Die Cola für No-Globals
Softdrinkmarkt Mit seiner Mecca-Cola fordert der Franko-Tunesier Tawfik Mathlouthi auch in der Schweiz die politisch Bewegten zum «engagierten Trinken» auf. Sein Claim: «Ne buvez plus idiot.»
Softdrinkmarkt Mit seiner Mecca-Cola fordert der Franko-Tunesier Tawfik Mathlouthi auch in der Schweiz die politisch Bewegten zum «engagierten Trinken» auf. Sein Claim: «Ne buvez plus idiot.»Noch nie war der Kampf für eine gerechte Welt einfacher: Mach eine Cola-Flasche auf. Aber nicht irgendeine. Es muss schon eine Flasche Mecca-Cola sein. «Engagiertes Trinken» nennt es dessen Erfinder, der Franko-Tunesier Tawfik Mathlouthi. Vom Gewinn seiner neuen Getränkemarke gehen je 10 Prozent an palästinensische und an lokale Hilfswerke im Absatzgebiet.Mit weisser Schrift auf rotem Grund lehnt sich Mecca-Cola im Markenbild an Coca-Cola an. Aber es ist kein Me-too-Produkt wie Pepsi-, Vivi-, Aproz- oder Afri-Cola. Mecca-Cola ist eine Anti-Cola. Zum klassischen Rot tritt die Komplementärfarbe Grün, die Farbe des Korans. Rot, Weiss, Grün und (Cola-)Schwarz sind auch die Farben auf Palästinas Flagge. Mit der Aufschrift «Bitte nicht mit Alkohol vermischen» bekennt sich das Getränk zudem zum Koran, der gläubigen Muslimen den Alkoholgenuss verwehrt.
Nichts für Idioten
«Die Strategie als Anti-Cola funktioniert, weil Coca-Cola selber in der Vorstellung der Menschen mit einer ideologischen Botschaft versehen ist», analysiert Klaus Brandmeyer, Direktor des Instituts für Markentechnik, in Genf. «Nämlich die Botschaft ‹Amerika›, ‹Freiheit› und was da so an positiven Dingen dazugehört. Mit so einem Gegenprodukt wird das zunächst einmal verteufelt und mit dem Slogan ‹Ne buvez plus idiot› gebrandmarkt.»
Damit fand Mathlouthi schnell reissenden Absatz unter der muslimischen Bevölkerung Frankreichs. Mecca-Cola soll nun auch in der Schweiz Abnehmer finden. Den Vertrieb übernimmt die St.Galler Consultingfirma Swinti NetMarketing. Ihr Geschäftsführer, Mike Strahm, hatte in der Zeitung von Mecca-Cola gelesen. «Es hat mich schon immer interessiert, was im Nahen Osten passiert», erklärt Strahm seine Motivation, «ich habe ein starkes Rechtsempfinden.» Daher habe er sich sogleich mit Mathlouthi in Verbindung gesetzt. Das Schweizer Zielpublikum sind für Strahm weniger muslimische Einwanderer als friedensbewegte Menschen und No-Globals, die mit dem Kauf von Mecca-Cola ein Zeichen setzen wollen.
Klaus Brandmeyer gibt dieser Marketingstrategie gute Chancen. Denn der Konsum eines Produkts stelle immer auch eine gesellschaftliche Eigenpositionierung dar, sagt er: «Ich bin das, was ich konsumiere, und ich will das auch sein.» In der gegenwärtig angespannten Situation, wo jeden Tag mit dem Beginn des Kriegs gegen den Irak gerechnet werden muss, «kann so etwas wirklich ein Funke sein, der eine Fläche entzündet». Der Cola-Konsum als friedliche Demonstration gegen die amerikanische Kriegsdrohung.
Coca-Cola ist Coca-Cola ist…
Sollte sich die Coca-Cola Company also Sorgen um ihre Marke machen? Das glaubt Brandmeyer hingegen nicht. Antiamerikanismus und Vorbehalte gegen Coca-Cola habe es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben. Aber nicht einmal Skandale wie die belgische Affäre mit verschmutzten Dosen, an denen Kinder erkrankten, hätten dieser Weltmarke ernsthaften Schaden zugefügt. «Coca-Cola kann immer sagen: ‹Wissen Sie, wir tun nichts Böses. Wir sind auch nicht George W. Bush. Coca-Cola ist Coca-Cola›», so Brandmeyer.
