Michael Kleindl, Gründer von Adlink, über die Zukunft des Online-WerbemarktesVon Bruno Amstutz Michael Kleindl ist ein Kind des Internetbooms, das geschäftlich überlebt hat. Der 33-jährige Gründer des Onlinevermarkters Adlink ist heute Marktführer in Europa und will sein Unternehmen dieses Jahr in die schwarzen Zahlen führen. Um seine Pläne zu unterstützen, hat Kleindl einen neuen Branchenverband initiiert, der diese Woche in London vorgestellt wurde.
Bis anhin galt das Interactive Advertising Bureau (IAB) als Branchenverband der Onlinewerber. Warum braucht es einen weiteren?
Michael Kleindl: Alle Mitglieder der EIAA sind Media Sellers, also Anbieter von Onlinewerbung. Es sind keine Kunden und keine Agenturen dabei, das unterscheidet uns vom IAB. Wir glauben, dass von der Publisherseite aus gewisse Dinge aufgegleist und finanziert werden müssen. Als Anbieter haben wir das gemeinsame Ziel, die Onlinewerbung von momentan einem Prozent Marktanteil auf vier bis fünf Prozent zu heben. Das halte ich für absolut realistisch. Dafür wollen wir in der EIAA die Fundamente legen. Wir sehen uns aber nicht als Konkurrenz zum IAB.
Wie wollen Sie dieses ehrgeizige Ziel angehen?
Kleindl: Durch Öffentlichkeitsarbeit und durch eine Studie, die untersucht, wie effektiv Internetwerbung in Ergänzung zu Werbung in anderen Medien ist. Wir investieren einen hohen sechsstelligen Euro-Betrag in diese Studie, Ergebnisse erwarten wir in der zweiten Jahreshälfte. Ein weiteres Thema ist die einheitliche Messung von Reichweiten im Internet.
Konnte das IAB diese Aufgaben nicht erfüllen?
Kleindl: Nein. Dort wurden nicht in dem Mass Ressourcen zur Verfügung gestellt. Unser Verband zeichnet sich dadurch aus, dass die relevanten Player des europäischen Marktes vertreten sind, die einen hohen Marktanteil vereinen. Alle Unternehmen sind mit ihrem Topmanagement involviert, was beim IAB nicht immer der Fall war.
Sie waren vor einigen Jahren selbst Mitglied des Advisory Bord des IAB. Was hat dieser Verband falsch gemacht?
Kleindl: In Europa ist das IAB in der Vergangenheit auch daran gescheitert, dass es keine zentralen Strukturen hatte. Auch das Engagement mancher Mitglieder war nicht hundertprozentig. Ausserdem ist die Konstellation mit Publishern und Advertisern im selben Verband schwierig. Es gibt grundlegende Interessensunterschiede zu gewissen Themen.
Angesichts riesiger Verluste der Bannerwerbung gegenüber den Vorjahresmonaten fragt man sich, ob Onlinewerbung noch existiert.
Kleindl: Warum so kritisch? Einverstanden, der Hype war da im Jahr 2000, und alle haben gemeint, es gehe schneller hoch. Aber ein Medium, das sich in drei oder vier Jahren ein Prozent des gesamten Werbebudgets erobert, das hat es noch nicht gegeben. Aussenwerbung, Kino und andere Supplements stehen nach Jahrzehnten immer noch bei zwei bis drei Prozent. Die Bedeutung des Internets als Medium wächst ständig.
Gibt es Differenzen im Wachstum der europäischen Onlinemärkte?
Kleindl: Man kann einen zeitlichen Verlauf beobachten. Die nordischen Länder waren letztes Jahr als erste von der Abkühlung betroffen, sie erholen sich momentan aber auch am schnellsten. In Schweden geht es wieder relativ steil bergauf. Auch in den grossen Märkten, Grossbritannien und Deutschland, sehen wir jetzt zweistellige Wachstumsquoten, auf Monatsbasis im Vergleich zum Vorjahr. Frankreich ist noch ein bisschen zurückhaltend. Adlink erwartet für 2002 in Europa einen Umsatz von 50 Millionen Euro. Der gesamte europäische Markt wird sich 2002 bei über einer Milliarde Euro bewegen.
Wo steht der Schweizer Markt?
Kleindl: Die Abkühlungswelle kam später als in anderen Ländern, und die Erholung hat auch später eingesetzt. Momentan spüren wir in der Schweiz einen ganz klaren Aufwärtstrend. Zumindest gilt das für Adlink schon vor der Qualiclick-Transaktion. Unternehmen, die wir lange bearbeitet haben, geben jetzt grosse Budgets frei. Die Schweiz ist für uns mit Sicherheit ein Top-5-Land in Europa – klein, aber fein.
Ist die Krise der Onlinewerbung demnach ausgestanden?
Kleindl: Die Talsohle ist durchschritten. Letztlich bestand das Problem darin, dass das Geld auf zu viele Player verteilt werden musste. Das ist ein normales Phänomen in einer jungen Branche. Im Jahr 2000 hat jeder gemeint, er könne mit Internetwerbung reich werden. Mittlerweile ist die Konsolidierung fortgeschritten und der Markt ein Stück gesünder. Das Geld verteilt sich auf weniger Player, das ist ein klarer Trend.
Ist der Markt in Europa mittlerweile konsolidiert, oder wird es zu weiteren Fusionen kommen?
Kleindl: Ich glaube, der europäische Markt ist noch nicht vollständig konsolidiert. Gerade in den grösseren Ländern kann man davon ausgehen, dass noch weitere Zusammenschlüsse stattfinden werden und Firmen aus dem Markt verschwinden.
Können heute nur die grossen Netzwerke überleben, oder hat es Platz für nationale Vermarkter?
Kleindl: Es mag nationale Vermarkter geben, die in spezialisierten Nischen überleben. Aber wenn man ein seriöses nachhaltiges, profitables Geschäft aufbauen will, braucht man eine internationale Organisation.
Wie sieht die Zukunft der Werbeformen im Internet aus?
Kleindl: Der Markt wird sich wohl dreigeteilt entwickeln. Es werden mehr Investitionen in das Thema Branding Solutions fliessen, also reine Werbung im Internet, die geplant, gebucht und bearbeitet wird wie klassische Werbung. Relativ wird der Anteil der Branding Solutions aber sinken. Der Bereich Direct Marketing Solutions, wo oft erfolgsbasierte Komponenten Bestandteil des Geschäfts sind, wird einen steigenden Anteil verbuchen. Als Wachstumssegment sehen wir zusätzlich Permission Marketing. In drei Jahren werden Direct Marketing und Permission Marketing zusammen über dreissig Prozent des Umsatzes von Adlink ausmachen.
Wer gehört zur EIAA?
Im neuen Online-Branchenverband European Interac-tive Advertising Association (EIAA) schliessen sich acht grosse europäische Onlinevermarkter zusammen: T-Online, AOL Europa, die RTL Group über IP Web Net, Tiscali, MSN Europa, Yahoo Europa, Adlink und Lycos Europa. Gemeinsam wollen Sie Grundlagen für den raschen Ausbau der Onlinewerbung schaffen und ihr Image fördern. Erster Vorsitzender der EIAA ist Michael Kleindl.