Pendlerzeitungen Die Neue Luzerner Zeitung tut sich mit den beiden führenden Gratisanzeigern der Zentralschweiz zusammen – und verteidigt damit ihren Leser- und Inserentenmarkt kurz vor dem Start des Express.Brenzlig ist die Situation nicht erst jetzt. Schon lange stehen die Pendlerzeitungen in der Zentralschweiz in den Startlöchern – doch Gegenmassnahmen der eingesessenen Printmedien blieben bisher aus. Das war schon so, als 20 Minuten vor dreieinhalb Jahren startete und gleichzeitig mit ihm auch das zum ZürichExpress umgewandelte Tagblatt der Stadt Zürich sein Distributionsgebiet kurzzeitig bis Zug und Steinhausen ausgedehnt hatte. Der Platzhirsch im Zentralschweizer Zeitungsmarkt, die Neue Luzerner Zeitung (NLZ), verzichtete damals ebenso auf eine Reaktion wie die beiden grössten Gratiszeitungen der Region, der Anzeiger Luzern und die Luzerner Woche. Genauso wenig aus der Ruhe zu bringen vermochte das ständige Liebäugeln von 20 Minuten mit dem Luzerner Markt. Erst jetzt, da Tamedia mit dem Express erneut vor der Tür steht, dieses Mal aber mit allen Raffinessen einer Pendlerzeitung ausgestattet, fühlen sich die Zentralschweizer zum Handeln gedrängt.
In den vergangenen Monaten hat die NLZ gleich zwei Szenarien vorbereitet. «Entweder wir lancieren eine eigene Gratiszeitung, für die wir ein fixfertiges Konzept in der Schublade haben. Oder wir tun uns mit jemandem zusammen, der bereits Gratiszeitungen hat», erklärt Erwin Bachmann, VR-Delegierter der NLZ. Entschieden hat er sich für den zweiten Weg. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung übernahmen die LZ Medien, die Mutterfirma der NLZ, einen 30-Prozent-Anteil der Anzeiger Luzern AG. Letztere hat mit ihren beiden Blättern Anzeiger Luzern und Luzerner Woche bei den Gratisanzeigern der Innerschweiz eine ähnlich marktbeherrschende Stellung inne wie die NLZ im Bereich Kaufzeitung.
Geld für den Bollwerkbau
Mit der Beteiligung erhöht die Anzeiger Luzern AG ihr Aktienkapital von aktuell 250000 auf neu 500000 Franken. Doch was man genau mit dem Geld vorhabe, sei noch nicht spruchreif. «Wir haben eben erst den Vertrag unterzeichnet. Die Gespräche darüber, was wir ändern wollen, beginnen erst jetzt», sagt Bachmann. Etwas deutlicher wird Walter Liniger, VR-Präsident der UD Print AG, zu der die Anzeiger Luzern AG gehört. «Es geht uns vor allem darum, den Markteintritt neuer Konkurrenten zu erschweren. Mit der Kapitalerhöhung erhält der Anzeiger Luzern dazu den nötigen Spielraum.»
Klar ist: Angesichts der vordringenden Pendlerzeitungen ist die Partnerschaft vor allem für die NLZ von vitalem Interesse. Erst recht in der angespannten Wirtschaftslage könnten sich bisherige Käufer und Abonnenten künftig zweimal überlegen, ob der Gratislesestoff nicht genügt. Was dies für die Entwicklung der NLZ bedeuten könnte, haben die markanten Auflageneinbrüche des Tages-Anzeigers drastisch vorgeführt. Daher verwundert es nicht, dass vor allem die NLZ auf die Partnerschaft gedrängt hatte, wie Liniger bestätigt.
NLZ-Chef Bachmann nennt indessen nicht nur von Pendlerzeitungen ausgehende Gefahren. «Ganz generell tauchen in unserem Einzugsgebiet immer wieder neue Gratiszeitungen auf, die Werbemarktanteile absorbieren.» Ein weiterer Grund: Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sei es ein Gebot der Stunde, den KMU neben der NLZ auch günstigeren Inserateraum zur Verfügung zu stellen. «Dafür eignet sich ein Gratisanzeiger ideal», erklärt Bachmann.
Enger Markt für Pendlerblatt
Einer eigenen werktäglichen Pendlerzeitung stellt sich indessen die geringe Grösse des Zentralschweizer Marktes in den Weg. Der Geschäftsleiter der Anzeiger Luzern AG, Peter Wüthrich, schätzt die Zahl der Pendler im Raum Luzern lediglich auf 6000 bis 7000 Personen. «Das reicht nicht. Im Moment hätten wir sogar Mühe, unsere beiden Titel auf drei Ausgaben pro Woche auszubauen», rechnet er vor. Bei den nun beginnenden Gesprächen zwischen den beiden Medienhäusern werde man klären, was möglich ist.
Tatsache ist, dass die SBB Zentralschweiz bereits mehrere Anfragen für Zeitungsboxen an Bahnhöfen erhalten haben (siehe Frontseite). Auch Bachmann gehört zu jenen, die vorstellig geworden sind. Was genau man in die Boxen legen wolle, sei indessen noch offen, erklärt dieser.
Unaufdringlich zeigen sich im Augenblick sowohl 20 Minuten wie auch der Express, die beide einen baldigen Markteintritt in der Zentralschweiz in Abrede stellen. Angesprochen auf die erfolgten Anfragen für SBB-Zeitungsboxen, verwahrt sich Express-Geschäftsleiter Marius Hagger. «Damit haben wir nichts zu tun. Bevor wir eine Ausweitung unseres Verteilgebietes ins Auge fassen, müssen wir zuerst in Zürich einen guten Job machen», erklärt er.
Diese Zurückhaltung drängt sich für Tamedia auf Grund der Neuen Zürcher Zeitung, die an den LZ Medien 33 Prozent hält, geradezu auf. Nachdem die NZZ als Mitbesitzerin der Tagblatt der Stadt Zürich AG grünes Licht für den Express gegeben hat, muss sich Tamedia füglich davor hüten, mit dem neuen Pendlerblatt als Konkurrentin zu NZZ-Beteiligungen aufzutreten.
Marktführer in der ZentralschweizAnzeiger Luzern und Luzerner Woche, die beiden Titel der Anzeiger Luzern AG, sind die Marktführer unter den Zentralschweizer Gratisanzeigern. Der Anzeiger Luzern (beglaubigte Auflage: 110438 Ex.) erscheint jeweils am Freitag für die Region Luzern. Die Luzerner Woche (132022 Ex.), die über einen stärker ausgebauten redaktionellen Teil verfügt, gelangt am Mittwoch in die Haushalte, wobei neben der Region Luzern zusätzlich die Haushalte in Nidwalden bedient werden. (dse)
Daniel Schifferle