Damit liegt der Markenexperte genau auf der Linie, die der Softdrinkkonzern in der Schweiz verfolgt. «Coca-Cola verbreitet ein Lebensgefühl und ist als Unternehmen unpolitisch», erklärt Pressesprecher Jürg Dinner. Nachahmer habe es immer gegeben, Coca-Cola äussere sich aber prinzipiell nicht zu Konkurrenzprodukten. Rechtliche Massnahmen wegen einer allfälligen Verletzung der Marke hat Coca-Cola bis-
her offenbar weder in der Schweiz noch international eingeleitet, auch wenn Dinner in diesem Punkt nur ausweichend antwortete. Dass nach dem Anti-Cola auch anderen Marken ein Gegenprodukt droht, glaubt Klaus Brandmeyer nicht. «Das ist ein sehr besonderes Resonanzfeld, das hier jemand zum Schwingen bringt», meint der Markenexperte. Hier nutze ein Hersteller einfach eine aktuelle politische Situation, um ideologische Resonanz zu erzeugen und ein Geschäft zu machen. «Der hätte auch T-Shirts drucken können!» Mit Coca-Cola werde aber geschickt eine Marke benutzt, die Amerika symbolisiert, um gegen Amerika zu demonstrieren.
Fraglich bleibt, ob Mecca-Cola über die aktuelle Krisensituation hinaus Bestand haben wird. Für Brandmeyer kann eine ideologische Aufladung der Marke den Konsumenten auch belasten: «Ich wollte jetzt eigentlich nur Mecca-Cola trinken, ich wollte jetzt nicht sagen, ich bin auch ein Palästinenser», umreisst er den Gedankengang. Als Parallele erwähnt er die ursprüngliche Positionierung von Coca-Cola als Medizinalgetränk gegen Kopfschmerzen und Unwohlsein. Gemäss Brandmeyer gab es viele Leute, die den Softdrink bloss des Geschmacks wegen getrunken haben. Weil sie aber immer für krank gehalten wurden, wenn sie Cola bestellten, begannen sie sich beim Hersteller zu beschweren. Schliesslich habe das Management Coca-Cola als Erfrischungsgetränk umpositioniert, erzählt Brandmeyer.
Weg wie warme Semmeln
Noch ist die Irak-Krise weit von einer Lösung entfernt und Mecca-Cola der Durstlöscher der Friedensbewegten. An der Friedensdemonstration vom 15. Februar in Bern belieferte Swinti den Stand der Schweizer Palästina-Gesellschaft mit Mecca-Cola. «Über eine Palette ging weg wie warme Semmeln», schildert Strahm. Um den Absatz noch anzukurbeln, wird derzeit an der Marketingstrategie gefeilt. In einigen Wochen soll sie in ein Werbekonzept umgesetzt werden. Laut Strahm ist Mecca-Cola schon mit mehreren Agenturen im Gespräch.
Das Getränk selbst ist unpolitisch, doch wer Mecca-Cola trinkt, tut es nach den Worten des Herstellers für einen guten Zweck.
«Die passende Werbeidee noch nicht gefunden»Der Schweizer Generalimporteur Mike Strahm (24) ist überzeugt: «Mecca-Cola hat das Zeug zum Trendgetränk.» Im Interview erklärt er, wie er das erreichen will.
WW Mike Strahm, Sie verkaufen seit 10. Februar als Generalimporteur Mecca-Cola in der Schweiz an den Detailhandel. Wie läuft der
Verkauf?
Mike Strahm: Wir können zufrieden sein. Vor allem seit das Schweizer Fernsehen Mitte Februar einen Bericht über die Cola gebracht hat, läuft es sehr gut.
Wie viele Liter Cola haben Sie bislang verkauft?
An die zehntausend.
Der Zeitpunkt, um mit Anti-Amerika-Produkten Geld zu verdienen, ist ideal. Irgendwann wird diese Anti-Amerika-Stimmung aber wieder abklingen. Was passiert dann mit der Cola?
Wir sind überzeugt, dass wir die Cola bis dahin als Trendlabel etablieren können.
Was gibt Ihnen Grund zu dieser Annahme?
Weil die Cola speziell ist und weil man mit dem Kauf einer Cola Palästina und eine hiesige Hilfsorganisation mit je zehn Prozent des Verkaufspreises unterstützt.
Glauben Sie wirklich, dass es den Cola-Konsumenten überhaupt noch interessiert, woher die braune Brühe kommt und was mit dem Verkaufspreis passiert, wenn sich die Anti-Amerika-Stimmung gelegt hat?
Ja.
