Wirtschaftsmagazine Bilanz unterzog sich einer Nabelschau und präsentiert sich mit der April-Nummer im neuen Kleid. Zeitgleich bewirbt eine Publicis-Kampagne das Wirtschaftsmagazin. Ziel der konzertierten Aktionen: möglichst viele Neuabonnenten gewinnen. Die Bilanz hat von den amerikanischen Wirtschaftsmagazinen gelernt: Wenn sie am 26. März in neuem Layout erscheint, wird das Heft um zwei Zentimeter schmaler sein. Das neue Format (205 x 275 Millimeter) sei «im Bett, im Zug und im Flugzeug besser lesbar», sagt Chefredaktor Medard Meier. Am meisten springt aber die neue Bildsprache ins Auge, die vom Londoner Blattgestalter Martin Dixon (Bilan, Le Matin, BBC-Magazine) erarbeitet wurde: Ein Rubrikenaufmacher startet mindestens mit einem ganzseitigen Bild, einer «inszenierten Illustration», wie Meier betont. Blosse Passfotos – «Briefmarken-Bilder» – sowie Bleiwüsten sollen der Vergangenheit angehören. Dennoch kann sich ein Artikel weiterhin über mehrere Seiten erstrecken – je nach Bedeutung des Themas.Beim neuen Heftkonzept bildet die Rubrik «Zuerst» mit Nachrichten den Auftakt, gefolgt von einem Feature zu Unternehmen, Märkten, Politik oder Management sowie dem Porträt «Mann des Monats». Dessen Konterfei dominiert auch das Cover. Die Rubrik «Dossier» will Themen wie Löhne, Vorsorge oder Tipps für Steuern und Selbstständigkeit ausbreiten und den Lesern höheren Nutzwert bringen. «Von diesen zentralen Storys müssen wir künftig immer mindestens eine im Blatt haben», sagt der Chefredaktor.
Die Bilanz-Ratings (Hotels, Geschäftsberichte, die 300 reichsten Schweizer…), die schon bisher stark beachtet wurden, erscheinen unter «Best of Bilanz». Tipps zum Vermögensaufbau finden sich regelmässig
in der Rubrik «Geld», und «Leben» widmet sich den Themen Lifestyle und Freizeit. Den Abschluss macht sodann ein Interview, das sich über vier bis fünf Seiten erstreckt.
Was aber ist das Ziel des Bilanz-Relaunches? Im letzten Herbst wollte Elke Zappe, Geschäftsführerin der Wirtschaftsmedien AG, noch die Auflage gegen 60000 Exemplare stemmen. Davon ist sie angesichts des neusten Abo-Einbruchs (siehe Kasten) jedoch abgerückt. «Solange Banken und Versicherungen weiter Personal entlassen, ist das unrealistisch», sagt sie. Wenn etwa bei der CS 1200 Personen ihre Stelle verlieren, dann verliere die Bilanz parallel dazu «einige Hundert Abos». Dennoch geht Zappe davon aus, dass jetzt ein Tiefpunkt erreicht ist. «Der Relaunch kommt genau zur rechten Zeit, jetzt können wir hoffentlich wieder deutlich zulegen», ist sie überzeugt.
Zimmermann hats gerichtetDamit das gelingt, wurde das Magazin analysiert. Unter Leitung von Ex-Tamedia-Manager Kurt W. Zimmermann fanden Roundtables mit Fachleuten statt. Isopublic erstellte eine Bekanntheitsstudie, der monatlich von Publitest erhobene Reader Survey wurde über die letzten drei Jahre ausgewertet. Auch befragte man ehemalige Bilanz-Abonnenten und Studenten (potenzielle Abonnenten). Sogar Kioskfrauen wurden in die Evaluationen zum Relaunch einbezogen.
Positiv gewertet wurden die übersichtliche Darstellung, der «Mann des Monats», die Dossiers sowie die Verständlichkeit der Texte. Umgekehrt wurde die Bilanz als zu konservativ und Männer-orientiert kritisiert. Die Cover seien anonym oder wenig anmutig und die Artikel langatmig und zu stark auf die Schweiz ausgerichtet. Das bisherige Layout und vor allem die Bilder wurden als «fahl, statisch, wenig attraktiv» beurteilt.
Dass die Leser nach Internethype und Börseneuphorie das Vertrauen auch in die Bilanz verloren haben könnten, geht erstaunlicherweise nicht aus den Analyseresultaten hervor. Man ging darum diesbezüglich bei der Bilanz nicht so intensiv über die Bücher, wie dies im Herbst von Meier angekündigt worden war (WW 38/02). Immerhin verspricht er, künftig klarer Stellung zu beziehen, warum ein Manager als «Mann des Monats» präsentiert wird. Auch soll diese Rubrik «kein kleiner Nobelpreis mehr sein, sondern wird der Frau oder dem Mann gewidmet, die im Rampenlicht steht– ob positiv oder negativ», sagt er.
Die neue Bilanz wird mit einer Sonderauflage von über 100000 Exemplaren und einer Anzeigenkampagne von Publicis starten. Geplant sind ferner Aktivitäten an Universitäten, Verteilaktionen in Zürich, Bern und Basel sowie ein Vorabversand an 100 Opinionleader, samt Fragebogen zum Neukonzept. Künftig dienen zudem SBB-Bistros und -Restaurants regelmässig als zusätzlicher Vertriebskanal für die Bilanz.
Geliftete Bilanz: Mehr Platz fürs Bild, keine Bleiwüsten mehr.
10 Prozent AuflagenverlustSchwierige Zeiten für Elke Zappe und Medard Meier: Schon 2002 lag die Bilanz-Auflage mit 55733 Exemplaren auf dem tiefsten Stand seit 1993, nun wird sie – «absolut bereinigt» (Zappe) – noch einmal um gut zehn Prozent sinken. Ein Trost: Die Leserschaft bleibt stabil, der Kioskverkauf ging trotz Copypreiserhöhung auf 12 Franken nur um ein Prozent zurück. Im Kurzgeschäftsjahr Juli bis Dezember 02 lag die Wirtschaftsmedien AG gar über Budget – dank der Specials. Gespart werden muss dennoch, denn gerade von Finanzdienstleistern und Autoimporteuren erwartet man bei der Bilanz dieses Jahr kaum die bisherigen Anzeigeneinnahmen. Auch fehlt seit Monaten ein neuer Sponsor für die Manager-Bilanz. Abgänge bei der Redaktion werden deshalb möglichst über freie Mitarbeiter kompensiert, www.bilanz.ch wird zu einem reinen Marketingtool, und der Online-Aktienführer verschwindet. (mk)
Markus Knöpfli