geben werde. Darunter sind «unruhige Wanderer» zu verstehen, «die ein Leben auf Achse führen», deren «soziale Kontakte aus Business-Meetings, beruflichen Netzwerken» und aus «Freundeskreisen bestehen, die per E-Mail aufrecht erhalten werden».
Zur Gattung der sesshaften Menschen gehört indessen Madeleine Hermle. Die gebürtige Solothurnerin ist seit Ende des vergangenen Jahres Managing Director dieser Businessnomadenagentur. Hermle, die zuletzt als Beratungsgruppenleiterin bei McCann-Erickson, Zürich, arbeitete, ist überzeugt, dass das Agenturkonzept greift. Sie glaubt, dass «die Kommunikation durch die Mobilität bereichert wird, sie hilft, ein Produkt langfristig interessant zu gestalten».
Hermle äussert einen plausiblen Gedanken und führt die Argumentation von Horx auf die Ebene der Werbung. Sie öffnet damit die Türe zu Schumachers Agenturkonzept. Diesem Konzept gemäss besteht ein ursprünglicher Sinn der Kommunikation darin, Entfernung in Nähe und Fremdes in Vertrautes umzuwandeln.
Demnach könnte nachhaltige Werbung inskünftig vermehrt aus dem Mobilitätsgedanken heraus entwickelt werden. Denn es zeigt sich, dass Werbenomanden immer dann unglücklich sind, wenn sie in Gedanken bei etwas weit Entferntem sind, die grosse Distanz zu diesem Gegenstand physisch aber nicht überwinden können. Wer versucht, dieses Gefühl zu überwinden, produziert in aller Regel auch kommunikative Energie.
Andererseits ist es durchaus denkbar, dass Otto Schumachers ureigenes Verständnis von Kommunikation die Quelle ist, aus der seine Werbung ihre Wirksamkeit schöpft.