Die Chance, dass Mecca-Cola ein Nischenprodukt bleibt, das vor allem in Geschäften, in denen hauptsächlich Muslime einkaufen, guten Absatz findet, ist aber zehnmal so gross.
Da bin ich anderer Meinung.
Was unternehmen Sie, um die Cola als Trendlabel zu etablieren? Organisieren Sie Events? Sponsern Sie junge Bands?
Noch nicht. Wir sind aber daran, solche Möglichkeiten zu prüfen, und suchen Events, die zu unserem Produkt passen – noch sind wir aber nicht fündig geworden.
Welche Werbeagentur steht Ihnen dabei zur Seite?
Wir prüfen derzeit drei grössere und zwei kleine Agenturen und planen, mit einer oder zwei zusammenzuarbeiten.
Wie gross ist Ihr Werbebudget?
Darüber kann ich leider nichts sagen.
Interview: Annelies Friedli
Stefano Monachesi
Nichts für Idioten
«Die Strategie als Anti-Cola funktioniert, weil Coca-Cola selber in der Vorstellung der Menschen mit einer ideologischen Botschaft versehen ist», analysiert Klaus Brandmeyer, Direktor des Instituts für Markentechnik, in Genf. «Nämlich die Botschaft ‹Amerika›, ‹Freiheit› und was da so an positiven Dingen dazugehört. Mit so einem Gegenprodukt wird das zunächst einmal verteufelt und mit dem Slogan ‹Ne buvez plus idiot› gebrandmarkt.»
Damit fand Mathlouthi schnell reissenden Absatz unter der muslimischen Bevölkerung Frankreichs. Mecca-Cola soll nun auch in der Schweiz Abnehmer finden. Den Vertrieb übernimmt die St.Galler Consultingfirma Swinti NetMarketing. Ihr Geschäftsführer, Mike Strahm, hatte in der Zeitung von Mecca-Cola gelesen. «Es hat mich schon immer interessiert, was im Nahen Osten passiert», erklärt Strahm seine Motivation, «ich habe ein starkes Rechtsempfinden.» Daher habe er sich sogleich mit Mathlouthi in Verbindung gesetzt. Das Schweizer Zielpublikum sind für Strahm weniger muslimische Einwanderer als friedensbewegte Menschen und No-Globals, die mit dem Kauf von Mecca-Cola ein Zeichen setzen wollen.
Klaus Brandmeyer gibt dieser Marketingstrategie gute Chancen. Denn der Konsum eines Produkts stelle immer auch eine gesellschaftliche Eigenpositionierung dar, sagt er: «Ich bin das, was ich konsumiere, und ich will das auch sein.» In der gegenwärtig angespannten Situation, wo jeden Tag mit dem Beginn des Kriegs gegen den Irak gerechnet werden muss, «kann so etwas wirklich ein Funke sein, der eine Fläche entzündet». Der Cola-Konsum als friedliche Demonstration gegen die amerikanische Kriegsdrohung.
Coca-Cola ist Coca-Cola ist…
Sollte sich die Coca-Cola Company also Sorgen um ihre Marke machen? Das glaubt Brandmeyer hingegen nicht. Antiamerikanismus und Vorbehalte gegen Coca-Cola habe es im Laufe der Geschichte immer wieder gegeben. Aber nicht einmal Skandale wie die belgische Affäre mit verschmutzten Dosen, an denen Kinder erkrankten, hätten dieser Weltmarke ernsthaften Schaden zugefügt. «Coca-Cola kann immer sagen: ‹Wissen Sie, wir tun nichts Böses. Wir sind auch nicht George W. Bush. Coca-Cola ist Coca-Cola›», so Brandmeyer.
Damit liegt der Markenexperte genau auf der Linie, die der Softdrinkkonzern in der Schweiz verfolgt. «Coca-Cola verbreitet ein Lebensgefühl und ist als Unternehmen unpolitisch», erklärt Pressesprecher Jürg Dinner. Nachahmer habe es immer gegeben, Coca-Cola äussere sich aber prinzipiell nicht zu Konkurrenzprodukten. Rechtliche Massnahmen wegen einer allfälligen Verletzung der Marke hat Coca-Cola bis-
her offenbar weder in der Schweiz noch international eingeleitet, auch wenn Dinner in diesem Punkt nur ausweichend antwortete. Dass nach dem Anti-Cola auch anderen Marken ein Gegenprodukt droht, glaubt Klaus Brandmeyer nicht. «Das ist ein sehr besonderes Resonanzfeld, das hier jemand zum Schwingen bringt», meint der Markenexperte. Hier nutze ein Hersteller einfach eine aktuelle politische Situation, um ideologische Resonanz zu erzeugen und ein Geschäft zu machen. «Der hätte auch T-Shirts drucken können!» Mit Coca-Cola werde aber geschickt eine Marke benutzt, die Amerika symbolisiert, um gegen Amerika zu demonstrieren.
Fraglich bleibt, ob Mecca-Cola über die aktuelle Krisensituation hinaus Bestand haben wird. Für Brandmeyer kann eine ideologische Aufladung der Marke den Konsumenten auch belasten: «Ich wollte jetzt eigentlich nur Mecca-Cola trinken, ich wollte jetzt nicht sagen, ich bin auch ein Palästinenser», umreisst er den Gedankengang. Als Parallele erwähnt er die ursprüngliche Positionierung von Coca-Cola als Medizinalgetränk gegen Kopfschmerzen und Unwohlsein. Gemäss Brandmeyer gab es viele Leute, die den Softdrink bloss des Geschmacks wegen getrunken haben. Weil sie aber immer für krank gehalten wurden, wenn sie Cola bestellten, begannen sie sich beim Hersteller zu beschweren. Schliesslich habe das Management Coca-Cola als Erfrischungsgetränk umpositioniert, erzählt Brandmeyer.
Weg wie warme Semmeln
Noch ist die Irak-Krise weit von einer Lösung entfernt und Mecca-Cola der Durstlöscher der Friedensbewegten. An der Friedensdemonstration vom 15. Februar in Bern belieferte Swinti den Stand der Schweizer Palästina-Gesellschaft mit Mecca-Cola. «Über eine Palette ging weg wie warme Semmeln», schildert Strahm. Um den Absatz noch anzukurbeln, wird derzeit an der Marketingstrategie gefeilt. In einigen Wochen soll sie in ein Werbekonzept umgesetzt werden. Laut Strahm ist Mecca-Cola schon mit mehreren Agenturen im Gespräch.
Das Getränk selbst ist unpolitisch, doch wer Mecca-Cola trinkt, tut es nach den Worten des Herstellers für einen guten Zweck.
«Die passende Werbeidee noch nicht gefunden»Der Schweizer Generalimporteur Mike Strahm (24) ist überzeugt: «Mecca-Cola hat das Zeug zum Trendgetränk.» Im Interview erklärt er, wie er das erreichen will.
WW Mike Strahm, Sie verkaufen seit 10. Februar als Generalimporteur Mecca-Cola in der Schweiz an den Detailhandel. Wie läuft der
Verkauf?
Mike Strahm: Wir können zufrieden sein. Vor allem seit das Schweizer Fernsehen Mitte Februar einen Bericht über die Cola gebracht hat, läuft es sehr gut.
Wie viele Liter Cola haben Sie bislang verkauft?
An die zehntausend.
Der Zeitpunkt, um mit Anti-Amerika-Produkten Geld zu verdienen, ist ideal. Irgendwann wird diese Anti-Amerika-Stimmung aber wieder abklingen. Was passiert dann mit der Cola?
Wir sind überzeugt, dass wir die Cola bis dahin als Trendlabel etablieren können.
Was gibt Ihnen Grund zu dieser Annahme?
Weil die Cola speziell ist und weil man mit dem Kauf einer Cola Palästina und eine hiesige Hilfsorganisation mit je zehn Prozent des Verkaufspreises unterstützt.
Glauben Sie wirklich, dass es den Cola-Konsumenten überhaupt noch interessiert, woher die braune Brühe kommt und was mit dem Verkaufspreis passiert, wenn sich die Anti-Amerika-Stimmung gelegt hat?
Ja.
Die Chance, dass Mecca-Cola ein Nischenprodukt bleibt, das vor allem in Geschäften, in denen hauptsächlich Muslime einkaufen, guten Absatz findet, ist aber zehnmal so gross.
Da bin ich anderer Meinung.
Was unternehmen Sie, um die Cola als Trendlabel zu etablieren? Organisieren Sie Events? Sponsern Sie junge Bands?
Noch nicht. Wir sind aber daran, solche Möglichkeiten zu prüfen, und suchen Events, die zu unserem Produkt passen – noch sind wir aber nicht fündig geworden.
Welche Werbeagentur steht Ihnen dabei zur Seite?
Wir prüfen derzeit drei grössere und zwei kleine Agenturen und planen, mit einer oder zwei zusammenzuarbeiten.
Wie gross ist Ihr Werbebudget?
Darüber kann ich leider nichts sagen.
Interview: Annelies Friedli
Stefano Monachesi
